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  • 01.10.2014           31      Teilen:   |

Von Zensur bis Zelebrierung

Keine Angst vor der Scheide!

Artikelbild
Die Medizinhistorikerin Marion Hulverscheidt aus Kassel erläutert in der Filmdokumentation von Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann biologische Fakten zur Vagina (Bild: MMM Film)

Jetzt im Kino und auf DVD: Die Doku "Vulva 3.0 – Zwischen Tabu und Tuning" bietet einen aufklärerischen Blick auf die weibliche Intimregion.

Von Marie Lange

"Das Zeigen der Vulva vertreibt Bären und Löwen, lässt den Weizen höher wachsen, beruhigt Sturmfluten und Dämonen haben Angst davor. Der Teufel läuft weg. Das Zeigen der Vulva rettet die Welt." (Dr. Mithu Melanie Sanyal)

Der Titel "Vulva 3.0" bereitet eigentlich auf alles vor: auf feministische Loblieder an die eigenen Geschlechtsorgane, auf formatfüllende Nahaufnahmen von haarigen Schamlippen und auf Frauen und Männer, die die Vulva zum Designobjekt umfunktioniert haben. Trotzdem gehen Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann mit ihrer Dokumentation unerwartet facettenreich an eines des schönsten und zeitgleich tabuisiertesten Themen unserer Zeit heran.

Zur Zeit tourt "Vulva 3.0" durch verschiedene Filmfestivals. Ab dem 2. Oktober ist der Film nun auch im Kino zu sehen sowie als DVD im Handel.

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Das Schönheitsideal der Unsichtbarkeit

Regisseurinnen Ulrike Zimmermann (li.) und Claudia Richarz: Ihre Doku "Vulva 3.0" feierte im Februar auf der Berlinale Premiere
Regisseurinnen Ulrike Zimmermann (li.) und Claudia Richarz: Ihre Doku "Vulva 3.0" feierte im Februar auf der Berlinale Premiere

Insbesondere für Ulrike Zimmermann ist die Arbeit an diesem 79-Minüter kein Novum gewesen. Die von ihr gegründete Produktionsfirma lauramedia hat sich bereits anderen gesellschaftlich eher unpopulären Themen wie dem Penis, Bondage oder orgasmischem Yoga gewidmet. Ohne diesen ungehemmtem Umgang mit der Materie, wäre die Message des Dokumentarfilms wohl nicht so brachial und aufklärerisch eingeschlagen.

Obwohl nackte Frauen in aufreizenden Posen in Medien und der breiten Gesellschaft längst umfassend etabliert sind, ist der direkte Anblick des weiblichen Genitals immer noch ein Schocker. Frauen beschäftigen sich nicht mit ihrer eigenen Vulva und erst recht nicht mit fremden.

Für Ulrike Zimmermann und Claudia Richarz ist der Ursprung dieser Scham ganz klar: Jahrzehnte der Retusche in den Medien, Anti-Pornografie-Kampagnen und Abbildungsverbote haben ein öffentliches Bild der Vulva erzeugt, das wenig mit ihrer Realität zu tun hat. Die Scheide soll vor allem unauffällig sein.

Die Dokumentarfilmerinnen beginnen ihren Film in einer dermatologischen Praxis in Köln. Hier suchen immer mehr verzweifelte Frauen Hilfe für ihre Vulva. Auch Erotikmodell Bella Joy lässt sich ihre Schamlippen aufspritzen und ist zufrieden. Nach dem Ergebnis findet sie sich endlich wieder "geil".

Ärztin Dr. Uta Schlossberger, bekannt unter anderem aus dem RTL-II-Format "Praxis extrem – Die Teenager-Sprechstunde", stimmt zu: "Jetzt ist sie perfekt, (…) zwar total amerikanisch, aber es ist schön". Es ist schwer zu sagen, wie sehr die Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten selbst hinter dieser Aussage und ihren Design-Vulven steht.

"Was ich weiß, macht mich heiß"



Danach geht es weiter in eine Schule, in die hinterste Ecke der Biosammlung, in der sich das Modell MS 5/2 der weiblichen Lustorgane versteckt, das Angelika Beck entworfen hat. Besonders realistisch schaut der Plastikunterleib absichtlich nicht aus. In seinen fröhlich-bunten Farben lehnt es sich an eine "Barbiepuppen-Ästhetik" an.

