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  • 13.04.2015           4      Teilen:   |

Theater

So schwul wurde "Mephisto" noch nie inszeniert

Artikelbild
Queere Liebe im Nationalsozialismus: Juliette (Alexander Pensel, rechts) ist die einzige Person, die Hendrik Höfgen (Hagen Ritschel, links) wirklich erreichen kann. (Bild: Falk Wenzel)

Am Neuen Theater Halle hatte "Mephisto" nach dem Roman von Klaus Mann Premiere: Der Protagonist verliebt sich nicht in eine schwarze Frau, sondern in einen Transvestiten.

Von Markus Kowalski

Am Ende steht er nur noch allein auf seiner Bühne. Verlassen von allen guten Freunden, nur noch in reinweißer Maske, in seiner Rolle als Verführer Mephistopheles. Das Theaterstück "Mephisto" erzählt die Lebensgeschichte des Schauspielers Hendrik Höfgen (Hagen Ritschel) zwischen den Jahren 1926 und 1936. Am Neuen Theater in Halle (Saale) feierte das Stück am vergangenen Samstag Premiere.

Hendrik Höfgen arbeitet zunächst mit seinen kommunistischen Freunden am Hamburger Künstlertheater, es sind die Goldenen Zwanziger. Doch er will als Schauspieler nicht provinziell bleiben, er will berühmt werden. Und er weiß um sein außergewöhnliches Talent: "Kein Regime kommt ohne mich aus!" 1933 lässt er sich nach kurzem Zögern mit den Nationalsozialisten ein und wird schließlich zum Intendanten des Berliner Staatstheaters ernannt.

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Höfgen muss sich zwischen Karriere und Leben entscheiden

Der Pakt mit dem Teufel: Hendrik Höfgen (Hagen Ritschel, rechts) kann den Nazi-Ministerpräsidenten (Hilmar Eichhorn, links) von seinem Talent als Schauspieler überzeugen. - Quelle: Falk Wenzel
Der Pakt mit dem Teufel: Hendrik Höfgen (Hagen Ritschel, rechts) kann den Nazi-Ministerpräsidenten (Hilmar Eichhorn, links) von seinem Talent als Schauspieler überzeugen. (Bild: Falk Wenzel)

Doch von vorn: Der exzentrische Schauspieler leidet an Wutanfällen und Erfolgsgeilheit. Nur sein Geliebter kommt an sein Herz heran: der Transvestit Juliette Martens (Alexander Pensel) – der in der Romanvorlage von Klaus Mann eine dunkelhäutige biologische Frau ist.

Juliette ist dekadent gekleidet mit Pelzmantel, darunter trägt er nur einen schwarzen Catsuit und einen Tanga. In Hamburg pflegen beide eine innige Beziehung, mit wilden Sadomaso-Nächten. Dann aber geht Höfgen nach Berlin, um seine Karriere voranzubringen.

Anfang der Dreißiger Jahre verändert sich das Leben in der Hauptstadt: Die Nationalsozialisten kommen an die Macht, Kommunisten werden verhaftet und getötet, der Reichstag brennt. Höfgen muss sich entscheiden, ob er wie seine Freunde ins Ausland emigriert oder ob er in Deutschland bleibt und für die Nazis spielt. Genau da besucht ihn Juliette, um ihn vor dem Leben im Nationalsozialismus zu warnen: "Hendrik, selbst die Huren machen sich Sorgen! Dabei kann es denen doch egal sein, welche Farbe die Hose hat, in der der Schwanz steckt."

Doch Hendrik will schauspielern, er bleibt naiv: "Was kümmert mich es, wenn die Nationalsozialisten an der Macht sind! Ich habe mich noch nie für Politik interessiert!" Er entscheidet sich schließlich für Nazi-Deutschland und wird ans Staatstheater in Berlin berufen. Er besucht Juliette zunächst nur noch heimlich. Dabei hatte er bereits eine Scheinehe mit Barbara Bruckner (Stella Hilb) aus angesehener Familie geschlossen, doch diese Ehe lässt er 1934 wieder scheiden.

