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  • 02.11.2014           5      Teilen:   |

"Roll Over, Tchaikovsky"

Russlands Wettstreit zwischen Homophobie und Homophilie

Artikelbild
Illustration aus Michael Andrews neuem Bildband "Boys of St. Petersburg", der vor wenigen Tagen im Bruno Gmünder Verlag erschienen ist und am Montag, den 3. November um 18.30 Uhr im Schwulen Museum Berlin vorgestellt wird - im Rahmen einer Mini-Ausstellung zum Thema Russland. Eine LGBT-Delegation aus Moskau wird anwesend sein und steht für Diskussionen zur Verfügung. Zwei weitere Bilder aus dem Band sollen weiter unten das lange, aber spannende Interview auflockern

In seinem Buch "Roll Over, Tchaikovsky" untersucht der Musikethnologe Stephen Amico, warum so viele russische Popstars mit schwulen Themen spielen. Ein Interview.

Von Kevin Clarke

queer.de: Herr Amico, Homophobie ist ein Phänomen im post-sowjetischen Russland, das viele Menschen im Westen mit Bestürzung registrieren. Sie haben selbst viele Jahre in Russland verbracht: Warum sind religiöse Gruppen und ihre homophobe Ideologie so mächtig in einem Land, das über Jahrzehnte offiziell atheistisch war?

Stephen Amico: Man muss hier erst mal auf das Wort "offiziell" eingehen. Sicher haben die Führung der Kommunistischen Partei und alle, die in dem System Karriere machen wollten, der Religion abgeschworen. Sie wurde abgetan als "Opium fürs Volk", um Karl Marx zu zitieren. In der Realität sah die Sache jedoch anders aus, wie oft bei offiziellen Dogmen. Man muss schon fragen, wie viele Menschen sich tatsächlich an den verordneten Atheismus gehalten haben.

Um nur ein Beispiel zu geben: Obwohl Weihnachten [rozhdestvo] in der Sowjetunion abgeschafft war und man das Ganze auf das weltliche Neujahrsfest verschoben hatte, haben mir viele Menschen erzählt, dass in ihren Familien trotzdem am 7. Januar (dem Datum im russisch-orthodoxen Kalender) Weihnachten gefeiert wurde. Bloß weil der Staat auf religiöse Feiertage verzichtete, wurden dadurch noch lange nicht der individuelle Glaube und ein glaubensbasiertes System wie die orthodoxe Kirche ausradiert, besonders nicht in ländlichen Regionen.

Abgesehen davon geht es bei Fragen des Glaubens im heutigen Russland nie nur ums "Göttliche", sondern immer auch ums Funktionale und Symbolische. Viele behaupten, das Ende der Sowjetunion habe ein riesiges Vakuum zurückgelassen, das die orthodoxe Kirche – in enger Zusammenarbeit mit der Politik – gefüllt habe. Für viele Menschen ist ein Bekenntnis zur Orthodoxie ein Zeichen, dass sie sich zur vergangenen Glorie Russlands bekennen: die Zeit, wo das vor-revolutionäre Russland ein mächtiger zaristischer Staat war.

Andere suchen in der Nähe zur orthodoxen Kirche eine eigenständige Identität, weil sie meinen, sich auf diese Weise abgrenzen zu können vom Westen, der überwiegend katholisch und protestantisch geprägt ist. Man möchte den Unterschied betonen und seinem Stolz Ausdruck geben, nicht westlich zu sein. Das nutzt die Politik aus, weswegen man nicht genug betonen kann, wie verwoben derzeit Religion und Politik in Russland sind, was ja der Hauptkritikpunkt von Pussy Riots "Punk Gebet" war.

Wieso hatten denn schon die Kommunisten – die behaupteten, alle Menschen seien gleich – so ein Problem mit Homosexuellen?

