Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?22629

Gleich vier Schernikaus stehen bzw. sitzen auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin (v.l.n.r.): Elias Arens, Thorsten Hierse, Wiebke Mollenhauer und Bernd Moss (Bild: Arno Declair)

Mit dem Stück "Die Schönheit von Ost-Berlin" bringt das Deutsche Theater Texte des schwulen Dichters Ronald M. Schernikau auf die Bühne. Ein Interview mit Regisseur Bastian Kraft.

Von Carsten Bauhaus

Pünktlich zum Jubiläum des Mauerfalls bringt Bastian Kraft mit einer Collage über Ronald M. Schernikau eine der schillerndsten Figuren der West-Berliner Szene der 1980er Jahre auf die Bühne des Deutschen Theaters. Titel: "Die Schönheit von Ost-Berlin".

Im Interview mit queer.de erzählt Kraft, was ihn an den schwulenbewegten, kommunistischen Dichter, der kurz vor Mauerfall von West- nach Ost-Berlin übersiedelte und 1991 viel zu früh an den Folgen von Aids starb, fasziniert und warum seine Texte noch immer aktuell sind.


Regisseur Bastian Kraft, Jahrgang 1980, bringt häufiger queere Themen auf die Bühne, darunter 2010 "Dorian Gray" nach Oscar Wilde am Burgtheater Wien, 2011 "Orlando" nach Virginia Woolf am Thalia Theater Hamburg und 2013 "Der talentierte Mr. Ripley" am Schauspiel Frankfurt (Bild: Eke Miedaner)

Im September 1989 zog Schernikau als frisch wiedereingebürgerter Ossi nach Hellersdorf. Eine Biografie, ganz offensichtlich gegen den Zeitgeist gebürstet. Warum haben Sie zum Mauerfall-Jubiläum ausgerechnet ihn als Bühnenfigur ausgewählt?

Neben den üblichen Geschichten, die wir alle kennen, wollte ich zum Mauerfall einer Stimme Gehör verschaffen, der es sich lohnt zuzuhören, weil sie neue Perspektiven eröffnet. Schernikau hat das Leben auf beiden Seiten der Mauer gekannt und konnte beide Systeme differenziert, alltagsnah, plastisch und sehr unterhaltsam beschreiben.

Der Kommunismus gilt heute ja als gescheitert. Jedoch darf man daraus nicht den Rückschluss ziehen, dass alle Kommunisten verblendet waren. An Schernikau fasziniert mich vor allem, dass er eine extrem klare politische Haltung stets mit einem positiven Grundgestus verband. Mich beeindruckt der Charme, mit dem er auf die Welt zugegangen ist — und sich dabei dennoch nie verbiegen ließ. Seine Texte stecken einen mit dieser Energie an, auch heute noch.

Heute würde eine Figur wie er stark herausstechen und überall anecken. War das damals anders?

Er war auch damals schon ein Exot: ein schwul-bewegter kommunistischer Jungliterat, im Osten geboren, im Westen aufgewachsen, der sich schließlich für das für ihn bessere System entschied. Auch wenn er damals vielleicht etwas weniger polarisiert hat als heute — ein Fremdkörper war er mit seiner kompromisslosen politischen Haltung schon immer.

Wie weit spielte und spielt seine Homosexualität eine Rolle?

Da Schernikau beim Schreiben immer von seiner subjektiven Erfahrungswelt ausging, haben die Texte auf eine ganz selbstverständliche Weise eine schwule Perspektive. Schon sein erstes Buch "kleinstadtnovelle" ist ja eine Coming-out-Geschichte. Aber auch bei politischen Themen führt er immer Beispiele aus seinem Alltag an, dem Alltag eines jungen Schwulen. Da erzählt er zum Beispiel in einer Talk-Show von einer Begegnung in der Sauna, um zu verdeutlichen, wie blind seine Generation für die eigene Unfreiheit ist.



Wie rücken Sie einer widersprüchlichen und vielschichtigen Figur wie Schernikau mit den entsprechenden theatralen Mitteln zu Leibe?

Wir arbeiten mit einer Text-Collage aus Schernikaus Büchern, Interviews und Artikeln. Er selbst war ja auch so etwas wie ein literarischer Jäger und Sammler und hat die Technik der Montage immer weiter perfektioniert. Der ganze Abend wird also mit O-Tönen rein aus seiner Perspektive erzählt. Neben hochpolitischen Diskursen kommt so natürlich etwa auch seine Liebe zu DDR-Schlagern, Glitzer und Fummel zur Sprache. Während der Proben habe ich mit meinem Team auch die "TerrorTuntenNacht" im SchwuZ besucht, wo Schernikau mit den ladies neid in den 1980er Jahren eigene Polit-Tunten-Shows kreiert hat.