Die Beziehung zu Juliette sei "wie Rassenschande"

Die Scheinehe zu Barbara Bruckner (Stella Hilb, links) funktioniert nicht: Hendrik Höfgen (Hagen Ritschel, rechts) liebt Transvestit Juliette – und zeigt sich auch selbst im Fummel
Die Scheinehe zu Barbara Bruckner (Stella Hilb, links) funktioniert nicht: Hendrik Höfgen (Hagen Ritschel, rechts) liebt Transvestit Juliette – und zeigt sich auch selbst im Fummel (Bild: Falk Wenzel)

Als Schauspieler am Staatstheater wird Höfgen einflussreicher, ist mit dem Ministerpräsidenten Hermann Göring (Hilmar Eichhorn) befreundet. In der Faust-Inszenierung am Staatstheater spielt er dann die Rolle des Mephistopheles und wird schließlich zum Intendanten ernannt. Damit ist er am Höhepunkt seiner Schauspielerkarriere angekommen. Plötzlich erfährt Göring durch Gerüchte aber von seiner geheimen Beziehung zu Juliette. Es kommt zu einer Unterredung. "Das ist dasselbe wie Rassenschande", erklärt der nationalsozialistische Ministerpräsident. Doch er hegt große Sympathie für Höfgen, will ihn als Intendant behalten und urteilt: "Wer schwul ist, bestimme ich."

Höfgen kann weiter in der brandgefährlichen Welt der Nationalsozialisten arbeiten, Juliette hingegen muss nach Paris ausreisen. Durch Höfgens Liebe zur einer Transvestiten wird seine Existenz zum Überlebenskampf, den er durch Anpassung gewinnen will: "Ich bin in keiner Partei, ich bin kein Jude. Ich bin ein blonder Rheinländer." Der Teufelspakt mit der Nazi-Macht wird für Höfgen aber auf Dauer zum unerträglichen Versteckspiel: "Ich habe mich nun einmal für diese Taktik entschlossen. Weißt du, wie schwer es ist, sich jeden Tag zu verstellen?"

Höfgen verkörpert den prinzipienlosen Menschen

Dabei spricht die Inszenierung noch mehr Ebenen an: Hendrik Höfgen ist der prinzipienlose Mensch, der jeden Preis in Kauf nimmt, um seine Karriere voranzutreiben. Hendrik Höfgen ist auch der gewissenlose Mensch, der seine kommunistischen Freunde im Stich lässt, als die seine Hilfe brauchen. Hendrik Höfgen ist auch der naive Mensch, der die gefährliche Situation des totalitären Regimes nicht erkennt, in der für Schwule, Transgender und andere Minderheiten kein Platz ist.

Innovativ ist das Bühnenbild im Saal des Halleschen Theaters gestaltet: Ein langer Bühnensteg, dazu eine fahrbare kleine Bühne und die bombastische Hinterbühne verwandeln den ganzen Saal zu einem übergroßen Raum mit Stadion-Atmosphäre. Geschickt wird eine Videokamera eingesetzt und das gaffende Bild auf eine raumgroße Leinwand übertragen. Das Publikum sitzt sich auf zwei Traversen gegenüber, wird damit selbst zum Anschauungsobjekt.

Dem politischen Identitätskonflikt einen Namen gegeben

Klaus Mann hat als schwuler Schriftsteller dem politischen Identitätskonflikt einen Namen gegeben: Mephisto. Sein gleichnamiger Roman aus dem Jahr 1936 erzählt die Geschichte in sehr starker Anlehnung an die Biografie des homosexuellen Schauspielers Gustaf Gründgens, den er auch persönlich kannte. In seinem Roman hatte Mann jedoch bewusst keine schwulen Protagonisten gewählt, weil er die unlautere Verquickung von Homosexualität und Faschismus nicht erneut bestätigen wollte.

Mit diesem Klassiker der deutschen Exilliteratur ist Klaus Mann heute wieder aktuell. Er verweist darauf, dass es Momente gibt, in denen man das Land und sein bisheriges Leben aufgeben muss, um in seiner wahren Identität weiterleben zu können.

