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"Desordem & Progresso"

Hotel Bossa Nova macht Tempo


Für das vor neun Jahren gegründeten Jazzquartett Hotel Bossa Nova ist der Bossa Nova lediglich der Ausgangspunkt, von dem aus sie in unterschiedlichste musikalische Richtungen des Latin Jazz aufbrechen und dabei immer wieder neue Felder mit ganz eigenen Fusion-Kreationen bestellen

  • 04. Februar 2015, Noch kein Kommentar

Das Wiesbadener Jazz-Quartett hat mit "Desordem & Progresso" ein neues, turbulentes Studioalbum vorgelegt.

"Der Bossa Nova gehört wie die Nouvelle Vague des französischen Kinos oder die britische Pop-Art zu jenen Bewegungen der Nachkriegszeit, die versuchten, unter den postavantgardistischen Bedingungen der Moderne die Avantgarde fortzusetzen, sie als Moderne zu verwirklichen und Kunst in Lebenspraxis zu überführen. Weitaus mehr als nur ein Musikgenre, ist der Bossa Nova dennoch nicht ohne Grund international als Musik bekannt geworden. Doch der Bossa Nova ist darüber hinaus mindestens eine musikalische Lebensweise, nämlich eine Haltung, die sich vor allem in einer musikalischen Form ausdrückt. Und auch das hat die Bewegung mit anderen postavantgardistischen Avantgarden gemeinsam: Der Bossa Nova ist kein Stil, sondern ein Ausdruck. Und zwar Ausdruck eines Modernismus, der auf besondere Weise durch Mythos, Mode und Melancholie bestimmt, ja belebt und gelebt wurde." Roger Behrens in "Die traurigen Tropen"

Von allen musikalischen Spielarten des lateinamerikanischen Kontinents ist der Bossa Nova zweifellos die leichtfüßigste. Was in den 1950ern mit Legenden wie Antonio Carlos Jobim und João Gilberto in Brasilien begann, hat sich im Verlauf der Jahrzehnte über die ganze Welt verbreitet und ist heute noch immer fester Bestandteil des internationalen Latin Jazz.

Für "Hotel Bossa Nova", dem vor neun Jahren gegründeten Jazzquartett aus Wiesbaden, ist der Bossa Nova gleichwohl lediglich der Ausgangspunkt, von dem aus sie in unterschiedlichste musikalische Richtungen des Latin Jazz aufbrechen und dabei immer wieder neue Felder mit ganz eigenen Fusion-Kreationen bestellen. Auf der Bühne wirkt die Formation, auch durch die so viel Lebensfreude ausstrahlende Sängerin Liza da Costa, noch einmal befreiter und entfesselter, was den improvisationsfreudigen und virtuosen Musikern einen exzellenten Ruf und allerorten begeisterte Konzertkritiken einbringt.

Aber auch im Studio lassen "Hotel Bossa Nova" ihrer Leidenschaft freien Lauf. Und freigeistiger als auf "Desordem e Progresso" (Turbulenz und Fortschritt), ihrem nunmehr fünften Studioalbum, haben sie noch keines ihrer Werke produziert. Den Titel verdankt das Album dem Slogan "Ordem e progresso", der auf der brasilianischen Nationalflagge steht und der während der Fußballweltmeisterschaft omnipräsent war.

Die Turbulenzen des Lebens waren schon immer ein Sujet, das in den Songs von Hotel Bossa Nova eine gewichtige Rolle gespielt hat. Während die portugiesisch-indische Sängerin Liza da Costa alle Songtexte schreibt, entstehen die Songs letztendlich in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit mit ihren drei Bandkollegen Tilmann Höhn (Gitarre), Alexander Sonntag (Kontrabass) und Wolfgang Stamm (Schlagzeug, Percussion). Im Jazzuniversum des renommierten Quartetts, das stets mit viel Akribie und Verve ans Werk geht, glänzt jeder Musiker mit seiner ganz eigenen Strahlkraft.

Live längst eine Klasse für sich


Das fünfte Studioalbum "Desordem & Progresso" der Wiesbadener Band ist am 30. Januar 2015 erschienen

Im Gegensatz zu dem eher balladesken Vorgänger "Na Meia Luz", das vornehmlich klassisch aufgebaute Songs rund um das weite Feld des Bossa Nova enthielt, überraschen Hotel Bossa Nova diesmal mit einer Improvisationslust und Tempovorstößen, die einfach eine helle Freude sind.

Der Produktion des Albums vorausgegangen waren einige Nächte voller fruchtbarer Diskussionen, wie die Band mit ihren neuen Kreationen spürbar Fortschritte machen könnte. Eine Antwort fanden sie unter anderem mit einigen spontan im Studio entstandenen Songminiaturen, in denen auch das blinde Verständnis füreinander zum Ausdruck kommt.

Hotel Bossa Nova sind zweifellos einen langen gemeinsamen Weg gegangen, der sie rückblickend zu wunderbaren Stationen geführt hat. Mit "Ao Vivo" (2006), "Supresa" (2009), "Bossanomia" (2011) und "Na Meia Luz" (2013) haben sie ein Oeuvre geschaffen, das den Bossa Nova fürwahr zu neuen Ufern geführt hat.

Was sie an Fado, Samba und afrokubanischen Einflüssen mit leichter Hand in ihren europäischen Bossa-Nova-Exkursionen verarbeitet haben, hört sich immer wieder beschwingt an, ohne jemals ins bloße Easy Listening abzugleiten. Bei aller Komplexität entschwinden ihre Songs dabei nie ins Verkopfte, sondern bleiben immer bodenständig und nachvollziehbar.

Live sind Hotel Bossa Nova ohnehin längst eine Klasse für sich, was etliche überschwängliche Kritiken immer wieder unterstreichen. Mit "Desordem e progresso" haben sie ihren künstlerischen Ambitionen neue kreative Räume ermöglicht. Der Zugewinn an Variabilität und Virtuosität, den das neue Album auszeichnet, hat jedoch zu keinerlei Einbußen in puncto spielerischer Leichtigkeit geführt. Der Enthusiasmus, mit dem Hotel Bossa Nova ihr Jazz-World-Music-Fusion-Feuerwerk zünden, ist im höchsten Maße ansteckend. Bossamaniacs at their best! (cw/pm)

Youtube | Hotel Bossa Nova mit "Estrada Amarela"