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  • 03.04.2015           58      Teilen:   |

Die Rechnung nach dem Streit

Insolvenzgefahr beim Berliner CSD

Artikelbild
Drei Berliner Wahrzeichen auf einem Foto vom damals noch problemfreien CSD 2012: Brandenburger Tor, Fernsehturm und Klaus Wowereit (Bild: Wiki Commons / andreas_tw / CC-BY-SA-3.0)

Der CSD-Verein in der Hauptstadt hat über 160.000 Euro Schulden – mit der Kampagne "Rette deinen CSD!" bittet er nun um Spenden.

Von Micha Schulze

Der große Berliner CSD-Streit im vergangenen Jahr mit zwei konkurrierenden Demos hat nicht nur persönliche Freundschaften zerstört, jetzt kam – nur wenige Wochen nach der endgültigen Begrabung des Kriegsbeils – eine dicke Rechnung für den früheren Szene-Zoff: Der Berliner CSD e.V. ist hoch verschuldet. Mit über 160.000 Euro steht der Verein in der Kreide – das entspricht mehr als einem halben Jahresbudget.

Auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 30. März hat der Vorstand eine "akute finanzielle Notsituation" eingeräumt. In seinem Papier "Maßnahmen zur Sicherung des Berliner CSD e.V." (PDF) werden die erschreckenden Zahlen genannt: "Der Verein sieht sich zum 12. März 2015 mit berechtigten Forderungen in einer Gesamthöhe von 178.792 Euro konfrontiert. Bislang wurden Teilzahlungen in Höhe von 17.409 Euro geleistet; es verbleiben als realistische Forderungen 161.383 Euro." Dem gegenüber stünden offene Forderungen des Vereins in Höhe von lediglich 7.000 Euro, heißt es in dem recht transparenten Bilanzpapier.

Der aktuelle Vorstand des Berliner CSD e.V. wurde erst im Oktober 2014 in sein Amt gewählt – er muss nun den Karren, den größtenteils andere in den Dreck gefahren haben, wieder herausziehen. Zwei der fünf Vorstandsmitglieder, Sissy Kraus und Lutz Ermster, trugen bereits während des CSD 2014 Verantwortung.

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Mindereinnahmen durch Imageverlust

Der neue CSD-Vorstand muss den Karren aus dem Dreck ziehen (v.l.n.r.): David Staeglich, Angela Schmerfeld, Lutz Ermster, Monique King, Sissy Kraus - Quelle: Berliner CSD e.V.
Der neue CSD-Vorstand muss den Karren aus dem Dreck ziehen (v.l.n.r.): David Staeglich, Angela Schmerfeld, Lutz Ermster, Monique King, Sissy Kraus (Bild: Berliner CSD e.V.)

Ein großer Teil der Schulden stamme aus dem Jahr 2014 und sei auf "die Auswirkungen der Konkurrenz durch die Fanmeile/WM-Übertragung, das schlechte Wetter und die Spaltung der CSD-Veranstaltungen aufgrund des CSD-Streits zurückzuführen", so der neue Vorstand: "Eine verminderte Zahl von Wagenanmeldungen führte zu Einnahme-Einbußen von ca. 15.000 Euro. Hinzu kamen ein Starkregen zum Zeitpunkt des Eintreffens der Parade am Endpunkt des Finales und das gleichzeitige Stattfinden des ersten WM-Spieles Deutschland-Ghana, […] was wiederum zu Einnahme-Einbußen beim Getränkeumsatz von fast 25.000 Euro führte. Hinzu kamen Mehrausgaben in mehreren Bereichen in Höhe von insgesamt ca. 30.000 Euro und Mindereinnahmen von über 30.000 Euro im Sponsoringbereich gegenüber 2013."

Die Gründe für die Mehrausgaben sieht der neue Vorstand in mangelhafter Finanz- und Budgetplanung, die Mindereinnahmen führt er u.a. auf den "Imageverlust durch das Verhalten des Vereins im letzten Jahr" zurück.

