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"Hotel de Dream" jetzt in deutscher Übersetzung

Von aufgetakelten Strichern und Metaphern


Edmund White zählt heute zu den bedeutendsten schwulen Autoren des 20. Jahrhunderts (Bild: Frank Mullaney)

  • 04. April 2015, Noch kein Kommentar

"Hotel de Dream" von Edmund White ist ein Roman im Roman: Der sterbende Schriftsteller Stephen Crane schreibt über einen Strichjungen in New York gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Von Carsten Moll

Er gilt als der große Chronist schwulen Lebens, und auch mit seinem Roman "Hotel de Dream", der nun erstmals auf Deutsch erscheint, widmet sich Edmund White erneut der Homosexualität in einem ausgewählten zeitlichen Kontext.

White erzählt von dem US-amerikanischen Schriftsteller Stephen Crane, der tatsächlich Ende des 19. Jahrhunderts gelebt hat und mit Romanen wie "Maggie: A Girl of the Streets" (1893) und "The Red Badge of Courage" (1895) den amerikanischen Naturalismus nachhaltig geprägt hat.

"Hotel de Dream" beginnt mit den letzten Tagen im kurzen Leben des mit 28 Jahren verstorbenen Autors: Die Tuberkulose hat Cranes Lungen befallen, und so siecht der Literat in seiner englischen Wahlheimat Sussex unter den Augen seiner fürsorglichen Lebensgefährtin Cora Taylor, einer ehemaligen Bordellchefin, dahin. Ein geplanter Kuraufenthalt im Schwarzwald soll dem Kranken Linderung verschaffen, doch große Hoffnungen, dass sich Stephen noch einmal erholen könnte, hegt außer Cora niemand mehr.

Als Todgeweihter hat Crane nichts mehr zu verlieren


Die deutsche Übersetzung des Romans ist Ende März 2015 bei Männerschwarm erschienen

Den eigenen körperlichen Verfall vor Augen, lässt der Schriftsteller mit einer Vorliebe für Prostituierte sein bewegtes Leben noch einmal Revue passieren und erinnert sich dabei auch an einen New Yorker Strichjungen namens Elliott. Schon einmal wollte Stephen die Begegnung mit dem Jungen zu einem Roman verarbeiten, doch es herrschen prüde Zeiten und Homosexualität gilt selbst der künstlerischen Bohème als absolutes Tabuthema. Nun da der Todgeweihte aber nichts mehr zu verlieren hat, macht er sich gemeinsam mit Cora daran, das Werk über den schwulen Elliott doch noch zu vollenden. "Der geschminkte Junge" soll es heißen.

White verwickelt den historischen (und heterosexuellen) Stephen Crane mit "Hotel de Dream" in einen Plot aus Gerüchten und Legenden und lässt nebenbei einige berühmte Zeitgenossen des Literaten auftreten. Joseph Conrad und Henry James spielen etwa wichtige Rollen, wobei White die vermutete Homosexualität des letzteren in seinem Roman zum offenen Geheimnis erklärt und sich ausgiebig über dessen Getue lustig macht.

Das ist zwar amüsant zu lesen, aber insgesamt wirkt die Einbettung historischer Figuren ungelenk und lässt den Erzählfluss spürbar stocken: Allzu plakativ wird hier biografisches Wissen ausgebreitet und die Verweise auf Eigenheiten und Anekdoten wirken arg bemüht. White beweist hier zwar nachdrücklich, dass er recherchiert hat und aufmerksam lesen kann; dass der Schriftsteller auch gut schreiben kann, soll sich allerdings erst viele Seiten später herausstellen.

Überhaupt erweist sich das erste Drittel der mit knapp 200 Seiten nicht allzu umfangreichen Geschichte als große Enttäuschung. Die Handlung entwickelt sich nur schleppend und Whites immer schon von zahlreichen Vergleichen und Metaphern bevölkerter Stil scheint endgültig zu eitlen Manierismen erstarrt zu sein. Sprachlich trägt der Autor noch dicker auf als es der blasse, an Syphilis leidende Stricher Elliott es mit seinem Rouge tut – Vitalität und Kraft vorzutäuschen gelingt beiden auf diese Weise nicht.

"Der geschminkte Junge" wird zunehmend präsenter


Die Originalausgabe von "Hotel de Dream" erschien in den USA bereits im Jahr 2007

Spannender und komplexer wird "Hotel de Dream", nachdem die ersten 80 Seiten überstanden sind und der Roman sich nach Art einer mise en abyme verschachtelt. Die fiktiven von Crane an Cora diktierten Textfragmente zu seinem Roman "Der geschminkte Junge" werden nämlich in die Handlung eingeflochten und zunehmend präsenter. Diese Passagen ergänzen die etwas betulich-morbide Rahmenhandlung im England des Fin de Siècle um ein kontrastreiches Porträt New York Citys an der Schwelle des 20. Jahrhunderts: Zwischen Pferdekutschen und ratternden Hochbahnen, hungernden Straßenkindern und reichen Gentlemen, vornehmen Luxushotels und abgetakelten Tuntenklubs entspinnt sich die tragische Geschichte um den jugendlichen Prostituierten Elliott.

"Der geschminkte Junge" liest sich dabei wie eine weniger grimmige und bisweilen ganz schön sentimentale Variation von Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray" (1890). In Whites zwischen überbordender Idealisierung und abstoßendem Naturalismus changierender Prosa sowie durch die Einbettung eines Romans im Roman werden ähnlich wie bei Wilde Beziehungen zwischen Kunst und Alltagsleben ausgelotet. Auch auf seine eigene Arbeitsweise und ästhetische Vorstellungen scheint White immer wieder zu verweisen und diese mit seinem Roman zu kommentieren.

Geschwätzigkeit und stumme Projektionsflächen

"Hotel de Dream" bietet eine durchaus unterhaltsame und meist kurzweilige Lektüre, aber ist bei weitem nicht Edmund Whites gelungenstes Werk. Die eingestreuten Anekdoten, die Exkurse über den Slang von Taschendieben und Tunten, die grellen Nebenfiguren sowie einige rührselige Klischees – das alles mag sich nicht zu einem überzeugenden Ganzen zusammenfügen.

Vielleicht addieren sich diese Facetten auch nicht zu mehr als der Summe ihrer einzelnen Teile, da das, worum sie letztlich alle kreisen, die Figur Elliott, eine seltsame Leerstelle bleibt. Wo White sonst immer wieder geschwätzig gegen falsche Zurückhaltung und überkommene Moralvorstellungen anschreibt, da degradiert er seinen schwulen Protagonisten zu einer stummen Projektionsfläche. Verfügbarkeit scheint die einzige Eigenschaft des Strichers zu sein, und wenn er dann doch einmal den Mund aufmachen und für sich selbst sprechen darf, wirkt es aufgesetzt und dient bloß dazu, die Handlung voranzutreiben.

White hat die Chance verpasst, tiefer zu blicken, als es die dicke Schicht Make-up erlaubt.

Infos zum Buch

Edmund White: Hotel de Dream. Roman. Aus dem Amerikanischen von Joachim Bartholomae. Gebunden. 232 Seiten. Männerschwarm Verlag. Hamburg 2015. 20 €. ISBN: 978-3-86300-188-9