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  • 10.11.2014           89      Teilen:   |

Gleichgültigkeit als Botschaft

Eine ARD-Toleranzwoche mit vielen Fragezeichen

Eine missglückte Werbung, viel Archiv-Material und ein Talk mit Matthias Matussek – die ARD zeigt, dass sie von Toleranz nichts versteht.

Von Norbert Blech

Es ist schon bemerkenswert, wie die ARD derzeit ihre Themenwoche "Toleranz" ("Anders als Du denkst") bewirbt, die am Samstag startet. Gezeigt wird ein schwules Paar mit der Headline "Normal? – oder – Nicht normal".



Auch andere "Andere" müssen sich in der Werbung in Frage stellen lassen:



In anderen Ländern würde so etwas schnell zu einem "Fail"-Shitstorm führen, als freundlichste Reaktion. In Deutschland ist das leider immer so mit dem Fernsehen: Da wird eine Sendung zum Bildungsplan mit "Droht die moralische Umerziehung?" betitelt, Frank Plasberg fragt: "Homo-Ehe ohne Grenzen?" und N24 blendet zu einem entsprechenden Talk gleich ein: "Schwule: normal oder pervers?"

Man könnte das Spiel mit dem Vorurteil zunächst als Masche ansehen, um die Quote zu steigern. Das könnte man noch akzeptieren, wenn die Sendungen dann Aufklärung und Haltung liefern würden – was bei besagten Talkshows nicht der Fall war. Wenn man nun aber sogar eine Woche zur "Toleranz" allgemein mit einer Mischung aus toleranten und intoleranten Aussagen bewirbt, offenbart sich dahinter eine konsequent falsche Denkweise: Toleranz ist, wenn man "darüber" redet. Bzw. darüber reden lässt.

Fortsetzung nach Anzeige


Eine echte Toleranz, gar Akzeptanz oder Inklusion ist das nicht. "Toleriert" werden Schwule und Lesben ebenso wie Homophobe, die ihnen die Toleranz verweigern. Zahlreiche Talkshows, in denen Homo-Hasser wie Gabriele Kuby oder Birgit Kelle mehr Gewicht bekamen, als sie in der Realität haben, und in denen sie von Moderatoren unwidersprochen homophobe und menschenfeindliche Äußerungen von sich geben durften, sprechen für sich.

Und auch in der ARD-Themenwoche wird es wieder einen dieser Talks geben, vielleicht auch zwei. Über einen liegen noch zu wenig Informationen vor, aber eine Podiumsdiskussion "über sexuelle Orientierung" – also nicht über etwas spezifisches wie etwa Diskriminierung oder Intoleranz – lässt Schlimmes erwarten.



Bereits am Samstag lädt der Hessische Rundfunk ausgerechnet den homophoben Großkotz Matthias Matussek zum Talk zu dem Thema "Was müssen wir uns gefallen lassen – was nicht? Der Tanz um die Toleranz."



"Ist sich das knutschende schwule Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz sie [sic] ihren Mitreisenden abverlangt?", fragt die Sendungsankündigung, was eine Unverschämtheit ist (und ein wenig an Markus Lanz erinnert, der am Samstag bei "Wetten Dass" zu Conchita Wurst meinte: "Du stellst Toleranz auf die Probe. Aber mit dir kann man das sehr angenehm aushalten"). Es hagelt weitere Fragen wie "Nehmen sich die Muslime zu viel heraus?" Und die Aussage: "Toleranz ist etwas, was die Mehrheit der Minderheit gewährt".

Das ist ein Gedanke, der durch viele Sendungen der Themenwoche geistert: Wieviel Toleranz wollen "wir" (=Mehrheit) wirklich geben? Womit sind "wir" bei "den Anderen" überfordert? Haben "die" überhaupt Toleranz verdient? Das ist nicht gerade ein überzeugendes Plädoyer für Toleranz, es ist nicht: Wie können wir Toleranz erzeugen und stärken, wie Intoleranz bekämpfen, das als gemeinsame Aufgabe begreifen? Wäre die ARD-"Themenwoche" ein Bildungsplan, gäbe es keinen Aufschrei über eine vermeintliche Ideologisierung. Und keine schlaueren Kinder.

Matusseks Gegenüber ist übrigens Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentages. Auch das ist typisch für "Toleranz"-Diskussionen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Die intoleranten Kirchen diskutieren immer mit. In einer dicken Pressebroschüre zur Themenwoche wird auf einer Seite auf eine Regenbogenfamilien-Doku hingewiesen – und je eine Seite bekommen ein evangelischer und ein katholischer Bischof eingeräumt, um über Toleranz zu schwafeln. Kardinal Reinhard Marx meint dann auch, Toleranz habe "die eigene Überzeugung als Fundament" und endet, wo sie sie in Wahrheit "Gleichgültigkeit" sei.

