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  • 01.01.2015           21      Teilen:   |

"Porn That Way" im Schwulen Museum*

Eine queere Orgie für den Kopf

Artikelbild
Kevin Clarke, Kurator und queer.de-Autor, führt durch die Ausstellung im Schwulen Museum* (Bild: Robert Niedermeier)

Trotz dicker Pimmel und geöffneter Vulven: Geil macht die Ausstellung "Porn That Way" im Berliner Schwulen Museum* nicht. Lohnenswert ist der Besuch aber allemal.

Von Robert Niedermeier

Einen solchen Andrang hat es im Schwulen Museum* noch nie gegeben. 882 Besucher drängen sich in die Räumlichkeiten an der Berliner Lützowstraße, kichern, plaudern und freuen sich wie die kleinen Kinder über den Nikolaus, als Stargast Tim Krüger ein Riesenposter mit seinem splitternackten Konterfei signiert.

Smartphones klicken, Videokameras surren, um den Moment einzufangen, als der in Berlin berühmt gewordene und zum Nikolaustag am 6. Dezember aus Barcelona eingeflogene Internet-Pornostar seine Unterschrift neckisch entlang seines Prachtkolbens platziert. Die aufgedrehte Besucherschar applaudiert.

Der rothaarige Sympathieträger Tim Krüger gehört zu den modernen Protagonisten der internationalen Pornoszene, ist Teil der Geschichte und somit ein Fall fürs Museum. "Porn that Way" heißt die queere Ausstellung. die noch bis 31. März 2015 zu sehen ist.

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Problem: mehr Schwulen- als Lesbenpornos

Queer quotiert: Plakat zur Ausstellung
Queer quotiert: Plakat zur Ausstellung

Über ein Jahr lang dauerten die Vorbereitungen. Die vier Kuratoren Patsy Henze, Laura Méritt, Kevin Clarke und Sarah Schaschek waren fleißig: Über 600 Exponate wurden auf 380 Quadratmeter Ausstellungsfläche zusammen getragen, Objektbeschriftungen mit recherchierten Hintergrundinfos erstellt und das Maßband angelegt. Vier Wochen vor der Eröffnung kam es nämlich zu einem Streit unter den Kuratoren.

Stein des Anstoßes war die Geschichtswand am Beginn der Exhibition und die Frage der Platzaufteilung zwischen lesbischen und schwulen Ausstellungsstücken: "Die Damen bestanden darauf, dass alles exakt 50:50 aufgeteilt werden müsste", erzählt Kurator Kevin Clarke. Da es jedoch nicht genug lesbische Exponate gibt, um das auszubalancieren, wurde die Losung ausgerufen: "Dann bleibt die Fläche halt leer, um auf die Diskrepanz hinzuweisen."

Nun findet sich auf der historischen Wand ein Foto einer Plastik des ersten dargestellten Koitus der Menschheitsgeschichte (aus dem 10. Jahrtausend vor Christus) und eine Menge Freiraum drumherum. "Es bleibt unklar, welches Geschlecht das prähistorische Paar hat", erklärt Clarke bei einer privaten Führung. Das passt zum queeren Charakter der Ausstellung wie die große Nacktfotografie des Pornostars "Buck Angel" im Eingangsbereich des Museums. Stolz präsentiert der Transgender auf dem einer Ikonografie entsprechenden Poster seine Vagina und seine durch hartes Training und mit hoch dosierten Steroiden gestählte Oberschenkel-Muskulatur. Das mag Homo wie Hetero einhellig irritieren und gibt zugleich die Richtung der "Porn that Way"-Ausstellung vor: LGBT-Pornos waren stets mehr als die aufreizende Darstellung homoerotischer Sexspielereien, sondern ein Befreiungsschlag gegenüber einer heteronormativen und durchaus feindlich gesinnten Umwelt.



Die "Knaben" müssen draußen bleiben

Auch eine Zeichnung von Zeus mit dem verführerischen Jüngling Ganymed hängt auf der paritätisch aufgeteilten historischen Wand und offenbart ein weiteres heikles Thema. "Über Jahrhunderte wurde Homoerotik nur über den Umweg der Antike und das griechische Ideal der Knabenliebe toleriert", so Kevin Clarke.

