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  • 23.08.2014           1      Teilen:   |

Vergessener Literatur-Schatz

Die Sehnsüchte des schwulen Alkoholikers

Artikelbild
Sein Erstlingswerk "Das verlorene Wochenende" ("The Lost Weekend") brachte ihn Ruhm und Reichturm: Charles Jackson, geboren 1903 in Summit, New Jersey, verarbeitete darin seine eigene Alkoholsucht. 1968 nahm er sich im New Yorker Künstlerhotel Chelsea das Leben

Charles Jackson veröffentlichte 1944 den grandiosen Roman "Das verlorene Wochenende". 70 Jahre später hat ihn der Dörlemann Verlag dankenswerterweise neu übersetzt.

Von Angelo Algieri

Es gibt Romane, die bisher entweder nie übersetzt wurden oder zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. So etwa Gaito Gasdanows Werke, die ab den 1920ern erschienen sind und im Hanser Verlag zum ersten Mal auf Deutsch erscheinen. Auch die Bücher des bisexuellen John Cheever werden bei DuMont neu oder zum ersten Mal übersetzt. Vergessene Schätze, die erfreulicherweise ausgegraben und einem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht werden. Von großen Erzählern, die zeitlose Themen ansprechen und ausgezeichnete Stilisten sind.

Dazu gehört auch der US-amerikanische, bisexuelle Autor Charles Jackson (1903-1968). Der Schweizer Dörlemann Verlag hat jetzt Jacksons Erstlingswerk "Das verlorene Wochenende" ins Deutsche übertragen. Es erschien in den USA im Jahr 1944 und wurde auf Anhieb ein Bestseller. Kaum verwunderlich, dass Hollywood bald anklopfte. Kein geringerer als Billy Wilder verfilmte den Stoff, der unter gleichem Titel ein Jahr später in die Kinos kam. Der Film wurde 1946 mit vier Oscars prämiert!

Der Text wurde zunächst, wie Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, in seinem schönen Nachwort informiert, beim Schweizer Alpha Verlag 1946 übersetzt und veröffentlicht. Fünf Jahre später beim J. P. Toth Verlag in Hamburg. Doch der Roman wurde im deutschsprachigen Raum kein Erfolg und geriet schnell in Vergessenheit. Zu Unrecht!

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Sechs Tage im Leben eines Trinkers

Die exzellente deutsche Neuübersetzung des Romans ist im Schweizer Dörlemann Verlag erschienen
Die exzellente deutsche Neuübersetzung des Romans ist im Schweizer Dörlemann Verlag erschienen

Denn der Plot hat es in sich: Der 33-jährige in Manhattan lebende Don ist Schriftsteller und alkoholabhängig: Er versetzt sich an einem langen Wochenende – von Donnerstag bis Dienstag – im Oktober 1936 ins Delirium. Nichts Besonderes für einen Plot über Saufen und Trinkgelage jener Zeit, würde man meinen. Denken wir etwa an den Roman "Der große Gatsby" von F. Scott Fitzgerald, der 1925 erschien. An Hemingsways "Fiesta", veröffentlicht 1926. Oder an Joseph Roths letzte Erzählung "Die Legende vom heiligen Trinker", die 1934 in Paris spielt und im Todesjahr Roths 1939 erschien. Also nichts Neues bei den Alkis?

Im Gegenteil: In keinem anderen Buch werden Gedanken, Verhalten, Sehnsüchte eines Alkoholikers so facettenreich, schonungslos und ergreifend erzählt. Don trickst gleich am ersten Abend seinen Bruder und Aufpasser Wick aus, um in Sams Kneipe zu gehen und sich mit billigen Whiskey zu betrinken. Eigentlich will er mit seinem Bruder fürs Wochenende aufs Land fahren, doch er kommt zu spät zur verabredeten Zeit. Macht nichts. Angeheitert wie Don ist, fährt er nach Greenwich Village und geht in eine Bar, trinkt und nutzt die Gelegenheit, eine Handtasche zu klauen, da er unbedingt Geld braucht. Doch er scheitert grandios!

Es kommen immer wieder solche traurig-lustigen Szenen im Buch vor. Der Alkoholiker Don behält allerdings bei Jackson stets seine Würde, ohne ihn lächerlich darzustellen. Ein Drahtseilakt, der gekonnt gelingt!

Lügen und Scham wechseln sich mit Euphorie und Heiterkeit ab

Am nächsten Morgen ist Don um 8 Uhr schon bei Sam und trinkt den ersten Whisky. Und natürlich bleibt es nicht bei einem Drink. Gloria, die Escort-Dame, gesellt sich zu ihm. Er macht ihr Komplimente und erzählt ihr – unter ständigem Auffüllen des Whiskyglases -, dass er Frau und Kinder habe. Aber die Ehe zerrüttet sei. Er möchte Gloria gerne ausführen. Sie verabreden sich am Abend. Doch Don, der am Nachmittag daheim weiter säuft, erinnert sich weder an sein Date noch an sein Geschwätz, das er Gloria auf die Nase gebunden hatte. Arme Gloria!

