Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 13.10.2014           3      Teilen:   |

Neuübersetzungen

Christopher Isherwood: Zurück in Berlin

Artikelbild
Christopher Isherwood im Jahr 1932 (Bild: Henry E. Huntington Library, San Marino, Kalifornien)

Der Verlag Hoffmann und Campe hat die beiden Kult-Werke "Leb wohl, Berlin" und "A Single Man" des schwulen Schriftstellers neu übersetzt. Am Dienstag spricht sein Lebenspartner Don Bachardy im Roten Rathaus.

Von Angelo Algieri

Christopher Isherwood (1904-1986) ist lange schon fester Bestandteil des schwulen Literaturkanons – und nicht nur dort. Wer sich für das Berlin vor der Nazi-Zeit interessiert, kommt beispielsweise an Isherwoods Texte "Mr. Norris steigt um", "Sally Bowles", "Leb wohl, Berlin" und "Christopher und die Seinen" nicht vorbei. Vor allem die ersten drei Titel flossen in die Vorlage des Musicals und Films "Cabaret" ein und machte den schwulen englischen Autor unsterblich. (Darüber hinaus leben Liza Minelli und Joel Grey ewig in der Gay-Community mit sämtlichen ihrer Evergreens…)

"Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht.", schreibt Isherwood in seinem bekanntesten Erzählungsband "Leb wohl, Berlin". Er ist in diesen Tagen beim Hamburger Verlag Hoffmann und Campe in Neuübersetzung erschienen – 75 Jahre nach der Erstveröffentliching. Eine wundervolle und äußerst passende Übertragung in die heutige Sprache ohne jegliche Anbiederung ist Kathrin Passig und Gerhard Henschel gelungen. Die Übersetzung liest sich zudem flüssig und stringent, frisch und würdevoll. Prädikat: herausragend.

Fortsetzung nach Anzeige


Grandiose Dialoge, die ins Nichts führen

Erschien vor 75 Jahren: In "Leb wohl, Berlin" hat Christopher Isherwood das Ende der Weimarer Republik eingefangen
Erschien vor 75 Jahren: In "Leb wohl, Berlin" hat Christopher Isherwood das Ende der Weimarer Republik eingefangen

Und wie eine Kamera sieht, beschreibt und erzählt Protagonist Isherwood (der fiktive Isherwood, nicht der Autor, darauf legt Isherwood in seinem vorangestellten Anmerkungen wert) von seinen Erlebnissen in Berlin von Herbst 1930 bis kurz nach der Nazi-Machtergreifung 1933. Als privater Englisch-Lehrer bekommt er verschiedene Eindrücke aus unterschiedlichen Schichten – von den Geldadligen Landauer bis hin zu den armen Nowaks.

Eine Erzählung widmet sich Rügen, wo Isherwood einen Sommer verbringt – die aber ein Berlin-Text bleibt. Auch die reizende Everybody's Darling Sally Bowles (in "Cabaret" von Liza Minelli kongenial umgesetzt) als Vertreterin von Expats, die nach Berlin kommen, um ihr Glück zu suchen, wird gezeichnet. Selbst die Mittelschicht, die nach der Hyperinflation der 1920er Jahre und der Wirtschaftskrise Anfang 1930er immer mehr verliert, ist durch die Pensionsleiterin dargestellt.

Wer nun glaubt, einen äußerst (homo)politischen Band à la Bruno Vogel zu lesen, der irrt. Isherwood interessiert sich vorrangig für Geschichten einer Gesellschaft, die im Untergehen begriffen ist. Die politischen Kämpfe auf den Straßen sind für viele nicht relevant. Mehr noch: Sie werden nicht zur Sprache gebracht und somit ignoriert. Und in diesem Fall ist Isherwood tatsächlich eine Kamera, die nur aufnimmt und in Momenten hält. Es geht um Partys, Geschäfte machen, Banalitäten. Symptomatisch auch die grandiosen Dialoge, die ins Nichts führen.

