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Kunstaktion "Wanna Play?"

14 Tage in der schwulen Dating-Hölle


Die Tageszeitung "Die Welt" nannte es einen "künstlerischen Missbrauch einer Sex-Dating-App": Zwei Wochen lang wohnt Dries Verhoeven in einem Container mit Glaswand auf dem Berliner Heinrichplatz, um sich dort mit anderen Schwulen zu verabreden (Bild: Sascha Weidner)

Aufregung in Berlin: Der Künstler Dries Verhoeven lebt zwei Wochen lang in einem Glashaus und lädt sich über Grindr ahnungslose Gäste ein. Wir haben ihn interviewt.

Von Malte Göbel

Der niederländische Künstler Dries Verhoeven lebt seit dem 1. Oktober in einem gläsernen Container auf dem Heinrichplatz mitten in Berlin-Kreuzberg. "Wanna Play?" nennt er sein Kunstprojekt in Kooperation mit dem Theater HAU (Hebbel am Ufer), das zwei Wochen dauern soll. Über sechs verschiedene Dating-Apps will er dabei schwule Männer in sein Glashaus locken – um zu erforschen, welchen Einfluss Dating-Apps wie Gayromeo oder Grindr mittlerweile auf das schwule Leben haben.

Alles ist öffentlich: Eine Seite des Trailers ist verglast, man kann Dries die ganze Zeit beobachten, wie er schläft, duscht, kocht, pinkelt oder auf dem Laufband joggt. Dies gilt auch für die Chatpartner, die von Beginn an ungefragt Teil des öffentlichen Kunstprojekts werden. Selbst die Gespräche aus dem Inneren kann man auf dem Platz vor dem Container über Lautsprecher hören. Natürlich gibt es auch eine eigene Homepage mit Livecam.

Zwei Wochen in der Dating-Hölle? Wir haben den Künstler vor Beginn der Aktion interviewt.


In den sozialen Netzwerken wird bereits vor Dries' Grindr-Profil gewarnt – denn die (anonymisierten) Chats und Dates mit dem Künstler sind komplett öffentlich

Dries, du willst zwei Wochen in einem Trailer leben und über Grindr Männer zu dir locken. Warum?

Dating-Apps werden zunächst mal benutzt, um sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen. Ich will aber fragen: Was ist die Zukunft von inter-menschlichem Kontakt?

Ohne Sex also?

Ich will Tabus suchen, und das bedeutet erstmal nicht auf der sexuellen Ebene. Aber schon auf einer intimen Ebene, ich will mit ihnen Schach spielen, Massagen geben, ein Gespräch über den Tod führen, Zeitung lesen – das finde ich total interessant. Da liegen für viele Schwule heute ja die Tabus.

Wie meinst du das?

Es gibt diesen Moment, wo man bei dieser App vorschlägt: Kommst du zu mir oder ich zu dir, und wir werden einfach ficken. Das ist total okay, aber der Moment, wo man sagt, wollen wir uns auf einen Kaffee treffen, da sagt der Andere: "Woa! Weiß ich nicht genau! Das hört sich schon ein bisschen zu intim an!"

Bist du also gegen Sex?

Nein, überhaupt nicht. Das Projekt sagt nicht, lass uns aufhören Sex zu haben, oder nur noch monogam, oder erst nachdem man einander fünf Monate kennt. Nein, ich finde das alles okay, dass man dank dieser Apps spontan Sex haben kann. Aber was gibt es noch? Welches Potenzial haben solche Apps? Ich will nicht, dass so eine App mich begrenzt.

Aber die meisten auf Grindr suchen doch Sex, oder nicht?

Hm … das ist eine interessante Frage. Für viele ist das inzwischen die selbstverständlichste Art, miteinander Kontakt aufzunehmen, und dann passiert es auch, dass man irgendwo ist, man ist einsam, man weiß nicht, was man machen soll, etwa in einer Schlange im Supermarkt – und man berührt einfach eine Taste: Mal sehen, was passiert! Und das ist nicht immer, weil man auf der Suche nach Sex ist! Sondern weil man nach Nähe sucht. Es ist ironisch, wenn man die Nähe nur durch die Sexualität erreicht.

Geht es dir also nur um das Sozialleben von Schwulen?

Nein, es geht mir auch allgemein um die Zukunft von zwischenmenschlichem Kontakt: Was ändert sich, wenn das Internet mehr und mehr der öffentliche Raum wird und wir immer weniger Zeit in der richtigen Realität verbringen? Ist das Internet dann eine tatsächliche Darstellung von öffentlichem Raum? Oder zeigen wir dann nur einen Teil von uns selbst? Welcher Teil ist das dann?


Alles außer Sex: Dries Verhoeven spielt mit seinen Dates u.a. Schach oder disktutiert mit ihnen über den Sinn des Lebens (Bild: Sascha Weidner)

Gerade bei Dating-Apps will man ja möglichst sexy erscheinen…

Genau deswegen mache ich bei "Wanna Play?" auch alles öffentlich: den Chatroom, meine Kommunikation, wobei die Bilder anonymisiert werden. Mein Leben ist auch öffentlich, wir nehmen eine Wand des Trailers weg, jeder kann reingucken: Man sieht mich schlafen, duschen, essen, aufs Klo gehen, also auch Sachen, die man normalerweise lieber versteckt. Wenn der öffentliche Raum verschwunden ist, es gibt nur noch das Internet, was kann man machen, damit das Alter Ego so nah wie möglich an das Reale kommt? Dass die Bedürfnisse, die wir im Internet zeigen, auch die gleichen sind wie im realen Leben?