Die meisten der als Lustobjekte dargestellten Knaben bleiben dem Besucher jedoch verborgen: "Aus heutiger Sicht ist das Pädophilie." Bei zu vielen jungen, in erotischen Posen gezeigten Männern sei bei der Sichtung des historischen Materials einfach nicht klar gewesen, ob die Modelle zum Zeitpunkt der Schwarzweiß-Aufnahmen bereits bundesdeutschem Recht volljährig waren. Um einen Skandal zu vermeiden, entschlossen sich die vier Kuratoren, nur wenige Exponate aus den 1920er-Jahren in die Ausstellung einzubauen.

Eine museale Aufarbeitung der Geschichte der Pornografie ist halt kein Lustakt. Den erotischen Trip für das Schwule Museum* aufzuarbeiten, bedeutete harte Arbeit. Den Kuratoren ging es nicht um eine billige Freak-Show, schon gar nicht um eine nostalgisch verklärte Sex-Revue. Vielmehr wagen sie einen utopischen Blick voraus: Eine "immer stärkere Diversität" werde die queere Pornographie zeigen, vermutet Kevin Clarke. Er stellt allerdings fest: "Im feministischen Porno sind die Grenzen offener in Richtung Trans*Identitäten, im schwulen Bereich nicht."

Pornografie als Spiegel des Zeigeists

Dank Kevin Clarkes schützender Hand dürfen wir dieses Foto zeigen: Pornostar Tim Krüger kurz vor dem Signieren seines besten Stücks am Eröffnungsabend
Dank Kevin Clarkes schützender Hand dürfen wir dieses Foto zeigen: Pornostar Tim Krüger kurz vor dem Signieren seines besten Stücks am Eröffnungsabend (Bild: Schwules Museum*)

Vom schummrigen Rotlicht der Pornokinos ins helle LED-Licht transportiert, mit Heftzwecken fixiert und in Schaukästen von Scheinwerfern beleuchtet, seziert "Porn that Way" die gleich- und transgeschlechtliche Pornografie in seine Einzelteile, um eine Gesamtübersicht zu schaffen.

Von den versteckten Anfängen der männlich homosexuellen Pornografie im 19. Jahrhundert über die selbstbewussten öffentlichen Produktionen der 1970er Jahre und Filmen aus der Zeit der Aids-Krise bis hin zur aktuellen sex-positiven feministischen Bewegung, erstreckt sich die Ausstellung. Trends und Zeitgeist gingen auch am erotischen und pornografischen Schaffen der jeweiligen Zeitgenossen nicht vorbei. Die behaarten, kerligen Schnauzträger der 1970er Jahre spiegelten den Aufbruch einer rebellischen Bewegung wider, im Kontrast dazu die aalglatten ganzkörperrasierten Muskelprotze der 1980er Jahre im Schatten der Aids-Krise.

Mindestens eineinhalb Stunden sollte ein Besucher einplanen, um die ausführliche, detailverliebte Ausstellung zu erfassen. Die Nahaufnahmen von geöffneten Vaginas, die aus einer privaten Sammlung stammende Aneinanderreihung von Pornostars, die ihre Arschlöcher in putzigen Positionen lustvoll zum Besten geben, oder die undergroundig wirkenden Lesbenpornos der Aktivistin und heutigen Zeitschriften-Verlegerin Manuela Kay der Neunziger lassen staunen.



Porno gratis beim Kauf der Eintrittskarte

Ob das jedoch tatsächlich lustvoll ist, darf in Frage gestellt werden. Intimität und Geilheit kommt kaum auf, obwohl ein lüsternes Stöhnen bis zum Eingangsbereich vordringt und mit einem lustvollen Quieken, Klatschen und Seufzen abwechselt. Obwohl Busen beben, Vulven sich öffnen, dicke Pimmel pochen und knackige Ärsche sich im Rhythmus des inszenierten Liebesaktes wiegen.

Bei "Porn that Way" feiert vor allem der Kopf ein Fest – in Form einer Orgie des Nachdenkens. Pornoliebhaber nehmen Anregungen mit nach Hause und Skeptiker erfahren Hintergründiges. Auch darüber, wie das Geschäft funktioniert, welche Trends – etwa der Romantik-Porno – uns noch bevorstehen und welche politischen Dimensionen sich hinter dem Gestöhne verbergen – "Porn that Way" erklärt das alles, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben.

Trotz des internen Streits im Vorfeld: Dem Schwulen Museum* ist eine spannende Retrospektive und Zukunftsaussicht gleichermaßen gelungen. Einen Abgang im schwulen Porno-Kino ersetzt die Ausstellung nicht. Die Absicht ist eine ganz andere. "Porn that Way" erweitert das Denkvermögen über die Genitalregionen hinaus. Selbst (schwule) Männer wissen: Sex ist immer auch Kopfsache. Egal, ob man Pussys, Pimmel oder beides zugleich am liebsten mag.

P.S.: Ab 7. Januar lohnt sich der Besuch im Schwulen Museum* übrigens sogar doppelt: Zum Jahresauftakt bekommt jeder Besucher beim Kauf der Eintrittskarte ein Goodiebag, in dem neben Sextoys für den heimischen Gebrauch auch eine Porno-DVD enthalten ist – wahlweise von "Cockyboys" oder "Bel Ami". Die beiden Studios, die natürlich in der Ausstellung vertreten sind, verschenken – "solange Vorrrat reicht" – ihre Erfolgsproduktionen "A Thing of Beauty" und "Lucas in Love".

  Infos zur Ausstellung
Porn That Way. Noch bis zum 31. März 2015 im Schwulen Museum*, Lützowstraße 73, Berlin-Tiergarten. Öffnungszeiten: So, Mo, Mi, Do, Fr 14-18 Uhr, Sa 14-19 Uhr, Di geschlossen. Eintritt erst ab 18 Jahren. Einzelführungen mit Laura Méritt: 14.1., 19 Uhr "Eine feministische Perspektive"; 18.2., 19 Uhr "Eine Trans*-Perspektive", 18.3., 19 Uhr "Eine queer-feministische Perspektive"
Links zum Thema:
» Homepage des Schwulen Museums*
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Tags: porn that way, schwules museum, kevin clarke, pornografie, ausstellung
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Reaktionen zu "Eine queere Orgie für den Kopf"


 21 User-Kommentare
« zurück  123  vor »

Die ersten:   
#1
01.01.2015
11:32:18


(0, 14 Votes)

Von Mataina


Erst dachte ich, was ist denn das für eine Zettelwirtschaft: hunderte rausgerissene Seiten aus Zeitschriften und Pornoheften, die da an den Wänden hängen. Großformatige Anschauungsobjekte eher Fehlanzeige. Doch die Summe der Bilder und Informationen ergibt tatsächlich sowas wie einen historischen Überblick über das Thema, der mir so bislang noch nicht bekannt war.
Mir fehlten allerdings ein paar mehr Artefakte aus der Frühzeit/ Antike, wo es doch eigentlich genug Abbildungen griechischer Vasen oder der (homo-)erotischen Wandzeichnungen Pompeijs etc. geben sollte. Je näher die Ausstellung aber an die Gegenwart heranreicht umso diversifizierter wurde sie.
Konsequent wäre gewesen, ans Ende noch eine Wichs-Box zu stellen, wo sich der oder die in geistige Höhen katapulitierte Besucher/in (einen) runterholen könnte, um auf dem klebrigen Boden der Tatsachen zu landen.
Dank an die Kuratoren!


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#2
01.01.2015
13:50:45


(-6, 10 Votes)

Von ehemaligem User FoXXXyness


Leider geht aus dem Text nicht hervor, ob es sich um eine "Wanderausstellung" handelt. Man stelle sich das mal im Folkwangmuseum in Essen oder im Städel in Frankfurt am Main vor - oder nehmen wir mal das Guggenheimmuseum in New York oder das Metropolitan Museum of Modern Art - da würde sie auch gut hinpassen!


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#3
01.01.2015
17:19:25


(+10, 14 Votes)

Von CarstenFfm
Profil nur für angemeldete User sichtbar


"Die Damen bestanden darauf, dass alles exakt 50:50 aufgeteilt werden müsste", erzählt Kurator Kevin Clarke. Da es jedoch nicht genug lesbische Exponate gibt, um das auszubalancieren, wurde die Losung ausgerufen: "Dann bleibt die Fläche halt leer, um auf die Diskrepanz hinzuweisen."

typisch...
dabei ist es doch das schwule Museum
irgendwaan werdem die Lesben es wohl in schwul-lesbisches Museeum umbenennen wollen... neh ehr wohl in lesbisch-schwules Museum

trotzdem danke für den Hinweis... die Ausstellung werd i mir sicher anschauen... also die interessanten 50%


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#4
01.01.2015
19:38:12


(-2, 8 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #2 von FoXXXyness


""Leider geht aus dem Text nicht hervor, ob es sich um eine "Wanderausstellung" handelt.""..

Wozu sollte man eine Ausstellung über Schwule Porno´s als "Wanderausstellung" konzipieren wollen ?

Um einigen Klemmschwestern und Schrankschwuchteln den "Gang nach Canossa" zu ersparen ?

Um denen zu ermöglichen nicht in ein "Schwules Museum" gehen zu müssen um Schwule Kunst oder eben Schwule Porno´s anzusehen ?

Wie absurd !


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#5
01.01.2015
19:50:55


(-5, 13 Votes)

Von Hugo


Danke an Land und Bund für die großzügige Finanzierung der Ausstellung. Die gut gemachte Ausstellung wird wesentlich zur Akzeptanz der verschiedenen sexuellen Orientierungen in der Bevölkerung beitragen und eine starke Waffe im Kampf gegen die Homophobie werden. Deshalb ist es wichtig, daraus eine Wanderausstellung durch alle deutschen Großstädte zu machen und sie im Rahmen von Schulaufklärungsprojekten wie z.B. SCHLAU einzusetzen.


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#6
01.01.2015
23:36:38


(0, 8 Votes)

Von Geerd B


Am besten fand ich die Milchmädchen Dose und ich die Erklärung, dass ich Michael Lukas' angeblichen Bareback Filmen gar kein Sperms sondern Kaffeesahne verwendet wird. Der Verweis aus Tino Henn, Bareback und die Deutsche Aids Hilfe ist natürlich auch super.


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#7
02.01.2015
00:40:27


(+12, 16 Votes)

Von MyCents


Dafür das es ein schwules Museum ist, ist im Text aber ganz schön viel von bebenden Busen, Vulven, Vaginas, feministischen Pornos und Underground Lesbenpornos die Rede

Der Porno Mainstream hat den Fokus dermaßen stark auf Frauen gestellt, dass nicht auch noch der schwule Bereich durch Einvernahme des Trans- und Lesbenbereichs, "verfraulicht" werden sollte.

Ich bin für ein gemeinsames LGBTI im politischen Sinne, aber im Sexualitäts- und Pornobereich passt das einfach nicht zusammen.


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#8
02.01.2015
11:05:10


(-9, 13 Votes)

Von maaaartin
Antwort zu Kommentar #7 von MyCents


genau, lesben sind ja irgendwie heteronormativ, ich mein, die haben doch titten und darauf wedeln sich heten einen. pfui. sowas will ich hier nicht. schließlich heißt dieses portal "queer" [ironie aus]


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#9
02.01.2015
12:55:55


(-6, 14 Votes)

Von David Bln


Ist doch super, dass die Lesben sich in der Schau auch an Mösen erfreuen können - und die Schwulen beim Betrachten des "Million Puzzy Projects" viel lernen können über Anatomie (und was man da wo reinstecken kann). Jedenfalls finde ich es gut, dass das gemeinsam ausgestellt wird und somit Besucher_innen animiert werden, in den Dialog zu kommen. Wenn sie sich nicht gerade mal wieder die Köpfe einschlagen wegen Raumverteilung.


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#10
02.01.2015
13:00:55


(+1, 13 Votes)

Von Heftzwecke


Gibt es dazu auch Zweckhefte?


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