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"Begegnungen nach Mitternacht"

Laber-Flash auf der Hipster-Orgie


Ein junges Hetero-Paar lädt um Mitternacht Fremde zu einer erotischen Party ein. Ihr lüsternes Dienstmädchen Udo (Nicolas Maury) serviert dazu Whisky und Poppers (Bild: Salzgeber)

Im französischen Spielfilm "Begegnungen nach Mitternacht" geht es um eine Sexparty, bei der nur geredet wird. Immerhin ist der New-Wave-Streifen von schwuler Ästhetik liebevoll überzuckert.

Von Robert Niedermeier

"Wer bist du?", flüstert die Schöne dem unbekannten Motorradfahrer ins Ohr. Fest umklammert die Langhaarige den auf Daft Punk getrimmten schwarzen Ritter von hinten, dann schiebt die Neugierige wenig schüchtern ihre Finger in den halbgeöffneten Männermund. In voller Fahrt versteht sich, da bleibt ein Kratzer nicht aus.

Real ist das nicht, das ist Kunst, stellt der artifiziell geratene, aber leider von hohlen Metaphern überlastete französische Spielfilm "Begegnungen nach Mitternacht" von Anfang an klar. Angestrengt surreal geht es auch im Fortgang weiter. Zur Info: Das Debüt-Werk von Yann Gonzales hört erst nach 93 Minuten auf. Dazwischen fließt es in Episoden, die keine dramaturgische Liaison hinbekommen, mehr sinnlos, denn sinnlich dahin.

Gut schaut das allemal aus: Die Farben, das Setting und die Schauspieler sind attraktiv. Die Dialoge, und davon gibt es reichlich, schnörkeln sich durchaus elegant durch die Inhaltsleere.

"Querelle" und "Liquid Sky" als unerreichtes Vorbild


Plakat zum Film: Bundesweiter Kinostart ist am 10. Juli 2014

Ohne Unterlass beschwören alle Beteiligten große Filmkunst herauf. Fassbinders "Querelle" finden die Macher klasse, ebenso den New-Wave-Kultfilm "Liquid Sky" und Scorseses "Zeit nach Mitternacht", das sieht man dem Film deutlich an. Verstanden hat der Regisseur seine Vorbilder aber nicht. Völlig frei von Ironie inszeniert, wirkt sein Farbflash eher fad, während die gleiche Ästhetik beim schwulen Künstlerpaar "Pierre et Gilles" eben viel authentischer rüberkommt.

Bleibt die berechtigte Frage: Was treibt einen jungen französischen Künstler an, der das Handwerk offensichtlich technisch beherrscht, einen Film ohne innovative Relevanz zu produzieren? Die Antwort: Es ist ganz großes Hipster-Kino. Wie der gemeine Hipster sich aus modischen Versatzstücken des 20. Jahrhunderts bedient, um möglichst schräg auszusehen, glänzt auch der als neuer Regiestar des französischen Kinos gehandelte Gonzales mit gekonntem Posieren. Doch die Attitüde fehlt. Was dazu führt, dass Düsternis, die bei einem David Lynch bedrohlich wirkt, in "Begegnungen nach Mitternacht" ins unfreiwillig Komische stolpert.

Eine Botschaft bleibt bei diesem überraschend prüden Film dennoch hängen: Die Jugend von heute scheint ziemlich reaktionär drauf zu sein. Zum Ende stehen die geläuterten Protagonisten nämlich auf WG-Familienidylle und sehen im promisken Lebensstil etwas Dunkles, eine angsteinflößende Gefahr von irgendwo her in der Fremde da draußen, die sie heimgesucht hat. Jedenfalls geben das die Kernsequenzen der verbalen Ergüsse her, die der Film in rauen Mengen zu bieten hat.

Der schöne Schein als dramaturgische Ödnis


Regisseur Yann Gonzales konnte für sein Debüt-Werk einige Preise und Nominierungen einheimsen (Bild: Salzgeber)

Der Redeschwall in diesem von aparten Bilderhülsen geschwängerten Kammerspiel ist blutleer wie der zu große Penis des "Hengstes", an dem die "Schlampe" sich abrackert und ihn dennoch nicht steif bekommt. Der schöne Schein bleibt deshalb im Kunstlicht als dramaturgische Ödnis zurück. Dass die Schauspieler schauspielern können, versuchen sie einem indes beinah penetrant aufs Auge zu drücken, aber wirklich erzählt wird nichts.

In guter alter Camp-Manier wird "Begegnungen nach Mitternacht" von schwuler Ästhetik liebevoll überzuckert. Queer ist das Ganze zudem, weil die sexuellen Vorlieben der Protagonisten auch dem gleichen Geschlecht zugewandt scheinen. Sinnlich-erotisch begegnen sich auch die Männer in homophil wirkenden Augenblicken. Und Udo, die Zofe, wandelt als Transvestit durch den metaphorischen Bilderreigen.

Richtig gefickt wird übrigens nicht. Wohlgemerkt in einem Film, in dem die Gastgeber zu einer Sex-Orgie einladen. Auf einer coolen Hipster-Party gibt es so etwas auch im echten Leben: Alle Gäste der After-Hour-Wohnzimmer-Party haben stattdessen einen Laberflash, im Hintergrund läuft Musik von M83, die sich wie New Wave von früher anhört. Yeah – und Neonlicht ist auch cool.

Letzteres müssen wohl auch einige Fachleute so gesehen haben. Uraufgeführt in der Semaine de la Critique beim internationalen Filmfestival Cannes 2013, wurde "Begegnungen nach Mitternacht" bislang mit dem Hauptpreis des Internationalen Filmfestivals von Athen sowie des Internationalen Filmfestivals von Mailand ausgezeichnet und in Sitges für den New Visions Award nominiert. Immerhin sieht der Film schließlich nach Kunstlicht aus.

Affektiert ist jedoch das Wort, das den Film am besten beschreibt – affektiert wie die schlichtweg bescheuerte Einstiegsszene.

Youtube | Offizieller deutscher Trailer
Infos zum Film

Begegnungen nach Mitternacht. Originaltitel: Les Rencontres d'après minuit. Spielfilm. Frankreich 2013. Regie: Yann Gonzalez. Darsteller: Kate Moran, Niels Schneider, Béatrice Dalle, Nicolas Maury. Laufzeit: 93 Minuten. Französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: Edition Salzgeber. Bundesweiter Kinostart: 10. Juli 2014


#1 Sabelmann
#2 reiserobbyEhemaliges Profil
  • 09.07.2014, 12:08h
  • Antwort auf #1 von Sabelmann
  • Stellt der Autor der Filmbesprechung nicht genau genug heraus, dass der Film nicht wirklich gut ist?
    " Was dazu führt, dass Düsternis, die bei einem David Lynch bedrohlich wirkt, in "Begegnungen nach Mitternacht" ins unfreiwillig Komische stolpert."
    "Der Redeschwall in diesem von aparten Bilderhülsen geschwängerten Kammerspiel ist blutleer wie der zu große Penis des "Hengstes", an dem die "Schlampe" sich abrackert und ihn dennoch nicht steif bekommt."
    "Affektiert ist jedoch das Wort, das den Film am besten beschreibt affektiert wie die schlichtweg bescheuerte Einstiegsszene."
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#3 Sabelmann
#4 GerhardAnonym
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