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  • 27.09.2014           10      Teilen:   |

"Londoner Triptychon"

Unsere Stricher, die ewig gefallenen Engel

Artikelbild
Ausschnitt aus dem Cover: Neben Jungs, die ihren Körper verkaufen, geht es in den drei Handlungssträngen des Romans immer auch um die unerwiderte Liebe

Jonathan Kemps Roman "Londoner Triptychon" erzählt die Geschichten dreier schwuler Sexarbeiter aus drei verschiedenen Epochen.

Von Angelo Algieri

Nicht schon wieder ein Stricher-Roman, möchte man stöhnen. Hat die sogenannte schwule Literatur noch andere interessante Figuren zu bieten? Offensichtlich nicht! Wie im vorliegenden Roman "Londoner Triptychon" des englischen Autors Jonathan Kemp. Sein Debüt ist nun in deutscher Übersetzung beim Hamburger Männerschwarm Verlag erschienen.

Wie der Titel andeutet, werden drei Tableaus entworfen. Literarisch übertragen in drei Episoden aus drei unterschiedlichen Zeiten: 1894, 1954 und 1998. Alle drei Geschichten spielen in London. In allen drei Geschichten stehen sexy Stricher im Mittelpunkt.

Fortsetzung nach Anzeige


Drei Strich-Geschichten aus den Jahren 1894, 1954 und 1998

Jonathan Kemp, Jahrgang 1967, veröffentlichte "London Triptych" 2010 in Großbritannien. Sein Roman wurde dort mit dem Authors' Club Best First Novel Award ausgezeichnet
Jonathan Kemp, Jahrgang 1967, veröffentlichte "London Triptych" 2010 in Großbritannien. Sein Roman wurde dort mit dem Authors' Club Best First Novel Award ausgezeichnet

Im Jahr 1894 heißt der Stricher, pardon "Puppenjunge", Jack. Er arbeitet bei Taylor, wo Adlige und renommierte Mitglieder des Houses of Parliament ein- und ausgehen. Und natürlich darf am Ende des 19. Jahrhunderts Oscar Wilde nicht fehlen. Wilde bucht Teenager Jack regelmäßig, nimmt ihn auf karnevaleske Orgien mit, führt ihn aus, unternimmt mit ihm sogar eine Paris-Reise – und Jack wird sogar zu Wildes Inspiration.

Genau, wir ahnen es schon: Jack verliebt sich in Wilde. Mehr noch: Er glaubt, dass der Dicher auch in ihn verliebt sei. Als Oscar Wilde merkt, dass er vorsichtiger sein muss – die Klagen und Prozesse stehen an -, stößt er Jack ab. Dieser ist ganz irritiert und bemerkt, dass sich Wilde stattdessen mit einem Stricher-Kollegen trifft. Verrat liegt ihn der Luft! Und Jack wird sich aus Eifersucht bitter an Wilde rächen…

In den miefigen 1950er Jahren übernimmt Mittfünfziger Colin die Rolle des Freiers. Er hat sehr spät zur Malerei gefunden und lädt regelmäßig den modelnden Stricher Gregory nach Hause in sein Atelier ein. Er wird nahezu süchtig nach ihm – auch wenn sich die beiden noch nicht berührt haben. Colin bemerkt spät, dass er auf Männer steht. Doch mit Gore, wie er sein Model nennt, wird er trotz des Homoparagrafen tollkühn, waghalsig. Er besucht zum ersten Mal eine Homo-Bar, cruist in Klappen. Um die maliziösen Erlebnisse Gores, die er während des Malens erzählt, selbst zu erleben. Und ja, beide landen noch im Bett – Colin verliebt sich so sehr, dass er am Rande des Wahnsinns steht…

