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  • 16.08.2014           2      Teilen:   |

"Das Sandkorn"

Nacktbaden in Italien, Erpressung in Berlin

Artikelbild
Der Schriftsteller Christoph Poschenrieder, geboren 1964 bei Boston, lebt mit seiner Frau in München (Bild: Wiki Commons / Harald Krichel / CC-BY-SA-3.0)

In seinem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman "Das Sandkorn" erzählt Christoph Poschenrieder die Geschichte eines schwulen Kunsthistorikers während des Ersten Weltkriegs.

Von Angelo Algieri

Seltsam, sonderbar, suspekt: Im Juni 1915, ein Jahr nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs, streut der schwule Jacob Tolmeyn unterschiedlichen Sand aus Süditalien im Berliner Tiergarten aus. Ist er meschugge? Oder verübt er einen Anschlag? Paranoia im Kaiserreich. Kunsthistoriker Jacob wird ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz gebracht. Dort verhört ihn der leitende Kommissar Franz von Treptow…

So der eigenartige, zugleich spannende Beginn des Romans "Das Sandkorn" von Christoph Poschenrieder. Er ist im Züricher Diogenes Verlag erschienen. Der in Boston geborene Autor, Jahrgang 1964, hat Philosophie in München und Journalismus in New York studiert. Seit 1993 ist er freier Journalist und Autor für Dokumentarfilme. Er lebt mit seiner Frau in München.

Doch nun zurück zum mysteriösen Jacob. Auf dem Schreibtisch des Kommissars sind sämtliche Säckchen mit Sand aufgestellt. Versehen mit süditalienischen Ortsnamen von Altamura, Andria bis Venosa. Jacob erzählt ihm die Geschichte, was es mit den Sandsäckchen auf sich hat.

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Auf den Spuren des Stauferkaisers Friedrich II.

Poschenrieders Roman ist im Schweizer Diogenes Verlag erschienen
Poschenrieders Roman ist im Schweizer Diogenes Verlag erschienen

Im Mai 1914 bekam Jacob einen Posten im Königlich Preußischen Historischen Institut in Rom. Doch ihn langweilte die Tätigkeit. Im Keller musste er Urkunden deutscher Kaiser und des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation sichten. Weder der Direktor noch sein Schweizer Kollege Beat ließen sich oft blicken. Doch das sollte sich bald ändern: Jacob und Beat erhalten von Kaiser Wilhelm II. den Auftrag, den Spuren des Stauferkaisers Friedrich II. zu folgen und dessen Bauten zu dokumentieren und katalogisieren.

Bevor sie nach Apulien reisten, bekam Jacob eine Fortbildung in Fotografie in Berlin. Das war zur damaligen Zeit eine Wissenschaft für sich: Mit unterschiedlichen Belichtungszeiten und sensiblen Glasplatten; dazu eine große Apparatur. Während er in Lichterfelde das Fotografieren lernte, zog es ihn eines Abends in die einschlägigen "Freundes"-Kaschemmen. Nein, nicht am Nollendorfplatz. Sondern in der Kochstraße, am Landwehrkanal um die Ecke des Halleschen Tors. Dort traf er seinen windigen Ex-Freund Niki, der Jacob erpresste und Geld einforderte. Doch nach einer Rangelei landete Niki im Landwehrkanal – Jacob glaubt noch immer, dass er dort ertrank. Er fuhr schnell wieder zurück nach Lichterfelde und floh schlechten Gewissens nach Rom. Er versuchte das Ereignis zu verdrängen.

Im Juni 1914 konnte die Expedition endlich losgehen. Jacob und Beat fuhren zu den Orten in Apulien, wo der 1250 gestorbene "Stupor mundi"-Herrscher Bauten im Auftrag gab. In Lucera und Umgebung, Manfredonia, Cerignola, Trani, Andria und an anderen apulischen Orten fotografierten sie Türme, Kastelle und Kirchen. Dabei nahm Jacob zunächst intuitiv Sandproben mit. Später systematisch, da er von Proben herausfinden wollte, aus welchem Bergbau die Steine gewonnen worden waren.

Jacob verliebt sich in seinen Schweizer Kollegen

Natürlich kommt diese Story nicht ohne Liebesgeschichte aus: Jacob und Beat verstanden sich auf der Expedition erstaunlich gut. Ohne es sich gleich einzugestehen: Jacob hatte sich in Beat verliebt; aber auch Beat fühlte eine Anziehung zu ihm. Sie schliefen sogar in einem Bett, auch Nacktbaden am Strand war kein Problem. Doch die erotische Spannung entlud sich nicht, denn der Ausbruch des Ersten Weltkrieges bereitete dieser Expedition ein jähes Ende.

Gleich nach der Rückkehr meldete sich der Schweizer Beat für die französische Fremdenlegion. Jacob blieb allein in Rom zurück – und wartete sehnsüchtigst auf Post von Beat. Die Neuigkeiten aus den Schützengräben machten ihm Angst und Bange. Ein Lebenszeichen dann zu Weihnachten. Schon bald wäre Beat wieder in Rom, zur Vollendung der Expedition. Doch Beat kam verändert von der Front zurück. Ihr Verhältnis war nicht mehr dasselbe. Kommen sie dennoch zusammen? Und wird der Berliner Kommissar Jacob des Mordes an Niki überführen?