Lügen, Täuschungen, Versteckspiel, Ausweichen, Niedergeschlagenheit, Angst, Scham, Suizidgedanken wechseln sich schnell mit Euphorie, Heiterkeit, Optimismus und klaren Gedanken. Neben den psychischen sind auch physische Symptome in diesem Text exzellent und präzise beschrieben, etwa Herzrasen, Schweißausbrüche, zitternde Hände oder Halluzinationen.

Jackson schrieb aus eigener Erfahrung. Denn er war mehrmals auf Alkoholentzug und war einer der bekanntesten Vertreter der Anonymen Alkoholiker in den 1950ern. Kein Wunder, dass der Roman vor allem von Ärzten und Selbsthilfegruppen empfohlen wurde. Jackson ging mit seiner Alkoholsucht ähnlich offen um wie der erst kürzlich verstorbene Robin Williams. Auch ihr Tod verbindet: Jackson beging 1968 Selbstmord.

Schwuler Sex im Versteck und auf dem College

Billy Wilder verfilmte Jacksons Roman im Jahr 1945: Ray Milland spielt darin den erfolglosen Schriftsteller Don
Billy Wilder verfilmte Jacksons Roman im Jahr 1945: Ray Milland spielt darin den erfolglosen Schriftsteller Don

Was im Text nicht fehlen darf: ein Suff-Sturz: Im Delirium stolpert Don auf der Treppe über seine Beine und verletzt sich. Er wird bewusstlos in die Alkoholstation einer Klinik transportiert. Dort trifft er auf den schwulen Pfleger Bim, der Pflegerin genannt werden möchte, und der Dons Abhängigkeit und sein Begehren auf Männer durchschaut. So als ob Bim Dons personifiziertes Unterbewusstsein und Gewissen wäre.

Und es bleibt nicht bei dieser einen Homoszene im Buch – eine erfrischende Überraschung im ach so prüden Amerika der 1940er Jahre! Don erinnert sich etwa an seinen Jugendfreund, mit dem er nachmittags in einem Versteck Sex hatte. Auch im College hatte Don Abenteuer mit einem Mann. Er flog jedoch auf und musste die renommierte Studentenverbindung verlassen. So beschreibt Autor Jackson nicht nur homosexuelle Handlungen, sondern auch die Homophobie der damaligen amerikanischen Gesellschaft. Mehr noch: Er nimmt Schwule ernst und gibt einen möglichen Hinweis, weshalb Don zu einem schweren Trinker geworden ist. Noch ein Homo-Schmankerl: Jackson lässt Don in eine U-Bahn-Toilette fliehen, die sich als Klappe entpuppt – großartig!

Neben dem gut erzählten, aufregenden Plot und den brillanten Reflexionen – etwa über Literatur -, zeichnet sich dieser Roman vor allem durch den knappen, lakonischen Stil aus. Und es sind Sätze drin, die man sich sofort auf T-Shirts drucken möchte. Beispielsweise: "Er war jetzt an jenem Punkt angelangt, wo es immer nur das Eine gab; trinken und weiter trinken bis zur Besinnungslosigkeit; und morgen wieder trinken." Oder: "Das Delirium ist ein Leiden der Nacht." Der Text klappt auch im Deutschen, dank der meisterlichen Übersetzung von Bettina Abarbanell. Sie hat lobend eine ins Heute adäquate, flüssige und präzise Arbeit geleistet. Exzellent!

Vergesst den Film! Lest diese literarische Meistervorlage!

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Jacksons Nebenfiguren sind allesamt etwas schablonenhaft gezeichnet. Helen, die naiv-liebliche Freundin. Wick, der gutmütige Bruder. Holy Love, die schweigende Putze. Und so weiter. Ironie, könnte man vermuten. Mich überzeugt das leider nicht!

Dennoch: Charles Jackson hat ein eindrucksvolles Erstlingswerk geschaffen, das auch 70 Jahre nach seiner Veröffentlichung enorm begeistert. Vergesst den Film! Lest diese literarische Meistervorlage: Sie ist meilenweit besser, ambivalenter – und vor allem viel schwuler!

Am Dienstag, den 26. August um 19 Uhr lädt das Literaturhaus Hamburg zur Buchpremiere: Felix von Manteuffel liest aus "Das verlorene Wochenende" von Charles Jackson. Moderation: Rainer Moritz. Eintritt: 10/8/6 €. Schwanenwik 38, 22087 Hamburg.

  Infos zum Buch
Charles Jackson: Das verlorene Wochenende. Roman. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Mit einem Nachwort von Rainer Moritz. 352 Seiten. Leinen. Dörlemann Verlag. Zürich 2014. 24,90 €. ISBN: 978-3-03820-007-9.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Online-Leseprobe auf der Verlags-Homepage
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Tags: charles jackson, das verlorene wochenende, alkoholiker, the lost weekende, dörlemann verlag
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Reaktionen zu "Die Sehnsüchte des schwulen Alkoholikers"


 1 User-Kommentar
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Die ersten:   
#1
29.06.2015
15:28:29


(0, 0 Vote)

Von schwulenaktivist
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Von John Cheever erschien 1978 "Falconer" bei Droemer/Knaur ISBN 3-426-00770-3 als Taschenbuch. Christopher Bram schrieb eine biographische Notiz in "out" May 2009, p. 41


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