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  • 10.01.2015           57      Teilen:   |

Sachbuch "Gay Berlin"

Vergiss Stonewall! Die Deutschen sind die wahren Homo-Revolutionäre

Artikelbild
Selbstbewusst "anders als die anderen" in den Goldenen Zwanzigern: Das Foto zeigt eine Gruppe aus dem Berliner Szenelokal "Marienkasino"

Der US-Historiker Robert Beachy hat eine verblüffende These: Die moderne Schwulenbewegung ist eine deutsche Erfindung.

Von Kevin Clarke

Man wundert sich ja schon ein bisschen, dass bislang nicht längst jemand eins und eins und eins und eins zusammengesetzt hat und zu dieser These kam: Deutschland und speziell Berlin ist die Geburtsstätte der modernen Homosexualität im Sinn einer eigenständigen "Identität", also eines Lebensentwurfs, der darüber hinausgeht, dass ein Mann mit einem anderen Mann Sex hat, aber sonst ein heteronormatives Leben führt.

Aus dem "Sodomiten", der ab und an von verbotenen Früchten nascht, weil er den (sündigen!) Kick sucht, wird eine biologische Spezies mit Anspruch auf Normalität, Gleichberechtigung und Dauerzustand. So jedenfalls steht es auf dem Cover von Robert Beachys englischsprachigen Buch "Gay Berlin: Birthplace of a Modern Identity". Und so führt es der Autor dann auf über 300 Seiten eloquent aus.

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Das Wort "Homosexualität" stammt aus dem Deutschen

Das Buch, in dem es ausschließlich um Deutschland geht, wurde bislang nur in englischer Sprache veröffentlicht
Das Buch, in dem es ausschließlich um Deutschland geht, wurde bislang nur in englischer Sprache veröffentlicht

Die Kernthese präsentiert Beachy bereits in der Einleitung. Die Deutschen haben das Wort "Homosexualität" erfunden und als erste auch tatsächlich gelebt – was Beachy u.a. am Beispiel von W.H. Auden und Christopher Isherwood illustriert. Als die nämlich um 1930 in Berlin waren und von dieser Form des Lebensstils kein Konzept hatten, lernten sie in der deutschen Hauptstadt, was es heißt, "schwul" zu sein, sich dafür nicht zu schämen und dies als Charaktereigenschaft anzuerkennen sowie als angeborene Neigung auszuleben. Was in dieser Form, damals, in England noch nicht möglich war. Und was in den USA auch erst sehr viel später Verbreitung fand.

In Deutschland hatte es mit Karl Heinrich Ulrichs bereits 1867 das erste offizielle Coming-out gegeben, bei einem Juristentag in München (of all places), da hatte Magnus Hirschfeld bereits 1897 sein Institut gegründet, da wurde im Rahmen der Eulenburg-Affäre Anfang des 20. Jahrhunderts über Homosexuelle schon in den Medien und in der Gesellschaft ausgewogen diskutiert, da gab es bereits zahlreiche Versuche, den Paragrafen 175 abzuschaffen und da hatte sich die Polizei der Hauptstadt schon vor dem Ersten Weltkrieg entschlossen, Homosexuelle zu schützen, weil ihre Treffen in Lokalen keine Gefahr für die Gesellschaft darstellen und das Phänomen der Erpressung als schlimmer eingestuft wurde als das des Schwulseins.

Dies alles beschreibt Beachy, seines Zeichens Geschichtsprofessor in Seoul, Schritt für Schritt in acht Kapiteln. Die lesen sich wie große Einzel-Essays zu den wichtigsten Etappen dieser Emanzipationssaga und Erfolgsgeschichte. Besonders spannend, weil nicht so allgemein bekannt, ist das Kapitel über Hans Bühler und den "völkischen" Männerbund, der aus der Wandervogelbewegung hervorging. Er führte direkt zur SA als Tummelplatz für schwule Männer. Zumindest bis zur "Nacht der langen Messer", mit der Hitler diesem Treiben ein abruptes Ende bereitete.

Youtube | Das "Lila Lied" aus dem Jahr 1921 war das "Bundeslied" der Schwulen und Lesben in der Weimarer Republik

Ein Crash-Kurs in deutscher Homo-Geschichte

Davon können heutige Gay-Magazine nur träumen: "Die Insel" war mit 150.000 Exemplaren die auflagenstärkste  Szene-Zeitschrift in der Weimarer Republik
Davon können heutige Gay-Magazine nur träumen: "Die Insel" war mit 150.000 Exemplaren die auflagenstärkste Szene-Zeitschrift in der Weimarer Republik

Die Kapitel lesen sich auch als Einzeltexte wunderbar, selbst ohne jegliche Vorkenntnis. Man kann das Buch also als Crash-Kurs in Sachen deutscher Geschichte lesen. Aber: So flüssig und schlüssig der Text auch ist, Beachy ist niemals so intellektuell überraschend wie sein Kollege Jonathan Ned Katz, der eine sehr ähnliche Geschichte schildert in "The Invention of Heterosexuality", aber den Fokus eher auf die USA legt.

