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  • 01.02.2015           2      Teilen:   |

"Tagebuch eines Sexsüchtigen"

Jeden Tag das schwarze Loch gestopft

Artikelbild
Ausschnitt aus dem Cover: "Tagebuch eines Sexsüchtigen" schildert drei Wochen im Leben eines schwulen New Yorkers, der nur an das Eine denkt

Der Roman "Tagebuch eines Sexsüchtigen" von Scott Alexander Hess ist das Must-Read über schwulen Sex in Zeiten von Grindr.

Von Angelo Algieri

New York der Gegenwart. Der sexbesessene, schwule und namenlose Ich-Erzähler hat täglich Sex. Seine Sexpartner findet er mal über eine Telefonhotline, mal über ein Gay-Portal im Internet oder eine Dating-App. Er sucht sich die schönsten und virilsten Kerle aus, geil und hart muss es sein. Auch auf der Arbeit denkt er nur an den Quickie für die Pause oder für den Feierabend.

So die Konstellation des Romans "Tagebuch eines Sexsüchtigen" von Scott Alexander Hess, der Ende vergangenen Jahres auf Deutsch im Berliner Bruno Gmünder Verlag erschienen ist. Er ist das Debüt des US-amerikanischen Journalisten, der u.a. für die "Huffington Post" schreibt. Für seinen Zweitling "Bergdorf Boys", der noch nicht auf Deutsch vorliegt, wurde Hess mit dem anerkannten Rainbow Book Award ausgezeichnet.

Doch zurück zu den Tagebuchaufzeichnungen des Ich-Erzählers, die vom 7. bis zum 25. Dezember reichen. Nicht immer führt ein Date zum Erfolg. Manchmal schläft der Protagonist bei der Suche ein, ein anderes Mal kommt die Person nicht. Oder der Sexpartner hat Wünsche, die der Ich-Erzähler nicht erfüllen kann: Hart Durchficken etwa ist einem Jüngling nicht hart genug…

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Vier Tage ohne Sex – geht das?

Scott Alexander Hess arbeitet als Schriftsteller und schreibt außerdem regelmäßig für die Huffington Post. "Tagebuch eines Sexsüchtigen" ist sein literarisches Debüt - Quelle: Michael Deardorff
Scott Alexander Hess arbeitet als Schriftsteller und schreibt außerdem regelmäßig für die Huffington Post. "Tagebuch eines Sexsüchtigen" ist sein literarisches Debüt (Bild: Michael Deardorff)

Eines Abends geschieht etwas Unerwartetes. Der Ich-Erzähler lädt sich einen Schweizer ein, der Nacktfotos machen will. Doch die anschließend erhoffte Sexsession fällt aus. Der prüde wirkende Schweizer macht tatsächlich nur Fotos und erklärt, dass er im Zölibat sei. Das turnt den Ich-Erzähler erst recht an – doch zwecklos. Er kann den Fotografen nur dazu bewegen, sich auszuziehen und erst im Schlüpfer und später nackt die Aufnahmen zu machen…

Von diesem Augenblick an ist der Ich-Erzähler dem Schweizer verfallen: Er möchte ihn unbedingt wiedersehen. Mehr noch: Er möchte selbst zölibatär leben. Eine harte Probe – zumindest für die darauffolgenden vier Tage bis zum zweiten Treffen. Was macht Mann bloß den lieben langen Tag ohne Sexdates?

Doch soviel sei gesagt, der Ich-Erzähler schafft es irgendwie. Er hat sogar romantische Gefühle dabei, kann sich eine Zukunft mit dem Schweizer vorstellen und möchte nur mit ihm im siebten Himmel schweben. Wir ahnen es schon: Die "böse" Homo-Welt ist doch mehr Schein als Sein…

Scott Alexander Hess hat mit dem "Tagebuch eines Sexsüchtigen" einen Roman unserer Zeit geschrieben. Über die ständige Suche nach Sex, nach Exzessen, nach dem ultimativen Rausch. Und über die schnelle Verfügbarkeit von Sex. Jederzeit. Doch mit dieser Besessenheit, und das zeigt Hess sehr gut, geht auch die Sehnsucht nach dem Richtigen, nach dem reinen Erlöser einher. Ähnlich wie im Roman "Die unsicherste aller Tageszeiten" von Thomas Pregel.

"Tagebuch eines Sex-Süchtigen" ist kein gewöhnlicher Großstadt-Fick-Roman. Denn er zeigt auch die Vereinzelung und Vereinsamung der schwulen Szene. Der Ich-Erzähler trifft sich nicht etwa in Bars, Clubs oder Porno-Kinos – die Treffs spielen sich stets in seinen eigenen vier Wänden ab. Eine Tendenz, die viele Szenewirte seit Gayromeo, Grindr und Co. auch in deutschen Großstädten bemängeln.