Zugegeben: Im letzten Text, wird noch die rauhe Seite der Straßenkämpfe beschrieben: Berlin, ein permanenter, gefährlicher Ort, wo man nicht wusste, ob man am Abend ein Auge verliert. Isherwood schildert auch den Kampf der kommunistischen Pfadfinder mit all ihren Hoffnungen, bei einem bevorstehenden Bürgerkrieg würde die Sowjetunion in Swinemünde einmarschieren und den deutschen Roten helfen.

In den Prosastücken von "Leb wohl, Berlin" lassen nur zwei Andeutungen den Protagonisten als Schwulen erkennen: Zum einen hofft er, wenn er Männer pfeifen hört, dass sie ihn meinen. Zum anderen wird er von US-amerikanischen Touristen gefragt, ob er "andersrum" sei. Er bejaht. Eine Folge von Selbstzensur, um den Homoparagrafen des Englands der 1930er Jahre zu umgehen?

Atemberaubend und erotisch-elektrisierend: "A Single Man"

Erschien vor 50 Jahren: "A Single Man" erzählt die Geschichte eines schwulen English-Professors Anfang der 1960er Jahre in Südkalifornien
Erschien vor 50 Jahren: "A Single Man" erzählt die Geschichte eines schwulen English-Professors Anfang der 1960er Jahre in Südkalifornien

Kommen wir zur nächsten Isherwood-Übertragung: "A Single Man" wurde von Thomas Melle, gleichzeitig Autor und in der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises mit "3000 Euro" vertreten, neu übersetzt – diesmal genau 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung und ebenfalls Anfang Oktober erschienen bei Hoffmann und Campe. Leider überzeugt diese Übertragung aus mehreren Gründen nicht. Sie kommt im Vergleich zu Passig/Henschel gestelzter, stolpriger, ja teils dröge daher. Melle kann sich der Patina der 1960er Jahre einfach nicht entledigen – schade!

Denn dieser Text Isherwoods über einen schwulen Englisch-Professor an der Universität von Los Angeles, dessen Freund ums Leben kommt, ist aus der Sicht der Mehrschichtigkeit großartig und hervorragend. Auch wenn nur einiges angedeutet wird, ist "A Single Man" erotisch-elektrisierend. Atemberaubend – allen voran die letzten 30 Seiten, wo der Professor und sein Student Kenny miteinander reden, im Meer nackt schwimmen, Projektionsflächen füreinander sind, wie das (vermeintlich) Platonische sich wieder entzaubert und sich auflöst. Doch statt Sex kommt der Tod. Gelassen zynisch, aber uneitel heißt es in den letzten Sätzen: Der Körper auf dem Bett "ist jetzt mit dem Müll in der Tonne hinter dem Haus verwandt. Beides muss weggeschafft und entsorgt werden – und zwar sehr bald."

Auch wenn "A Single Man" hier und da Längen hat, ist es ein toller Text über Homoliebe in den Vor-Stonewall-Jahren, über Trauer, Vergänglichkeit, Jugendlichkeit, Sinn des Lebens. Und vor allem über den Dialog – nicht nur zwischen den Figuren, sondern auch zwischen Autor und Leser. Ein intellektuelles wie sinnliches Lesevergnügen!

Vor- und Nachwort ohne Bezug und Belang

Ärgerlich in beiden Büchern sind das Vor- bzw. Nachwort der deutschen Neuveröffentlichungen: Schriftstellerin Stephanie Bart erzählt etwa, wie sich die Figuren jährlich im wiedervereinigten Berlin treffen. Total aus den Fingern gesogen, das macht wenig Spaß! Und Tom Ford, Regisseur von "A Single Man", der 2010 in den deutschen Kinos gelaufen ist, erzählt schlicht und einfach eine super-eitle Schnurre – ganz ohne Belang.

Ich hätte es besser gefunden, wenn etwa Berliner Travestie-Künstler wie Vera Titanic, Edmund White oder ein Isherwood-Experte gebeten worden wären, eine Einordnung oder einen persönlichen Bezug zu diesem oder jenem Text zu geben. Noch schöner wäre es gewesen, wenn die Übersetzer von der Notwendigkeit erzählt hätten, weshalb es zu einer Neuübersetzung kommen musste. Oder auch von ihrem Spaß und von ihren Schwierigkeiten an den Texten. Schade.