Die beste Pointe hebt sich Beachy für den Schluss auf. Nachdem er erklärt hat, dass die Deutschen über 100 Jahre Vorreiter der modernen Schwulenbewegung waren – lange bevor Stonewall ein Begriff war – wundert er sich auf der letzten Seite des Buchs darüber, dass sie ihre Gay-Pride-Märsche heute ausgerechnet "Christopher Street Day" (CSD) nennen. In völliger Negierung der eigenen Leistung.

Zu dieser Negierung passt, dass beide Bücher – das von Beachy als auch jenes von Katz – auf Englisch veröffentlicht wurden, aber nicht in deutscher Übersetzung vorliegen. Interessiert man sich hierzulande nicht für eigene bahnbrechende Errungenschaften? Glaubt man, damit bei uns nicht genug Mainstream-Leserschaft zu erreichen? (Sowohl die Chicago University Press als auch Alfred A. Kopf/Random House sind Mainstream-Verlage.) Oder fürchtet man, solche Geschichten kennt in Deutschland eh schon jeder und braucht sie nicht nochmal in neuem Aufguss?

Auf alle Fälle liefert Beachy dem Schwulen Museum* mit "Gay Berlin" ein Blaupause für die Gestaltung der neuen Dauerausstellung, die ab Ende 2015 zu sehen sein soll. Das historische Bildmaterial, das er auf 16 Seiten im Zentrum des Buchs vorstellt, enthält mehrere Dinge, die ich bislang nicht im Schwulen Museum* gesehen habe, auch nicht in der alten Dauerausstellung, die dort jedoch absolut hingehören. Insofern: ein rundum inspirierendes Buch

  Infos zum Buch
Robert Beachy: Gay Berlin: Birthplace of a Modern Identity. Sachbuch in englischer Sprache. 336 Seiten. Knopf Doubleday Publishing Group. New York 2014. ISBN: 978-0-307-27210-2. Ab 14,55 € bei Amazon.de.
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» Leseprobe auf der Verlags-Homepage
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Tags: gay berlin, robert beachy, schwulenbewegung, weimarer republik
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Reaktionen zu "Vergiss Stonewall! Die Deutschen sind die wahren Homo-Revolutionäre"


 57 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
10.01.2015
15:20:14


(-13, 25 Votes)

Von Klaro


"dass sie ihre Gay-Pride-Märsche heute ausgerechnet "Christoper Street Day" (CSD) nennen. In völliger Negierung der eigenen Leistung."

Kein Volk hasst sich selbst so wie die Deutschen. Dass es in Berlin viel liberaler war (und ist) als in den USA, darf nicht sein.
Wer über Deutschland und die deutsche Sprache positiv spricht, wird schnell als "Neo-Nazi" abgestempelt.
Keine soziale Gruppe in Deutschland ist stärker amerikanisiert als die Schwulen.


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#2
10.01.2015
15:29:58


(+9, 17 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby
Antwort zu Kommentar #1 von Klaro


Nee, wer jedoch behauptet, man dürfe in Deutschland nichts Positives über Deutschland schreiben, labert den selben Unsinn wie die Neo-Nazis...


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#3
10.01.2015
15:41:10
Via Handy


(+8, 12 Votes)

Von Jens
Antwort zu Kommentar #1 von Klaro


Das sich Deutschland anders verhält hat man nach der WM 2014 gesehen, einen Tag nach dem Finale waren die schwarzrotgoldenen Fahnen verschwunden und außer der organisierten Feier war nichts mehr mit Weltmeistergefühl
Als Frankreich Weltmeister wurde, war am nächsten Tag und länger noch alles mit in den Nationalfarben behangen.
Nach der deutschen Feier gab es eine Debatte über den Gaucho Song.
In anderen Ländern sind solche Songs im Fußball normal ( in Deutschland in der Bundesliga auch und niemand juckts).
Diese Befangenheit liegt noch am 2.Weltkrieg.

Auf der anderen Seite hat diese Befangenheit, (in diesem Sinne das Gespür) auch positive Aspekte, wir merken vielleicht schneller wenn etwas aus dem Ruder läuft und stellen uns zum Beidpiel zahlreich gegen Pegida und AFD. Während in anderen Ländern Rechtspopulisten schon mit hoher Prozentzahl in den Parlamenten sitzen.

