Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 16.10.2014           68      Teilen:   |

Grindr-Kunstprojekt "Wanna Play?"

Der neue Kampf um die schwule Unsichtbarkeit

Artikelbild
Mit Grindr die schwule Nachbarschaft im Griff: Wie schlimm ist es, wenn die Öffentlichkeit mitbekommt, dass homo- und bisexuelle Männer das Internet oder Smartphones nutzen, um Sexpartner zu finden? (Bild: Grindr)

Die "tief sitzende Scham vor Sex" stand im Mittelpunkt der Abschlussdiskussion zu Dries Verhoevens Grindr-Kunstprojekt "Wanna Play?" am Mittwochabend in Berlin.

Von Malte Göbel

Das Kunstprojekt "Wanna Play" hat einen Aufruhr in der Berliner Community entfacht, wie es ihn lange nicht mehr gab: Da verletzt jemand massiv die Privatsphäre, hieß es, beutet die eigene Szene aus, stellt Schwule als sexsüchtig und soziale Monster dar.

So hitzig die Debatte vor zehn Tagen noch war, so ruhig verlief die Abschlussdiskussion zu "Wanna Play?" am Mittwochabend im Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU). Zehn Tage nach dem Abbruch des Projekts (queer.de berichtete) haben sich die Gemüter etwas beruhigt, nun konnten einige Fragen gestellt werden, die vorher zu kurz gekommen waren.

Auf dem Podium saßen neben Künstler Dries Verhoeven und HAU-Leiterin Annemie Vanackere der Sexualforscher Martin Dannecker, der Netzaktivist Nathan Fain sowie der Blogger und queer.de-Autor Kevin Junk. Moderiert wurde die Veranstaltung von "taz"-Journalist Martin Reichert.

Die Stimmung im HAU war wesentlich ruhiger als noch vor zehn Tagen, das Theater mit rund 150 Zuschauern auch nicht ganz voll. Reichert kündigte zwar an, er wolle "den Stecker ziehen", falls es wieder einen "analogen Shitstorm" gebe, für alle Fälle sei auch ein Anwalt im Publikum – aber so weit kam es gar nicht.

Fortsetzung nach Anzeige


Dries Verhoeven: "Ich schäme mich"

Eigentlich wollte Dries Verhoeven 15 Tage in einem Glascontainer auf dem Berliner Heinrichplatz wohnen und öffentlich chatten – nach einem Shitstorm brach er sein Kunstprojekt vorzeitig ab - Quelle: Sascha Weidner
Eigentlich wollte Dries Verhoeven 15 Tage in einem Glascontainer auf dem Berliner Heinrichplatz wohnen und öffentlich chatten – nach einem Shitstorm brach er sein Kunstprojekt vorzeitig ab (Bild: Sascha Weidner)

Tatsächlich waren sich die Menschen auf dem Podium in vielen Punkten recht einig – zu einig, als dass es zu Konflikten hätte kommen können. Parker T., dessen Kritik auf Facebook den Abbruch der Kunstaktion erst eingeleitet hatte (queer.de berichtete), war nicht anwesend – er hatte auch zuvor angekündigt, nie wieder einen Fuß in eines der HAU-Theater setzen zu wollen.

Seine Kritik an den Verletzungen der Privatsphäre musste womöglich auch gar nicht erneut geäußert werden, Vanackere und Verhoeven griffen sie selbst auf, entschuldigten sich wiederholt und gestanden Fehler ein. Das Projekt sei nicht genug durchdacht gewesen, sagten beide, er schäme sich für das, was passiert ist, sagte Verhoeven sogar. Um Scham sollte es immer wieder gehen an diesem Abend, der Dries Verhoeven auch die Gelegenheit geben sollte zu erklären, worum es ihm eigentlich mit seiner Installation ging.

