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Interview zur geplanten Todesstrafe für Homosexuelle

Schwule in Brunei: Keine Angst vor Steinigung?


Kein Märchen aus 1.001 Nacht: Im absolutistisch regierten Sultanat Brunei wurde im Mai die Scharia eingeführt (Bild: Jim Trodel / flickr / by-sa 2.0)

Dieses Interview dürfte für Kontroversen sorgen: Ein schwuler Student aus Brunei berichtet über das Leben von Homosexuellen im Sultanat nach Einführung der Scharia.

Interview: Martin Aldrovandi

Im Mai 2014 wurde in Brunei die islamische Gesetzgebung eingeführt. Während im ersten Schritt bereits die Haftstrafen für bestimmte Verbrechen wie "anstößiges Benehmen" erhöht wurden, sollen in einem nächsten Schritt auch altertümliche Bestrafungsmethoden wie Amputation von Gliedmaßen oder die Todesstrafe wieder angewendet werden. Für Homosexualität ist dann die Steinigung vorgesehen – bislang droht Schwulen und Lesben "nur" eine zehnjährige Gefängnisstrafe (queer.de berichtete).

Die Einführung der Scharia hatte im Mai für weltweite Empörung gesorgt, selbst Hollywood-Stars riefen zum Boykott von Hotels auf, die dem Sultan des kaum bekannten Kleinstaats gehören. Was Homosexuelle in Brunei selbst denken, interessierte westliche Medien bisher kaum. Wir haben uns deshalb mit einem schwulen Studenten aus Brunei unterhalten.

Mohammed Karim (Name geändert) ist 25 Jahre alt. Er studiert Sozialwissenschaften im westlichen Ausland und befasst sich in diesem Rahmen auch mit Homosexualität in seiner Heimat. Der Kontakt kam über Empfehlungen verschiedener Akademiker aus Brunei und Singapur zustande.


Wird auch von Schwulen verehrt: Bruneis Sultan Hassanal Bolkiah auf einer Propaganda-Tafel (Bild: watchsmart / flickr / by 2.0)

Was ging dir als erstes durch den Kopf, als du vom neuen Gesetz gehört hast?

Zuerst hatte ich natürlich ein wenig Angst davor, dass sich Brunei dadurch verändern würde. Da wurde mir aber bewusst, dass es dieses Gesetz schon immer gegeben hat.
Homosexualität war auch schon vorher illegal, und auch Sex zwischen Heteros außerhalb der Ehe war bereits verboten. Aber kümmert es jemanden? Nein, natürlich nicht. Die Gesetze sind zwar da, sie sind aber eher Richtlinien. Schließlich ist Brunei seit der Unabhängigkeit 1984 ein islamisches Land.

Wir lieben unseren Sultan. Er ist jetzt 67 Jahre alt. Wenn er eines Tages vor Gott steht, will er zeigen können, dass er sein Land gut geführt hat. Deshalb wird das Gesetz erneut eingeführt, aber ich denke nicht, dass es tatsächlich praktiziert werden wird. Wir haben ja auch die Todesstrafe, doch vollstreckt wurde sie seit der Unabhängigkeit Bruneis noch nie.

Welche Haltung hat die Bevölkerung von Brunei gegenüber Homosexuellen?

Meine Eltern wissen, dass ich schwul bin. Sie kennen sogar meinen Ex-Freund. Ich würde sogar sagen, dass auch religiöse Familien ihren Sohn deswegen nicht aus dem Haus werfen würden. Im schlimmsten Fall sagen sie ihm einfach, dass er es lassen soll. Bei der jüngeren Generation gibt es noch weniger Probleme. Viele Schwule haben heterosexuelle Freunde, mit denen sie abhängen.

Also, alles kein Problem?

Früher hatte man in Brunei keine Vorstellung von Homosexualität. Sex zwischen Männern war nicht unüblich, man sah sich aber deswegen nicht als schwul an. Diese Männer hatten Freundinnen bzw. waren verheiratet. Es waren die Briten, die 1888 hierher kamen und Brunei zu ihrem Protektorat machten. Mit dem britischen Einfluss kam auch die damalige negative Vorstellung von Homosexualität nach Brunei. Dies ändert sich nun erneut. Westliche Serien wie "Queer as Folk" kommen ebenfalls nach Brunei und verändern die Haltung der jungen Bevölkerung gegenüber Homosexuellen.


Das Luxushotel "The Beverly Hills" in Los Angeles, das sich im Besitz des Sultans von Brunei befindet, wird seit Einführung der Scharia von zahlreichen Prominenten boykottiert

Und dennoch gibt es in Brunei keine Gay-Bars. Gibt es Treffpunkte für Schwule?

In meinem ersten Jahr an der Universität haben mich Freunde zu einer Party mitgenommen. Das war mein erstes Mal auf einer Gay-Party, die fand natürlich in einem Privathaus statt. Dieses wurde umfunktioniert in eine Bar mit allem drum und dran. Weil wir als Muslime keinen Alkohol einführen dürfen, bringen die chinesischen Schwulen alkoholische Getränke mit, die sie legal aus Malaysia importieren.

Alle drei Monate gibt es eine große Party, an der fast alle Schwulen aus Brunei teilnehmen. Weil Brunei so klein ist, kennt sowieso jeder jeden. Dann gibt es noch kleinere Cliquen, die ihre eigenen Treffpunkte veranstalten. Wir nennen diese "Chilling Sessions". Dazu mieten wir zum Beispiel ein Hotelzimmer und trinken dort, oder wir setzen uns einfach in ein Café. Den Alkohol nehmen wir in einer Wasserflasche mit und bestellen zum Beispiel eine Cola. So können wir unsere Getränke selbst mixen.

Und die Polizei interessiert sich weder für die Gay-Partys noch für den Alkoholkonsum?

Wieso sollte sie sich die Polizei für eine Party interessieren? Es handelt sich ja um eine private Veranstaltung. Es wäre für die Polizei ein leichtes, diese Partys aufzusuchen, aber solange wir diskret sind und keinen Lärm machen, lassen sie uns in Ruhe. Wenn der Veranstalter damit Geld verdienen würde, müsste die Polizei wohl intervenieren. Normalerweise ist es aber so, dass derjenige, der die Party veranstaltet, sowieso für alles bezahlt. Und auch wenn wir diskret in der Öffentlichkeit trinken, interessiert das die Polizisten nicht.

Und was denkst du über die Protestaktionen im Ausland?

Im Westen sagt man vielleicht, dass die Sexualität in Brunei unterdrückt wird. Unsere Vorstellung von Unterdrückung sieht jedoch anders aus. Wir würden uns unterdrückt fühlen, wenn wir keine kostenlose Bildung oder Gesundheitsversorgung erhielten. Sein Schwulsein nicht gegenüber der Öffentlichkeit zeigen zu können, bedeutet für uns nicht Unterdrückung.

Die USA sollten uns nicht ihre Werte aufdrücken oder ihre Vorstellung von Freiheit. Dass die Hotels [bekannte Luxushotels im Besitz von Brunei, Anm.d.R.] boykottiert werden, hat man natürlich auch in Brunei mitbekommen. Wer weiß, womöglich verschlimmern sie unsere Situation damit sogar.

Du willst weder deinen richtigen Namen noch dein Foto veröffentlichen?

Bis jetzt wurde die Scharia nicht gegen die Gay-Community angewandt. Wenn jetzt aber mein Name öffentlich publiziert würde, könnte ich womöglich der erste sein, der deswegen verurteilt wird. Oder ich könnte mein Stipendium verlieren, wenn ich öffentlich das Image von Brunei beschädige. Sie wollen, dass Brunei als islamisches Land gesehen wird, in dem alle Regeln befolgt werden. Aber das ist nicht die Realität.

Infos zu Brunei

Das kleine Sultanat auf der Insel Borneo zählt 420.000 Einwohner, knapp 80 Prozent davon sind Muslime. Seit 1984 ist Brunei unabhängig, dank Erdölvorkommen hat es das Land zu enormen Reichtum gebracht. Mit der Einführung der Scharia im Mai 2014 hat Brunei weltweit für Empörung gesorgt. Das schrittweise eingeführte Gesetz sieht unter anderem die Todesstrafe für Homosexuelle durch Steinigung vor. Aus Protest boykottieren Aktivisten und Hollywoodstars bekannte Luxushotels wie das "Beverly Hills" in Los Angeles oder das "Le Meurice" in Paris, die dem Sultan von Brunei gehören.