Was Gender und Sexualität betrifft, so gibt es einen verblüffenden Unterschied zwischen den Idealen und der politischen Agenda, die man gleich nach der Revolution findet, und dem, was später unter Stalin durchgesetzt wurde und sich während des Zweiten Weltkriegs etablierte. Nach der Revolution war Russland – zumindest auf dem Papier – sozial viel progressiver als alle europäischen Nachbarn in Bezug auf Gleichberechtigung von Minderheiten. Ganz sicher progressiver als die USA es damals waren. Die politischen Reformer stellten die Notwendigkeit der traditionellen Familie in Frage, sie sahen darin nur eine weitere Form der bürgerlichen Unterdrückung, besonders von Frauen. Sie schlugen vor, alternative Modelle auszuprobieren, die mehr soziale Gleichheit der Geschlechter garantieren würden. Damals wurde die gesamte Gesetzgebung neu formuliert, wodurch es nicht nur zu einem viel liberaleren Strafgesetzbuch kam, was Scheidung und Abtreibung betrifft, auch Homosexualität wurde entkriminalisiert. Das gab es, zu dieser Zeit, sonst fast nirgendwo im Westen.

Als Stalin dann an die Macht kam, verschoben sich die Akzente dramatisch. Die "Frauenfrage" – also die Suche nach dem idealen Status für Frauen in der UdSSR – war nicht mehr wichtig. Man behauptete 1929 einfach, die Frage sei "gelöst". Während dieser Zeit ging es weniger um soziale Gerechtigkeit oder Autonomie, sondern um die Konsolidierung der Macht, den Aufbau einer gut gerüsteten Armee und einer schlagkräftigen Nation. 1933 wurde Homosexualität dann wieder kriminalisiert. Ab 1934 schlug das große Sozialexperiment "Sowjetunion" um in einen Terrorstaat. Während des Zweiten Weltkriegs nahm die Antipathie gegen Homosexuelle stark zu, verschärft durch Gorkis Attacken, der über die feindlichen Deutschen sagte: "Rottet die Homosexuellen aus und der Faschismus ist verschwunden!"

Man sollte auch nicht vergessen, dass zwar weibliche Homosexualität nie kriminalisiert, aber medizinisch behandelt wurde. Eine bislang unbekannte Zahl von Frauen sperrte man in Anstalten, stopfte sie mit Tabletten voll und schloss sie manchmal über Jahre weg. Der wahre Kampf aber galt schwulen Männern. Wenn man Homosexualität im Zusammenhang mit dem Durchbrechen von Gender-Klischees sieht – also feminine Männer (= Schwule) und maskuline Frauen (= Lesben) -, dann ist es nicht überraschend, dass in Zeiten des Aufbaus einer neuen Nation, eines Weltkriegs und der Dämonisierung des bürgerlichen Westens "männliche" Frauen im Zweifelsfall als "heldenhaft" angesehen wurden und wenig Widerstand fürchten mussten, wohingegen "feminine" Männer als "weich", "falsch" und "eitel" wahrgenommen wurden.

Natürlich wurden weibliche wie männliche Homosexuelle auch deshalb verteufelt, weil sie sich nicht fortpflanzen "wollten" und damit den Staat um Kinder "beraubten". Sie schufen keine neuen Bürger, die arbeiten und in den Krieg ziehen konnten. Im Kontext von Russlands gegenwärtiger demografischer Krise – sowohl die Geburtenrate als auch die Lebenserwartung von Männern ist die tiefste in der gesamten industrialisierten Welt! – sind diese Aspekte auch wichtig zum Verständnis der derzeitigen Homophobie.

Video: (Direktlink)
Nur ein Beispiel von vielen: Musikvideo zu Roma Kengas Lied "Ty budesh’ schastlivoi" ("Du wirst glücklich sein") - auch viele russische Kommentatoren fragen, wie schwul der Clip gemeint sei
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Darf noch immer nach Russland reisen: Der Musikethnologe, Buchautor und Russenpop-Fan Stephen Amico ist Professor für Musik und Media Studies an der Universität von Amsterdam - Quelle: privat
Darf noch immer nach Russland reisen: Der Musikethnologe, Buchautor und Russenpop-Fan Stephen Amico ist Professor für Musik und Media Studies an der Universität von Amsterdam
Bild: privat

Wird denn Homosexualität immer noch als schändlicher bürgerlicher "Hedonismus" gesehen?

