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  • 03.08.2014           27      Teilen:   |

Reportage

VietPride: Kleiner Profi-CSD im Sozialismus

Artikelbild
3. VietPride in Hanoi: Mit Fahrrädern und Regenbogenflaggen demonstrieren am Sonntag Hunderte Menschen in der vietnamesischen Hauptstadt für LGBT-Rechte (Bild: Micha Schulze)

Zum dritten Mal gab es am Sonntag in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi eine Fahrrad-Demo für LGBT-Rechte.

Von Micha Schulze

Ein CSD in Vietnam geht anders als in Deutschland. Ganz anders. Da ist erstens die für den Westler gewöhnungsbedürftige Anfangszeit: Um 8.30 Uhr am frühen Sonntagmorgen sollen wir uns am See Giảng Võ in der Hauptstadt Hanoi versammeln. Was sich dank der mitternächtlichen Sperrstunde jedoch nicht als allzu großes Problem herausstellt.

Zweitens muss man sein Fahrrad oder Moped mitbringen – denn die rund fünf Kilometer lange Strecke zum American Club wird nicht etwa zu Fuß zurückgelegt. Am Treffpunkt falle ich denn auch gleich auf. Nicht nur als einer der wenigen "Langnasen", sondern vor allem mit meinem Rad, dem schrottigsten von allen. Für 60.000 Dong, umgerechnet etwas über 2 Euro, habe ich es von einer freundlichen Oma gemietet, die neben meiner Pension Cola, Zigaretten und Taschentücher verkauft – die meisten vietnamesischen CSD-Teilnehmer sitzen auf schicken Designerrädern. Huy, ein junger Student, schenkt mir zumindest ein Regenbogenfähnchen, mit dem ich meinen betagten Drahtesel verschönern kann.

Drittens kommt man in Vietnam uniformiert zum CSD, und schon wieder falle ich aus dem Rahmen. Die Hälfte der rund 300 Teilnehmer trägt weiße T-Shirts mit dem Aufdruck "Love = Human Right" – mal auf Englisch, mal auf Vietnamesisch. Die andere Hälfte trägt entweder Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau oder Lila, um auf der Radel-Parade einen fahrenden Regenbogen zu symbolisieren.

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Ein Pride in Hanois chaotischem Verkehr

Vietnamesen lieben es verspielt: Beim CSD in Hanoi ist auch Donald Duck dabei - Quelle: Micha Schulze
Vietnamesen lieben es verspielt: Beim CSD in Hanoi ist auch Donald Duck dabei (Bild: Micha Schulze)

Viertens geht es in Hanoi pünktlich los, und zwar auf die Minute. Um 9 Uhr setzt sich die queere Fahrrad-Moped-Kolonne in Bewegung, angetrieben von jungen Ordnerinnen mit Megafon. Auf der Wegstrecke stehen alle 100 Meter weitere Ordner am Straßenrand und schwenken eine Regenbogenfahne, damit man sich ja nicht verfährt. Der rollende VietPride mischt sich dabei mit Hanois chaotischem Verkehr und wird durch rote Ampeln in immer kleinere Gruppen aufgeteilt. Für den CSD, der zum dritten Mal stattfindet, wird keine einzige Straße gesperrt.

Überhaupt ist auf der gesamten Strecke kein einziger Polizist zu sehen, zumindest nicht in Uniform. Das habe ich nicht erwartet im sozialistischen Vietnam, das ja, vorsichtig formuliert, nicht allzuviele Menschenrechtsdemos erlebt. Und dessen rüde Vopos ich erst am Abend zuvor kennenlernen durfte, als sie kurz vor Sperrstunde die Menschen aus den Straßen-Bierbars vertrieben.

Doch VietPride-Direktorin Nguyen Thanh Tam versichert, dass es mit Polizei und Behörden keinerlei Probleme gibt. Die einzige staatliche Drangsalierung des Tages: Für die Wartezeit am See-Treffpunkt sollen Moped-Besitzer 10.000 Dong Parkgebühren (0,35 Cent) zahlen.

Die Passanten zücken das Smartphone

"L – G – B – T", rufen die rollenden VietPride-Teilnehmer in Sprechchören, und ich habe das dumpfe Gefühl, dass die Mehrheit der Passanten nicht wirklich begreift, worum es geht. Neben Hunderten Regenbogenfahnen gibt es keine Schilder oder Transparente. Doch böse Blicke oder gar Beschimpfungen kommen nicht vom Straßenrand, eher viele neugierige Blicke. Wer ein Smartphone besitzt, macht Fotos von jungen Schwulen mit lustigen Hutkreationen aus Luftballons, der kleinen Lesbe im Donald-Duck-Kostüm oder einer der wenigen Transsexuellen und Transgender.

