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  • 19.11.2014           6      Teilen:   |

Vito-Russo-Test

Dieser Bösewicht kann gerne schwul sein

Artikelbild
In "Einer nach dem anderen" spielt Jakob Oftebro den schwulen Gangster Aron Horowitz, der eine hemliche Beziehung mit Geir (Anders Baasmo Christiansen), einem anderen Bandenmitglied, führt (Bild: Neue Visionen Filmverleih)

Im Thriller "Einer nach dem anderen" taucht auch ein homosexuelles Schurkenpaar auf – wir haben den Vito-Russo-Test gemacht.

Von Peter Fuchs

Nils (Stellan Skarsgård, ja der Vater von sexy Alexander) räumt im nördlichsten Norwegen mit seinem mächtigen Schneepflug die Zufahrtsstraße einer Kleinstadt frei. Er halte "einen Streifen Wildnis für die Zivilisation offen" sagen sie über ihn. Doch dann informiert ihn die Polizei, dass sein Sohn an einer Überdosis Heroin gestorben sei.

Nils kann das nicht glauben. Wie mit seiner Maschine räumt der bisher unbescholtene Mann innerhalb der Drogenmafia auf und pflügt sich beharrlich durch die Hierarchie nach oben. Jede Stufe eine Leiche, eine nach der anderen. Das ist anstrengend und so smart gefilmt, dass auch die Zuschauer mitmorden, wenn sie im Kopf die einzelnen Bilder verbinden müssen. Schritt für Schritt kommt Nils seinem Ziel, den Oberboss zur Verantwortung zu ziehen, näher und bringt dabei das mafiöse System zum Kollabieren

Unterwegs erleben wir auch zwei Schwule, die innerhalb der kriminellen Männergesellschaft eine heimliche Beziehung führen. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Aber ein Exkurs über Homosexuelle im Kino sei erlaubt.

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An drei Punkten lassen sich queerfreundliche Filme erkennen

Schneepflugdahrer Nils (Stellan Skarsgård) jagt in "Einer nach dem anderen" den Mörder seines Sohnes - Quelle: Neue Visionen Filmverleih
Schneepflugdahrer Nils (Stellan Skarsgård) jagt in "Einer nach dem anderen" den Mörder seines Sohnes (Bild: Neue Visionen Filmverleih)

Früher mussten die wenigen Schwulen und Lesben in Hollywood-Filmen immer sterben. Ein Happy-End mit so einer sexuellen Orientierung schien dem Mainstream-Publikum nicht zumutbar. Deshalb waren die queeren Figuren stets Bösewichter und Schurkinnen. Überleben durften nur diejenigen, die als exotischer Aufputz die Handlung dekorierten und ein paar lustige One-Liner abdrückten. Verspottet und respektlos behandelt wurden aber auch sie. Groß war deshalb die Überraschung, als 1995 im Film "Beautiful Thing" ein Coming-out unter widrigen Umständen glückte und sogar positiv in die Zukunft blicken ließ.

Heute ist alles natürlich besser. Aber noch nicht ganz. Schwule und Lesben dürfen mittlerweile häufiger das Filmende überleben, doch tauchen sie meistens in Komödien auf, reduziert auf simple Pointengeber für den heterosexuellen Hauptdarsteller. Ein schwuler Actionheld scheint nach wie vor undenkbar.

Aber mittlerweile lässt sich die Darstellung von Schwulen und Lesben in Spielfilmen gut erfassen. Die Leute vom Medien-Watchdog Gay & Lesbian Alliance against Defamation (GLAAD) entwickelten einen Test, den sie nach dem Filmhistoriker Vito Russo benannten. Anders als beim Bechdel-Test, der als Indikator für die Präsenz und Darstellung von Frauen in Filmen gilt, beinhaltet der Vito-Russo-Test neben einer statistischen Aussage über queere Figuren auch eine qualitative Komponente. An diesen drei Punkten lässt sich das queerfreundliche Kinovergnügen erkennen:

1. Der Film beinhaltet eine Figur, die erkennbar lesbisch, schwul, bisexuell und/oder transgender ist.

2. Die Figur ist nicht ausschließlich durch ihre sexuelle Orientierung oder Identität definiert.

3. Die Figur ist so in die Handlung integriert, dass ihre Entfernung einen bedeutsamen Effekt auf die Story hätte.

Den Test bestanden – und außerdem ein guter Film

Poster zum Film: "Einer nach dem anderen" startet am 20. November 2014 bundesweit im Kino
Poster zum Film: "Einer nach dem anderen" startet am 20. November 2014 bundesweit im Kino

Klappt es mit diesen drei Forderungen, darf der Schwule auch wieder der Bösewicht sein und am Ende sterben. Soll ja Menschen geben, die fies und homosexuell sind. Was wieder zum Film "Einer nach dem anderen" führt, der den Vito-Russo-Test bravourös besteht und obendrein auch noch gut ist.