Die Ablehnung, mit der man Homosexualität begegnet, ist sicher verbunden damit, dass sie laut Dogma der orthodoxen Kirche eine Sünde ist. Aber historisch sowie gegenwärtig gab bzw. gibt es auch die Überzeugung bei vielen Russen, Homosexualität sei ein "ausländisches Laster". Anstelle von "bürgerlichem Hedonismus" ist es also eher eine Kategorie von "nicht-traditioneller sexueller Orientierung" (ein Euphemismus, der in Russland weit verbreitet ist), eine weitere Manifestation des Eindringens der westlichen kapitalistischen Konsumentenkultur, die "traditionelle russische Werte" zerstören will. Solche anti-westlichen Gefühle sind in den letzten Jahren stark gestiegen, angespornt durch die Weltfinanzkrise, für die viele primär die USA verantwortlich machen. Und dann ist da natürlich die aktuelle Krise in der Ukraine, wo es auch um den Westen vs. Russland geht.

Ich muss betonen, dass zwar viele schwule Russen eine starke Verbindung zur westlichen Popkultur empfinden – viele haben mir sogar persönlich gesagt, dass sie sich als Teil der globalen "Gay Culture" sehen -, dennoch sind sie oft sehr kritisch gegenüber dem Westen eingestellt. Das betrifft auch die ihrer Meinung nach als unnötig empfundener Politisierung von sexueller Identität, die für sie eine Privatangelegenheit ist. Viele lehnen deshalb Gay-Pride-Paraden ab. Es gibt zwar auch schwule und lesbische Aktivisten in Russland, die Demonstrationen sowie politische Aktionen als wichtig ansehen, um grundsätzliche Rechte durchzusetzen, aber viele Russen sind total gegen derartigen Aktionismus.

Ihr Buch hat den Namen Tschaikowskys auf dem Titel. Er war einer der berühmtesten Schwulen der Geschichte. Gab es im späten 19. Jahrhundert eine Schwulenszene in Russland?

Es gab definitiv eine sichtbare Subkultur, zumindest in Städten wie St. Petersburg und Moskau. Dan Healey beschreibt das in seinem Buch "Homosexual Desire in Pre-Revolutionary Russia", und K.K. Rotikov geht der schwulen Geschichte St. Petersburgs nach in "Drugoi Peterburg" [Das andere Petersburg]. Damals waren bestimmte öffentliche Orte bekannt als "Cruising Spots" [pleshki], wo Männer andere Männer treffen konnten zum Sex, es gab auch private Etablissements. Auch wenn Homosexualität nach der Revolution entkriminalisiert wurde und erst 1933 wieder zur Straftat wurde, galten Orte, an denen man sich solchen "Freizeitbeschäftigungen" widmen konnte, als verpönt in einer Gesellschaft, die sich der Arbeit und dem Gemeinwesen verschrieben hatte.

Das mit der Sichtbarkeit hat sich stark verändert nach der Einführung des Paragrafen 121, der Homosexualität wieder unter Strafe stellte, mit der sehr realen Androhung des Gulags. Das heißt, obwohl es prominente russische Männer und Frauen gab, die gleichgeschlechtlich begehrten, entschieden sie sich wegen der Zeitumstände dafür, öffentlich den Anschein von Heterosexualität zu wahren.

Mehrere Männer, mit denen ich gesprochen habe und die ihre Jugend in der Sowjetunion verbracht haben, erzählten mir, dass es damals noch "pleshki" gab: beispielsweise eine öffentliche Toilette in St. Petersburg, die jetzt ein beliebtes Café ist, Saunen, wo man seine Bedürfnisse ausleben konnte, und geheime Bars, die von "Tanten" [tetki] betrieben wurden, wo Männer sich treffen konnten. So seltsam es erscheinen mag, mehr als einer dieser Männer sagte, er habe das Klima in der Sowjet-Ära bevorzugt, weil das schwule Leben damals subtiler war und die "Werbe-Rituale" aufwendiger, wodurch Begegnungen aufregender und nicht so stark vom "Kommerz" dominiert waren.



Sie sagen, die Kommunisten waren gegen jede Form von körperlichem Genuss. Trifft das auch auf das post-sowjetische Russland zu?

Ich kann nur einige Beobachtungen aus jüngster Zeit wiedergeben. Als ich den Vladimirskiy Prospekt in St. Petersburg entlang lief, sah ich direkt vor der Gottesmutter-von-Wladimir-Kirche eine gigantische Werbung für ein "Hotel für junge Leute" – mit Tages-, Halbtages- und Stundentarifen. Dazu gab's das Bild einer jungen Frau mit großzügigem Dekolleté, die eine Rose hält, während ihr männlicher Partner sein Gesicht in ihrem Nacken vergräbt. Damit war klar, dass "junge Menschen" in diesem Hotel Sex haben können und sollen. Die Stadt hat ansonsten etliche Sexshops, deren Werbung man überall sieht.

Die andere Sache, die mir auffiel: Ich habe noch nie – weder in New York noch in Amsterdam, wo ich jetzt lebe – so viele junge heterosexuelle Paare gesehen, die händchenhaltend umherlaufen, Kinderwagen schieben oder Kleinkinder an der Hand führen. So als ob sie zeigen müssten, dass all die sexuellen Freuden, die man genießen kann, nur im Kontext von Hetero-Monogamie stattfindet. Im Gegensatz dazu habe ich niemals ein gleichgeschlechtliches Paar gesehen, das sich so verhält. Man sieht auch so gut wie keine erkennbaren "Schwulen", weder allein noch zu zweit, obwohl ich ab und zu Frauen sah, die sich dem Typ "Lesbischer Hipster" verschrieben haben. Die einzige Sphäre, wo homosexuelles Begehren ausgedrückt wird – meist indirekt -, ist die Popmusik. Deshalb habe ich mich auch so intensiv damit auseinandergesetzt.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die "sexuelle Orientierung einer relativ großen Anzahl von bekannten Popkünstlern von der Klatschpresse in Frage gestellt" wird. Trotzdem sind diese Künstler beliebt und erfolgreich. Wie ist das möglich?

(lacht) Das ist natürlich die zentrale Frage meines Buches. Sie ist sehr komplex. Ich sehe da einen Wettstreit zwischen Homophobie und Homophilie in Russland, eine Abscheu, die unausrottbar mit Sehnsucht verbunden ist. Ich habe unlängst in einem Interview erklärt, dass die Russen das Theatralische lieben, als Fortsetzung der Tradition des russischen Dandyismus. Und meinen, dass die "farbenfrohen Auftritte" von Drag Queens nur als Satire genutzt werden, nicht als Hinweis auf die sexuelle Orientierung des Entertainers. Ich selbst möchte allerdings nicht ausschließen, dass solche musikalischen Acts auch für eine nicht-traditionelle sexuelle Orientierung stehen, die ansonsten in der russischen Kultur total unterdrückt wird und hier ein Ventil findet. Man kann ja die menschliche Sexualität nie vollständig unterdrücken, sie bahnt sich immer einen Weg.

Aus phänomenologischer Sicht glaube ich, dass es kein Zufall ist, dass dies in Russland über Popmusik geschieht. Denn sie hat viele experimentelle Gemeinsamkeiten mit Sexualität. Ich glaube sogar, dass eine Untersuchung von Sexualität aus Perspektive der Musik – und umgekehrt – neue Wege bietet, beide besser zu verstehen.

Können Sie ein Beispiel nennen für einen schwulen russischen Popstar?

Wenn wir von Künstlern sprechen, die offen schwul sind, dann ist der einzige Boris Moiseev. Wenn wir allerdings von männlichen russischen Künstlern sprechen, die die Grenzen zwischen Gender-Stereotypen auf ihre Weise aufweichen und in ihren Liedern homoerotische Themen und Bilder aufgreifen, dann ist die Liste lang. Als ich Russland 2003 zum ersten Mal besuchte, war ich total verblüfft, wie viele Künstler eine "nicht-traditionelle Orientierung" zur Schau zu stellen schienen, in einer Gesellschaft, wo man Homophobie in allen Lebensbereichen spürt. Es ist auch erstaunlich, wie viel Spaß es der Presse macht, gar nicht subtile Anspielungen auf die sexuelle Identität der Künstler zu veröffentlichen und über ihre angeblichen Eroberungen zu berichten.

