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  • 20.07.2014           3      Teilen:   |

Operetta Research Center

Queere Operettenmission

Artikelbild
Der Direktor des Operetta Research Center an seinem Schreibtisch: Kevin Clarke hat sich auch als Journalist und Autor einen Namen gemacht; regelmäßig schreibt er u.a. für queer.de (Bild: Bert-Jan van Egteren)

Das Operetta Research Center widmet sich der Erforschung von Gender- und LGBT-Themen. Im Interview spricht Direktor Dr. Kevin Clarke über das neue Berliner Büro – und den Zusammenhang zwischen Porno und Operette.

Interview: Elke Köpping

Seit ein paar Wochen gibt's das Operetta Research Center mit einer neuen Website und dem Mission Statement, "Gender- und LGBT-Themen" sollen besonders berücksichtigt werden. Was, bitteschön, heißt das genau?

Natürlich kann man im Zusammenhang mit Operette viele Aspekte untersuchen, die alle lohnend sind, auf jeweils andere Weise. Aber bei einem Mitarbeiterteam, das zu 99 Prozent schwul ist, kommen bei uns halt besonders oft LGBT-Themen vor. Das ergibt sich quasi von alleine. (lacht) Ich habe selbst 2006 ein Buch herausgegeben über die besondere Verbindung von Homosexuellen und Operette, das dann der Männerschwarm Verlag unter dem Titel "Glitter and be Gay" veröffentlicht hat. Das war für mich persönlich der Startschuss, um mehr über Sexualität allgemein und Operette erfahren zu wollen – es war auch das Jahr, in dem das Research Center in Amsterdam gegründet wurde.

Es gibt in Bezug auf Gender und LGBT endlos viele spannende Punkte: Operette war ja, historisch gesehen, in den 1860er Jahren eine mit der Halbwelt verbundene Kunstform, wo besonders offen und großzügig über Sex gesungen werden konnte. Was die Zeitgenossen als "sittengefährdend" einstuften. In dieser befreiten Hetero-Welt, wo Frauen sich provozierend nackt oder in Männerkleidung auf die Bühne stellten und alle Anstandsgesetze der Zeit umdrehten, war auch Platz für "queere" Charaktere, die sich weigerten, die ihnen zugeteilen Gender-Rollen einzunehmen. Besonders schön sieht man das in Jacques Offenbachs "Die Insel Tulipatan", wo die Hauptfiguren Hermosa und Alexis eigentlich Hermann und Alexandra heißen. Sie beschließen auch zu heiraten, wenn es eine gleichgeschlechtliche Ehe werden sollte, zum Horror ihrer spießigen Eltern. Man bedenke: Das ist ein Stück aus dem Jahr 1868!

Später gibt's in Operetten wiederholt "Nance Characters", die man als besonders "tuntig" und damit belustigend "schwul" interpretieren kann; Wilhelm Bendow ist hier zu nennen, den viele durch den Sketch "Ja wo laufen Sie denn? Ach, ist der Rasen schön grün" kennen. Er war der Star der Charell-Revueoperetten im Berlin der 1920er Jahre, zusammen mit Claire Waldoff und Marlene Dietrich.

Es gibt aber auch viele schwule Operettenschaffende, in deren Biografien die Gay-Aspekte bislang gern ausgeblendet wurden – egal ob im Fall Erik Charell ("Im weißen Rössl"), Noel Coward ("Bitter-Sweet"), Ivor Novello ("Glamorous Nights") oder Luis Mariano ("Chanteur de Mexico"). Wir versuchen, mit Artikeln in unserem Online-Archiv Informationen bereitzustellen, die mehr Licht aufs Werk dieser Herren werfen – Artikel, die Homosexualität nicht problematisieren, sondern als Selbstverständlichkeit behandeln. Allerdings fehlen uns noch deutlich lesbische Ansätze; Vorschläge sind jederzeit willkommen.