Man muss aber eben genau dort den Unterschied machen, zwischen Spiel und Spaß ( dazu gehören auch Fußballsongs) auf der einen und rechtspopulistischem Patriotismusgedöns auf der anderen Seite.


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#4
10.01.2015
15:41:12


(+8, 14 Votes)

Von ursus
Antwort zu Kommentar #1 von Klaro


>"Kein Volk hasst sich selbst so wie die Deutschen."

schön, dass du all dem deutschen selbsthass mit diesem kommentar so viel positives entgegensetzt. ;-)

zum artikel: endlich mal eine buchbesprechung, die richtig bock macht, das buch auch zu lesen. danke dafür.


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#5
10.01.2015
15:53:04


(+8, 18 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #3 von Jens


""Nach der deutschen Feier gab es eine Debatte über den Gaucho Song.
In anderen Ländern sind solche Songs im Fußball normal ( in Deutschland in der Bundesliga auch und niemand juckts).""..

Das ist nicht die Frage, denn die lautet nicht, ob das in anderen Ländern "normal" ist, sondern warum das so ist..

Warum wird nicht auch in den anderen Ländern eine Diskussion über solche "Lieder" geführt ?

Warum nicht in der Bundesliga ?
Warum wird nicht wirklich etwas gegen Rassismus und Homophobismus in der Bundesliga getan ?

Das die Vereine Mitglied in Bündnissen sind, reicht offensichtlich nicht aus, um die Hooligan´s aus den Stadien zu drängen, genügt nicht um einem Spieler die Möglichkeit zum Coming Out während der aktiven Karriere zu verschaffen..

""Man muss aber eben genau dort den Unterschied machen, zwischen Spiel und Spaß ( dazu gehören auch Fußballsongs) auf der einen und rechtspopulistischem Patriotismusgedöns auf der anderen Seite.""..

Eben nicht..
Es gibt dort keinen Platz für " Spiel & Spaß", wenn Rassismus und Homophobismus die Strukturen der Vereine und der Ligen immer noch bestimmen..


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#6
10.01.2015
15:56:19


(+9, 11 Votes)

Von Finn


Man sollte nicht streiten, wer die ersten Vorkämpfer in Sachen Homorechte waren, denn dann hätten die antiken Griechen und Chinesen auch noch ein Wort mitzureden...

Letztendlich gibt es überall Bewegungen, die sich gegenseitig beeinflussen. Und wer jetzt der erste war ist nicht nur schwer zu belegen, sondern auch irrelevant.

Das wichtigste wäre, dass wir alle zusammen halten und gemeinsam für unsere Rechte kämpfen. Aber das bekommen wir ja nicht mal innerhalb eines Landes hin - geschweige denn über Ländergrenzen hinweg...


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#7
10.01.2015
16:04:09


(+3, 5 Votes)

Von Klugscheißer


1897 wurde das WHK gegründet. Das Institut gründete Hirschfeld 1919!


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#8
10.01.2015
16:10:31


(+7, 7 Votes)

Von pink table


Eine wirklich interessante Buchbesprechung. Ich werde mir ein Exemplar zulegen! Danke für diesen Tipp.


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#9
10.01.2015
16:16:11


(+10, 14 Votes)

Von ehemaligem User paren57


Es gibt eben auch eine deutsche Vergangenheit zwischen 1933 und 1945. Und die Jahre in der Bundesrepublik danach waren auch kein Ruhmesblatt. Mit Nachwirkungen bis heute. Die damals rechtmäßig Verurteilten sind es bis heute. Keine Rehabilitierung.

Da verbietet sich Stolz von ganz allein. Und im Moment sind wir ja offensichtlich im Retrotaumel. Wir müssen aufpassen, dass 175 nicht wieder eingeführt wird. Kinder müssen vor zersetzender Homopropaganda geschützt werden. So lautet das Gesetz in Russland, die Argumente der Bildungsplangegner sind fast ein 1:1-Abklatsch. Deutschland als Avantgarde? Fragt sich nur wofür!


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#10
10.01.2015
17:34:15


(-11, 21 Votes)

Von anome
Aus Kassel (Hessen)
Mitglied seit 01.10.2013


Das alles wundert mich kein bisschen in Anbetracht der Anzahl von großartigen Erfindungen, Ideen, Bewegungen, die allesamt ihren Anfang in Deutschland gefunden haben. Man hat hier weder Zeit noch Platz genug, sie alle aufzuschreiben ;)

Ich für meinen Teil liebe es hier zu leben, im Land der Literatur, der Erfindungen und der Liberalität. Holland und Schweden können einpacken


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