Wie findet man für jemanden wie Schernikau die richtige Besetzung?

Bei uns steht nicht nur ein Schernikau auf der Bühne, sondern gleich vier: Drei Schauspieler und eine Schauspielerin begeben sich gemeinsam in diesen Kosmos, erforschen die verschiedenen Facetten dieser widersprüchlichen Figur. Schernikau balancierte ja mühelos zwischen Politik und Popkultur, zwischen Hedonismus und Sozialismus, Kunst und Sex, Ernst und Albernheit. Dieses Spannungsfeld wollen wir ausloten. Die Schauspieler haben in den Proben große Lust daran, Schernikaus komplexen Gedanken zu folgen. Mit Margit Bendokat haben wir darüber hinaus eine Über-Mutterfigur im Team, die Schernikau damals noch selbst auf der Bühne des Deutschen Theaters bewundern konnte.



Die verwendeten Texte stammen fast alle aus den 1980er Jahren. Sind sie heute überhaupt noch aktuell?

Schernikau hat sprachlich und formal einiges vorweggenommen, was wir für Erfindungen unserer Zeit halten. Seine Texte waren stark von der Umgangssprache geprägt, gleichzeitig aber sehr literarisiert: "wenn der kapitalismus nett zu mir ist, bin ich auch nett zu ihm lächel freu." — das hat Schernikau schon so formuliert, lange bevor Online-Messages verbreitet waren. Inhaltlich liest sich vieles von ihm geradezu prophetisch: "allergrößte bewusstheit bei null aktivität. das ist das merkmal des spätkapitalismus." Der Satz gibt unser heutiges Grundgefühl der Überforderung in einer globalisierten Welt doch perfekt wieder — stammt aber aus den 1980er Jahren.

1991 starb Schernikau an den Folgen von Aids. Inwieweit ist die Krankheit in sein Werk eingeflossen?

In seinem letzten Buch "legende" ist das Wissen um den nahen Tod sehr präsent. Es war damals natürlich gerade in Bezug auf Aids eine andere Zeit. Gesellschaftlich wurde die Krankheit ganz anders wahrgenommen, galt lange als "Schwulenseuche". In seinem Artikel "fickt weiter!" rief Schernikau 1984 in der "Siegessäule" dazu auf, sich durch das Virus nicht in eine überkommene monogame und verschreckte Sexualität zurückdrängen zu lassen, nachdem man sich die Freiheit doch gerade erst mühsam erkämpft hatte. Ein Text, der bis heute kontroverse Reaktionen hervorruft, weil er als Appell zum Ignorieren des Risikos missverstanden wurde.

Wie würde Schernikau das Deutschland von heute erleben?

Er sagte einmal: "Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen." Er würde sich darin wohl bestätigt sehen… Wir haben zwar größtmögliche Freiheiten, trotzdem sind so viele Menschen frustriert, ausgebrannt, unglücklich. Schernikau war jedoch ein grundpositiver Mensch und hätte sicher trotzdem weiter gemacht. Nur Nörgeln war nie sein Ding.

Youtube | Ausschnitt aus den Proben
Infos zum Stück

Die Schönheit von Ost-Berlin. Regie Bastian Kraft. Besetzung: Margit Bendokat, Elias Arens, Thorsten Hierse, Wiebke Mollenhauer, Bernd Moss. Uraufführung am 7.11. um 20 Uhr im Deutschen Theater Berlin. Weitere Aufführungen am 9.11. (19:30 Uhr), 18.11. (20 Uhr), 27.11. (19:30 Uhr), 06.12. (19:30 Uhr), 16.12. (19:30 Uhr) und 28.12. (19:30 Uhr)


Berlin: Gedenktafel für Ronald M. Schernikau

An seinem letzten Wohnort in Berlin-Hellersdorf erinnert seit Freitag eine Tafel an den schwulen Dichter Ronald M. Schernikau.
Heterotopie à la Schernikau

Nach 30 Jahren hat der Verbrecher Verlag Ronald M. Schernikaus Text "so schön" erstmals als eigenständiges Buch veröffentlicht.
#1 schwarzerkater
#2 collageAnonym
#3 SelbstentlarvungAnonym