Ein Liebes- und Krimigeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven

Sand aus Trani/Apulien: "Für 'Das Sand­korn' habe ich viel über Sand gele­sen; das ist eine geheim­nis­volle, fas­zi­nie­rende, zu Spiel und Stu­dium ver­lo­ckende Mate­rie. Viel zu schade für die Baumafia", schreibt Poschenrieder auf seiner Homepage
Sand aus Trani/Apulien: "Für 'Das Sand­korn' habe ich viel über Sand gele­sen; das ist eine geheim­nis­volle, fas­zi­nie­rende, zu Spiel und Stu­dium ver­lo­ckende Mate­rie. Viel zu schade für die Baumafia", schreibt Poschenrieder auf seiner Homepage (Bild: Christoph Poschenrieder)

Autor Poschenrieder hat mit "Das Sandkorn" einen spannenden Unterhaltungsroman vorgelegt. Dabei verquickt er gekonnt die Auswirkungen des Homoparagrafen 175 und die Bauten aus der Zeit des Stauferkaisers Friedrich II. mit einer Liebes- und Krimigeschichte. Besonders hervorzuheben ist, dass die Story aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird: aus der Dritten-Person-Sicht von Jacob und in Memoiren-Auszügen des Kommissars Franz von Treptow. Die natürlich nich immer übereinstimmen…

Doch der Münchner Autor zeigt vor allem, wie der Paragraf 175 als Erpessungsinstrument ausgenutzt wurde. Zum einen unter Schwulen selbst, etwa wie Niki. Zum anderen von der Polizei. Sie verfügte über eine Rosa Liste, bei der minutiös aufgelistet wurde, wer in schwulen Kreisen verkehrte. Der patriotische Kommissar nutzt dies gegen Ende der Story aus und schickt Jacob an die Front.

Gelungen zudem, dass Poschenrieder sich der Ironie und des Slapsticks bedient. Eine passende Reminszenz an die Zeit der Stummfilme. Beispiel: Beat rettet Jacob von einer schwankenden Leiter, wie es Charlie Chaplin nicht besser hätte hinkriegen können. Dann sucht Jacob ausgerechnet in Berlin nach verbotenem schwulen Sex, während er in Italien, wo es keinen Homoparagrafen gab, kein Bedürfnis nach Männern zu haben scheint. Ein Schmunzeln lässt sich nicht vermeiden. Denkt man doch zusätzlich etwa an Friedrich Alfred Krupp, der um 1900 auf Capri den ein oder andern Fischerjungen vernaschte…

Sand als ambivalente Metapher

Und was hat dies alles mit Sandkörnern zu tun? Nun, Sand kann in diesem Roman als ambivalente Metapher gesehen werden. Zunächst erzählen Sandkörner viele Geschichten – von der einstigen Allmacht Friedrich II. oder wie Jacob Beat einer (harmlosen) Lüge überführt. Wie Steine zu Sand zerbröseln, so beginnt mit dem 1. August 1914 der Zusammenbruch bestehender Reiche – Zeichen der unumkehrbaren Vernichtung. Zudem darf das sprichwörtliche Sandgetriebe natürlich nicht fehlen: Etwa stockt es zwischen Jacob und Beat. Auch der Treibsand, der im Roman eine wichtige Rolle spielt, hat ironischerweise eine positive Konnotation.

Einziger Wermutstropfen: Der Text erklärt einiges zu viel. Er ist an vielen Stellen zu pädagogisch, zu lehrreich ausgefallen. Auch dass keine Sexszenen vorkommen, macht den Roman zu brav, einen Tick zu prüde. Schade!

Dennoch: "Das Sandkorn" ist ein gelungener, spannender Roman, der nicht nur Spaß macht, sondern zum Nachdenken und Nachforschen einlädt. Schriftsteller Poschenrieder beeindruckt mit dem meisterlichen Spiel unterschiedlicher Genres und Stile. Eine unbedingte Sommerlektüre – sei sie gelesen in Apulien oder an anderen Stränden der Welt!

  Infos zum Buch
Christoph Poschenrieder: Das Sandkorn. Roman. 416 Seiten. Diogenes Verlag. Zürich 2014. 22,90 €. ISBN: 978-3-257-06886-3.
Links zum Thema:
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» Homepage von Christoph Poschenrieder
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Tags: christoph poschenrieder, das sandkorn, deutscher buchpreis, longlist, diogenes, erster weltkrieg, apulien, paragraf 175
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Reaktionen zu "Nacktbaden in Italien, Erpressung in Berlin"


 2 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
17.08.2014
07:35:02


(+1, 3 Votes)

Von Miroslav


Tja, der Autor ist heterosexuell und verheiratet, deswegen kann er bei Diogenes veröffentlichen und wird für den DEUTSCHEN BUCHPREIS nominiert. Mit solch einer Geschichte hätte er als homosexueller Autor beim MännerschwarmVerlag klopfen müssen und hätte max. den goldenen Cockring von David Berger verliehen bekommen.


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#2
17.08.2014
10:18:38


(+3, 3 Votes)

Von Corvin


Ein Tick zu prüde! Leider wahr. Auch das Ende des Buches hat mich nicht überzeugt.
Der Schreibstil ist gelungen und in einem Roman etwas über die die Eulenburg Affäre zu erfahren war sehr interessant. Auch etwas über Hans von Tresckow (im Buch: Kommissar Treptow), der Kriminalkommissar im Berliner Erpresserdezernat war, zu erfahren hat Spaß gemacht.
Die Darstellung der zwischenmenschlichen Beziehungen bleibt aber leider zu oberflächlich. Das hat Benjamin Alire Saenz in seinem Buch "Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums" wesentlich überzeugender hinbekommen. Deshalb konnte mich "Das Sandkorn" nicht vollständig überzeugen.


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