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Roman "Die Schützen"

Homo-Sex beim "Rommel-Feldzug"


Der Zweite Weltkrieg als Staffage für eine schwule Liebesgeschichte: Drei Wehrmachts-Offiziere sitzen bei dieser Aufnahme aus dem Bundesarchiv während des Afrikafeldzugs auf einem Panzer (Bild: Wiki Commons / Valtingojer / CC-BY-SA-3.0-DE)

Thomas Mohrs Roman "Die Schützen" erzählt von einer schwulen Liebe im Zweiten Weltkrieg.

Von Angelo Algieri

"Auch Homosexuelle haben ein Recht auf ein Happy End." Das sagt eine Nebenfigur des in diesen Tagen beim Berliner Querverlag erschienen Romans "Die Schützen" des NDR2-Redakteurs Thomas Mohr. Diese pathetische Parole gibt die Richtung des Textes an.

Mit dem Schandparagrafen 175 des Reichs- bzw. Strafgesetzbuches war Schwulen ein Happy End in Deutschland lange verwehrt. Das galt auch für schwule Wehrmachtssoldaten. Im Roman erkundet Geschichtsstudent Timo im Jahr 2001 im Rahmen seiner Seminararbeit die geheimnisvolle Vergangenheit des nun 80-jährigen Großvaters Ernst. Dieser traf 1941 an der Ostfront den Fliegerkurier und Adligen Gero. Der adrette Offizier entschied, dass Ernst ihn in Zukunft in seinem Flieger begleiten sollte.

Bei einer Feier in Berlin floss reichlich Alkohol – und natürlich landeten beide im Bett. Ernst war überrascht, dass er eine begehrlich-homosexuelle Leidenschaft für sich entdeckte. Beide verliebten sich ineinander. Doch am darauffolgenden Morgen der Schock: Ernst erfuhr, dass seine Freundin Elli von ihm schwanger war. Bevor Ernst nach Nordafrika abkommandiert wurde, heirateten Elli und er. Geliebter Gero wurde Trauzeuge…

In Nordafrika werden Ernst und Gero beim Sex erwischt


Thomas Mohrs Roman "Die Schützen" ist Anfang des Monats im Berliner Querverlag erschienen

In Nordafrika beim "Rommel-Feldzug" näherten sich unsere zwei Hauptfiguren im Schutze der Nacht. Bis sie in flagranti erwischt wurden. Sie konnten die Angelegenheit über Geros Verwandtschaft regeln. Bedingung war aber, dass die beiden den Nordafrika-Feldzug verlassen mussten.

Ernst und Gero wurden im besetzten Dänemark stationiert. Dort schlossen sich beide dem Widerstand an und halfen mit, Juden in das neutrale Schweden zu schleusen.

Als Rostock beinahe täglich bombardiert wurde, wollte Ernst seine Frau Elli und seinen mittlerweiligen zweijährigen Sohn ebenfalls nach Schweden schicken. Doch am 20. Juli 1944, dem Attentat auf Hitler, kam alles anders…

Das ist die eine episodenhafte Geschichte. Die andere findet im Jahr 2001 statt.

Eine binationale schwule Liebe im Jahr 2001

Timo ist seit zweieinhalb Jahren mit dem Jordanier Ammar zusammen. Ihre Beziehung bröckelt massiv, als Ammar Timo einen Heiratsantrag macht. Timo antwortet nicht. Auch weil er gegen die Ehe und das damals neue Partnerschaftsgesetz ist. Doch für Ammar ist eine eingetragene Partnerschaft wichtig, weil mit dem nahenden Ende seines Studiums auch die Aufenthaltserlaubnis erlischt und er nach Jordanien zurück muss. Die Ereignisse von 9/11 setzen ihn ebenfalls zu, so dass er nach Jordanien zurückkehrt, ohne dass er Timo ein Wort sagt… Wie wird sich Timo entscheiden? Wird er für seine Liebe kämpfen?

Zugegeben, Autor Mohr thematisiert in seinem Unterhaltungsroman wichtige wie lohnenswerte Themen. Etwa schwule Wehrmachtssoldaten, die das Nazi-Regime teils unterstützten – auch wenn sie sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zu Widerstandskämpfern entwickeln. Klug zeigt Mohr zudem, wie der Schandparagraf 175 als Druck- und Denunziationsmittel genutzt wurde – sowohl in der Nazi-Zeit wie in den 1950ern Jahren. Ähnlich wie Christoph Poschenrieders Roman "Das Sandkorn" (queer.de rezensierte).

Zusätzlich gelungen, wie die Ehe bzw. die eingetragene Partnerschaft in den Parallelgeschichten ambivalent dargestellt wird. Einmal zur Verteidigung der konservativen, homophoben Werte. Das andere Mal, um ein schwules Leben in Freiheit zu führen.

Ein Roman wie ein schlechter Zarah-Leander-Film


Autor Thomas Mohr arbeitet als Redakteur beim Norddeutschen Rundfunk. "Die Schützen" ist sein erster Roman (Bild: NDR)

Doch bedauerlicherweise hat dieser Roman große Schwächen: Obwohl die Story handwerklich gut geschrieben ist, packt sie einen erstaunlicherweise nicht. Einige Stellen sind schwulstig und driften ins Kitschige ab. Andere sind detailreich beschrieben, ohne etwas zu sagen. Zum anderen fühlt man sich in diesem Roman beinahe wie in einem schlechten Zarah-Leander-Film: Das Zweite-Weltkrieg-Setting ist reine Staffage. Kampfhandlungen kommen kaum vor. Der Krieg, der Tod und das Morden werden beiläufig, oberflächlich oder gar nicht erwähnt. Gefühle wie Angst, innere Zerrissenheit – Fehlanzeige.

Außerdem ist die Wehrmachtshandlung zu heroisch erzählt. Der Krieg als Profilierung für Flieger-Abenteurer und Prahlhanse. Der Text suggeriert: ein Spaß, dieser Krieg! Man möchte an vielen Stellen mit den Augen rollen. Unverständlich auch, warum Gero oder Ernst nicht über Widersprüche reden oder reflektieren. Wie konnten sie als schwule Soldaten das homophobe Nazi-Regime unterstützen? Für mich eine zentrale Frage – vor allem als sie nach dem Krieg mitbekommen haben mussten, wie viele Schwule im Konzentrationslager umgebracht wurden.

Ein verpasster Diskussionsbeitrag

Da macht es sich Autor Mohr viel zu einfach, eine in Watte eingelegte Liebes-Story im Zweiten Weltkrieg zu erzählen. Sein Motto könnte lauten: Bloß nicht weh tun! Mohr hätte sich an "Alf" von Bruno Vogel (queer.de rezensierte) orientieren sollen. In jenem Text wird die ganze Brutalität des Ersten Weltkrieges aufgezeigt. Mehr noch: Vogel benennt in seinem pazifistischen Roman die Diskrepanz zwischen Kampf an der Front für das Vaterland, das gleichzeitig die schwule Liebe mit dem Paragraf 175 bestraft. Lohnt es sich, für diese homophobe Gesellschaft sein Leben zu opfern? Solche und ähnliche Fragen hätte ich mir bei Mohr durchaus gewünscht.

Fazit: Mohr hat zielsicher einen Diskussionsbeitrag verpasst. Er wird mit diesem Text sicherlich seine Leser finden. Jene, die auf einlullende Schmöker stehen – und die sich nicht lange mit Abgründen und Diskrepanzen aufhalten wollen. Hauptsache nette Liebesgeschichten mit ein bisschen Tabubruch und gar mit zwei Happy-Ends. Ach, wie herzig! – Leider langweilig!

Infos zum Buch

Thomas Mohr: Die Schützen. Roman. 408 Seiten. Querverlag. Berlin 2014. 16,90 €. ISBN: 978-3-89656-226-5


#1 NilsAnonym
  • 14.09.2014, 12:53h
  • Lesung mit Thomas Mohr aus seinem Roman "Die Schützen" mit anschließender Diskussion.

    Mittwoch, 5. November 2014, 18 Uhr c. t.,
    BIS Saal der Universität Oldenburg. Eintritt frei.
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#2 MariuszAnonym
#3 Sveni MausiAnonym
#4 Sabelmann
  • 14.09.2014, 14:33h
  • "Obwohl die Story handwerklich gut geschrieben ist, packt sie einen erstaunlicherweise nicht. "

    Warum müssen Verfasser solcher Artikel immer davon ausgehen dass ihre Aussagen auch für die Allgemeinheit gelten?Es sollte jeder ,der will, selbst beurteilen ob ihm was gefällt,berührt,erreicht usw.!
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#5 NilsAnonym
#6 multikultiAnonym
#7 schwarzerkater
  • 14.09.2014, 18:47h
  • freue mich grundsätzlich über jeden schwulen roman, der nicht von strichern und deren romatischen kunden handelt.
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#8 Robby69Ehemaliges Profil
  • 14.09.2014, 19:21h
  • Antwort auf #7 von schwarzerkater
  • Was hast Du gegen Stricher? Woher willst Du wissen, ob sie romantische oder "nicht" romantische Kunden haben? Wie willst Du eigentlich beurteilen können, wie Stricher/Escorts denken, fühlen, handeln?
    Kennst Du überhaupt einen Stricher persönlich oder ist ein Stricher Dein Freund? - Nein? Dann kannst Du auch nicht beurteilen, wie ein Stricher fühlt, denkt etc.
    Deine Überheblichkeit und Dein abfälliges Geschwurbel gegenüber Strichern ist wirklich zum Kotzen! Schon mal auf die Idee gekommen, dass das verdammt noch mal ganz normale schwule Männer sind wie Du und ich?!
    Nur weil sie ihre Körper verkaufen, heißt das nicht, dass sie als Mensch deshalb weniger wert sind als Du!
    Mehr Toleranz anderen gegenüber, ja?!
    Die meisten Stricher/Escorts verkaufen ihren Körper nicht, weil es ihnen "Spaß" macht, sondern, um zu überleben, verdammt noch mal!
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#9 Baer2014Anonym
  • 14.09.2014, 19:29h

  • Ich müßte das Buch erstmal lesen um mir eine Meinung zu bilden. Ich denke, der Redakteur hat nur seine Meinung wiedergegeben.

    Diese Diskrepanzen gab es. Ich erinnere mich an eine Publikation aus den 80ern wo berichtet wurde, daß es bis zum Schluß des 2. Weltkriegs in Berlin eine Schwulenbar für hohe Wehrmachtsoffiziere gab mit Duldung des Regimes... woraus ich den Schluß gezogen habe, daß die Oberschicht, sich eine Nische erhalten hatte - während außerhalb davon schwule Männer im KZ und Zuchthaus gequält und ermordet wurden.

    Der Autor des Buchs hat wohl "die Kurve kriegen" wollen und deshalb seine Protagonisten am Ende zu Widerstandskämpfern gemacht um nicht das damalige Regime zu verherrlichen.

    Solche schwulen Lovestories sind eigentlich mein Ding aber davon habe ich aktuell schon eins auf meiner Leseliste (Susan Laine "Sounds of Love") und da ich selten zum Lesen komme wird's noch dauern, bis ich mir das hier besprochene Buch evtl. hole.
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#10 Klare KanteAnonym
  • 15.09.2014, 08:38h
  • Antwort auf #8 von Robby69
  • @ Robby69:

    "Schwarzerkater" hat sich doch gar nicht abfällig über Stricher geäußert! Wisch Dir doch erstmal den Schaum vom Mund ...

    Es ging ihm nur darum, aufzuzeigen, dass Filme über Homosexuelle in der Vergangenheit fast immer entweder das Thema "Paradiesvogel" hatten, oder Dinge wie Sterben, Tod, Vergänglichkeit. Und in diesem Zusammenhang auch gerne das "Homo-Milieu" bzw. "Stricher-Milieu".

    Dass man als selbstbewusster schwuler Mann von solchen Klischees die Nase voll hat, dürfte klar sein, oder?
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