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  • 24.08.2014           9      Teilen:   |

Hetero-Vermarktung von Homo-Inhalten

Sexy Soldaten-Striptease

Artikelbild
Male Bonding an der Front: Der schwule US-Fotograf Michael Stokes sammelt historische Aufnahmen von nackten Soldaten (Bild: Archiv Michael Stokes/Taschen)

Der Bildband "My Buddy: World War II Laid Bare" zeigt nackte Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg in auffallend innigen Umarmungen. Trotzdem behauptet der Taschen Verlag, das alles sei natürlich "nicht schwul".

Von Kevin Clarke

Man darf sich durchaus zweimal die Augen reiben und staunen. Denn das Buch "My Buddy: World War II Laid Bare" mit Nacktaufnahmen von Soldaten im Zweiten Weltkrieg – aus dem Privatarchiv des schwulen Starfotografen Michael Stokes – ist die vielleicht homoerotischste Veröffentlichung des Jahres.

Sie kommt aber in der Selbstvermarktung des deutschen Taschen-Verlag vehement als "absolut unschwul" daher. Damit erreicht sie maximale Medienaufmerksamkeit im schaulustigen Hetero-Mainstream und weist einen Weg, der die Zukunft von homoerotischen Bildbänden insgesamt betrifft – die ja nicht erst seit der Insolvenz des Bruno Gmünder Verlags in einem schwierigen Marktsegment operieren.

Schwierig, weil die Titel in Buchläden kaum präsent sind, von Medien weitgehend ignoriert und von potenziellen Käufern deswegen oft gar nicht erst gefunden werden. Oder kann sich, beispielsweise, irgendwer daran erinnern, dass im Rahmen der Fußball-WM in Brasilien irgendwer – irgendwo! – das Buch "Rio Men" aus dem Hause Gmünder diskutiert oder auch nur in einem Nebensatz erwähnt hätte? (Genau.)

Das läuft im Fall von "My Buddy: World War II Laid Bare" anders. Und wenn neben allen großen Zeitschriften weltweit (!) sogar im Deutschlandfunk bei "Corso: Kultur nach drei" ein Bericht über "My Buddy" unter der Überschrift "Nackte Soldatentatsachen" gesendet wird, dann weiß man, wie viel es geschlagen hat. Und man muss neidlos konstatieren, dass in puncto Vermarktung und globaler PR niemand im schwulen Verlagswesen Taschen das Wasser reichen kann. Im Guten wie im Negativen.

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Nackt auf der Palme, dem Klo und dem Kriegsschiff

Gelungene Retro-Optik: Der Taschen Verlag hat den Bildband im Stil eines historischen blauen Fotoalbums mit Goldrand veröffentlicht
Gelungene Retro-Optik: Der Taschen Verlag hat den Bildband im Stil eines historischen blauen Fotoalbums mit Goldrand veröffentlicht

Worum geht's? Der amerikanische Fotograf Michael Stokes, einem einschlägigen Publikum bekannt dank Büchern wie "Masculinity", "Turnon: Muscles" und "Turn On: Sports", hat eine Leidenschaft: Er sammelt seit Ewigkeiten Privataufnahmen von WW2-Soldaten, die diese gemacht haben beim Rumtollen abseits des Schlachtfelds. Das heißt: Man sieht junge Männer, die sich nackt auf einem Kriegsschiff sonnen, die im Pazifik ins Wasser springen oder Palmen hochklettern, die mit entblößtem Hintern auf der Latrine sitzen, die sich freundschaftlich herzen und drücken, und die alle sehr (!) gut und sehr (!) glücklich aussehen. Was angesichts der bedrückenden Umstände des Krieges bemerkenswert ist.

Stokes selbst sagt im Telefonat zu mir: "Ich habe angefangen, diese Fotos zu sammeln, lange bevor ich selbst Fotograf wurde. Ich fing eigentlich deshalb an zu fotografieren, weil diese historischen Bilder so verdammt teuer waren und ich dachte, es wäre für mich billiger, solche Szenen mit Soldaten einfach selbst nachzustellen, statt den historischen Aufnahmen nachzujagen." (Entsprechende Soldaten-Motive findet man in seinen modernen Werken zuhauf.)

Letztendlich hat Stokes dann beides gemacht, selbst fotografiert und weitergesammelt. Inzwischen hat er eine Sammlung von zirka 500 historischen Aufnahmen in seinem Archiv, nicht nur aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch aus dem Korea- und Vietnam-Krieg sowie – als echte Rarität – Aufnahmen aus dem Spanisch-Amerikanischen-Krieg 1898.

Zur Erinnerung: Soldaten-Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg sind bereits von Evan Bachner 2007 in seiner "At Ease"-Serie veröffentlicht worden ("Men of WWII: Fighting Men at Ease" usw.). Bachners Fotos stammen allerdings aus der Library of Congress, es sind also professionell gemachte Aufnahmen, die im Vergleich zur Stokes-Sammlung privater Schnappschüsse eher "zahm" sind, wie Stokes selbst meint.

Der schwule Verlag war an dem Bildband nicht interessiert

Michael Stokes hat die historischen Bilder via eBay, bei Flohmarktbesuchen und bei "Military Trade Shows" zusammengetragen. Und er hat sie nicht einem schwulen Verlag wie Gmünder gegeben, wo seine anderen Fotobände erschienen sind. Auch deshalb nicht, weil man dort auf seine diesbezüglichen Vorschläge gar nicht erst reagiert hat, anders als bei Taschen. Taschen hat dann die 63-jährige Erotikexpertin Dian Hanson ("The Big Penis Book") als Herausgeberin daran gesetzt, das Ganze in eine attraktive Form zu gießen. Was ihr und den Layoutern bei Taschen mit bewusster Retro-Optik – im Stil eines historischen blauen Fotoalbums mit Goldrand – absolut gelungen ist. Hanson schreibt im Buch ein kurzes sachliches Vorwort, das wegen der Übersetzung in drei Sprachen nach mehr aussieht als es eigentlich ist. Sie erklärt, wer diese Fotos wo, wann und wie mit welchen technischen Geräten aufgenommen hat. Und fertig.

Dann folgt eine Intro des ehemaligen Marine-Soldaten Scotty Bowers, der unlängst viel Medienwirbel auslöste, als er seine Memoiren veröffentlichte, in denen er schildert, wie er als heterosexueller Callboy bzw. Callboy-Vermittler für schwule Hollywoodstars in der 1940er und 1950er Jahren Karriere in Los Angeles machte: "Full Service. My Adventures in Hollywood and the Secret Sex Lives of the Stars". Ausgerechnet dieser Mr. Bowers erklärt nun Taschen-Kunden, dass die Bilder, die man in "My Buddy" sieht, auf gar (!) keinen Fall "schwul" seien, die Jungs damals im Krieg keine Ahnung hatten, was "Homosexualität" gewesen sei und dass in jener Zeit eine "Naivität" vorherrschte, die wir uns heute nicht mehr vorstellen könnten. Demnach sind die Bilder, die dann auf 321 Seiten folgen, auch für Heteromänner problemlos konsumierbar, weil es ja um "Männerfreundschaften" in Kriegszeiten geht, um "buddies" eben. An Sex habe bei diesen Umarmungen niemand gedacht, behauptet Bowers. Und Homos gibt's, ihm zufolge, weit und breit nicht zu sehen. (Aha, danke dass das dann auch gleich geklärt ist.)

Dass viele junge Männer genau in solchen Situationen, im Zweiten Weltkrieg, erstmals entdeckten, dass es auch andere Schwule gibt und dass diese Entdeckung ein "Gruppengefühl" auslöste, das nach 1945 nicht unwesentlich dazu beitrug, dass die Schwulenbewegung in den USA massiv in Gang kam, kann man u.a. in "Gay L.A.: A History of Sexual Outlaws, Power Politics, and Lipstick Lesbians" ausführlich nachlesen. Bei Taschen wird dieser Aspekt nicht nur völlig ignoriert, sondern geradezu negiert. Er könnte ja Käufer verschrecken, denen beim geringsten Anflug von "Schwulitäten" das Buch aus der Hand fallen würde.