Der Berliner CSD e.V. räumt ein, unter einem enormen Zahlungsdruck zu stehen: "Die Forderungen gegen den Verein befinden sich teilweise im letzten Stadium vor Einleitung der Vollstreckung", heißt es in dem Maßnahmenkonzept. Mit den meisten Gläubigern habe man aber inzwischen Zahlungs- oder Stundungsvereinbarungen aushandeln können, unaufschiebbare Forderungen wie Sozialabgaben seien aus neuen Einnahmen bedient worden.

Doch ausgerechnet mit dem größten Gläubiger, der Publicom GmbH des früheren und vom neuen Vorstand entlassenen CSD-Geschäftsführers Robert Kastl, hat man noch keine Einigung erzielt. Die Höhe der Forderung und welche Leistungen sie genau betrifft, will der Berliner CSD e.V. auf queer.de-Nachfrage "aus Gründen der Verschwiegenheitspflicht" nicht nennen. Ein Damoklesschwert: Spielt Kastl beim Rettungsplan nicht mit, könnte er theoretisch den Gerichtsvollzieher ins CSD-Büro schicken oder das Vereinskonto pfänden lassen.

Hochverschuldet, aber bislang kein Insolvenzfall

Den vereinzelt erhobenenen Vorwurf der Insolvenzverschleppung weist der Vorstand zurück: "Der Verein ist zwar hoch verschuldet, aber bislang kein Insolvenzfall. Wir lassen uns von einem Insolvenzrechtler begleiten und haben vielfältige Maßnahmen eingeleitet", so der CSD-Verein in einer Stellungnahme gegenüber queer.de. "Die Vorbereitungen für die CSD-Demonstration und das Finale laufen auf Hochtouren, und alle Beteiligten – darunter viele langjährige Partner und auch viele neue Unterstützer – arbeiten Hand in Hand."

Besteht die Gefahr, dass die CSD-Demo am 27. Juni ausfallen könnte? Nein, sagt der Vorstand. Bis zum 31. August 2015 bleibe der Verein "zunächst handlungsfähig". Die CSD-Organisation werde in diesem Jahr nahezu komplett ehrenamtlich gestemmt, auch die Bühnenacts der Abschlusskundgebung würden ohne Gage auftreten. Dennoch würde der Vorstand natürlich lieber inhaltlich arbeiten und optimistisch in die Zukunft schauen, als viel Energie und Zeit in die Lösung der Altlasten zu stecken.

Mit der Kampagne "Rette deinen CSD!" bittet der Berliner CSD e.V. deshalb um Spenden: "Von jeder Person aus der Community 1 Euro zu bekommen, wäre ein super Anfang", meint Vorstand David Staeglich. "Bedenkt man die Hunderttausenden von Menschen, die jedes Jahr beim CSD dabei sind, wären es sogar nur Centbeträge pro Person, die den Verein komplett sanieren, alle Schulden begleichen und ermöglichen würden, einen großartigen CSD auf die Beine zu stellen."

"Liebe Community, macht euch bitte klar: Die Lage ist ernst, aber noch besteht Hoffnung, wenn alle schnell zupacken und jetzt helfen", ergänzt Vorstandskollegin Angela Schmerfeld. "Mit eurer Unterstützung schaffen wir das! Werdet Mitglied, werbt andere Mitglieder an, werdet Supporter/Fördermitglied oder helft uns mit eurer ehrenamtlichen Mitarbeit."

  Spendenkonto
Berliner CSD e.V.
Commerzbank Berlin
IBAN: DE04 1208 0000 4052 3525 00
BIC: DRESDEFF120
Verwendungszweck "Rette deinen CSD"
Links zum Thema:
» Homepage des CSD Berlin
» Das Maßnahmenkonzept als PDF
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Tags: berliner csd e.v., csd berlin, schulden, robert kastl, insolvenz, spenden
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Reaktionen zu "Insolvenzgefahr beim Berliner CSD"


 58 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
03.04.2015
10:26:38


(+8, 8 Votes)

Von Simon_Berlin


"Der amtierende Vorstand des Berliner CSD e.V. wurde erst im Oktober 2014 in sein Amt gewählt er muss nun den Karren, den andere in den Dreck gefahren haben, wieder herausziehen."

Das stimmt so nicht! Drei Personen sind neu, zwei haben den Karren mit in den Dreck gefahren.


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Anm. d. Red.: Stimmt. Wir haben den Absatz konkretisiert.

 
#2
03.04.2015
10:27:11


(+3, 9 Votes)

Von Nico


Da sieht man, was passiert, wenn wir nicht zusammen stehen, sondern wenn wir die Arbeit der Homohasser übernehmen und uns gegenseitig bekämpfen.

Mit sowas treiben wir uns selbst nur in Probleme.


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#3
03.04.2015
10:37:05


(+3, 5 Votes)

Von XDAS


"Mindereinnahmen durch Imageverlust"

Wieso müssen eigentlich diejenigen, die gar nichts damit zu tun haben, für die Arroganz der ehemaligen Organisatoren haften und den von denen verursachten Schaden ausgleichen?

Dafür sollte man die damals Verantwortlichen in vollem Umfang haftbar machen. Es kann doch nicht sein, dass immer wieder Leute mit ihrer Inkompetenz und Arroganz hohen Schaden verursachen und danach Tschüss sagen und die Sache ist erledigt...

Und alle anderen sollen wieder für den Schaden aufkommen. Nur die Verwantwortlichen nicht...


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#4
03.04.2015
10:40:46


(+5, 9 Votes)

Von Robin


Da von einem CSD auch ganz massiv die Stadt und die örtliche Wirtschaft profitieren, sollten zuallererst mal die Stadt und die örtliche Wirtschaft mit gutem Beispiel vorangehen und einen Großteil der Schulden übernehmen...


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#5
03.04.2015
10:48:44


(+6, 8 Votes)

Von Matthias1979


Der Berliner CSD e.V. ist genau für diesen Fall gegründet worden. Es ist seine Aufgabe, den CSD zu organisieren und die Akteure der Community vor finanziellen Risiken zu schützen.
Das Selbstverständnis der Vereinsführung ist unterdessen allerdings ein anderes, was letztlich zu dem "CSD-Streit" des vergangenen Jahres geführt hat.
Nun ist es an der Zeit, den insolventen Verein aufzulösen, und die aktiven Kräfte der Berliner Community zusammenzuführen, um eine Lösung zu erarbeiten.


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#6
03.04.2015
10:49:39


(+7, 9 Votes)

Von seb1983
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Antwort zu Kommentar #2 von Nico


Misswirtschaft ist nun kein rein schwules Problem.

Bei uns steht grade der TBB, Tierer Basketballbundesligist in der Pleite. Eine kleine Parallele: Größter Gläubiger ist die Beraterfirma des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden. Ein Schelm wer böses dabei denkt..


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#7
03.04.2015
10:59:54


(+5, 9 Votes)

Von Schöneberger


Jeder gespendete Euro landet in der Tasche von Robert Kastel!!


Bitte ganz genau lesen! Hauptgläubiger ist der Verursacher des ganzen Schlamassels und nun wird um Spenden gebeten, damit man ihm dieses Geld zahlen kann.

Mekt ihr es eigentlich noch???


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#8
03.04.2015
11:17:28


(+2, 4 Votes)

Von Patroklos
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Der Berliner CSD-Streit und nun das erschütternde Ergebnis: das kommt dabei heraus! Ich drücke dem CSD-Verein die Daumen, daß diese immense Lücke so schnell wie möglich geschlossen wird!

Es ist also umso wichtiger, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, damit dieser "Monte Scherbelino" schnellstens abgetragen wird!


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#9
03.04.2015
11:21:03


(+5, 7 Votes)

Von Hinnerk
Antwort zu Kommentar #1 von Simon_Berlin


"Das stimmt so nicht! Drei Personen sind neu, zwei haben den Karren mit in den Dreck gefahren."

Umso schlimmer, dass die weiterhin dabei sind.

Solange diese Verursacher des Schadens weiterhin dabei sind, sollte keiner auch nur einen einzigen Cent geben!!


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#10
03.04.2015
11:23:28


(+7, 7 Votes)

Von Julian S
Antwort zu Kommentar #6 von seb1983


Nein, natürlich sind Misswirtschaft und Korruption kein rein schwules Problem.

Aber hier in diesem Fall ist es eben das Problem des Berliner CSD, der sich offenbar noch immer nicht von den Verursachern des Schadens trennt.


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