Gemeinsam mit den Aussagen der Frauenärztin Helga Seyler wirkt die Stimmung des Dokumentarfilms fast verzweifelt. Der Ekel der Frau vor dem, was zwischen den eigenen Beinen lauert, erschwert den Umgang mit selbstbewusster Sexualität und Lust nicht nur in der Schule, sondern das ganze Leben lang. Dabei ist das Wissen über die eigene Vulva ein wichtiger Grundstein, denn nur "was ich weiß, macht mich heiß", stellt Angelika Beck treffend fest.

Die Verlegerin und Publizistin Claudia Gehrke, die hinter dem erotischen Jahrband "Mein lesbisches Auge" steckt, steht durch ihre jahrelange Arbeit passioniert hinter der selbstbewussten Vulva. Seit über 30 Jahren beschäftigt sie sich mit mit dem Selbstverständnis der Frauen und ihrer Geschlechtsorgane und vor allem mit dem Bild der Gesellschaft auf diese und stellt fest: "Der Fortschritt ist viel zu gering."

"Ich bin mösial konzipiert", proklamiert Laura Méritt, die vielen aus der feministischen Bewegung und insbesondere aus der PorYes-Kampagne bekannt sein dürfte. Zwischen Sexspielzeug und Kamasutra-Literatur präsentiert sie stolz ihre riesige "Muschisammlung". Hier werden krasse Kontraste deutlich: Die Aktivistinnen liebt Pussys in allen Formen, während woanders faltige Schamlippen aufgespritzt werden.

In der fünfzehnten Minute der Ode an die Vulva kommt auch mal ein Mann zu Wort. Frauenarzt Dr. Zerm präsentiert biologische Fakten beinahe zu sachlich und wissenschaftlich. Auf diesen Exkurs hätte ich verzichten können, insbesondere weil auch Medizinhistorikerin Dr. Marion Hulverscheidt diese Inhalte aufgreifen, aber anschaulicher erläutern wird.

Die Vagine als Produkt

Plakat zum Film: Ab Oktober tourt die Doku durch Deutschland und die Schweiz
Plakat zum Film: Ab Oktober tourt die Doku durch Deutschland und die Schweiz

Von der realen Vulva macht der Film einen beinahe grotesken Bogen zu öffentlichen Idealvorstellungen der Vulva: "Vulva 3.0". Wir befinden uns plötzlich am Schreibtisch von Erotikfotograf und Bildbearbeiter Ulrich Grolla. Liegt es an den vorherigen Inhalten, dass der Schamlippen-bearbeitende Mann am PC schmierig wirkt? Erschreckend ehrlich gibt der Dortmunder zu: "Das Produkt Vagina soll den Verkauf fördern." Ausgebeulte oder lange Schamlippen retuschiert er routiniert weg, schließlich soll sich niemand daran stören.

Als radikalste Form des "Verschwindenlassens" des weiblichen Genitals macht "Vulva 3.0" einen Exkurs in die Abgründe der Genitalverstümmelung und begleitet Jawahir Cumar, selbst Beschneidungs-Opfer und Gründerin von "Stop Mutilation.org", zu einer Fachtagung.

Am Ende kehrt die Doku zu ihrem Ausgangspunkt zurück und besucht einen Kongress der Gesellschaft für ästhetische und rekonstruktive Intimchirurgie, auf dem die Fachbesucher der Live-Übertragung einer "Schamlippenverkleinerung mit Klitorismantelkorrektur" beiwohnen können. Die tragische Dimension wird hier noch deutlicher als bei der anfänglichen Behandelung von Bella Joy.

Der Doku fehlt etwas Bewegung

Durch die beinahe reine Aneinanderreihung von Interview-Situationen ziehen sich die 79 Minuten leider länger als nötig. Szenisch würde dem sehr unaufgeregten Dokumentarfilm etwas mehr gekonnte Bewegung gut tun. Leider fällt auf, dass Regisseurin Ulrike Zimmermann nicht nur hinter, sondern auch an der Kamera stand: Die wenigen aktiven Elemente werden von Wacklern gestört. Auch der Versuch, den Eindruck mit Illustration und Animation aufzureißen, ist nicht konsequent genug umgesetzt worden und wirkt so eher befremdlich.

Nichtsdestotrotz dürfte der gut ausgearbeiterte Inhalt der Dokumentation fesselnd genug sein – zumindest für jene, die dem Thema mit einem gewissen Grundinteresse entgegen treten. "Vulva 3.0 – Zwischen Tabu und Tuning" bietet einen umfangreichen und ohne Zweifel aufklärerischen Blick auf die weibliche Intimregion.

Es geht um Wahrnehmung und Repräsentation, um Sichtbarwerdung und Unsichtbarmachung, um freiwillige Modellierungen und rituelle Verstümmelung, um anatomische Irrtümer und historische Perspektiven, um Zensur und Zelebrierung der Vulva. Und vor allem darum, dass jede Frau am Ende ihr Machtzentrum zwischen den Schenkeln "geil" finden kann und darf.