In meinem Buch beschäftige ich mich mit mehreren dieser Künstler: Moiseev, Valerii Leont'ev, Dima Bilan, Mitia Fomin (ehemals in der Gruppe Hi-Fi), Andrei Danilko (und seine Drag-Persönlichkeit Verka Serduchka), Sergei Lazarev usw. Ich habe ihre Musik, ihre Liedtexte und die Bilderwelten ihrer Videos einer ausführlichen Analyse unterzogen und nach Anspielungen auf Homosexualität gesucht, unabhängig von der offiziellen sexuellen Orientierung des Künstlers.

Vermutlich ist Moiseevs "Golubaia luna" (Blauer Mond) der Song, den die meisten als ersten schwulen Popsong Russlands ansehen. Im Text geht es um zwei Brüder, einer hat der Liebe zu Frauen abgeschworen, um sich in der Einsamkeit des Himmels zu verlieren. Das Wort "goluboi", was übersetzt "helles Blau" bedeutet, ist der Slang-Ausdruck für schwul.

Video: (Direktlink)
Der erste schwule Popsong Russlands: “Golubaia luna” (“Blauer Mond”), ein Duett von Boris Moiseev mit dem Sänger und Trompeter Nikoali Trubach
Das englischsprachige Buch "Roll over, Tchaikovsky!" ist im Universitätsverlag University of Illinois Press erschienen
Das englischsprachige Buch "Roll over, Tchaikovsky!" ist im Universitätsverlag University of Illinois Press erschienen

Ist das mit der Popmusik-als-Ventil-für-schwule-Sehnsüchte eine clevere Strategie der LGBT-Gemeinde in Russland?

Ich zögere, das so zu formulieren. Denn das würde nur die Sorge (oder Paranoia) der Regierung bestätigen, die zur "Homo-Propaganda"-Gesetzgebung geführt hat. Es würde auch den rechtskonservativen Nationalisten zuspielen, die meinen, die Unterhaltungsindustrie sei ohnehin von einer "Schwulenmafia" kontrolliert. Man sollte besser sagen, dass viele LGBT-Menschen in der Musikindustrie Russlands arbeiten, wo eine andere Offenheit und Liberalität herrscht. In diesen Bereichen kann sich die Persönlichkeit des einzelnen Menschen sichtbarer und hörbarer entfalten.

Ich kenne viele schwule Russen, die in den unterschiedlichsten Sphären arbeiten, als Übersetzer, Lehrer, Ärzte, Büromanager, Verkäufer, Arbeiter, Grafik Designer, Landschaftsarchitekten, Banker … Aber die Welt interessiert sich nicht für die "Diskurse eines schwulen russischen Landschaftsarchitekten", weil seine Arbeit nicht so in die Gesellschaft hinein strahlt wie ein Popsänger.

Jüngst hat ein Musicalregisseur im Interview gesagt, dass in seiner "Tanz der Vampire"-Produktion in St. Petersburg die groteske schwule Figur, der blonde Herbert, bei Zuschauern besonders beliebt sei. Wie kann eigentlich in solche einem Familienspektakel solch eine Figur vorkommen, wo doch "Homo-Propaganda" verboten ist?

Herbert wird als affektierte Tunte gezeigt, als Übertreibung aller Klischees, die einem zum Thema Schwuchtel einfallen. Sicher ist es kein Zufall, dass er im Stück nicht in der Lage ist, sein Begehren auszuleben mit dem Objekt seiner Begierde, Alfred. Einen schwulen Mann auf solch unvorteilhafte und eindimensionale Weise darzustellen, in einem Stück, in dem homosexuelle Aktivitäten verlacht werden (in der komischen Szene, wo Herbert versucht, Alfred zu verführen) und heterosexuelles Verlangen (von Alfred zu Sarah) im Zentrum seht, erfüllt Herbert eine didaktische Funktion. Zum einen führt er die Gefahren vor, die entstehen, wenn man sich für gleichgeschlechtlichen Sex "entscheidet", weil man nie volle Befriedigung bekommen kann. Durch die Karikatur Herberts zeigt man dem allgemeinen Publikum zudem jemanden, der "anders" ist, den man "erkennen" kann – und damit auch "vermeiden".