Zwei Wochen nonstop Dating-Apps, das hört sich eher furchtbar an. Immer verfügbar sein…

Ich denke nicht, dass ich immer glücklich bin, da in der Box. Aber es ist total okay, denn das ist meine Arbeit! Wenn ich rauskomme, dann werde ich glaube ich auch erstmal keine solche App mehr benutzen. Und mit der Verfügbarkeit ist es sowieso das Problem: Du hast eine Beziehung, vielleicht läuft es gerade nicht so gut – was bedeutet es da, wenn da 200 andere Möglichkeiten in der Hosentasche warten, nur eine oder zwei Tasten entfernt? Ich fand es immer schwer, mich wirklich für eine Person zu entscheiden, weil ich dachte, hier gibt es so viele Alternativen.

Aber bist du in einer Beziehung?

Vielleicht. (lacht) Vor zwei Monaten habe ich alle diese Apps von meinem Telefon geschmissen, und am gleichen Abend habe ich jemanden in der Kneipe getroffen. Jetzt sind wir quasi zusammen, wenn man das über jemanden sagen kann nach so kurzer Zeit. Und ich dachte, oh nein, ein paar Wochen vor diesem Projekt treffe ich jemanden! Ausgerechnet!

Und was sagt er zu dem Projekt?

Er ist Italiener und eifersüchtig. (lacht) Ich habe eigentlich keine Angst davor, dass ich mich im Container verliebe. Es ist so klar eine Installation.

Wenn du dann im Container sitzt, welche Typen wirst du über die Dating-Apps ansprechen?

Alle! Mit jedem Mensch kann man Schach spielen, mit jedem Mensch kann man Massage machen, mit jedem Mensch kann man über Leben und Tod sprechen, kochen oder singen oder aus dem Tagebuch vorlesen. Sex macht Spaß, aber es ist nicht das wichtigste Argument, um uns mit jemandem zu verständigen.

Umfrage zum Artikel

» Was hältst du von Dries Verhoevens Kunstprojekt "Wanna Play"?
    Ergebnis der Umfrage vom 03.10.2014 bis 10.10.2014


#1 Robby69Ehemaliges Profil
#2 EkelhaftAnonym
  • 03.10.2014, 17:55h
  • queer.de verschweigt das der sog Künstler die Bilder sämtlicher komplett ahnungsloser Männer die mit ihm schreiben und sämtliche Konversation die zutiefst persönliche Dinge enthalten kann OHNE deren Einwilligung, und ohne deren Wissen öffentlich projeziert. Das kommt einem Pranger gleich !
    Was ist mit Männern die nicht geoutet sind und dann da dann da öffentlich zur Schau gestellt werden ?
    Wie auf Facebook zu lesen ist sucht der sog. Künstler besonders gerne im Radius rund um die Installation. Kann also passieren das die eigenen Nachbarn bald vieeeeeeeeel mehr über einen wissen als es sie angeht.

    Das ist einfach nur eine widerliche Verletzung der Persönlichkeitsrechte anderer Menschen.
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#3 reiserobbyEhemaliges Profil
  • 03.10.2014, 18:03h
  • De Wut auf den Künstler ist genährt von einer Art Groll, die der Verfemung von "Nestbeschmutzern" aus anderen Lagern entspricht. Und wenn Kunst als entartet, gefährlich, widerlich und Schweinerei bezeichnet wird, setzt bei mir eher der Beschützer-Instinkt ein. Zu einem Event gehören die Menschen nunmal dazu. Selbst das GrindR-Profil ist bereits als Kunstprojekt zu erkennen. "Um sie dennoch nicht in Verlegenheit zu bringen, verfremde ich die Profilfotos von Männern mit Hilfe eines Röntgen-Effekts. Die Chat-Geschichte wird gezeigt, ohne dass ein Nickname sichtbar wird. Die Chance, dass Männer von jemandem erkannt werden, der sie nicht im Forum erwartet hatte, ist damit äußerst gering."
    wannaplayberlin.de/
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#4 EkelhaftAnonym
#5 edward snowdenAnonym
#6 open assAnonym
#8 MeineFresseAnonym
  • 03.10.2014, 20:45h
  • Ich würde mich ja bedanken wenn ich zu einem Date gehe und in einem Glaskasten lande und gefilmt werde. Vielleicht gibt es welche die ungeoutet bleiben wollen?
    Nicht jeder schaltet schnell genug, um die Situation rechtzeitig zu erfassen und abzuhauen.

    So wie der im Film "Weekend" es gemacht hat auf freiwilliger Basis wäre es ok.
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#10 TheDad
  • 03.10.2014, 21:13h
  • Antwort auf #2 von Ekelhaft
  • ""Was ist mit Männern die nicht geoutet sind und dann da dann da öffentlich zur Schau gestellt werden ?
    Wie auf Facebook zu lesen ist sucht der sog. Künstler besonders gerne im Radius rund um die Installation.""..

    Nutzen Männer die nicht geoutet sind etwa auf Grindr oder Gayromeo ihren wirklichen Namen ?

    Hätte es einen Sinn Männer über Gayromeo in München anzusprechen ?

    Machte es Sinn Männer von Neu-Köln oder Schöneberg nach Kreuzberg zu locken ?

    Geht es auch ein bißchen un-hysterischer ?

    Niemand zwingt einen bei der Ankunft den Container dann auch zu betreten !

    -tze-
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