"Anyway, Darlings", würde Figur Sally Bowles lächelnd sagen, "vergesst die letzten Ärgernisse des Kritikers und lest den wundervollen Christopher doch einfach selbst! – Bis später im Buch!"

Lesung und Diskussion in Berlin



Am Dienstag, den 14. Oktober um 19 Uhr laden die Amerikanische Botschaft Berlin, die Senatskanzlei und der Verlag Hoffmann und Campe zu einer Veranstaltung im Roten Rathaus ein. Isherwoods langjähriger Lebensgefährte, der Künstler Don Bachardy (rechts auf dem Foto oben aus dem Jahr 1976), spricht dort mit Jörn Jacob Rohwer. Aus englischen Passsagen des Autors liest Simon Callow, aus deutschen Denis Abrahams.

  Infos zu den Büchern
Christopher Isherwood: Leb wohl, Berlin. Aus dem Englischen von Gerhard Henschel und Kathrin Passig. 272 Seiten. Hoffmann und Campe. Hamburg 2014. 20 €. ISBN: 978-3-455-40500-2.

Christopher Isherwood: A Single Man. Aus dem Englischen von Thomas Melle. 160 Seiten. Hoffmann und Campe. Hamburg 2014. 18 €. ISBN: 978-3-455-40501-9.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zu "Leb wohl, Berlin" und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» "A Single Man" bei Amazon
Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 3 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 51                  
Service: | pdf | mailen
Tags: christopher isherwood, don bachardy, hoffmann und campe, a single man, leb wohl berlin
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

loading...

Reaktionen zu "Christopher Isherwood: Zurück in Berlin"


 3 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
13.10.2014
09:19:28


(+3, 3 Votes)

Von schwarzerkater
Profil nur für angemeldete User sichtbar


"Und Tom Ford, Regisseur von "A Single Man", der 2010 in den deutschen Kinos gelaufen ist, erzählt schlicht und einfach eine super-eitle Schnurre ganz ohne Belang."
lieber angelo agieri, für jemanden, der über literatur schreibt, bei einer verfilmung wie "a single man" die genialen zwischentöne nicht wahrnimmt/wahrnehmen kann, bleibt man als leser fassungslos zurück.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#2
13.10.2014
09:56:24


(+1, 3 Votes)

Von Bücherwurm


Ich fand eigentlich die bisherigen Übersetzungen schon ziemlich gut. Mal sehen, wie das geworden ist.

Zur Kritik am zweiten Band: ich finde, dass historische Texte durchaus auch mal etwas historische Patina in der Sprache vertragen. Das gehört für mich sogar irgendwie dazu. Wenn z.B. (das ist jetzt fiktiv und bezieht sich nicht auf diese Bücher) ein Autor von "anders gepolten Männern" spricht, weil das damals eben Sprachgebrauch war, finde ich es schon fast Geschichtsklitterung, wenn man dann heute einfach nur "Schwule" schreiben würde, nur weil man das heute so sagen würde. Ich werde mir das mal durchlesen, wie das geworden ist.

Generell muss ich aber sagen, dass ich mir auch wünschen würde, dass bisher unübersetzte Werke von Isherwood mal übersetzt werden. Ich denke da z.B. an das auch hier erwähnte Buch "Sally Bowles", was meines Wissens bisher nicht übersetzt wurde.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#3
14.10.2014
00:26:03


(+2, 2 Votes)

Von Aranos
Antwort zu Kommentar #1 von schwarzerkater


Er meint ja auch nicht den Film, sondern das Vor- oder Nachwort zu dem Buch.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 


 BUCH - LITERATUR

Top-Links (Werbung)

 BUCH



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
Hedwig von Beverfoerde tritt aus CDU aus Sachsen: Alle außer AfD begrüßen Sexualkunde-Leitlinien IS soll mutmaßlichen Schwulen in Syrien exekutiert haben Parteitag in Essen: CDU gibt sich homofreundlich
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt