Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 08.03.2015           14      Teilen:   |

"Das Ende von Eddy"

Ein Roman zeigt, was Homophobie anrichtet

Artikelbild
Édouard Louis hat den homophoben Horror seiner Kindheit literarisch verarbeitet und sich damit befreit - heute studiert er in Paris Soziologie (Bild: La Presse)

In "Das Ende von Eddy" erzählt der 22 Jahre alte Autor Édouard Louis von seiner Kindheit in der französischen Provinz, die nichts als Demütigungen kannte.

Von Markus Kowalski

Eddy ist das Opfer. In der Schule wird er herumgeschubst, beleidigt, angespuckt. Zu Hause ist er seinen Eltern zu tuntig, kann die Erwartungen nicht erfüllen, ein "richtiger Mann" zu werden. Eddys Leben wird schließlich unerträglich: "An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung."

Denn Eddy wird hineingeboren in eine Welt, die nicht für ihn gemacht ist: Sein Vater ist ein "echter Kerl", der früh die Schule abgebrochen und lieber an Motorrädern herumgeschraubt hat. Seine Mutter wurde mit 17 Jahren schwanger und brach deswegen die Berufsausbildung ab. Seine Eltern sind arm, verbittert und stumpfsinnig.

Dazu wächst Eddy in einem Dorf in der Picardie auf, im Norden Frankreichs. Die Frauen werden hier alle Kassiererinnen, Friseurinnen oder bleiben Hausfrauen. Die Männer arbeiten alle in der Fabrik und besaufen sich am Abend in der Kneipe: "Männer, die jedes Mal, unweigerlich, so gut wie ohne Ausnahme, irgendwann hasserfüllt über Homosexuelle herzogen."

Fortsetzung nach Anzeige


Das Dorf in der Picardie ist nicht seine Welt

"Das Ende von Eddy" ist Mitte Februar 2015 im S. Fischer Verlag erschienen
"Das Ende von Eddy" ist Mitte Februar 2015 im S. Fischer Verlag erschienen

Eddy ist das erste gemeinsame Kind seiner Eltern, ein Sohn. Und die Söhne müssen im Dorf zu "echten Kerlen" erzogen werden. Doch Eddy merkt bald, dass er anders ist, dass er schwul ist. Und dass er die Erwartungen, ein "echter Kerl" zu werden, nicht erfüllen kann: "Während ich älter wurde, spürte ich die Blicke meines Vaters immer schwerer auf mir lasten, seine Ohnmacht angesichts des Ungeheuers, das er gezeugt hatte." Eddy fuchtelt immer mit den Armen, wenn er redet. Dabei kann er das nicht kontrollieren. Seine Eltern wundern sich: "Reg dich ab, muss das sein, dieses tuntige Gefuchtel".

Mit zehn Jahren kommt er an die Mittelschule. Dort ist er seit dem ersten Tag nur noch "der Schwule". Von zwei älteren Jungs wird er regelmäßig auf dem Flur verprügelt: "Die Schimpfworte wechselten sich mit den Tritten ab, und dazu mein Schweigen. Schwuchtel, Schwuli, Schwuppe, Tunte."

Dabei ist Eddy als pubertierender Junge selbst zutiefst verunsichert: "Zu dieser Zeit erschien es mir immer wahrscheinlicher, dass ich ein Mädchen in einem Jungenkörper war. Ich empfand mich wirklich als falsch gepolt." Erst viel später realisiert Eddy, dass nicht er selbst schuld ist an den täglichen Beleidigungen und Schlägen in der Schule. Vielmehr lassen die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen er lebt, keinen Platz für einen Homosexuellen. Eine "Schwuchtel" passt einfach nicht in die heteronormative Rollenverteilung, die im Dorf herrscht. Für ihn als Schwulen gibt es keine Rolle, keinen Platz in der Dorfgemeinschaft.

Eine Abrechnung mit dem vergangenen Leben

Der Autor Édouard Louis ist heute 22 Jahre alt, studiert Soziologie in Paris. "Das Ende von Eddy" sei ein Roman und keine reine Autobiografie, betonte Louis in Interviews immer wieder. Doch genau die autobiografischen Züge, die in dem Roman stecken, haben das Werk so brisant gemacht. In Frankreich, wo der Roman letztes Jahr im Französischen erschien, wurde das Buch zu einer der meistdiskutierten Veröffentlichungen des Jahres. Für Louis als jungen Autor sei dieses Buch ein "Befreiungsschlag" gewesen, ein "Aufbruch in ein neues Leben". Man könnte es auch eine Abrechnung mit dem vergangenen Leben nennen.

Mit einer unglaublichen Wucht trifft es den Leser, wie Édouard Louis die Demütigungen Eddys auf dem Schulflur beschreibt. Die sprachlichen Ausdrücke sind so hart und unverstellt, dass man das Buch an manchen Stellen lieber beiseite legen möchte. So sehr ekeln einen auf mancher Buchseite die widerlichen Beleidigungen der Mitschüler an.

Doch genau diese Wortgewalt macht sichtbar, welche Gewalt man mit Worten eben ausüben kann. Das ist die große Leistung von Édouard Louis. Er beschreibt treffsicher, was Homophobie bei einem Menschen anrichtet: Sie entwürdigt, sie zerstört, sie tötet. Und so bleibt auch der Leser am Ende sprachlos, wie erstarrt zurück von so einer Kindheitsgeschichte.

Denn eine Frage bleibt: Wie viel von dem, was Édouard Louis hier in Romanform beschreibt, ist tatsächlich auch gesellschaftliche Realität?

  Infos zum Buch
Édouard Louis: Das Ende von Eddy. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. 206 Seiten. Hardcover mit Schutzumschlag. Format: 12 x 21 cm. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 18,99 €. ISBN 978-3-10-002277-6
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Leseprobe als PDF
» Termine bevorstehender Lesungen
» Blog von Édouard Louis
Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 14 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 179             20     
Service: | pdf | mailen
Tags: edouardllouis, das ende von eddy, homophobie, s. fischer verlag
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

loading...

Reaktionen zu "Ein Roman zeigt, was Homophobie anrichtet"


 14 User-Kommentare
« zurück  12  vor »

Die ersten:   
#1
08.03.2015
17:40:47


(+6, 8 Votes)

Von oder so


Da es "die" gesellschaftliche Realität nicht gibt, ist die intelligentere Fragestellung: Wo gibt es diese gesellschaftliche Realität und warum.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#2
08.03.2015
17:57:48


(+6, 12 Votes)

Von MERCI


Ein wichtiges und lesenswertes Buch!

Soziologische Studien wie z. B. die von Grossmannn (2000) zur "prä-homosexuellen Kindheit" belegen zugleich, dass sich ein großer Teil der Schwulen im Alter von 10 Jahren noch nicht als schwul wahrnimmt. Gerade die sich eher "geschlechtsrollenkonformen" verhaltenden Jungs und Männer brauchen unter den herrschenden heteronormativen Verhältnissen und in Ermangelung eines entsprechend breiten Spektrums an Idenfitikationsfiguren meistens noch länger, bis sie ihr Schwulsein entdecken und zulassen können.

Gegen diese Verhältnisse muss in Zeiten wieder erstarkender, allgegenwärtiger (Hetero-) Sexismen im Rahmen der gängigen Geschäftsmodelle und in Krisenzeiten wieder massiv verbreiteten Ideologien der Ungleichwertigkeit auf allen Ebenen Widerstand geleistet werden.

Überhaupt ist die Pubertät für ALLE jungen Menschen die Phase des sexuellen Entdecken und muss das auch sein dürfen. Empirische Daten wie zuletzt wieder die Studie "Partner IV" zur Jugendsexualität belegen klar, dass Homosexualität nicht nur Sache einer "kleinen Minderheit", sondern, wie in der gesamten Evolutions- und Menschheitsgeschichte, weit verbreitet ist (obwohl hier auf Grund der ideologischen Durchdringung und Einseitigkeit bürgerlicher "Forschung" und "Wissenschaft" vielfach erst an der Oberfläche gekratzt wurde, wenn überhaupt).

Die Anerkennung dieser sexualwissenschaftlichen Tatsache - spätestens seit Kinsey (wieder) bekannt - muss endlich eingefordert werden. Das geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmungsrecht aller Menschen muss - von kleinauf - vor sexistischen, heteronormativen bürgerlichen Ideologen, die direkt reaktionären, gegen soziale und demokratische Rechte der breiten Masse lohnabhängiger Menschen gerichteten Interessen dienen, vor deren Aggression und Gewalt geschützt werden!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#3
08.03.2015
18:22:59


(+5, 9 Votes)

Von der Aussendung
Antwort zu Kommentar #1 von oder so


User, die diesen Artikel lasen, nutzten auch diese Angebote:

race class gender

"Lautre raison est laccueil fait au livre?:
sil est vendu comme un «?roman?», le livre tend
à certains moments vers une volonté de montée en généralité. Preuve en est, il est parfois présenté comme un témoignage. Si aucun écrivain nest responsable de
la réception qui est faite de son livre, lauteur évoque une volonté de tenir un propos sur ces «?milieux?»
(la Grande Librairie), tout en veillant à ne pas tomber dans la «?prolophobie?» (Librairie Mollat). Un peu
à la manière dun débat plus ancien sur lhomophobie des banlieues lancé suite à la parution du livre Homo-ghetto, Édouard Louis semble réactiver une opposition entre «?eux?» et «?nous?». Dun côté un milieu accueillant, ici représenté par le lycée de la ville où les garçons se font la bise."

Link zu www.humanite.fr

Andere Startbedingungen

Link zu www.welt.de

How Ferguson Made Money From Racism
It turned its black residents into a revenue stream

Link zu www.vocativ.com


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#4
08.03.2015
20:12:09


(-3, 7 Votes)

Von GeorgG


So weltstädtisch und liberal Paris ist, so konservativ und hinterwäldlerisch kann die französische Provinz sein. Ich kenne einige Franzosen, die aus dortigen Klein- und Mittelstädten regelrecht nach Deutschland geflohen sind. Die Proteste gegen die Eheöffnung, die Millionen von Franzosen auf die Straßen getrieben hatte, wurden vor allem von der Landbevölkerung getragen.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#5
08.03.2015
21:01:09


(+6, 10 Votes)

Von Kokolemle
Aus Herschweiler
Mitglied seit 02.12.2009
Antwort zu Kommentar #2 von MERCI


Super geschrieben. Genau das ist was ich immer sage. Wenn konservative Politiker zu stark werden ist das für die Gesellschaft eine Katastrophe. Deshalb müssen linke Parteien und Politiker mit allen Kräften unterstüzt werden. Wer das hier nicht einsieht, gräbt sein eigenes Grab.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#6
08.03.2015
21:04:39


(+5, 5 Votes)

Von minuskeln
Antwort zu Kommentar #4 von GeorgG


1,4 millionen
nach auskunft der veranstalter


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#7
08.03.2015
23:39:50


(+2, 6 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #4 von GeorgG


""So weltstädtisch und liberal Paris ist,""..

""Die Proteste gegen die Eheöffnung, die Millionen von Franzosen auf die Straßen getrieben hatte, wurden vor allem von der Landbevölkerung getragen.""..

Tatsächlich ? Millionen ?

Woher stammen die Zahlen, und woher die Informationen zu einer dann doch offensichtlichen "Reise-Demonstranten-Szene" in Paris und anderen Großstädten ?

Direkt aus dem organisierenden Reise-Büro´s, oder durch Befragungen vor Ort ?


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#8
09.03.2015
10:59:35


(+8, 8 Votes)

Von Carsten AC


Dieser Roman steht stellvertretend für tausende Einzelschicksale.

Umso wichtiger ist es, dass man aktiv gegen Homophobie angeht. Und das geht nur über Aufklärung. Mehr Aufklärung an Schulen und Jugendeinrichtungen, aber auch mehr Präsenz in den Medien.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#9
09.03.2015
12:04:31


(+1, 5 Votes)

Von goddamn liberal


Scheint ein interessantes Buch zu sein.

Ein weiteres Symptom für sie merkwürdige soziokulturelle Krise Frankreichs, die sehr viel mit Fragmentisieruung zu tun hat.

Dem Niedergang der Arbeiterbewegung, die selbst im San Francisco Harvey Milks Koalitionen zwischen Gewerkschaftern und LGTB-Aktivisten erlaubte.

In Frankreich schwärmt dagegen heute der frauenfeindliche, antisemitische und homophobe Querfrontler und geborene Baron Alain Soral vom starken Proleten, von dem er keine Ahnung hat (auch wenn er hilflos einen imitiert).

Verbunden damit ist eine tiefe Identitätskrise.

Denn im Land Prousts, Cocteaus, Yves Saint-Laurents, Christian Diors und der offen schwulen Volkskünstler Charles Trenet ("Douce France"!) und Jean Marais (Fantomas) ist Homophobie nicht nur schlimm, sondern grotesk unpatriotisch.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#10
09.03.2015
16:43:41


(+5, 5 Votes)

Von Willie


Ich habe ein paar Interviews mit dem Autoren gelesen und er sagt eigentlich überall, dass die Homophobie genau so passiert ist. Das Buch ist vom Ablauf her zwar nicht komplett autobiographisch, aber die Umstände sind wie beschrieben.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
« zurück  12  vor »


 BUCH - LITERATUR

Top-Links (Werbung)

 BUCH



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
US-Politiker wirbt mit Dragqueens Skateboard-Star Brian Anderson outet sich als schwul Italien: Zwei Ex-Nonnen lassen sich verpartnern Lil Wayne vermählte zwei Männer im Knast
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt