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Mit Stoppeln und Kussmund: Chris Pine brilliert als sexy Prince Charming (Bild: Walt Disney Studios Motion Picture Germany)

Am Donnerstag startet die erfolgreiche Filmversion von Stephen Sondheims Musical "Into the Woods" in den deutschen Kinos – mit vielen schwulen Anspielungen.

Von Kevin Clarke

Es gibt einen ziemlich simplen Grund, warum ich diese "Into the Woods"-Verfilmung unbedingt sehen wollte, sofort und so schnell wie möglich: Das Musical von Stephen Sondheim war vor fast 30 Jahren das erste Stück von ihm, zu dem ich ohne jegliche Anlaufschwierigkeiten Zugang fand, dessen schräge Märchen-Dekonstruktion mich sofort ansprach und dessen Songs mich in vielen Lebenslagen begleitet haben, von der Hymne aufs Cruising im Park ("Into the Woods"), Liedern zu Beziehungsdynamik ("It Takes Two") bis hin zum bewegenden "No One Is Alone"-Ensemble.

Nach Jahrzehnten mit der CD vom Original Broadway Cast im Ohr, war die Aussicht, das Ganze jetzt groß und glamourös im Kino sehen zu können: unwiderstehlich. In der deutschen Theaterlandschaft ist dieses Sondheim-Meisterwerk ja komischerweise nicht wirklich präsent, zumindest nicht in Berlin. Leider. Da ist Kino eine gute Alternative.

Und dann ist da natürlich auch die verlockende Aussicht, Chris Pine alias Captain Kirk mit Stoppeln und Kussmund als "Prince Charming" zu erleben. Der wirkte schon in den diversen Trailern, die seit Monaten kursieren, ziemlich geil. Und um das schon vorab zu verraten, er ist es auch im Film.

Das Musical eins zu eins auf die Leinwand gebracht


Poster zum Film: "Into the Woods" startet am 19. Februar 2015 in den deutschen Kinos

So, nun aber genug Präludium. Wie ist dieser Film von Rob Marshall ("Chicago") denn nun? Es gab bei Sondheim-Fans große Sorge, dass der Disney-Konzern als Produzent eine süßliche Soße über das teils extrem sexuell aufgeladene Stück und seine eher düsteren Aspekte gießen könnte. Die Sorge ist unbegründet, denn der Regisseur hat "Into the Woods" mehr oder weniger eins zu eins auf die Leinwand gebracht, basierend auf einem Drehbuch, für das der Originalautor James Lapine höchstpersönlich verantwortlich zeichnet.

Rein visuell ist das Ganze aktuelles Hollywood-Standard-Fantasy-Format, d.h. es sieht stark nach "Hobbit", "Maleficent" und "Jack im Reich der Riesen" aus. Wirklich spannende visuelle oder kinematographisch aufregende Ideen gibt's bei Rob Marshall nicht, weil homosexuelle Regisseure nicht zwangsläufig bahnbrechende Kino-Visionäre sind. Aber das hat hier den Vorteil, dass nie von der Geschichte, Musik und den Darstellern abgelenkt wird. Und: Dass man sich in diesem Märchenwald sofort wie zuhause fühlt, weil einem das meiste erst mal bekannt vorkommt.

Das Ensemble, das Marshall und Disney zusammengestellt haben, ist toll. Und damit meine ich nicht nur Chris Pine als Prinz, sondern alle Beteiligten. Okay, Meryl Streep ist als Hexe zu vorhersehbar und vokal auch etwas zu eindimensional (verglichen mit der unvergleichlichen Bernadette Peters auf dem Origina-Album). Aber sie stört nicht und lässt diversen Newcomern Raum zur Entfaltung, und die sorgen tatsächlich für Überraschungen.

Die großartigsten Leistungen kommen (für mich) von Emily Blunt als Bäckersfrau auf erotischen Abwegen und Lilla Crawford als kesses Rotkäppchen. Leider, leider, leider ist im Film – anders als in der Bühnenversion – die Rolle des Wolfs nicht doppelt besetzt mit dem Prinzen. Was psychologisch viel interessanter gewesen wäre, als Johnny Depp für das Vieh zu engagieren. Der ist nämlich der einzige Totalaussetzer im ganzen Film. Das ist schade, wegen des tollen Songs, den er verhunzt ("Hello, Little Girl"), aber wir reden hier von fünf Minuten, die den Gesamteindruck nicht ernsthaft stören.

Youtube | Offizieller deutscher Trailer zum Film

Die S/M-Nummer der beiden Märchenprinzen


Einer der wenigen Kritikpunkte: Meryl Streep ist als Hexe zu vorhersehbar (Bild: Walt Disney Studios Motion Picture Germany)

Sehr witzig ist die übertrieben gesungene S/M-Nummer der beiden Märchenprinzen ("Agony"), die für einen kurzen Moment zeigt, wie viel mehr man aus diesen Darstellern hätte herausholen können, wenn man nur etwas mehr Mut zu Extremen zeigen würde als Mr. Marshall.

Das andere große Manko ist die Tatsache, dass der Film in einem einzigen großen Handlungsbogen verläuft, statt wie in der Bühnenversion aus zwei kontrastierenden Teilen zu bestehen. Zur Erinnerung: Im Musical geht es im zweiten Akt darum, was nach dem Happy End von Teil eines passiert. Das erste Finale ("Ever After") ist im Film einfach rausgeflogen. Davon geht die Welt ebenfalls nicht unter, aber das nimmt dem Stoff doch viel vom Witz des Originals. Außerdem sind zwei Akte ohne Unterbrechung schon reichlich lang, um sie hintereinander weg im Kino abzusitzen.

Trotzdem kann man mit dem Film in die doppelbödige Sondheim-Welt eintauchen. Die meisten Kinder und ahnungslosen Heteros werden die vielen (schwulen) Witze Sondheims vermutlich gar nicht bemerken. Wer mit offenen Ohren zuhört, wird sich aber an all den "dirty little jokes" erfreuen, auch an den vielen wunderbaren Lebensweisheiten, die Sondheim da immer wieder einbaut. Für die deutsche Fassung wurden übrigens nur die gesprochenen Passagen synchronisiert, der Rest bleibt Englisch gesungen mit Untertiteln. Also zirka 90 Prozent des Films.

Die von Jonathan Tunick überarbeitete Originalinstrumentation ist hier weniger kammermusikalisch-brillant, sondern üppiger, was aber zum visuellen Konzept passt. In den USA, wo der Film bereits zu Weihnachten in die Kinos kam, brach "Into the Woods" alle Rekorde. Wie das bei uns in Deutschland sein wird, muss sich zeigen. Ich habe jedenfalls die Presse-Preview begeistert verlassen. Begeistert auch, weil Frances De La Tour die Riesin spielt und Christine Baranski die großartigste Stiefmutter ist, die man sich überhaupt nur wünschen kann.

In diesem Sinn: Nichts wie auf in den Wald, wo hinter jedem Busch ein perverser Wolf oder stoppeliger Traumprinz lauert.

Youtube | Szene mit Chris Pine und Emily Blunt
Infos zum Film

Into the Woods. Musikfilm. USA 2014. Regie: Rob Marshall. Darsteller: Meryl Streep, Emily Blunt, James Corden, Anna Kendrick, Chris Pine, Tracey Ullman, Christine Baranski, Johnny Depp u.a. Laufzeit: 125 Minuten. Sprachen: Deutsch, Englisch. FSK 6. Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany. Deutscher Kinostart: 19. Februar 2015
Galerie:
Into the Woods
10 Bilder


#1 DavidJacobEhemaliges Profil
#2 FoXXXynessEhemaliges Profil
#3 SusanSontagAnonym
  • 20.02.2015, 09:16h
  • Da hat der Autor eine schöne Zeit gehabt, eines seiner Lieblingsmusicals im Kino zu sehen. Fein.

    Für das nächste Mal bitten wir aber um eine etwas detailliertere Beschreibung. Bloß anzumerken, dass Homos "dirty little jokes" erkennen ohne zumindest einen "joke" zu zitieren oder sich nur in Anspielungen auf Anspielungen zu ergehen, ist nicht fein.

    Aber ok, das nächste mal dann.
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