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Der Student Christian Miebach recherchierte im Operetta Research Center für seine Abschlussarbeit über Max Hansen
Der Student Christian Miebach recherchierte im Operetta Research Center für seine Abschlussarbeit über Max Hansen

Das Research Center wurde 2006 in Amsterdam gegründet, hat jetzt aber auch ein offizielles Berliner Büro.

Als Leiter des Instituts habe ich lange in den Niederlanden gewohnt und gearbeitet. Aber die Operettenszene dort ist schwierig, weil sie vollständig in den Händen von Amateurgesellschaften liegt, die eine sehr altmodische und sexuell unbefreite Spielart des Genres pflegen, das eigentlich niemanden bei klarem Verstand interessiert. Museumsausstellungen, Buchveröffentlichungen, Dokumentarfilme etc. über Operette als historisches Genre gibt es in den Niederlanden nicht – und wird es vermutlich nie geben. Also habe ich irgendwann beschlossen, dahin zu gehen, wo die interessanteren Operetten gespielt werden und in das Land, wo die meisten Arbeitsaufträge für Operettenforschung herkommen.

Interessanterweise haben Deutsche und Österreicher, nach leichter Überzeugungsvorarbeit, keine Berührungsängste mit der "Pornografie der Operette", die ein großes Thema der Ausstellung im Theatermuseum Wien und München war, die unser Institut mitkuratiert hat. In Holland wäre sowas undenkbar, auch wenn die Holländer angeblich so weltoffen und tolerant sind. Das gilt nicht für "Operette" – und eigentlich auch nicht für Musicals. Ansonsten ist es in Zeiten von Internet fast egal, wo man sitzt, solange man Wifi hat. Mir macht's Spaß zwischen Holland und Berlin zu pendeln, weil mein Partner nach wie vor in den Niederlanden lebt, ebenso unsere Facebook-Managerin.

Was ist am neuen Web-Auftritt anders?

Der wesentliche Unterschied ist, dass die Website operetta-research-center.org, die der Verein der Gestaltung in Berlin-Kreuzberg gebaut hat, auch eine Kommentar-Option bietet, d.h. User können alle Artikel nach Herzenslust kommentieren. Das war uns sehr wichtig, weil Operettenforschung, so wie alles im Leben, immer interaktiv stattfinden sollte und Austausch wichtig ist. Gleichzeitig ist es ein Risiko, denn gerade schwule Operetten- und Opernfans können in Chat Rooms sehr ausfallend werden, wenn sie anonym bleiben dürfen. Das ist mir schon vor Jahren bei Chat-Gruppen auf Gayromeo aufgefallen, wo die "Diskussionen" so engstirnig und bösartig geführt wurden, dass ich irgendwann keine Lust mehr hatte, mitzumachen. Und das betraf sowohl einen Opern-Chat als auch den Operetten-Chat, der auf seine Weise noch schlimmer war.

Wie hat sich die Gender- und LGBT-Forschung seit eurer Gründung weiterentwickelt?

Da tut sich, erfreulicherweise, eine Menge. Besonders in den USA sind viele großartige Bücher herausgekommen, die diese Themenkomplexe vorangebracht haben. Zum Beispiel hat Carolyn Williams über die Operetten von Gilbert & Sullivan das Buch "Gender, Genre, Parody"veröffentlicht. Im Kapitel über "Patience" gibt's einen ausführlichen Abschnitt zur Rolle des Stücks in der Geschichte der Homosexualität. Diese Analyse ist für mich ein echter Meilenstein.

Auch die erwähnte Ausstellung im Theatermuseum Wien hat 2012 Cross Dressing und damit Gender Bending als Thema aufgegriffen. Und im letzten Semester gab es an der Uni Wien eine Vorlesungsreihe über "Gender & Operette", inklusive LGBT-Aspekte. Sie war ein Erfolg bei den Studenten, die anschließend zu mir sagten, sie wussten gar nicht, dass Operette so spannend und unterhaltend sein kann. Ich habe das als Kompliment angesehen. Sogar auf die moderne US-Operette "The Beastly Bombing" (2006) über schwule Neonazis und Al-Qaida-Terroristen haben sie positiv reagiert. Einige haben sogar ihre Prüfungen über das Stück gemacht. Andere haben als Abschlussarbeit Wikipedia-Artikel neu geschrieben, damit Operettenforschung, inklusive Gender- und LGBT-Punkte, öffentlich zugänglich ist. Denn bei Wiki landet jeder, der googelt, zuerst.