Doch zunächst ordneten die drei Gastredner die Ereignisse der letzten Wochen ein. Kevin Junk, der auf seinem Blog und auf queer.de massiv Stellung gegen die Kritik an Verhoeven bezogen hatte, bemängelte erneut die unreflektierte Debatte. Es sei eine Chance verstrichen, Schwule als Teil der Gesellschaft zu präsentieren, die halt in Sachen Smartphone-gestützten Flirtens etwas weiter seien als der Rest – immerhin habe Flirten ja eine Relevanz jenseits von Gender und sexueller Orientierung.

Der Netzaktivist Nathan Fain sprach über Emotionen, warb einerseits um Verständnis für die wütende Kritik an Verhoeven, da diese auch starke Verletzlichkeit offenbare – andererseits machte er auf allen Seiten Hass aus und erinnerte an die Schwierigkeiten elektronischer Medien, gerade wenn es um Kommunikation über Gefühle geht.

Dannecker: "Auch wer Sex sucht, kann in die Falle der Liebe geraten"

Die Chat-Versuche des Künstlers stießen nicht immer auf die erhoffte Resonanz
Die Chat-Versuche des Künstlers stießen nicht immer auf die erhoffte Resonanz

Sexualforscher Martin Dannecker erklärte die Emotionen damit, dass Parker T. als Opfer, Dries Verhoeven als besonders schäbiger Täter erschien, weil er "einer von uns" sei. Grindr sei im Grunde ein öffentlicher Raum, werde aber als geschützter Raum verstanden. "Dort ist es leichter, über sexuelle Handlungen und Fantasien zu sprechen, die sonst oft mit Scham und Schuld verbunden sind." Das sei der Grund für die heftige Reaktion auf "Wanna play?" gewesen: Dannecker diagnostizierte eine "tief sitzende Scham vor dem Sexualleben" – es werde eben brenzlig, wenn dieses in die Öffentlichkeit käme.

Gleichzeitig stellte Dannecker einige Grundannahmen Verhoevens richtig: Er präsentierte Zahlen aus seiner Internet-Umfrage von 2011 mit 19.000 Teilnehmern: Von den Befragten mit festem Partner hatten 55 Prozent sich über das Internet kennengelernt. "Schwule verlieben sich noch, auch bei Grindr!", folgerte er, und: "Sex und Liebe sind eng verschweißt!" Denn eben die Lust binde einen auch an das Objekt der Lust. Kurz: "Auch wer Sex sucht, kann in die Falle der Liebe geraten."

Dries Verhoeven erklärte in der Folge sein Projekt (wie zuvor auch auf queer.de) und begründete es vor allem persönlich: Er habe drei Jahre lang Grindr genutzt, dabei so viele Männer getroffen wie nie zuvor, dabei viel Sex gehabt und viele Kontakte, aber eben keine längerfristige emotionale Bindung. Seine Zeit im "Wanna play?"-Glaskasten sei vor allem als Selbstporträt gedacht gewesen, er wollte sich selbst im Schaufenster ausstellen und fragen: Wie kann ich meine nicht-sexuellen Bedürfnisse befriedigen?

Womöglich war genau das ein Problem: dass er von sich auf die anderen schloss. Martin Dannecker rückte auch hier zurecht: Seine Umfrage habe ergeben, dass Schwule nicht mehr Sexpartner haben als früher. Sie verbringen zwar viel Zeit in Netzwerken wie Gayromeo oder Grindr, aber auch um ihre spezifischen Bedürfnisse über Sex hinaus zu befriedigen – "narzisstische Gratifikation", umschrieb er es.



Tief sitzende Scham vor Sexualität

Und so gab es Kritik an allen Beteiligten – an Verhoeven, aber auch an den Gegnern seiner Installation. Gerade bei der Frage der Sichtbarkeit: Wie schlimm ist es, wenn die Öffentlichkeit mitbekommt, dass Schwule das Internet oder Smartphones nutzen, um Sexpartner zu finden? "Müssen wir uns auch im Jahre 2014 noch dafür schämen? Ich dachte, wir wären weiter!", schimpfte Martin Reichert. "Das ist enttäuschend."

Dries Verhoeven formulierte es als Paradoxon: "Leute, die vor 30 Jahren für schwule Sichtbarkeit gekämpft haben, kämpfen nun für die Unsichtbarkeit." Worauf Martin Dannecker wieder auf die Scham verweisen konnte, die offensichtlich tief sitzt. Die ist womöglich das Problem an der ganzen Sache.

"Auch noch in zehn Jahren?", versuchte Martin Reichert am Ende die Diskussion in die Zukunft zu steuern. Darauf wusste keiner so richtig eine Antwort. Dannecker machte sich kurze Zeit vom Vordenker zum Ewiggestrigen und erzählte, wie erstaunt er immer wieder sei, dass die Leute so viel von sich in der Online-Öffentlichkeit preisgeben.

Bei der letzten Diskussion im HAU hatte er das noch in ein eine interessantere Frage gepackt: Was macht es mit uns, wenn am Anfang einer Bekanntschaft nicht Anziehung steht, sondern Wissen? Fragen wie diese bleiben.

Links zum Thema:
» Homepage zu "Wanna Play?"
» Homepage von Dries Verhoeven
Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 68 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 136             1     
Service: | pdf | mailen
Tags: dries verhoeven, wanna play, grindr, gayromeo, sexdate, glashaus, heinrichplatz, hau, hebbel am ufer
Schwerpunkt:
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

loading...

Reaktionen zu "Der neue Kampf um die schwule Unsichtbarkeit"


 68 User-Kommentare
« zurück  1234567  vor »

Die ersten:   
#1
16.10.2014
14:17:00


(0, 8 Votes)

Von MeineFresse


Könnte es nicht auch ganz einfach das Bedürfnis nach Privatsphäre oder relativer Privatsphäre sein?
Grindr oder Internet Datingseiten sind dazu da, dass eine Person eine andere Person kennenlernen kann.
Wenn man dann nicht will, dass das öffentlich verbreitet wird, bedeutet dass nicht dass einem die grundsätzliche Absicht peinlich ist.
Die meisten Heterosexuellen fänden es vermutlich auch nicht toll, wenn ihr Nachrichtenverkehr öffentlich gemacht wird und sie ungefragt Bestandteil eines Kunstexperiments werden.

Wenn zwei Menschen sich in einem öffentlichen Kafee unterhalten, dann tun sie das öffentlich, die Unterhaltung ist aber privat gedacht. Wenn jemand das nun heimlich aufnehmen und verbreiten würde, würde es auch Beschwerden geben, selbst wenn die Unterhaltung sich nicht um Sex dreht.

Da muss dann gleich so eine Interpretatationsdiskussion draus werden, woran das nun liegen könnte, anstatt dass die naheliegenste Antwort auch nur in Betracht gezogen wird.
Natürlich gibt es auch welche, die nicht geoutet werden wollen aber z.B der, der den Künstler geschlagen hat war offenbar selbstbewusst und geoutet und wirkte nicht so, von seinem Facebookauftritt her, als ob ihm sein Schwulsein peinlich wäre.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#2
16.10.2014
14:28:08
Via Handy


(+2, 8 Votes)

Von Timon


Wenn man nicht möchte, dass das eigene Grindr-Profil nebst Foto an einem belebten Platz groß projiziert wird, hat das nichts mit "Scham vor Sex" zu tun.

Was hätte der gemacht, wenn jemand deswegen seinen Job verloren hätte oder verfolgt würde.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#3
16.10.2014
14:41:04


(-1, 7 Votes)

Von ehemaligem User Tomorrow


Mir geht die Debatte um dieses "Projekt" so dermaßen "auf den Sack". Das "Projekt war absoluter Müll". Punkt aus. Mehr gibts darüber nicht zu sagen. Warum wird also imer wieder das ganze aufgewärmt? ANDERES THEMA BITTE!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#4
16.10.2014
14:48:51


(-4, 8 Votes)

Von Laurent
Aus Heidelberg (Baden-Württemberg)
Mitglied seit 27.12.2015


"Wie schlimm ist es, wenn die Öffentlichkeit mitbekommt, dass Schwule das Internet oder Smartphones nutzen, um Sexpartner zu finden? Müssen wir uns auch im Jahre 2014 noch dafür schämen? Ich dachte, wir wären weiter!"

Diese Fragen sind nicht richtig gestellt.

Es geht doch nicht um die Nutzung neuer Medien für entsprechende Zwecke, sondern darum, dass man dies, im Gegensatz zu Heteros, auch noch an die große Glocke hängen muss.
Muss man hier Vorreiter sein und bestehenden Aversionen weiter Vorschub leisten?


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#5
16.10.2014
14:54:39


(-4, 12 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby


Nie wieder Parker T., nie wieder Pogrom-Pansy...


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#6
16.10.2014
15:36:07
Via Handy


(0, 4 Votes)

Von David77
Antwort zu Kommentar #4 von Laurent


Heteros hängen nix an die große glocke? WO LEBST DU?! Noch nie an einem zeitschriftenstand vorbeigekommen? Noch nie gesehen, was die klatschspalten und titelseiten füllt? War das etwa hitzlsperger, der neulich seinen 5. Mann, halb so alt, geheiratet hat? Bimmbamm-guido in der besenkammer? Bunga-bunga mit wowi? Prince charlie + camillo? Detlef pohlen mit penisbruch? Nenn mal noch andere schwulen promis, die die schlüpfrigen details an die großen klötten hängen!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#7
16.10.2014
15:45:08


(-1, 5 Votes)

Von Lars


Intimität (lat intimus; wörtlich dem Rand am fernsten, am weitesten innen) ist ein Zustand tiefster Vertrautheit. Intimität herrscht in der Intimsphäre einem persönlichen Bereich, der durch die Anwesenheit ausschließlich bestimmter oder keiner weiteren Personen definiert ist und Außenstehende nicht betrifft. Die Intimsphäre und damit die Intimität wird durch Indiskretion verletzt. Eine Verletzung der Intimität kann Personen seelisch labilisieren.

aus: Wikipedia.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#8
16.10.2014
15:53:35


(+4, 10 Votes)

Von Guy Fawkes


Soso, wegen so einem Fliegenschiss gibts also einen Aufschrei der Empörung!

ABER: Wenns um REALE Überwachung geht heisst es: "Ich habe ja nix zu verbergen" oder "Das ist mir egal!"

Heuchlerische Bande allesamt!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#9
16.10.2014
15:56:35


(-5, 7 Votes)

Von Laurent
Aus Heidelberg (Baden-Württemberg)
Mitglied seit 27.12.2015
Antwort zu Kommentar #6 von David77


Du hast dich wohl auf mich eingeschossen.

Diese Sachverhalte sind absolut nicht miteinander vergleichbar, zumal die von dir genannten Dinge durch die Presse an die Öffentlichkeit gingen, die kritisierte öffentliche Zurschaustellung aber durch einen schwulen (!) Künstler erfolgte.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#10
16.10.2014
16:17:05


(-1, 5 Votes)

Von Lars
Antwort zu Kommentar #8 von Guy Fawkes


Heuchelei ist ein starker Vorwurf ... Ich sehe ihn durch nichts in den obigen Kommmentaren begründet.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
« zurück  1234567  vor »


 KULTUR - BüHNE

Top-Links (Werbung)

 KULTUR



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
"Looking: The Movie" im Oktober im deutschen TV Coming-out einer werdenden Mutter Zwei schwule Männer in Berlin-Mitte niedergeschlagen Bettina Böttinger traut sich nach Greifswald
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt