Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 14.03.2015           7      Teilen:   |

Ein Gespräch in Berlin

Jimmy Somerville: "Ich habe ein Recht aufs Singen"

Artikelbild
Entdeckt mit 54 Jahren die Musik wieder, die ihn einst als Teenager faszinierte: Jimmy Somerville (Bild: Grant Squibb)

Im Interview mit queer.de spricht der britische Musiker über sein neues Disco-Album "Homage", die Songs seiner Jugend, schwules Leben im Alter – und Conchita Wurst.

Von Robert Niedermeier

Der 1961 in Schottland geborenen Jimmy Somerville wurde ab 1984 als der musikalische Kopf und die unverwechselbare Falsett-Stimme von Bronski Beat und The Communards berühmt. Hits wie "Tell Me Why" und "Dort Leave Me This Way" sind Evergreens. Im Kinofilm "Pride" ertönt nach über vier Jahrzehnten die nach wie vor hypermodern klingende Schwulenhymne "Smalltown Boy".

Neuerdings trägt der sympathische Popstar Bart, hat ein wunderbar elegantes Disco-Album im Gebäck, trinkt in der Hotel-Bar auf Wunsch Leitungswasser und entpuppt sich im Gespräch als Conchita-Wurst-Fan. Wir trafen Jimmy Somerville Anfang März in Berlin.

Fortsetzung nach Anzeige


Jimmy Somerville mit unserem Autor Robert Niedermeier - Quelle: Selfie mit vielen Facebook-Likes
Jimmy Somerville mit unserem Autor Robert Niedermeier (Bild: Selfie mit vielen Facebook-Likes)

Das Letzte, was Fans von dir sahen und hörten, war ein Youtube-Video mit über vier Millionen Aufrufen, in dem du wie zufällig mit deinem Hund auftauchst und zusammen mit einem überrascht wirkenden Straßenmusiker "Smalltown Boy" singst. Das war doch ein Marketing-Ding, niemals Zufall, oder?

Halb und halb. Der Musiker wusste, dass ich für ein Interview vor Ort sein werde. Er kannte wohl den Journalisten und brannte darauf, mit mir den Song zu singen. Ich habe das gerne mitgemacht, aber ich kannte den Mann zuvor nicht und es passierte tatsächlich sehr spontan. Überrascht wurde also in Wirklichkeit ich.

Deine Sprechstimme klingt eher tief, ist es nicht furchtbar anstrengend, so hoch zu singen wie du es tust?

Nein, das liegt daran, dass ich ein Counter-Tenor bin, beim Singen ist das für mich also ganz natürlich. Hohe Töne zu singen, strengt mich nicht an. Das hat die Natur so eingerichtet und ich kann auch problemlos in tiefere Stimmlagen wechseln.

Du bist in etwa so alt wie Madonna, diese beklagte sich nach ihrem Sturz bei den Brit Awards über Altersdiskriminierung, wie siehst du das?

Es ist immer dasselbe, ganz besonders für Frauen im Kino und der Popmusik. Das Traurige ist, dass Madonna keine gewöhnliche Frau sein darf. Dasselbe bei Kylie Minogue, beide sind in ihrem sexualisierten Image gefangen. Madonna spreizt in Videos noch immer ihre Beine bis hinter den Hals. Warum kann sie nicht einfach eine Sängerin sein? Womöglich weil Madonna gar keine Sängerin ist, erst recht keine großartige Sängerin, alles ist auf das Visuelle ausgerichtet.

Es ist sicherlich schwierig für Frauen, sich der Sexualisierung von außen zu entziehen, es gibt aber Künstlerinnen, die das geschafft haben. Wenn man eine Sexmasche bis ins reife Alter durchzieht, nehmen die Leute Anstoß daran, es missfällt zunehmend.



Ähnliche Ablehnung konnte man innerhalb der Schwulenszene aber auch gegenüber deiner Person beobachten. Warum wird es älteren Künstlern zum Vorwurf gemacht, dass sie ihren Beruf weiterhin ausüben?

Ja, das ist verrückt. Dahinter verbirgt sich eine dumme, uninteressante Denkweise. Ich habe doch das Recht, weiterhin Musik zu machen, weil ich es gerne tun möchte. Ich habe die Freiheit dazu und es bleibt meine Entscheidung.

Die Gay-Szene ist ebenfalls sehr visualisiert und sexualisiert, auch Altersdiskriminierung kommt häufig vor: Wenn Schwule älter sind, werden sie bereits durch die Art, wie die Szene sich gibt, regelrecht zum Verschwinden aufgefordert. Das Hauptproblem ist, dass immer mehr Lesben und Schwule offen in der Gesellschaft leben, diese aber sehr wenig Unterstützung aus der sehr jung orientierten Szene erfahren. Da fehlt es an Bewusstsein und solidarischen Strukturen. Gerade im Pflegebereich gehört noch vieles verbessert. Wir müssen uns mehr um den Nächsten kümmern.

Müssen wird uns Sorgen über Jimmy Somerville im Alter machen, oder bist du ein steinreicher Mann?

Gehöre mitnichten zu den Superreichen, und ich pflege eher einen sehr gewöhnlichen Lebensstil. Ich brauche nicht viel und war noch nie eine verschwenderische Person. Ich bin sehr zufrieden, muss nicht darüber nachdenken, wie ich mein Leben finanziere, das ist sehr komfortabel. Ich habe immer genug zu essen und eine Wohnung in Brighton und in London. Arbeiten muss ich für mein inneres Wohlgefühl, ich würde durchdrehen, wenn ich keine Musik mehr machen dürfte. Das wäre schrecklich und triebe mich in den Wahnsinn.

"Homage", produziert von John Winfield, wurde am 6. März 2015 beim Label Membran veröffentlicht.
"Homage", produziert von John Winfield, wurde am 6. März 2015 beim Label Membran veröffentlicht.

Disco war anfangs ein sehr schwules und schwarzes Pop-Phänomen, dann wurde es für den weißen Mittelstand kommerzialisiert. Bronski Beat kam lange nach Disco, Punk und Wave und klang viel moderner. Was interessiert dich am Pop aus der Zeit vor deiner Generation?

Mich interessiert die musikalische Entwicklung und der Zeitgeist. Bronski Beat war Teil einer Explosion, einer im sexuellen und politischen Sinne revolutionären Ära gegen den Thatcher-Konservatismus. Der politische traf auf den musikalischen Umstand, dass elektronische Musik mehr und mehr als eigenes Genre akzeptiert worden war. Blues und insbesondere Disco haben wie dennoch geliebt und in unsere neue Musik einfließen lassen. Mein Album "Homage" ist eine Rückkehr zu der Musik, die ich als 15-jähriger Teenager verschlungen habe. Disco hat in mir ein musikalisches Erwachen ausgelöst.

Disco ist für viele Menschen amüsante Partymusik, aber ein musikalisches Erwachen?

Disco ist viel mehr als Sisters Sledge und Village People. Ich liebe auch Boney M., aber Disco bedeutet weit mehr. Wenn wir über Disco reden, müssen wir die Geschichte kennen, die mich fasziniert. Auch Disco begann als wahnsinnig aufregende Periode. Ein Aufbegehren gegen Rassismus und Sexismus – für die Emanzipation afroamerikanischer Schwuler und Frauen. Im Gegenzug hat das weiße reaktionäre Amerika gegen den freiheitlichen, rebellischen Ausdruck agitiert, den Disco verkörperte. Das ist spannend.

Wirst du mit "Homage" die jungen Konsumenten für den alten Sound erwärmen können?

Vor allem mache ich Musik, um mich selbst auszudrücken, nicht für ein bestimmtes Publikum. Wenn die Leute das mögen, ist das natürlich gut. Das Album wurde komplett live eingespielt, keine Synthesizer, rein organische Musik, so wie zum Beginn der Disco-Musik, die ich als junger Typ gehört habe, mit klassischen Instrumenten und Vollblutmusikern. Fände es toll, wenn das junge Menschen heute neugierig auf Disco machen könnte.



Obwohl "Homage" kein elektronisches Album ist, klingt es futuristisch. Hat dich der Sound von Giorgio Moroder beeinflusst?

Ja, sehr viele Elemente meiner Platte sind im Geiste des Briten Pete Bellotte und des Italieners Giorgio Moroder geprägt. Deshalb klingt meine Musik sehr europäisch, das mag wohl auch daran liegen, dass ich ein weißer Angelsachse bin. Aber ich bin mir bewusst, so wie Moroder und Bellote, wo Disco tatsächlich verwurzelt ist.

Trägst du als Promi eine Verantwortung für die queere Bürgerrechtsbewegung?

Nein, ich bin nur mir gegenüber verantwortlich. Dazu gehört, mich nicht zu verstecken oder zu verstellen, ich versuche, aufrichtig zu sein.

Ich treffe gleich nach dir die neue "Ikone der Toleranz" zum Interview – Conchita Wurst. Besitzt sie auch für dich eine politische Relevanz?

Oh ja, sie ist sehr wichtig, denn sie hat den Mumm, "nein" zu sagen, sie passt sich nicht an, sondern macht ihr Ding. Conchita macht deutlich, dass es "normal" im echten Leben gar nicht gibt. Ihre Botschaft ist eindeutig: Nehmt mich so wie ich bin, ansonsten: "Fuck off!" Das verleiht ihr eine Natürlichkeit. Das ist authentisch und großartig.

Youtube | Offizielles Video zum Album-Opener "Some Wonder"
Links zum Thema:
» In das Album "Homage" bei Amazon reinhören
» Homepage von Jimmy Somerville
» Fanpage auf Facebook
Mehr zum Thema:
» Album-Kritik von Michael Thiele: Jimmy Somerville als Disco-Diva (06.03.2015)
Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 7 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 418             14     
Service: | pdf | mailen
Tags: jimmy somerville, disco, homage, interview
Schwerpunkt:
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

loading...

Reaktionen zu "Jimmy Somerville: "Ich habe ein Recht aufs Singen""


 7 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
14.03.2015
21:07:38


(+11, 13 Votes)

Von Marstoph
Aus Berlin
Mitglied seit 27.06.2008


Jimmy ist mein Held.
Er und Ralf König haben mich maßgeblich durch's Coming Out begleitet. Und ich möchte auch heute keinen von beiden missen.
Müsste ich auf einer einsamen Insel mit nur einem Interpreten auskommen, ich würde meine gesammelten Somerville-CDs mitnehmen!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#2
15.03.2015
10:39:07
Via Handy


(+6, 8 Votes)

Von Bino


Jimmy ist auch mein Hero und das neue Album ist auf heave rotation bei mir ;-)

wäre toll wenn der kleine schotte mal wieder etwas erfolg hätte.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#3
15.03.2015
15:35:54


(+8, 8 Votes)

Von kuesschen11
Aus Darmstadt (Hessen)
Mitglied seit 26.08.2012


Jimmy Somerville ist und war schon immer ein mutiger und ehrlicher Sänger, denn er hat bereits in den achtziger Jahren, anfangs in der Popgruppe Bronski Beat und The Communards, schwule Liebe in seinen Songtexten verarbeitet. Das hatte mich damals schon fasziniert.

Ich wünsche dem Sänger weiterhin alles Gute und viel Erfolg mit seiner Musik.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#4
15.03.2015
16:22:52


(0, 4 Votes)

Von Marstoph
Aus Berlin
Mitglied seit 27.06.2008
Antwort zu Kommentar #3 von kuesschen11


Hi Küßchen, gebürtiger Darmstädter hier, wir kennen uns doch aus den Achtzigern, oder? ;-)


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#5
15.03.2015
17:25:55


(+3, 3 Votes)

Von kuesschen11
Aus Darmstadt (Hessen)
Mitglied seit 26.08.2012
Antwort zu Kommentar #4 von Marstoph


Oh, wir kennen uns? Bist du dir sicher?
Dann hilf mir auf die Sprünge ...


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#6
16.03.2015
17:02:07


(+7, 7 Votes)

Von Homonklin44
Aus Tauroa Point (Schleswig-Holstein)
Mitglied seit 08.07.2014


Er hat immer noch diese außergewöhnliche geile Stimme, und die Musik dürfte einem großen Rahmen gefallen. Ich kenne so einige Leute, die auf Disco und Funk oder Verbindungen dieser Genré abfahren. Nicht nur in speziellen Clubs hat das Liebhaber. Musik, die 'organisch' gemacht wird, und eine Brücke zur elektronischen Musik spannt, brauchen wir viel dringender, als den Käse von den Casting-Shows und ESC-Künstler mit gewhnungsbedürftigen Akzenten.

Kommt authentisch rüber, der Junge. Hat sich vom Bizz nicht verdrehen lassen, und steht zu seinem Ding. Toller Mensch, zu beneiden!

Also Jimmy Somerville, lass Dich nicht aufhalten! In unsere Herzen und Tanzbeine haste Dich eh schon gesungen!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#7
17.03.2015
08:25:37


(+7, 7 Votes)

Von herve64
Aus München (Bayern)
Mitglied seit 09.12.2008


"Wenn man eine Sexmasche bis ins reife Alter durchzieht, nehmen die Leute Anstoß daran, es missfällt zunehmend.":

Das dürfte in der Tat der springende Punkt bei Madonna sein. Die Frau hat es nicht geschafft, sich als WIRKLICHE Sängerin zu behaupten, sondern nur als Galionsfigur auf der Bühne. Was wiederum zeigt, dass die Show drumherum künstlich aufgebläht ist, um zu kaschieren, dass die Stimmlage der Sängerin in Wahrheit dünn ist und nichts her gibt.

Das Dumme ist nur, dass wir in einer hypervisualisierten Welt leben und uns gerne der Illusion hingeben.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 


 KULTUR - MUSIK

Top-Links (Werbung)

 KULTUR



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
Bayern: Nur "Toleranz", aber keine "Akzeptanz" von LGBTI Clubkid verliebt sich in russischen Stricher Tom Ford: Jeder Mann sollte mal passiven Analverkehr haben Malta verbietet Homo-"Heilung"
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt