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  • 31.03.2015               Teilen:   |

Indie-Pop aus Down Under

Schmerz, Paranoia und Hormonrausch: San Cisco

Artikelbild
In ihrer Heimat Australien sind San Cisco bereits mit unzähligen Awards und Auszeichnungen gehuldigt worden, nun ist das neue Album "Gracetown" erschienen

Die australische Indie-Pop-Band San Cisco hat ihr zweites Studioalbum "Gracetown" veröffentlicht.

Gracetown? San Cisco? Reichlich amerikanischer Großraum für Assoziationen! Aber San Cisco kommen aus einem kleinen Küstenort, einer beschaulichen Kleinstadt namens Fremantle im Schatten der glitzernden Wolkenkratzer von Perth, und sind von den angesagteren Teilen Aussielands durch tausende Kilometer rote Schotterstraßen getrennt. Gar nicht erst zu reden vom Rest der Welt. Wer deshalb aber glaubt, dass es der Band an Vision fehle und ihre Musik nur aus einfältigen Surf-Liedchen bestehe, in denen die vergänglichen Wonnen von Sonne, Sex und Wellenreiten besungen werden, ist schief gewickelt.

Während es genauso falsch wäre, zu behaupten, dass die unheilige Dreifaltigkeit aus Sonne, Sex und Surfspaß in ihren Songs nicht vorkomme, legen Jordi Davieson (Gesang), Josh Biondillo (Gitarre), Nick Gardner (Bass) und Scarlett Stevens (Schlagzeug) mit ihrem neuen Album "Gracetown" eine Platte vor, auf der sie klangtechnisch ganz neue Territorien erobern. So findet man bei einem Song wie "Snow" eine tiefgründige, kühle Atmosphäre, während eine Nummer wie "Jealousy" mit einer lockeren, funky Stimmung beeindruckt – alles Signale einer neuen Reife und Erfahrenheit.

Es sieht also ganz so aus, als würde die knallende Sonne in den Songs ihres ersten, selbstbetitelten Albums nun ein Stück weit gedeckteren Tönen weichen und somit Platz für eine eingehendere Erkundung des hormonellen Durcheinanders von postmodernen Geschlechterverhältnissen und Beziehungsmodellen schaffen. Kaum eine Band lotet den Schmerz, die Paranoia und den Hormonrausch junger Liebe besser aus. "Gracetown" zeigt San Cisco in der Adoleszenz, und dieses Erwachsenwerden ist zugleich unheimlich und großartig mit anzuhören.

"San Cisco" sind längst keine Newcomer mehr. Im Jahr 2012 wurde ihr Debütalbum global bejubelt. Seitdem sind sie mehrmals um die Welt getourt, spielten Headliner-Shows und traten bei Festivals wie Lollapalooza, Pukkelpop und Reading auf. Die Zeit "on the road" hat ihre Spuren im Sound der Band hinterlassen: die neue Intensität und Schärfe in seiner hat das Quartett mit unzähligen Katerfrühstücken und Flugmeilen sowie einer großen Portion Heimweh und Entwurzelung bezahlt.

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Eine der größten Soul-Stimmen aller Zeiten

Das zweite Album "Gracetown" ist am 27. März 2015 erschienen
Das zweite Album "Gracetown" ist am 27. März 2015 erschienen

Die Songs, die die Band einst mit jugendlichem Elan, frenetischen Tralala-Refrains und allerlei Geklimper füllte, sind jetzt sinnlich und weitläufig.

Es herrscht eine zauberhafte Gelassenheit vor, und unter den Beats pulsiert eine geschmeidige Kraft.

Besonders, wenn sich Jodis Stimme mit dem Organ der Schlagzeugerin Scarlett oder dem der Gastmusikerin Isabella Manfredi von The Preature vereint, offenbart sie sich als das, was sie immer versprochen hatte zu sein: eine der größten Soul-Stimmen aller Zeiten. Vor diesem Hintergrund mutet es paradox an, wenn der Sänger während des Interviews über seine Furcht spricht, dass die Quelle der weltweiten Kreativität eventuell bald versiegen könnte. "Die Melodien dieser Welt gehen langsam zur Neige", sagt er und – um Himmels willen! – er sagt es mit einem Ernst, dass man meinen könnte, ein schwarzes Loch würde uns alle verschlingen, noch ehe das Gespräch endet.

Glücklicherweise widerlegt die Band derartige Befürchtungen durch einen mühelosen Umgang mit Melodien und Beats. Als Jordi wieder aufblickt, grinst er, und man merkt ihm an, dass er weder ein erfolgsverwöhnter Edelperformer noch der "Narziss" ist, den die wachsende Berühmtheit seiner Band möglicherweise aus ihm machen könnte. "Wir schreiben nicht, um unsere eigenen musikalischen Fantasien auszuleben", sagt er bestimmt. "Wir wollen uns mitteilen und Menschen berühren. Wir wollen großartigen Pop schreiben – dafür muss man sich nicht schämen. Wir wollen kein dreihundert Jahre altes Piano aufnehmen und es rückwärts durch einen Schuh abspielen, nur um ein Statement zu machen. Wir sind Entertainer, keine Künstler." (cw/pm)

Youtube | Offizielles Video zur Single "Run" aus dem neuen Album "Gracetown"
Links zum Thema:
» In das Album bei Amazon reinhören
» Offizielle Website von San Cisco
» Fanpage auf Facebook
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Tags: san cisco, gracetown, indie pop
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