Porno, Fuckbuddy und Drogen am Ende des 20. Jahrhunderts

In der dritten Geschichte, die im Jahr 1998 spielt, geht es um den Endzwanziger David, der bereits in der Provinz in den 1980er Jahren als Jugendlicher anschaffen ging. Als er nach London zog, gab er Inserate in Homo-Zeitschriften auf, besorgte sich ein Telefon und schon klingelte die Kasse. Er spielte bald darauf in Pornos mit – und Jahre später verliebte er sich in den etwa gleichaltrigen Darsteller Jake und stellte sich eine Beziehung mit ihm vor. Doch Jake wollte ihn nur als Fuckbuddy haben, mit ihm eine spaßige Zeit verbringen, gemeinsam Drogen nehmen. Er überredete David, ein Auto von Amsterdam nach London zu chauffieren – doch das brachte ihn in die Bredouille, weswegen wir seine Geschichte im Rückblick erzählt bekommen…

In allen drei Epochenstorys von Jonathan Kemp geht es um die unglückliche, unerwiderte Liebe: Stricher verliebt sich in Freier, Freier verliebt sich in Stricher, Stricher verliebt sich in Stricher. Leider ist diese Deklination vorhersehbar und wenig überraschend. Auch wenn die drei Episoden nicht en bloc erzählt werden – also entgegen des Triptychon-Prinzips -, sondern in kurzen, abwechselnd rotierenden Szenen der drei Episoden. Zwar modern gedacht vom 47-jährigen Autor, doch strukturell passt das mit dem Inhalt kaum zusammen.

Der "schöne Jüngling" wird zur Massenware

Die deutsche Übersetzung des Romans ist im Hamburger Verlag Männerschwarm erschienen
Die deutsche Übersetzung des Romans ist im Hamburger Verlag Männerschwarm erschienen

Interessanter ist dagegen, dass Kemp das Triptychon selbstreflexiv in der mittleren Episode darstellt. Maler Colin malt ein dreigeteiltes Bild über Gore, das später im Tate-Museum hängen wird. Man könnte dies als eine Reminiszenz an Francis Bacon sehen, dessen Triptychen verschiedene Perspektiven einer Person zeigen, etwa wie das für 142 Millionen US-Dollar versteigerte Gemälde "Drei Studien für Lucian Freud".

Des Weiteren widmet sich Kemp in jeder Episode einer Kunstrichtung, in der Stricher abgebildet werden – Ars trifft Eros. Im ersten Bild die Literatur, im zweiten die Malerei und im dritten der Film – auch wenn es sich um Pornofilme handelt. Die Message ist klar: Über die Jahrzehnte erhöhte sich der Zugang zu Abbildungen des "schönen Jünglings", auch wenn diese zur anspruchslosen Massenware wurden. Hört man ein ästhetisch-bürgerliches Bedauern früherer Jahre heraus? Ein Schelm…

Gelungen ist an diesem Roman zudem, dass die Stricher-Geschichten die damaligen Gesellschaften Londons widerspiegeln. Die Sexarbeiter kommen aus unterschiedlichen Milieus: Jack aus dem "Lumpenproletariat", Gore aus der "Gelegenheits-Arbeiterschicht" und David aus der Mittelschicht. Aich die Gründe fürs Anschaffen sind verschieden: Jack entflieht aus der Armut, Gore bewahrt sich seine Selbstständigkeit und Flexibilität im Leben, während David sich vor allem lustvolle Neugier und Unabhängigkeit vom Elternhaus verspricht.

Auch wenn der Londoner Autor auf der deutschen Verlagshomepage beteuert, Wildes "De Profundis" und "Das Bildnis des Dorian Gray" sowie Bestandteile von Wildes Biografie als Folie für seinen Text genommen zu haben, bietet sein Roman letztlich nichts Neues.

Stricher werden in der Literatur nur mit Heiligenschein verehrt

Nicht Neues, weil Kemp gängige Stricher-Klischees samt Drogenkonsum bedient. Nichts Neues, weil die Sexarbeiter-Protagonisten keine neuen Einblicke gewähren. Nichts Neues, weil diese unerwiderten Liebesgeschichten in der Literatur so oft zu lesen sind. Nichts Neues, da Stricher als Heilige, als Märtyrer, als gefallene Engel dargestellt werden.

Das Symptomatische: Kemp ist damit nicht alleine; man denke an die Gegenwartsromane seiner deutschsprachigen Kollegen Jan Sressenreuter ("Als Jakob die Zeit verlor"), Fabian Kaden aka Michael Sollorz ("Das mit uns"), Gunther Geltinger ("Mensch Engel").

Ärgerlich und langweilig zugleich, dass keine neuen Sexarbeiter-Perspektiven, keine neuen Callboy-Erzählungen in der sogenannten schwulen Gegenwartsliteratur geschildert werden. Ich habe das Gefühl, dass Stricher nur mit Heiligenschein verehrt werden. Wo sind die Geschichten über Prostituierte, die über Diskriminierung sprechen? Wo sind die Storys von Strichern außerhalb der EU oder jene, auf die sozio-ökonomischen Verhältnisse hierzulande schauen? Wo sind raffinierte Texte von Gelegenheits-Sexworkern? Wo sind Stricher-Texte, die sich mit körperlich-behinderten Freiern treffen? Wann lesen wir tragische Romane von Strichern, die plötzlich krank werden und alles verlieren? Wo sind die Storys von HIV-infizierten Callboys, die ihre Leistungen bare anbieten? Kurz: Wo sind reflektierte Geschichten aus dem gut beobachtenden Leben von männlichen Sexarbeitern mit dem berühmten literarischen Stachel im Fleisch?

Anders gesagt: Die Zeiten, als schwule Stricher per se in der Literatur der westlichen Welt als Provokation, für Tabubrüche und Skandale standen, sind lange vorbei. Andere Sexarbeiter-Erzählungen müssen her; mit neuen Perspektiven, neuen Zusammenhängen, neuen Verweisen. Die heiligen Huren haben ausgedient!

  Infos zum Buch
Jonathan Kemp: Londoner Triptychon. Roman. Aus dem Englischen von Joachim Bartholomae. Klappenbroschur. 232 Seiten. Männerschwarm. Hamburg 2014. 19 €. ISBN: 978-3-86300-178-0.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Die englische Originalausgabe "London Triptych" bei Amazon
» Leseprobe auf der Verlagshomepage
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Tags: jonathan kemp, londoner triptychon, stricher, oscar wilde, sexarbeiter, männerschwarm
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Reaktionen zu "Unsere Stricher, die ewig gefallenen Engel"


 10 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
27.09.2014
22:43:24


(+3, 3 Votes)

Von Corvin Snow


Ich hatte das Buch bereits letztes Jahr in der englischen Originalversion gelesen, um mein Englisch etwas zu verbessern. Ich habe es nun nochmals auf Deutsch gelesen. Die Übersetzung ist meiner Ansicht nach gelungen. Der Schreibstil des Autors ist sehr flüssig und in der Übersetzung geht dies nicht verloren. Die Dreiteilung ist sehr interessant gestaltet, wobei die Geschichte um 1894 am interessantesten ist. Das liegt wohl auch daran, dass diese zuerst entwickelt wurde und die anderen beiden und die Idee des Triptychons erst später entstanden sind. Mich hat die erste Geschichte an die Jugendroman-Trilogie "Adrian Mayfield" erinnert von Floortje Zwigtman. Allerdings ist Kemps Geschichte dagegen pornografisch, da es kein Jugendroman ist. Sicherlich schon wieder wird das Strichermilieu literarisch abgearbeitet, aber dem Autor gelingt dies sprachlich interessant. Wer nicht erneut etwas über Stricher lesen möchte, dem empfehle ich das Buch von Benjamin Alire Saenz "Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums" oder "Alles beginnt und endet im Kentucky Club".


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#2
28.09.2014
01:28:12
Via Handy


(+2, 2 Votes)

Von Baer2014


Hat hier nicht neulich jemand geschrieben, ihm hingen die ewigen Stricher-Romane aus dem Hals (sinngemäß zitiert).

Für Nachschub ist offenbar gesorgt.
Der Autor ist auch noch mein Jahrgang...