Lustigerweise ist es die ARD, der man den Vorwurf der Gleichgültigkeit machen muss: Sie stellt in der Themenwoche diskriminierte Bevölkerungsgruppen, die ohne ihr eigenes Zutun "anders" sind, in eine Reihe mit Charakteren, die "anders" sein wollen, und sei das noch so beliebig. So versteckt sich hinter dem SWR-Talk "Nachtcafé" mit dem Titel "Krass, grell, schrill – anders als die Anderen" kein weiterer homophober Knaller, sondern eine Sendung über Menschen mit Piercings.

Was bietet die Themenwoche sonst noch zum Thema LGBT? Vor allem das, was das Archiv hergibt. Es wird hauptsächlich in Nebenkanälen versendet: Eine Doku über Intersexualität, einige über das Coming-out, ein zwölf Jahre alter Fernsehfilm, ein drei Jahre alter Fernsehfilm über einen "Transpapa", der Film "Tomboy", der Film "Schwule Mütter ohne Nerven". Sachen, die nicht nur in Themenwochen öfters zu sehen sein sollten.

Einen neu produzierten Film oder etwas vergleichbares sucht man vergebens. Man könnte auf den bösen Gedanken kommen, diese lustlos vorbereitete Themenwoche diene vor allem der Vergewisserung, manche Themen überhaupt mal behandelt zu haben (dass LGBT selbstbewusster Teil eines vielfältigen Hauptprogramms werden, darf man ohnehin nicht erwarten, solange man noch klären muss, ob Schwulsein "normal" ist).

Eine Förderung von Toleranz ist die Themenwoche wohl kaum; man hat nicht mal den Eindruck, sie sei Ausdruck von gelebter Toleranz.

 Update  18.30h: Reaktionen der ARD

Auf Twitter haben am Nachmittag Verantwortliche der Kampagne auf Kritik reagiert:





Das Portal Buzzfeed machte sich derweil über die ARD lustig.

 Update  12.11., 12.20h: Weitere Entwicklungen

In Stellungnahmen haben am Dienstag der BR und der Hessische Rundfunk reagiert – letzterer unter der weiterhin unveränderten Programmankündigung für die Sendung "Horizonte" am Samstag.

Bei der im obigen Text angesprochenen zweiten Talkshow, die am 18. November um 21.45 Uhr auf ARD Alpha ausgestrahlt werden soll, handelt es sich übrigens um eine mitgefilmte Radiosendung, die schon im Oktober aufgezeichnet wurde. Zu Gast sind: Albert Kehrer, Vorstand von Proud at Work, der CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann und Constanze Körner vom Regenbogenfamilienzentrum des LSVD. Es geht also tatsächlich auch anders.

Links zum Thema:
» Webseite der Themenwoche
Wochen-Umfrage: Was hältst du von der ARD-Themenwoche "Toleranz"? (Ergebnis)

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Tags: ard, fernsehen, homophobie, toleranz, themenwoche
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Reaktionen zu "Eine ARD-Toleranzwoche mit vielen Fragezeichen"


 89 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
10.11.2014
12:29:26
Via Handy


(+9, 13 Votes)

Von Robby69
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Wirklich zum Kotzen, was uns vom öffentlich-rechtlichen Hetero-Sender als 'Toleranz' verkauft werden soll. Leider kann man bei dem großen Einfluss der Gehirnwäschesekten durch ihre 'Beteiligung' beim Fernsehrat auch nur homophoben Mist deklariert als scheinbare Toleranz erwarten...


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#2
10.11.2014
12:56:34


(+6, 10 Votes)

Von Bildungsauftrag
Antwort zu Kommentar #1 von Robby69


"In anderen Ländern würde so etwas schnell zu einem "Fail"-Shitstorm führen, als freundlichste Reaktion. In Deutschland ist das leider immer so mit dem Fernsehen..."

Link zu www.queer.de


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#3
10.11.2014
13:10:30


(+9, 13 Votes)

Von toll toll toll


"Wieviel Toleranz wollen "wir" (=Mehrheit) wirklich geben? Womit sind "wir" bei "den Anderen" überfordert? Haben "die" überhaupt Toleranz verdient?"

"Ist sich das knutschende schwule Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz sie [sic] ihren Mitreisenden abverlangt?", fragt die Sendungsankündigung

______________________________

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Repressive_Toleranz


Anders formuliert:

"Toleranz" soll Unterdrückungsverhältnisse und soziale Ungleichheit nicht aufheben, sondern zementieren und einen Anstrich von Legitimität verpassen.

Effektive Gleichheit und Gleichberechtigung aller Menschen, von Anfang an, sind etwas ganz anderes und schließen "Toleranz" gegenüber den herrschenden Ideologien und der herrschenden Praxis der Ungleichwertigkeit aus!