Ich bin sicher, dass eine Darstellung von gleichgeschlechtlicher Liebe, die nicht als "krank" gezeigt wird, sondern wo die beiden Männer oder Frauen als "normal" gezeigt würden, für ein russisches Publikum nicht tolerierbar wäre. Das ist genau das, was die Gesetze gegen "Homopropaganda" verbieten. Es soll keine Darstellung geben, die Homosexuelle "moralisch" gleichwertig zeigt. Herbert, der Vampir, dient als warnende Abschreckung und als Beispiel der Lächerlichkeit, nicht als Vorbild.



Nur aus Neugierde: Ihr Buch behandelt Popmusik, was hat Tschaikowsky damit zu tun?

Der Titel bezieht sich auf einen Chuck-Berry-Song und die Aufforderung, das Alte "raus zu rollen" und das Neue rein zu lassen. Das ist das Gefühl, das ich evozieren wollte. Nicht, dass man Tschaikowskys Musik verbannen müsste. (lacht) Aber die lächerliche und homophobe Karikatur, die man aus seinem Namen gemacht hat, finde ich schockierend. Trotz der gegenteiligen Zeugnisse wird der Mythos seines Selbstmordes aufrecht erhalten, dass er sich wegen einer "falschen" Beziehung zu einem jungen Mann umgebracht habe. Damit ist er ein typischer tragischer Homosexueller. Ein Beispiel dafür, was man riskiert, wenn man sich solchen fleischlichen Genüssen hingibt.

In meinem Buch möchte ich die körperliche und emotionale Kraft von Musik und Sexualität beleuchten, statt die üblichen kognitiven oder ideologischen Aspekte. Mir geht es um lebende, atmende, schwitzende, tanzende, singende Subjekte, die für einen neuen Umgang mit Sexualität stehen, der sich in Musik ausdrückt und im heutigen Russland gelebt wird. Als Alternative zu den homosexuellen "Körpern" der Vergangenheit, die mit Tod, Kastration und Krankheit assoziiert werden. Bei mir geht es um Lust und Leben. Somit müssen wir auch dieses alte negative Tschaikowsky-Bild entsorgen und die historisch korrekte Komponistenfigur in neuem Licht zeigen. Damit er nicht mehr mit "Entartung" gleichgesetzt wird, nur um Heterosexualität attraktiver zu machen.

Wie waren eigentlich die Reaktionen auf Ihr Buch in Russland?

Als ich mit dem Projekt begann, war die erste Reaktion: Ungläubigkeit. Menschen, die ich interviewte, konnten sich nicht vorstellen, dass eine Arbeit über Homosexualität und Popmusik – und dann auch noch in Russland – in der akademischen Welt akzeptiert werden könnte. Die meisten fragten, ob sich überhaupt jemand außerhalb Russlands für die Popmusik des Landes interessieren würde, wo die meisten Stars bei einem nicht russischen Publikum weitgehend unbekannt sind. Durch die Ereignisse der letzten Jahre ist Russland aber plötzlich sehr wohl von Interesse für viele Menschen und Medien im Westen: das "Homo-Propaganda"-Gesetz, die Diskussion um einen Boykott der Olympischen Spiele in Sotschi, die Pussy-Riot-Affäre…

Das Buch ist gerade rausgekommen und auf Englisch, eine Sprache, die in Russland nicht viele Menschen sprechen. Deshalb glaube ich nicht, dass viele dort das Buch bislang zur Kenntnis genommen haben. Ich hoffe aber, dass die, um die es geht, meine Analysen schätzen werden.

Sie sind Professor für Musik und Media Studies an der Universität von Amsterdam. Können Sie noch problemlos in Russland einreisen, mit solch einem Titel auf dem Lebenslauf?

Als ich diesen Sommer nach Russland reisen wollte, machte ich mir mitten in der Ukraine-Krise und der Festnahme des holländischen Filmemachers und Aktivisten Kris van der Veen in Murmansk doch ein bisschen Sorgen, ob es Schwierigkeiten geben könnte. Aber mein Visum wurde ohne jede Verzögerung ausgestellt. Ich glaube auch nicht, dass sich jemand bei der Visa-Behörde in Den Haag die Veröffentlichungslisten von Professoren durchliest. Ich muss aber gestehen, dass ich mich in Russland nicht wirklich offen schwul präsentiere. Das würde meine Untersuchungen erschweren. Was eine ziemlich deprimierende Erkenntnis ist, nach all den Jahren.