Regisseur Hans Petter Moland und Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson lassen die Story nicht in einen platten Rachethriller kippen, in dem nur die Zahl der Leichen exponentiell ansteigt. Sie zeigen, dass hinter jedem Todesopfer eine Familie oder ein Liebhaber trauert und versorgen so die schwarze Thriller-Komödie mit Substanz. Auge um Auge, Sohn um Sohn; da wirkt selbst der heftige Shoot-out am Ende mehr verzweifelt als brutal.

Und immer wieder schweifen scharf gezeichnete Nebenfiguren wunderbar ab, zum Beispiel über den Zusammenhang zwischen warmem Wetter und Wohlfahrtsstaaten.

Stellan Skarsgård führt die Besetzung dieses Films – der Originaltitel lautet "Kraftidioten" – grandios mit eisiger Miene an. Sehenswert Pål Sverre Hagen als exaltierter Drogenboss in cool-stylishem Ambiente. Wuchtig wie ein Eisberg auch der serbische Pate des Bruno Ganz, heisere Stimme inklusive.

Youtube | Offizieller deutscher Trailer
  Infos zum Film
Einer nach dem anderen. Thriller. Norwegen/Schweden/Dänemark 2014. Regie: Hans Petter Moland, Darsteller: Stellan Skarsgård, Bruno Ganz, Pål Sverre Hagen, Jakob Oftebro, Anders Baasmo Christiansen, Birgitte Hjort Sørensen. Laufzeit: 115 Minuten. FSK: 16. Verleih: Neue Visionen Filmverleih. Bundesweiter Kinostart: 20. November 2014
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Einer nach dem anderen

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Tags: vito-russo-test, einer nach dem anderen, kraftidioten, neue visionen, order of disappearance, jakob oftebro, aron horowitz, glaad
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Reaktionen zu "Dieser Bösewicht kann gerne schwul sein"


 6 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
19.11.2014
12:18:08


(0, 6 Votes)

Von goddamn liberal


Hm.

Aron Horowitz heißt der fesche Schurke auch noch?

Nordischer Saubermann aus Norwegen im Kampf gegen jüdisch-schwule Dunkelmänner oder wie?


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#2
19.11.2014
18:01:20


(0, 8 Votes)

Von Oliver43


Auch wenn ich die Filmanalyse zu früher von Peter Fuchs teile, so kann ich nicht ganz zu 100 Prozent seine Analyse zur Gegenwart der 2000er und 2010er teilen. Ich sehe es ein wenig positiver. Peter Fuchs schreibt:

"Heute ist alles natürlich besser. Aber noch nicht ganz. Schwule und Lesben dürfen mittlerweile häufiger das Filmende überleben, doch tauchen sie meistens in Komödien auf, reduziert auf simple Pointengeber für den heterosexuellen Hauptdarsteller. Ein schwuler Actionheld scheint nach wie vor undenkbar."

---> Es stimmt zwar, das ein schwuler Actionheld bisher nicht dabei ist. Aber es gibt mittlerweile so viele schwule und lesbsische Charaktere in Filmen und in Fernsehserien, das ich in den 2000er und 2010er dabei den Überblick verloren habe, weil es dann doch so viele mittlerweile wurden.

Als ich in den 1990er an der Uni studiert habe, kannte ich noch die allermeisten Filme und schwulen Charaktere und damals in den 1990er drehten sich fast alle Filme um AIDS und Tod, das mir damals fast schon beim Anschauen der Filme es "kalt über den Rücken lief", wie traurig doch die Welt für mich als schwulen jungen Mann ausschauen würde. Erinnert sei an Filme wie " und das Leben geht weiter" von 1993 und "Philadelphia" von 1994. Aber es kam doch ganz anders, weil halt die wirksamen AIDS-Medikamente ab Mitte der 1990er dem Sterben in den westlichen Industriestaaten ("nicht in Afrika") ein Ende setzten.

Es gab in den 1980er/1990er nur paar gute Coming-Out Filme wie "Its in the Water" von 1997 oder "Beautiful Thing" von 1996, "Coming Out" von 1989, "Mein wunderbarer Waschsalon" von 1985 oder "Die Hochzeit meines besten Freundes" von 1997, wo ich dann in den 1990er gute und eher aufmunternde Filme zu diesem Thema sehen konnte.

Dann aber wurde die Anzahl der Charaktere ab Ende der 1990er/Anfang 2000er in Fernsehserien und Filmen derat umfangreich, das ich längst nicht mehr alle Filme und Fernsehserien von LGBT Charakteren mitbekommen habe oder diese alle mitverfolgen konnte/wollte.

Wenn überhaupt dann fehlen mir heute weder AIDS-Filme noch Coming-Out Filme, sondern eher Filme zu bereits langjährig geouteten schwulen Paaren, die sich so durch den "normalen" Alltag mit Standesamt und Berufsleben kämpfen. Auch Filme mit Regenbogenfamilien und zwei Vätern sind eher noch Mangelware.

Daher LGBT-Charakter in Komödien aber auch Dramen gibt es echt genug. Schwule Actionhelden könnten allerdings echt noch auf den Markt kommen, die sind ebenso Mangelware, da hat Peter Fuchs Recht. Und ich könnte mir auch durchaus vorstellen, das die Heterowelt in Deutschland auch heute noch im Jahre 2014 keinen schwulen Actionhelden a la Arnold Schwarzenegger sehen will.


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#3
19.11.2014
20:01:48


(-4, 6 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Na klar, die Schwulen sind wieder die Bösen in dem Film! Der Hayscode läßt grüßen!


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#4
20.11.2014
18:56:15


(-1, 7 Votes)

Von Dont_talk_about
Aus Frankfurt (Hessen)
Mitglied seit 14.01.2014


Interessant ist, dass queer.de den Filmemachern vorwirft, dass schwule Figuren zumeist ausschließlich durch ihre sexuelle Orientierung oder Identität definiert sind.
Liest sich irgendwie so, als wenn die Deutsche Bank der Gesellschaft zuviel Materialisuns und Gier vorwerfen würde


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#5
21.11.2014
01:12:58


(+1, 5 Votes)

Von giliatt
Antwort zu Kommentar #2 von Oliver43


Ich bin der gleichen Meinung, wie Oliver43.

Möchte der Liste guter Filme aber "Prayers for Bobby" hinzufügen und vor allem "Soldier`s Girl". Letztgenannter erzählt die wahre Geschichte des US-Infanteristen Barry Winchell (1977-1999), der im Schlaf von einem Kameraden mit einem Baseballschläger zu Brei zerdroschen wurde, weil er sich in einen transsexuellen Mann verliebt hatte. Sein Fall hatte wesentlichen Einfluss auf die Abschaffung der "Don`t ask, don`t tell - Richtlinie" innerhalb der US Army.

Schwule Action-Helden gab es bisher noch nicht? Naja, vielleicht doch. Keine Rambos zwar, aber gestandene schwule Männer als Kriminalkommissare beispielsweise in zwei deutschen TV-Krimiserien. "Mit Herz und Handschellen" und "SOKO Köllsch". Fand ich gut, wie sie Klischees ad absurdum führten.

Die negative Belegung schwuler Charaktere gab es früher nicht nur in Literatur und Film, sondern auch in der Musik. Beispiel: Rockoper "Thommy" von "The Who". Do you remember? Darin wurde der blinde Junge, der auf Pinball-Automaten Musik machen konnte, von seinem bösen Onkel Ernie sexuell missbraucht ("fiddle about...")

Nun aber zurück zum Film-Artikel da ganz oben von Peter Fuchs. Da steht die Frage im Raum:

Dürfen Drehbuchautoren heute in ihrem Figurenensemble einen Schwulen oder sogar ein Schwulenpaar mit kriminellen Neigungen ausstatten und verschärfend noch mit derben charakterlichen Defiziten?

Antwort: JA.
Cèst la vie. Im Drehbuch muss sich komprimiert das wahre Leben abbilden.
Es gab schwule Nazis. Es gibt sogar schwule Neonazis. Homosexualität und Steuerhinterziehung schliessen einander ebensowenig aus, wie Schwulsein und Mord aus Habgier. Da gibt es keinen Bezug zur sexuellen Orientierung. Jeder Mensch kann zum Verbrecher werden. Diese Gefahr besteht auch für uns Schwule, die wir nicht in Anspruch nehmen können, dagegen gefeit, respektive die "besseren" Menschen zu sein.

Nachtrag:
Der auf mich von der Stasi angesetzte informelle Mitarbeiter (IM) mit Decknamen Fritz Klein, dem ich verdanke, auf die Liste der in die Psychiatrie Waldheim des MfS einzuweisenden Regimegegner gesetzt worden zu sein, war nicht nur verdienstvoller SED-Parteigenosse und sechsfacher Vater der Kinder mit seiner Gattin. Zeitlebens soff er wie ein Loch. Dass er Spitzel ist, wusste ich seit Jahren. Nach der 89er Wende erwischte ich ihn bei einem Stadtfest, wie er versuchte, meinem Mann an die Eier zu gehen. Ich stellte ihn zur Rede. Er fauchte: "Spinn nicht rum! Ich bin nicht bi. Ich bin schwul! Stockschwul!"

QED


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#6
24.11.2014
12:21:25


(+3, 5 Votes)

Von ollinaie
Aus Seligenstadt (Hessen)
Mitglied seit 23.08.2012
Antwort zu Kommentar #3 von FoXXXyness


"Na klar, die Schwulen sind wieder die Bösen in dem Film!"

Nein! Die Schwulen sind nicht DIE Bösen in dem Film, sondern nur zwei in einer Gruppe von Bösen!

Und nicht geouted: Und das wird dem heteronormativ denkenden Anfürer zum Verhängnis, wie im richtigen Leben halt!

Ausser einer Kußszene, die die Charaktere für den Zuschauer erklärt, kommt auch gar nichts "typisch schwules" in dem Film vor.

Ich finde den Film klasse und kan ihn nur uneingeschränkt weiterempfehlen. Nicht, weil es ein guter Schwulenfilm ist, son dern weil es einfach ein guter Film ist!

PS: Die Rolle "Depp vom Dienst" ging freundlicherweise an die Dorfpolizisten.


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