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#4
10.11.2014
13:20:11


(+8, 10 Votes)

Von ehemaligem User timpa354


Wie üblich für die Öffentlich Rechtlichen, einfach nur das Bemühen, der Kirchenlobby Gehör zu verschaffen, natürlich schön unter sich, damit sie in der Umerziehung zu mehr Intoleranz und Hass der Bevölkerung nicht gestört werden.


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#5
10.11.2014
13:22:13


(+6, 12 Votes)

Von GroKotzen
Antwort zu Kommentar #1 von Robby69


Es stellt sich die praktische Frage:

Wie lange finanzieren Schwule und Lesben - gemeinsam z. B. mit Menschen nicht deutscher Herkunft/Abstammung - diesen "homophoben [rassistischen, klassistischen...] Mist", der sich quantitativ und qualitativ im Programm äußert, insbesondere eine sozial extrem privilegierte Schicht von Funktionär_innen und bürgerlichen Meinungsmacher_innen (in vielen Fällen fälschlicherweise "Journalist_innen" genannt) noch mit, ohne klare und unmissverständliche Forderungen zu stellen?


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#6
10.11.2014
13:24:57


(+3, 9 Votes)

Von ehemaligem User timpa354


Aber einen Trost habe ich , kein Mensch unter 80 schaut sich noch die ständigen Priester und Nonnen Serien an, warum auch, trivialer Mist bis zum Erbrechen.


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#7
10.11.2014
13:27:22


(+9, 11 Votes)

Von m123


Was soll man auch anderes erwarten von einem öffentlich-rechtlichen Sender, der von der Politik kontrolliert wird und unter der beschönigenden Bezeichnung "Beitragsservice" knallhart 17,98 EUR pro Monat an Gebühren von jedem eintreibt, der eine Wohnung besitzt, egal ob derjenige ARD/ZDF schaut oder nicht und egal ob derjenige überhaupt einen Fernseher hat oder nicht?

Wenn sogar die lesbische Anne Will in einer entsprechenden Sendung zum Schluss absurderweise behauptet, das 98% der Menschen unter Familie "Vater, Mutter, Kind" verstehen, dann sagt das doch schon alles über ARD/ZDF, ganz abgesehen von allen anderen Talk-Sendungen, deren Titel so tun als seien Homosexuelle selbst schuld daran, dass manche Heterosexuelle so homosexuellenfeindlich reagieren.

Wer die Zusammenhänge zwischen dem Schutz, den die Kirche in diesem Staat genießt, Merkels christliche Regierung, das Verhalten von homophoben Gruppierungen (Demo für alle,...) inkl. Gabriele Kuby, Birgit Kelle, etc. , das Verhalten der öffentlich-rechtlichen Sender und das Verhalten der Menschen versteht, der begreift wie pervers dieses System ist.


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#8
10.11.2014
13:28:10


(+8, 12 Votes)

Von u-bahn-verkehr
Antwort zu Kommentar #3 von toll toll toll


da hilft nur eins: deutlich mehr schwules knutschen in u-bahnen! und nicht nur dort.


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#9
10.11.2014
13:50:04


(+9, 13 Votes)

Von goddamn liberal
Antwort zu Kommentar #3 von toll toll toll


""Toleranz" soll Unterdrückungsverhältnisse und soziale Ungleichheit nicht aufheben, sondern zementieren und einen Anstrich von Legitimität verpassen."

So ist es.

Auch als Afro-Deutscher oder Rollstuhlfahrer wäre ich von der Ankündigung nicht begeistert.

Die stehen nämlich wie wir unter dem Schutz des Grundgesetzes und sind keine Verhandlungsmasse für Diskriminierungs- und (das darf man hierzulande sagen) Tötungsvorbehalte.

Der Dialog zwischen Überschär und Matussek zeigt wiederum die Enge des Meinungsspektrums hierzulande:

Ob angegrünte Pastorin oder rechtsreaktionärer Pöbel-Anarch - Frömmigkeit ist Pflicht, die konfessionslose Mehrheit zählt nicht.

Dass es hier überhaupt sowas wie eine Lebenspartnerschaft gibt, haben wir allein der innerkirchlichen Arbeit der HUK zu verdanken. Hätten BEIDE Staatskirchen sich quergelegt, hätten wir italienische Verhältnisse.

Mir ist das seinerzeit aufgefallen, als Däubler-Gmelin von 'Gottesebenbildlichkeit' und nicht von Bürgerrechten sprach, als die LPR einführt wurde.

So läuft das halt.


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#10
10.11.2014
14:54:01


(+8, 12 Votes)

Von sperling


ich fühle mich um zwanzig jahre zurückversetzt, als man noch von "randgruppen" und "außenseitern" redete.

im artikel wird zu recht das ideologische grundkonzept kritisiert, das toleranz tatsächlich im wesentlichen als macht- und repressionsinstrument unkritisch zu bestärken scheint.


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