#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
#2 JohnathanAnonym
  • 19.07.2014, 13:10h
  • Hier sieht man, was religliöse Gehirnwäsche mit Menschen anrichtet. Prügele ihnen ein, es sei "Gottes Wille", und sie halten ihre eigene Unterdrückung für gerechtfertigt.
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#3 hubbiAnonym
  • 19.07.2014, 14:33h
  • Das ist nicht nur heute in islamischen Ländern so. Das war früher auch bei uns so. Und in der katholischen und evangelikalen Kirche heute noch: Du kannst machen was du willst, nur bitte nicht in der Öffentlichkeit. Du darfst dich also nicht erwischen lassen und musst nach außen den Schein wahren.

    So hätten es doch bei uns auch viele wieder: Nach außen "normal" verheiratet, Kinder. Was man privat im Schlafzimmer oder sonst wo macht, ist solange egal, wie es die Öffentlichkeit nicht mit bekommt, oder anders ausgedrückt: Solange man damit "nicht belästigt" wird.

    Das wird sich in den betroffenen Ländern (inkl. Russland und anderen orthodox klerikal dominierten Staaten) und auch in den Religionen selbst erst dann ändern, wenn sich dort echte Demokratie inkl. rechtsstaatlicher Grundsätzen etabliert. Aber das braucht leider Zeit und geht nicht von heute auf morgen, wobei ich bei der katholischen Kirche und manch anderen Religionen die Hoffnung fast aufgegeben habe.

    Auch bei uns hat es gedauert, bis wir das erreicht haben, was wir heute haben. Doch es ist längst nicht sicher gestellt, dass kein Rückschritt möglich ist.
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#5 regime changeAnonym
  • 19.07.2014, 16:52h
  • "Im Irak wird es keine schwule Identität geben, solange alle am Islam, der Religion, der Tradition festhalten. Unter Saddam war es im Vergleich besser - er hatte ja einen schwulen Sohn, viele wussten das auch unter der Hand. Es gab offen lebende Transen in Bagdad, Bars, Clubs. Saddam war eben auch eine Lösung für den Irak", sagt er, der Kurde, nüchtern.

    Auch unter Saddam Hussein wurde Bagdad in den Neunzigern konservativer, der Alkoholverkauf wurde eingeschränkt, Bars wurden geschlossen. Die Todesgefahr für Schwule im Irak entstand jedoch erst in jenem Sicherheitsvakuum, das nach dem Sturz Husseins entstand.

    www.taz.de/!57073/
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#6 myysteryAnonym
#7 basicsAnonym
  • 19.07.2014, 17:09h
  • Im Westen sagt man vielleicht, dass die Sexualität in Brunei unterdrückt wird. Unsere Vorstellung von Unterdrückung sieht jedoch anders aus. Wir würden uns unterdrückt fühlen, wenn wir keine kostenlose Bildung oder Gesundheitsversorgung erhielten. Sein Schwulsein nicht gegenüber der Öffentlichkeit zeigen zu können, bedeutet für uns nicht Unterdrückung.

    Nahrung, Wohnung, Bildung, Arbeit......

    blogs.prideangel.com/image.axd?picture=gay-adoption.jpg
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#8 hubbiAnonym
  • 19.07.2014, 18:05h
  • Antwort auf #7 von basics
  • "Nahrung, Wohnung, Bildung, Arbeit...... (Link)"

    Immerhin ist die Bildung dabei. Aber Menschenrechte kommen in diesem Umfeld ganz zuletzt.

    Oder: Wenn es mir gut geht, bin ich auch tolerant. Aber wehe, es gibt schlechtere Zeiten, da suche ich mir doch Sündenböcke ...
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#9 FOX-NewsAnonym
  • 19.07.2014, 18:11h

  • Man könnte auch ein Interview mit einem Nordkoreaner veröffentlichen. Dieser würde auch sagen, dass er den gütigen Führer Kim liebt und alle frei sind.
  • Antworten » | Direktlink »
#10 InteressantAnonym
  • 19.07.2014, 19:23h
  • Ich finde es sehr interessant, diese Dinge mal aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten. Danke queer.de, für dieses Interview!
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