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#3
28.09.2014
10:18:09


(0, 2 Votes)

Von schwarzerkater
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #2 von Baer2014


"Hat hier nicht neulich jemand geschrieben, ihm hingen die ewigen Stricher-Romane aus dem Hals (sinngemäß zitiert)." ja, ich war das, bekenne mich schuldig
und die rezension ("Nicht schon wieder ein Stricher-Roman, möchte man stöhnen.") beginnt ja gleich mit meinen ersten gedanken an dieses buch.

und im letzten abschnitt formuliert er es noch besser:
"Anders gesagt: Die Zeiten, als schwule Stricher per se in der Literatur der westlichen Welt als Provokation, für Tabubrüche und Skandale standen, sind lange vorbei." - hoffentlich


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#4
28.09.2014
12:11:59


(+3, 3 Votes)

Von sperling


mal hand aufs herz, liebe und geschätzte queer-redaktion: mindestens zwei drittel der buchrezensionen algieris raten relativ dringend von den besprochenen büchern ab. es kann natürlich mal vorkommen, dass man sich über ein buch zu recht ärgert. aber ist es wirklich der zweck einer rezensionsspalte, vom bücherlesen grundsätzlich eher abzuschrecken?

oder nehme ich das hier total falsch wahr?


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#5
29.09.2014
04:41:40
Via Handy


(+2, 2 Votes)

Von Baer2014
Antwort zu Kommentar #3 von schwarzerkater


#schwarzerkater

Ich vermisse schmerzlich schwule SciFi-Literatur. Bei Fantasy gibts das ja zuhauf aber seit Harry Popper (grins) und Herr der Ringe bin ich mit Fantasy durch, weil extrem überfüttert.

Bei Perry Rhodan gabs in 53 Jahren ein einziges schwules Paar und das waren sechs Meter große Riesenspinnen...


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#6
29.09.2014
14:41:54


(+2, 2 Votes)

Von sperling
Antwort zu Kommentar #5 von Baer2014


rettung naht schon im oktober:

"Paul Niemösers BARRY HODEN - IM WELTALL HÖRT DICH KEINER GRUNZEN"

Link zu www.facebook.com


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#7
30.09.2014
03:49:35
Via Handy


(+2, 2 Votes)

Von Baer2014
Antwort zu Kommentar #6 von sperling


Link zu www.linkedin.com

#sperling

Etwa der hier? Bin etwas perplex.


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#8
30.09.2014
13:41:41


(+2, 2 Votes)

Von sperling
Antwort zu Kommentar #7 von Baer2014


?? dein link funktioniert nicht...


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#9
01.10.2014
03:27:49
Via Handy


(+2, 2 Votes)

Von Baer2014
Antwort zu Kommentar #8 von sperling


#sperling

Habs grad hier probiert, auf meinen Smartphone geht er auf. Vermutlich TimeOut-Problem, hab ich manchmal auch, meist tagsüber wenn viele Leute im Netz sind.


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#10
05.10.2014
17:25:33


(+1, 1 Vote)

Von Robby69
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #3 von schwarzerkater


Hallo "Schwarzerkater"!

Da du ja keine "Stricher-Romane" magst, hätte ich hier für Dich eine kleine Auswahl an Gay-Literatur, in denen keine vorkommen:
- die meisten Ralf-König-Comics (abgesehen von "Kondom des Grauens" und "Bis auf die Knochen" - in denen ein Stricher vorkommt; naja und die zwei, drei Bände, die Ralf fürs "Hetero-Publikum" geschrieben hat)
- "Querelle" von Jean Genet
- "Straight hearts delight" von Allen Ginsberg und seinem Lover Peter Orlovsky (= Liebesgedichte)
"Howl" von Allen Ginsberg (= ebenfalls ein Gedichtband)
- "Der Weg des Sterntauchers" von Richard Amory

und zwei Bücher über bisexuelle Helden:
- "Teleny" von Oscar Wilde
und "The sea is my brother" von Jack Kerouac

Vielleicht ist ja was für Dich dabei...


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