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Vom Ficken und Sticken

Die schwule Zeitschrift als Statement


Muskelbären, die mit US-Fahnen spielen, eröffnen die erste Ausgabe von "Men Addicted": zwei Models aus der Fotostrecke "Wrap Your Cock!" von Inked Kenny

"Men Addicted" nennt sich ein neues internationales Gay-Magazin in Schwarzweiß – zum stolzen Preis von 28 Euro. Abzocke oder ein gelungenes Lifestyle-Experiment?

Von Kevin Clarke

Über den Preis von 40 Dollar darf man schon staunen. Umgerechnet sind das 28 Euro für eine neue schwule englischsprachige Hochglanzzeitschrift. Aber wie es scheint, sind Käufer international durchaus gewillt, so viel auszugeben, wenn es sich bei dem Heft nicht um eine traditionelle Informationsquelle im Nachrichtenmagazin-Format handelt, sondern um den "coolen" Ausdruck eines "Lebensgefühls".

Die Zeitschrift als Statement, das man sich auf den Couchtisch legt und mit dem man Besuchern zeigt, wie "hip" man ist. Da sind 40 Dollar natürlich ein völlig realistischer Preis für eine luxuriöse Weltanschauungspublikation. Aber welche Weltanschauung präsentiert "Men Addicted 01", das neue Magazin von Eric Lanuit, der bereits die Hefte "Narcissus" und "Character" herausgibt?

Breites Spektrum: Von Kawaii-Boys bis Bareback-Porn


Die erste Ausgabe von "Men Addicted" ist in einer limitierten Auflage von 1.000 Exemplaren erschienen – gedruckt auf schwerem 250-Gramm-Papier

Die 160 Seiten im kleinen A5-Format bieten ausschließlich Schwarzweißbilder: Fotos und Zeichnungen und Stickereien (!) von Männern, die man vor allem den Kategorien "Alpha Maskulin" und "bärig" zurechnen kann. Sie werden wie in einem Modeblatt Strecke für Strecke nacheinander vorgestellt, jeweils mit einem Interview der Bildschöpfer, in dem sie allgemein über Männlichkeit, Pornografie, Bareback oder eben Stickkunst sprechen.

Die englischsprachigen Interviews scheinen leider per Email geführt worden zu sein, so dass sich oft kein rechter Redefluss einstellt. Dennoch schimmert in allen "Gesprächen" eine Weltanschauung durch, die verschiedene Positionen von "Schwulsein heute" abdeckt. Besonders deutlich ist das im Interview mit Mr. L.A. Leather 2014, dem Deutschen Eric Paul Leue, der sehr offen über Sex, Leder, Clubszene, Partnerschaften, HIV und Darkrooms plaudert ("If there was no pleasure in it for me as well as my partner, I would rather go to Disneyland").

Die Mischung aus knallharten Männern, die bei Inked Kenny so maskulin wie irgend möglich wirken ("Wrap Your Cock"), niedlichen Kawaii-Boys von Juan Castaño, explizit sexuellen Skizzen von Sina Sparrow ("When He Started Doing That I Didn't Want Him To Ever Stop"), legeren Cowboys mit Sattel und markigen Porträtzeichnungen von Wim Beullens ("I don't see a difference between pornography and erotica") deckt ein breites Spektrum ab – zusammengehalten von der S/W-Ästhetik der Publikation. Das Spektrum bzw. die bewusste Mischung von widersprüchlichen Bilderwelten zeigt, dass es cool ist, als Lederkerl oder Muskelbär heute keine Berührungsängste mit seiner weichen oder femininen Seite zu haben, was u.a. in der Strecke "Big Locks" deutlich wird, wo alle Männer wilde Perücken auf dem Kopf haben, per Photoshop hinzugefügt.

Neue Formate und Konzepte im LGBT-Verlagswesen


Echte Kerle mit Photoshop-Perrücken zeigt die queere Fotostrecke "Big Locks" von David Hawe

Der Nachrichtengehalt von "Men Addicted" ist gleich null. Keiner der hier vorgestellten Männer oder Künstler tut etwas im Sinn von "Aktualität". Das macht aus "Men Addicted" ein eher zeitloses Fotobuch, nur eben im Magazin-Format, mit Interviews. Die Coffee-Table-Positionierung ist aber dennoch beabsichtigt, würde ich mal behaupten.

Persönlich fand ich etliche der Interviews lesenswert, besonders das mit Mr. Leather ("Quite honestly, without bareback none of us would be here") und mit dem Stick-Künstler Full Mano ("When did you start to embroider cocks and naked men?"). Aber ob ich dafür ernsthaft 40 Dollar oder 28 Euro auf den Tisch legen würde, bezweifle ich. Dafür bleibt vieles zu sehr im Vagen und Oberflächlichen. Auch ist das Englisch teils ziemlich schlampig redigiert. Sorry wenn ich das anmerke, aber offensichtlich war hier Textqualität nicht höchste Priorität und ich bin dann doch (auch) ein Lese-Typ.

Was "Men Addicted" belegt, ist die Tatsache, dass sich auf dem Markt der schwulen Publikationen derzeit einiges tut. Verleger suchen nach neuen Formaten und Konzepten, um Homo-Themen gewinnbringend an den "Mann" zu bringen. "Men Addicted" ist da sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber ein spannender Beitrag zur Diskussion.



#1 LutzAnonym
  • 08.07.2014, 09:03h
  • Oh, da muss ich als strickender Mann doch gleich mal gucken was der so stickt. Danke für den Bericht. Mal gucken, ob ich ihn im Blog erwähnen kann, ohne dass meine Leser rot werden ;)
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#3 BorisAnonym
#4 sperlingAnonym
#5 LangsamLangsamEhemaliges Profil