Jung sind die Menschen auf den Fahrrädern und Mopeds, sehr jung. Die meisten schätzungsweise unter 25, über 30 dürfte kaum jemand sein. Mit über 40 fühle ich mich wie ein Opa. Das Organisationskomitee ist ebenso jung – und zudem überwiegend in Lesbenhand. Auch bei der Fahrrad-Parade sind mehr Frauen dabei als Männer. Warum ist das so, frage ich. "Lesben sind mutiger", sagt der Student Huy, der mit das Regenbogenfähnchen überreicht hat.

Natürlich sind 300 CSD-Teilnehmer nicht besonders viel für eine Stadt, die rund doppelt so viele Einwohner wie Berlin hat. Doch der typische vietnamesische Homosexuelle ist noch immer verheiratet und lebt seine Sexualität nur heimlich aus. Im gesamten Stadtgebiet gibt es einschlägige Cafés und Bierbars, die in keinem "Spartacus" stehen, dazu einige kleine schwule Saunen, in denen man vom VietPride kaum etwas gehört haben dürfte. Hanois kommerzielle Subkultur, in der auch Expats und Touristen verkehren, beschränkt sich auf eine einzige Bar mit dem schönen Namen "Golden Cock".

Youtube | Werbung über Youtube: Für den 3. VietPride in Hanoi wurde ein eigener Trailer produziert

Die vietnamesische Version von "Enough is Enough"

Auch anders als in Deutschland: Über die Hälfte der VietPride-Teilnehmer sind Frauen
Auch anders als in Deutschland: Über die Hälfte der VietPride-Teilnehmer sind Frauen (Bild: Micha Schulze)

Deutsche Streitereien wie "Politik oder Kommerz" oder "Anpassung oder Rebellion" kennen Vietnams Aktivisten nicht. Sie fordern einig und kompromisslos gleiche Rechte für LGBT, die Ehe-Öffnung jetzt und sofort. Die jungen VietPride-Leute kommen fast allesamt aus der aufstrebenden Mittelschicht (daher die Designerfahrräder), arbeiten oft in kreativen Berufen und haben Durst auf Erfolg. Professionalität wird groß geschrieben, zum Orgateam gehören etwa auch ein "Event Manager" und ein "Social Media Officer". Zum CSD werden Stipendien ausgeschrieben, Trailer und Filme produziert. Alles ist so eine Art fortgeschrittene vietnamesische Version von "Enough is Enough".

Lesben- und Schwule in Vietnam stellen nicht die Systemfrage. Der Riss in Gleichstellungsfragen geht quer durch die Kommunistische Partei. Noch sind zwar die Gegner von LGBT-Rechten in der Mehrheit (in einer Umfrage aus dem Jahr 2013 sprachen sich 53 Prozent der Bevölkerung gegen gleichgeschlechtliche Ehen aus), doch im vergangenen Jahr konnte die junge Bewegung einen ersten, kleinen Sieg erringen: Das Verbot gleichgeschlechtlicher Hochzeitszeremonien wurde abgeschafft (queer.de berichtete). Zuvor konnten private oder religiöse Trauungen von den Behörden aufgelöst und die Teilnehmer mit einer Geldstrafe belegt werden.

Bei der VietPride-Abschlusskundgebung im American Club, gesponsert von der amerikanischen und der kanadischen Botschaft, strömen immer noch neue Besucher hinzu. Kein Wunder: Jetzt gibt es 200 Flaschen Freibier, die natürlich viel zu wenig sind, und auf der Bühne treten prominente Künstler kostenlos auf. Zwischendurch begrüßt Jerry White, der Öffentlichkeitschef der US-Botschaft, die Teilnehmer und fordert gleiche Rechte, ohne dabei überheblich zu sein: "Auch in meinem Land haben wir alle Ziele noch nicht erreicht."

Unterstützung für den VietPride auch aus Deutschland

Unterstützung für den VietPride kommt indirekt auch aus Deutschland: Das Goethe-Institut in Hanoi, das vom Auswärtigen Amt finanziert wird, nennt CSD-Direktorin Nguyen Thanh Tam die "Heimat von VietPride". Der Grund: Dessen Leiterin Almuth Meyer-Zollitsch (für Vietnamesen ein schöner Zungenbrecher) hat von Anfang an ihre Räumlichkeiten für Hanois Pride-Events zur Verfügung gestellt. "Die kamen auf uns zu, und wir haben sofort ja gesagt", sagt Meyer-Zollitsch. "Die Unterstützung passt hervorragend in unsere Menschenrechtsarbeit."

Der Wandel der vietnamesischen Gesellschaft verläuft rasant. Erst seit 2008 tauchen LGBT positiv in den Medien auf, in Zeitungen und Fernsehen wird seit zwei Jahren pro und kontra Homoehe diskutiert. Auch wenn ältere Kader dabei Homosexualität noch immer als Import aus dem Westen oder Angriff auf die vietnamesische Kultur geißeln, sind 80 Prozent der Jugendlichen Lesben und Schwulen gegenüber nicht negativ eingestellt. Ganz zurück hält sich übrigens die katholische Kirche, die in Vietnam immerhin acht Millionen Mitglieder hat.