Sie haben sich für eine recht akademische Sprache im Buch entschieden. Ist das eine Schutzmaßnahme, damit die Autoritäten in Russland nicht mitkriegen, was drin steht?

Es stimmt, das Buch richtet sich an ein akademisches Publikum, deshalb hat es einen großen theoretischen Teil. Aber der zentrale Teil kann und soll für alle zugänglich sein. Schon allein deshalb, weil viele der Künstler, die behandelt werden, fantastisch sind. Sie verdienen größere Bekanntheit im Westen und mehr Beachtung von Seiten der Musikwissenschaft. Ansonsten rechne ich nicht damit, dass Präsident Putin oder einer seiner Mitarbeiter das Buch lesen werden – obwohl ich ihnen gern ein signiertes Exemplar schicke! (lacht)

Video: (Direktlink)
Ein Video der relativ neuen russischen Band "Dik". Dies ist die unzensierte Version ihres Lieds "Dikii mir", was so viel bedeutet wie "Wilde Welt", mit einem Wortspiel in den Lyrics, die man auch verstehen kann als "Give me your dick".
  Infos zum Buch
Stephen Amico: Roll Over, Tchaikovsky! Russian Popular Music and Post-Soviet Homosexuality. 314 Seiten. University of Illinois Press. Champaign 2014. ISBN 978-0-252-03827-3. Preis bei Amazon Deutschland: 48,75 € (gebunden), 17,07 € (Kindle Edition)
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Reaktionen zu "Russlands Wettstreit zwischen Homophobie und Homophilie"


 5 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
02.11.2014
16:56:20


(+3, 9 Votes)

Von günstig*


Im Keller des Museums könnte man vielleicht noch die Zeitdokumente mit Soviet-Music laufen lassen,
die Amerikaner in den Jelzin-Jahren in Russland * erstellten.

soviet-army-vintage-gay-video


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#2
02.11.2014
19:50:36


(+5, 5 Votes)

Von Hugo


Unabhängig vom Buch.
Den Diktatoren und Diktaturen geht es nur um eines, nähmlich das Volk uneingeschrängt zu kontrollieren. Sommit ist jedes Mittel recht. Dann werden viele wie möglich Feindbilder erschaffen um dem dummen Volk klarzumachen, wenn es wie die Feindbilder denkt und lebt wird es nicht gut ausgehen.


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#3
02.11.2014
19:58:53
Via Handy


(+4, 4 Votes)

Von J-eye


"Russlands Wettstreit zwischen Homophobie und Homophilie"
Oder man könnte es auch wie folgt nennen: "Russlands bigottes, heuchlerisches Werte- und Normenprinzip".
Da plustert man sich mal schnell auf, wenn es wieder heißt, dass man sich mit typisch russisch-orthodoxen Werten und Traditionen gegen den moralischen Verfall in der westlichen Welt wehrt. Aber irgendein Opfer braucht so ein undemokratisches System immer. Aber sich dann versteckt homoerotische Phantasien widmen. Ist aber ja alles "no homo", wie manch einer jetzt sagen würde. :P


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#4
03.11.2014
18:08:20


(+3, 5 Votes)

Von wettstreit


Geopolitik-Religion-Klassenkampf

" Im Kontext von Russlands gegenwärtiger demografischer Krise sowohl die Geburtenrate als auch die Lebenserwartung von Männern ist die tiefste in der gesamten industrialisierten Welt! sind diese Aspekte auch wichtig zum Verständnis der derzeitigen Homophobie."

Erdogan toppt AfD!

Bild-Link:
2-format3.jpg


Link zu www.handelsblatt.com


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#5
04.11.2014
23:26:49


(+1, 1 Vote)

Von axels
Aus - (Schweiz)
Mitglied seit 13.04.2011


Spannender Beitrag! (Danke für den Mut zur Länge!)


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