Wer benutzt das Research Center?

Hauptsächlich kommen Anfragen per Email. Menschen suchen Noten, Filme, Stückinfomationen usw. Wir versuchen ihnen dann so schnell und unkompliziert wie möglich mit Verweisen an Experten oder Institute weiterzuhelfen. Manchmal kommen auch junge Menschen vorbei, um zu stöbern. Das finde ich toll.

Unlängst tauchte bei uns der UdK-Student Christian Miebach auf, der als Abschlussarbeit etwas über Max Hansen machen wollte. Er suchte sich Noten und Schriftstücke zu Hansen raus und baute sie dann in seine Performance ein. Er lieferte vor ein paar Wochen eine grandiose Show rund um Max Hansen ab, für die er eine gute Note von seinen Professoren bekam. Das war eine große Freude, ihm zuzusehen, besonders weil Max Hansen einer meiner größten "queeren" Operettenhelden ist, der besonders großartig Gender-Konventionen durchbrechen konnte. Man kann das teils auf Youtube sehen, wo er Gitta Alpár kopiert und einen der herrlichsten Operettenmomente aller Zeiten kreiert.

Youtube | Herrlich queeres Operettenmoment: Im Film "Die oder keine" von 1932 kopiert Max Hansen Gitta Alpár (ab 54:10)
Einer der queersten Operettencharaktere: Von Wilhelm Bendow stammt auch der Sketch "Ja wo laufen Sie denn? Ach, ist der Rasen schön grün"
Einer der queersten Operettencharaktere: Von Wilhelm Bendow stammt auch der Sketch "Ja wo laufen Sie denn? Ach, ist der Rasen schön grün" (Bild: Archiv Operetta Research Center)

Hast du eine Lieblingsaufnahme?

Die Liste ist lang. Sehr lang. (lacht) Bei den historischen Aufnahmen alles, was Fritzi Massary gesungen hat, in der Kategorie "Olymp" besonders Lieder wie "Warum soll eine Frau denn kein Verhältnis haben?"

Daneben gibt's fantastische Aufnahmen von Gitta Alpár, Max Hansen, Rosy Basony, Oscar Denes, Oscar Karlweis und vielen anderen. In moderner Zeit finde ich die Studenten der UdK von Adam Benzwi und Peter Lund eine echte Offenbarung. Die singen zwar hauptsächlich Musical, aber manchmal auch Operette. Nicky Wuchinger habe ich so entdeckt; der kam und sang dann auch bei unserer Ausstellungseröffnung im Theatermuseum Wien "Wenn der Toni mit der Vroni". Jetzt ist er beim "Phantom der Oper" in Hamburg, zwischendurch hatte ich ihn ans Theater Bremen empfohlen, wo er im "Vetter aus Dingsda" spektakulär war (Regie: Frank Hilbrich).

Unter den aktuellen Studenten sticht Jan-Philipp Rekeszus heraus, der diese Wuchinger-Knock-Out-Qualitäten ebenfalls hat. Er wird mit seinen Kommilitonen im Dezember "Frau Luna" machen, worauf ich mich schon freue, Peter Lund führt Regie. Ich warte immer darauf, dass Barrie Kosky und andere Operettenregisseure solche Talente wie Wuchinger und Rekeszus endlich auf die Bühne von Staatstheatern bringen, statt diese ewigen eingestaubten Operettendinosaurier zu präsentieren, wo ich schon anfange zu schnarchen, bevor sie den ersten Ton gesungen haben. Gerade an der Komischen Oper tut sich da aber in letzter Zeit einiges, also bin ich guter Hoffnung für die Zukunft. Auch was die Zusammenarbeit vom Research Center und der Komischen angeht!

Wie finanziert ihr euch als Institut?

Wir sind eine Non-Profit-Organisation, aber natürlich sind wir angewiesen auf Spenden und bezahlte Forschungsaufträge. Was mich wirklich gefreut hat, ist die Tatsache, dass über die neue Website und die neu eingerichtete "Donate"-Funktion innerhalb von zwei Wochen 501 Euro Spenden kamen, von Operettenfans weltweit. Das zeigt, dass das Genre Menschen wichtig ist, und dass sie wollen, dass da etwas Sinnvolles mit passiert. Wir geben uns Mühe, diese Mission zu erfüllen.

Du warst zwischendurch auch Chefredakteur der Zeitschrift "Männer" und hast Bücher über Porno und Bärte geschrieben. Wie passt das zusammen?

Das passt gut zusammen. Bei "Männer" dachte ich anfangs, ich sollte besser keine Klassik-Themen dort unterbringen und Operette außen vorlassen. Aber dann kamen Leserbriefe, die besagten, dass es da durchaus Interesse gab: Das hat mich ehrlich gesagt überrascht – und erfreut. Denn es heißt, schwule Zeitschriftenkäufer wollen nicht nur wissen, wo die nächste (Sex-)Party stattfindet oder der bunteste CSD, sondern sie interessieren sich oft auch für Musiktheater, gleichberechtigt neben Schlager und Pop. Das tue ich selbst auch; deshalb sind die Bücher über Porno und Bärte einfach eine andere Seite meines Interessen-Spektrums.

Ich sitze ja nicht zu Hause und höre den ganzen Tag Rudolph Schock und Margit Schramm. Da würde ich wahnsinnig werden. Außerdem, ganz praktisch, verdient man mit Porno- und Bartbüchern mehr Geld als mit Operettenpublikationen. Das ist tragisch, aber eine Realität, mit der sich alle Operettenforscher arrangieren müssen. Statt das zu beklagen, mache ich lieber das Beste draus. Glücklicherweise gibt's zwischen Porno und Operette so viele Berührungspunkte, dass mir manchmal gar nicht auffällt, dass ich das Forschungsgebiet gewechselt habe. Und das ist super so.

Youtube | "Sie ist auch außerdem ein bisserl andersrum": Fritzy Massarys Operettenklassiker "Warum soll eine Frau denn kein Verhältnis haben?" gehört zu den Lieblingsaufnahmen von Kevin Clarke
Links zum Thema:
» Mehr Infos auf operetta-research-center.org
Mehr zum Thema:
» Texte von Kevin Clarke auf queer.de
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Tags: operette, operetta research center, kevin clarke
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Reaktionen zu "Queere Operettenmission"


 3 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
20.07.2014
22:48:58


(+3, 3 Votes)

Von Muscial Frank


Ich habe den erwähnten Jan-Philipp Rekeszus zufällig auch in Berlin gesehen bzw gehört und kann nur sagen: der Mann hat in der Tat "knockt out" Qualitäten, die ihn vermutlich zu einem idealen Operettendarsteller machen. Die Operettenaufführungen der UDK Studenten, die es im Laufe der Jahre hier und dort zu sehen gab, waren alle großartig. und sicher eine willkommene Alternative zu den drögen TV Sendungen, in denen irgendwelche sogenannte Opernstars sich im Frack und Abendkleid mit dem Genre abmühen.


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#2
21.07.2014
09:51:20


(+3, 3 Votes)

Von Michael Hardern


Über enthemmte Kommentaroren können die User von queer.de ja sicher ein Lied singen. Das ist schon erstaunlich sich vorzustellen, dass schwule Opern-Kommentatoren da noch weiter unter die Gürtellinie zielen sollen. Müssen sie noch mehr Frust ablassen? Oder lieben sie einfach die "große Geste"?


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#3
22.07.2014
15:55:05


(0, 2 Votes)

Von Abra


Sehr angenehm zu sehen, dass jemand Dr. Kevin Clarke hier tätig ist als jemand, der offensichtlich einen erweiterten Horizont hat und sich in unterschiedlichste Richtungen, die mit Gender und Sexualität zu tun haben öffnet und informiert!


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