Erst vor wenigen Wochen scheiterte in der Nationalversammlung ein weiterer Vorstoß zur Anerkennung gleichgeschlechtlichter Partnerschaften – doch die LGBT-Aktivisten geben deshalb noch lange nicht auf. Nguyen Trong Dung aus dem VietPride-Team glaubt, dass sich erst in den Familien etwas ändern muss, bevor die Gesellschaft für den nächsten Schritt bereit ist: "Wenn wir erst in den Familien akzeptiert sind, können wir auch die rechtliche Gleichstellung erreichen."

So wurde der Abschlussfilm des VietPride 2014 wohl nicht zufällig ausgewählt: Im Goethe-Institut läuft am Sonntagnachmittag die deutsche Komödie "Ich fühl mich Disco" von Axel Ranisch, in der es um das schwierige Verhältnis eines Vaters zu seinem schwulen Sohn geht. Zwei junge CSD-Teilnehmer sind in die Vorführung zusammen mit ihrer Mutter gekommen.

Youtube | Ein CSD, der an einen Kindergeburtstag erinnert: ein erstes Video mit Impressionen vom VietPride 2014
Links zum Thema:
» VietPride-Homepage
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VietPride 2014

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Tags: vietpride, hanoi, vietnam, fahrraddemo
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Reaktionen zu "VietPride: Kleiner Profi-CSD im Sozialismus"


 27 User-Kommentare
« zurück  123  vor »

Die ersten:   
#1
03.08.2014
17:43:55


(+7, 9 Votes)

Von FuZZZyness


Jetzt sogar mit ohne Untertitel!
Warum wurde Schulze rausgeschnitten da wo er sich mit Moped ziehen läßt?


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#2
03.08.2014
17:56:47


(+7, 9 Votes)
 
#3
03.08.2014
19:29:13


(+7, 13 Votes)

Von admirable


Beeindruckend und bewundernswert, was die Menschen in Vietnam allen (brutalsten) Widrigkeiten zum Trotz schon erreicht haben und wie schnell es mit dem gesellschaftlichen Fortschritt vorangeht!

Zur Erinnerung (Auszüge):

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Vietnamkrieg#Folgesch.C3.A4d
en


Link:
de.wikipedia.org/wiki/Vietnamkrieg#Chemische_Krieg
f.C3.BChrung


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#4
03.08.2014
20:12:01


(+6, 12 Votes)

Von Hajo


Das beseitigen der Roten Khmer war auch eine gute Sache.

Link zu www.spiegel.de

Mal sehen, wer mit den Killing fields der islamistischen Khmer (ISIS) aufräumen wird.


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#5
03.08.2014
20:25:54


(+6, 12 Votes)
 
#6
03.08.2014
21:02:55
Via Handy


(-1, 5 Votes)

Von Nick
Antwort zu Kommentar #1 von FuZZZyness


Oder er hatte ein E- Bike ;-)


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#7
03.08.2014
21:06:12


(0, 4 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #4 von Hajo


Das "beseitigen" der Roten Khmer war ziemlich einfach in Vietnam, denn es fand in Kambodscha statt !

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Rote_Khmer


Link:
de.wikipedia.org/wiki/Khmer_%28Volk%29


Die Okkupation des Namens einer Kambodschanischen Ethnie, um ein arabisches Phänomen übermäßiger Religösität zu "beschreiben" ist echt daneben !


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#8
03.08.2014
23:11:37


(+5, 5 Votes)

Von Sebi


Toll, dass an immer mehr Orten auf der Welt die Menschen zu sich selbst stehen und für ihre Rechte und volle Akzeptanz eintreten...


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#9
04.08.2014
01:01:28


(-5, 5 Votes)

Von m123


Hunderte ist etwas wenig.


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#10
04.08.2014
07:27:10


(0, 4 Votes)

Von Fred i BKK


...wenn man das liest,kann man nur Neid bekommen, hier in Bangkok findet garnichts statt..
weder Pride noch CSD ...
die verschiedenen LGBT Gruppen finden nicht zusammen ,sind meist zerstritten im "Kampf" um Sponsorengelder aus dem Ausland..
Die schwulen Bars und Kneipen sind sich untereinander auch nicht gruen ,die polit.Lage schliesst z.Z. jede Veranstaltung aus.(Kriegsrecht gilt immer noch)
..auf der andren Seite kann man taeglich auf Kanal 8 im Sat Fernsehen beobachten wie besonders Transpersonen ein ganzes TV auf die Beine stellen.
... bei etwa 250 000 LGBT Person hier in Bangkok hoffen wir sehr ..dass auch hier mal ..
was voran geht und wir fuer gleiche Rechte ,
Eheoeffnung usw. auf die Strasse gehen werden,


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