So aber kann jeder – ein homophober genauso wie ein homophiler Leser – das Buch stolz zur Kasse des nächsten Buchladens tragen und sich an den wunderbaren Bildern erfreuen. Was man auf den Bildern genau sieht, wo sich die Szenen abspielen, was sie bedeuten, all das erfährt man nicht. Denn es gibt keine Bildunterschriften. Außer im hinteren Teil des Buchs, wo eingekaufte Agenturbilder mit Filmszenen Textpassagen von Gore Vidal und anderen illustrieren, wieder jeweils dreisprachig gestreckt. Auch die spannenden WW2-Poster, die Dian Hanson aus ihrem eigenen Archiv beigesteuert hat, sind beschriftet. Aber selbst hier ist der Verweis auf einem Homo-Subtext weitgehend ausradiert.

Deutsche Soldaten wurden aus dem Band herausgestrichen

Nacktfoto-Sammler und Fotograf Michael Stokes kennen viele schwule Leser durch seinen erotischen Bildbände "Masculinity" und "Turn On: Sports"
Nacktfoto-Sammler und Fotograf Michael Stokes kennen viele schwule Leser durch seinen erotischen Bildbände "Masculinity" und "Turn On: Sports" (Bild: privat)

Deutsche Soldaten – nackt – sieht man übrigens nicht. Nicht, weil es diese Bilder nicht gibt im Stokes-Archiv. Sondern weil Dian Hanson fand, dass "Taschen, als deutscher Verlag, Rücksicht auf die Familien von Holocaust-Opfern nehmen" müsse. "Deswegen haben wir uns entscheiden, deutsche Bilder wegzulassen", erzählt Stokes. Und ergänzt: "Es ist allerdings schwierig, deutsche Bilder von russischen zu unterscheiden, besonders wenn die Männer nackt sind. Man sieht nur Stiefel an Männern, die am See sitzen. Dian hat die Bilder rausgeschmissen, die offensichtlich Deutsche zeigen. Da war beispielsweise ein Gruppenbild von Männern auf einem Klo, wo einer einen Mantel umhatte, auf dem man ein Hakenkreuz sehen konnte. Das ist leider nicht im Buch, obwohl's ein tolles Bild ist."

Auch ohne dieses Hakenkreuz-auf-dem-Klo-Foto kann Michael Stokes sich freuen. Denn mit einem Mega-Bestseller wie "My Buddy" wird er mehr Geld verdienen als mit all seinen rein schwulen Fotobänden zusammen, von denen noch nie einer beim Deutschlandfunk besprochen wurde. Und die auch sonst nicht den Weg in "Vanity Fair" oder "GQ" fanden. Typisches Taschen-Terrain halt.

Die Hetero-Vermarktung von Homo-Inhalten

Wo solche Hetero-Vermarktung von Homo-Inhalten hinführen wird, muss sich noch zeigen. Aber man merkt schon jetzt, dass der Markt sich im Umbruch befindet. Und dass das alte Modell von schwulen Bildbänden – die nur von einem verschwindend geringen Teil der schwulen Welt selbst wahrgenommen werden – kein echtes Zukunftsmodell ist. Ich hoffe, dass die Dian Hansen/Taschen-Variante nicht die einzige Option für die Zukunft ist. Vielleicht können schwule Verleger von diesem PR- und Veröffentlichungskonzept lernen, wie sie ihre Produkte künftig besser an den Mann – und an die Frau! – bringen können?

Denn es gibt keinen Grund, um auf "Rio Men" zurückzukommen, warum die Bilder von attraktiven Brasilianern nicht in den Juli-Ausgaben von sämtlichen Frauenzeitschriften dieser Erde hätten abgedruckt werden können. So wie mit den "My Buddy"-Bildern geschehen. Sogar der "Spiegel" hat mit Stokes ein Interview geführt. Darin antwortet er auf die Frage, was ihn an diesen Bildern besonders fasziniere: "Wie die meisten Menschen 2014 viel ängstlicher und prüder in Bezug auf Nacktheit sind als vor 100 Jahren. Anfang des 20. Jahrhunderts war es für Gruppen von Männern kein Problem, gemeinsam nackt in einem Fluss oder im Meer schwimmen zu gehen, heute ist das geradezu tabu. Jugendliche stehen heute mit Unterhosen unter der Dusche im Sportstudio! Heute bekommt Nacktheit und bekommen Nacktfotos schnell den Stempel 'Porno' aufgedrückt. In Amerika ist das noch schlimmer als in Europa, besonders wenn es um Fotos von nackten Männern geht. Das Cover von 'My Buddy', beispielsweise, darf nicht auf Facebook gezeigt werden, weil es gegen deren 'Community Standards' verstößt!"

Dass selbst Taschen – bei all der Heterosexualisierung, die Dian Hanson in "My Buddy" vorgenommen hat – mit diesem Buch-Cover an Facebook gescheitert ist, während die Bilder aus dem Buch überall sonst in XXL abgedruckt wurden, ist fast eine Ironie der Geschichte. Aber eine, über die nicht mal Michael Stokes lachen kann.

  Infos zum Buch
Dian Hanson (Hrsg.): My Buddy. World War II Laid Bare. Fotoband. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Hardcover. Buchdecke mit Reliefprägung. Goldschnitt. Format: 27.7 x 24.2 cm. 320 Seiten. Taschen Verlag. Köln 2014. 49,99 €. ISBN 978-3-8365-4796-3
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Fotoband und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Der Deutschlandfunk über den Bildband
» Homepage von Michael Stokes
» Fanpage auf Facebook
Galerie
My Buddy. World War II Laid Bare

10 Bilder
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Tags: michael stokes, my buddy, male bonding, nackte soldaten, zweiter weltkrieg, taschen
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Reaktionen zu "Sexy Soldaten-Striptease"


 9 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
24.08.2014
15:28:07


(+6, 14 Votes)

Von Alles gesagt


Krieg, widerliche Kriegsverherrlichung, Markt, Vermarktung, Marktsegment... aggressive Zwangsheterosexualität.

Die Geschichte, Gegenwart und Eigengesetzlichkeit eines Systems, das auf Ausbeutung und Profit im Interesse einiger Weniger beruht.

Grundsätzlich unvereinbar mit tatsächlicher sexueller Befreiung und Emanzipation.


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#2
24.08.2014
15:49:07


(-2, 8 Votes)

Von Laurent
Aus Heidelberg (Baden-Württemberg)
Mitglied seit 27.12.2015
Antwort zu Kommentar #1 von Alles gesagt


Widerlich ist m.E. vor allem, sich bei diesem Thema selbst angesichts der Grausamkeiten des Krieges nicht zurückhalten zu können.


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#3
24.08.2014
15:51:56


(+6, 8 Votes)

Von opa war nackt


papa auch

Wo wohl die männlichen Vorfahren der Familie des Mannes aus dem prüden Land der Amokläufe und Veteranensuizide eine Nacktheit erlebt haben, die
Michael Stokes sich phantasieren kann? Asien? Europa? Afrika?


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#4
24.08.2014
16:28:37


(-5, 7 Votes)

Von Gianni


Dass ausgerechnet dieser Callboy aus LA - der sein ganzes Leben von Schwulen gelebt hat, mit ihnen sein Geld verdient hat und nun im Alter über seine Memoiren nochmal abkassiert, indem er sie blos stellt -, dass der nun als "Ist alles nicht schwul"-Macker auftreten darf und ein solches internationales publizistisches Forum gekommt, ist schon bitter.


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#5
24.08.2014
18:55:57


(+2, 6 Votes)
 
#6
24.08.2014
23:58:14


(-3, 5 Votes)

Von Gerhard


Coole Strategie.Vielleicht kommt dann ja auch bald Sonntags Gay-Porn statt Tatort.
:D


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#7
25.08.2014
00:53:19


(-3, 5 Votes)

Von Alte Tunte
Antwort zu Kommentar #1 von Alles gesagt


Haaallooo! Frauengold nehmen!


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#8
25.08.2014
07:31:07


(+5, 5 Votes)

Von Habukaz
Mitglied seit 07.11.2013


Ich habe im meinem Leben noch nie einen Bildband gekauft. Wozu auch? Und bei so einer Ablehnung von allem, was schwul ist, werde ich bestimmt nicht damit anfangen.

Wenn ich Bilder haben will, suche ich mir im Internet genau das, was ich möchte.


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#9
26.08.2014
17:22:48


(-1, 1 Vote)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Heiße Fotos!


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