Sex als Kompensation für die innere Leere

Der Roman "Tagebuch eines Sexsüchtigen" ist im Berliner Bruno Gmünder Verlag erschienen
Der Roman "Tagebuch eines Sexsüchtigen" ist im Berliner Bruno Gmünder Verlag erschienen

Der Fick geschieht im Roman nicht nur des Ficks willens. Für den Protagonisten ist Sex vor allem eine Kompensation für seine innere Leere, die er als schwarzes Loch wahrnimmt. Dieses Loch scheint ihn allabendlich einzufangen. Und mit Sex stopft er es – im übertragenen und wahrsten Sinne des Wortes – dann wieder zu! Eine spannende Frage für den Leser: Was macht dieses Loch während der viertägigen Abstinenz?

Der Roman zeigt darüber hinaus, wie die Leere dadurch immer weiter angereichert wird. Ein teuflischer Kreislauf aus Enttäuschung und zerplatzter Selbstillusion führt zu einer Radikalisierung seines Verhaltens. Eine neue Eskalationsstufe des Sexkonsums wird in Kauf genommen. Die inneren Aggressionen münden in einer mehrtägigen Orgie kurz vor Weihnachten in betäubender Gewalt. Ein beängstigend-krasser Sexrausch entsteht und mündet im ständigen Bare-Fick. Warum noch weiter leben?

An diesem Punkt zieht auch die schnelle und drastische Sprache des Romans an, die der Geschichte den angemessenen rastlosen Ton gibt. Das gelingt auch in der gelungenen deutschen Übersetzung von Mathias Höhne.

Bedauerlicherweise gibt es dennoch ein Manko, und das betrifft die Konzeption des Buches als Tagebuch. Ich frage mich, wie der Ich-Erzähler seine Ereignisse zeitgleich aufzeichnet. Denn der ganze Text steht im Präsens. Völlig unglaubwürdig. Zumal der Protagonist etwa im Schneesturm Fahrrad fährt und dies gleichzeitig dem Tagebuch schildert. Da hätte der Autor, wenn er auf Unmittelbarkeit setzt, besser ein anderes Erzählformat gewählt!

Dennoch: Mit "Tagebuch eines Sexsüchtigen" ist Scott Alexander Hess ein schonungsloser, brutal offener und zudem humorvoller Roman gelungen. Er hat das Lebensgefühl einer hedonistischen, sexgierigen Großstadtschwuppe exakt einzufangen – quasi die Fortführung von Larry Kramers "Schwuchteln" in unsere Gegenwart. Das Must-Read über Sex und Liebe in Zeiten von Grindr!

Vimeo | Scott Alexander Hess hat auch einen Kurzfilm zum Roman produziert
  Infos zum Buch
Scott Alexander Hess: Tagebuch eines Sexsüchtigen. Roman. 194 Seiten. Bruno Gmünder Verlag. Berlin 2014. 14,99 €. ISBN 978-3-86787-773-2.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Das englische Original "Diary of a Sex Addict" bei Amazon
» Homepage von Scott Alexander Hess
» Fanpage zum Buch auf Facebook
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Tags: scott alexander hess, sexsucht, sex addict, bruno gmünder, grindr, online date, gayromeo
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Reaktionen zu "Jeden Tag das schwarze Loch gestopft"


 2 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
01.02.2015
17:01:48


(+7, 11 Votes)
 
#2
03.02.2015
18:23:56


(+3, 3 Votes)

Von HonestAbe
Aus Bonn (Nordrhein-Westfalen)
Mitglied seit 24.06.2012


Kann ja gut sein, dass das bei dem guten Mann ein "Schwarzes Loch" ist. Mir ist auch klar, dass das eigentlich im übertragenen Sinne gemeint ist und innere Leere versinnbildlichen soll. Doch dann muss man ja nicht unbedingt schreiben "Und mit Sex stopft er es im übertragenen UND WAHRSTEN SINNE des Wortes dann wieder zu!". Zumindest meiner Ansicht nach ist ein sauberes Arschloch, egal ob bei Mann oder Frau, ein wunderbarer und vielseitiger Körperteil und hat überhaupt nichts mit irgendwelchen "Schwarzen Löchern" zu tun.

Außerdem, was ist denn mit der "bösen" Homo-Welt gemeinst, die doch "mehr Schein als Sein" sei? Geht es dabei um eine moralische Bewertung der Promiskuität, welche im bürgerlichen Kontext negativ ausfällt? Aber wie passt dann "Schein und Sein" dazu? Dieses geflügelte Wort erscheint mir in diesem Kontext ziemlich unpassend.


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