Youtube | Offizieller Trailer zur Dokumentation
  Infos zur DVD
Vulva 3.0 – Zwischen Tabu und Tuning. Dokumentation. Deutschland 2014. Regie: Claudia Richarz, Ulrike Zimmermann. Darsteller: Christoph Zerm, Claudia Gehrke, Marion Hulverscheidt, Mithu Sanyal, Laura Merritt. Laufzeit: 79 Minuten. Sprache: Deutsch, Untertitel: Englisch (optional). FSK 16. WVG Medien GmbH
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur DVD und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Homepage zum Film mit allen Kinoterminen
» Fanpage zum Film auf Facebook
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Tags: vulva, scheide, möse, muschi, dokumentation, ulrike zimmermann, claudia richarz, vagina
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Reaktionen zu "Keine Angst vor der Scheide!"


 31 User-Kommentare
« zurück  1234  vor »

Die ersten:   
#1
01.10.2014
12:54:03


(+4, 12 Votes)
 
#2
01.10.2014
13:04:21


(+5, 11 Votes)
 
#3
01.10.2014
13:45:16


(-7, 11 Votes)

Von MeineFresse


In before: Immer brutaler... immer heftiger....Heterosexismus...Vaginas auf schwuler Seite...unfassbar...usw. ^^

In Irland gab es früher eine Figur, die ihre Vagina weit aufhält, Sheela na Gig genannt, die befand sich an vielen Burgen, Kirchen und anderen besonderen Stätten. Bis heute weiß man nicht, was es damit auf sich hat. Ich dachte, ich erwähne es mal für kulturinteressierte.

Bild-Link:
sheela-na-gig-plaque-SS-SHE.jpg


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#4
01.10.2014
13:56:05


(+5, 5 Votes)

Von Enyyo


"Das Zeigen der Vulva vertreibt Bären und Löwen,..."

Da ich vom Sternzeichen "Löwe" und vom schwulen Phänotyp "Bär" bin, erlaube ich mir deshalb ein: "Iiiiiiiiiihhh" und halte mich von dem Film fern. Aufgeplatzte Igel sieht man jetzt auch wieder gelegentlich auf den Straßen...

Ansonsten sei den Mädels, die auf so was stehen, ihr Vergnügen gegönnt und die obige Kritik ist angenehm sachlich.


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#5
01.10.2014
13:56:24


(+7, 11 Votes)

Von Reality Check


Von wegen "Tabu", "Unsichtbarkeit"...:

Wann kommt "Der männliche G-Punkt 1.0"

oder

"Geile Männerärsche 1.0"

(ohne zwangsheterosexuelle Verknüpfung)

in die Kinos?


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#6
01.10.2014
14:02:14


(+4, 10 Votes)

Von machtzentrum
Antwort zu Kommentar #5 von Reality Check


vgl. auch:

"kann man sich..."

kann man?

Link zu www.queer.de

Link zu www.queer.de


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#7
01.10.2014
14:06:14


(+3, 9 Votes)

Von säugetier
Antwort zu Kommentar #3 von MeineFresse


google (bildsuche): oldest vulva

die kinder fragten die sammlerinnen bestimmt, was das denn sei, wenn sie im gebüsch beim geburtsvorgang verendetes fleisch fanden.
ebenso sah der erstmals jagende beim aufschlitzen von tragendem fleisch den zusammenhang, den da vinci im kerzenlicht und unter todesdrohung sich abertausende jahre später erschließen durfte.


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#8
01.10.2014
14:19:24


(+6, 10 Votes)

Von MeinHirn
Antwort zu Kommentar #3 von MeineFresse


"...^^"

Ihr neuestes Statement aus der Reihe "Sichtbarkeit"?

Link zu www.queer.de


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#9
01.10.2014
14:35:40


(-5, 7 Votes)

Von MeineFresse
Antwort zu Kommentar #8 von MeinHirn


Das ist über ein Jahr alt. Merkst du dir alles, was ich schreibe? Hast du eine Kartei angelegt, wo meine Postings chronologisch angeordnet sind oder so?
Ich wüsste zumindest nicht, was Foxxyness oder Seb1983 oder Davinci oder sonstwer am 9.05.2011 geschrieben hat. Und was hat das mit Vaginas zu tun?


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#10
01.10.2014
14:43:43


(+8, 10 Votes)

Von Snowden
Antwort zu Kommentar #9 von MeineFresse


Hat er nicht.


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