Die Inszenierung in Halle unter der Regie von Henriette Hörnigk ist grandios, ja schlichtweg überwältigend. Dreieinhalb Stunden zieht einen die schauspielerische Glanzleistung von Hagen Ritschel als Hendrik Höfgen in den Bann. Durch die starke Ausdruckskraft der Aufführung kann man sich der kompromisslosen Aussage des Stückes nicht entziehen: "Du kannst dich hinter deiner Rolle nicht verstecken."

  Infos zum Stück
Mephisto. Theaterstück nach Klaus Mann am Neuen Theater Halle. Fassung und Regie: Henriette Hörnigk. Bühne und Kostüme: Claudia Charlotte Burchard. Darsteller: Hagen Ritschel, Harald Höbinger, Till Schmidt, Elke Richter, Max Radestock, Karl-Fred Müller, Alexander Pensel, Bettina Schneider, Stella Hilb, Hilmar Eichhorn, Martin Reik. Aufführungsdauer: 3,5 Stunden, eine Pause. Nächste Aufführungen: 18.4., 30.4., 2.5., 22.5., 23.5., 18.6. und 19.6.2015.
Links zum Thema:
» Link zur Theaterseite und Kartenbestellung
» Klaus Manns Roman "Mephisto" bei Amazon
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Tags: klaus mann, neues theater, halle, mephisto
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Reaktionen zu "So schwul wurde "Mephisto" noch nie inszeniert"


 4 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
13.04.2015
21:48:35


(+4, 4 Votes)

Von giliatt


Der schwule Autor Klaus Mann kannte die Vorlage seiner Hauptfigur des Höfgen - Gustaf Gründgens - nicht nur persönlich. Er war sein Schwager, denn Schwester Erika Mann war mit Gründgens von 1926 bis 1929 verheiratet.

Die hochbegabten Geschwister Klaus und Erika Mann waren sehr eng miteinander. Da passte kein Blatt Papier dazwischen. Diese fast inzestuöse Geschwisterliebe traf in Drittheit auf den homosexuellen sado-maso-praktizierenden Gründgens, der bisexuelle Tendenzen hatte. Künstlerisch inspirierend wirkte diese Konstellation allemal.

Gründgens hatte in seiner Hamburger Zeit ein Verhältnis mit der tollen Elisabeth Flickenschildt, die wir Edgar-Wallace-Fans kennen als Kneipenwirtin Nelly Oaks im "Gasthaus an der Themse".

Von 1936 bis 1946 war Gründgens mit der wunderbaren Marianne Hoppe (1909-2002) verheiratet. Als Kind war Marianne in den Ferien oft in unserem Hause, denn Ihre Großmutter - Tochter des hiesigen Wassermüllers - war unsere Nachbarin. Die Müllerstochter hatte nach Felsenhagen geheiratet, einer vom Gut Preddöhl abgetrennten Enklave bei Pritzwalk. Auch Marianne kennen Edgar-Wallace-Fans aus dem Film "Die seltsame Gräfin", wo Gräfin Eleonore Moren (Lil Dagover) sich gleich per Giftnadel töten wird. Marianne Hoppe ist die Mutter des Fräulein Reedle, die Zuchthäuslerin Mary Pinder und Millionenerbin.
Kurios: In meiner Studentenzeit in Rostock setzte sich 1979 im Cafè eine alte Dame an meinen Tisch, weil es der einzige freie Stuhl im Lokal war. Sie war Tänzerin am Rostocker Theater gewesen und erzählte mit aus ihrer Jugendzeit. Die Hoppe kannte sie gut. Alle Balettmädchen lästerten gerne im Sound des Hoppe-Reiter-Kinderreims: "Hoppe hoppe Gründgens. Kriegen keine Kindgens."
Da war schon allseits öffentlich klar, dass Gustaf Gründgens nicht heterosexuell ist.

Zwar habe ich die Aufführung des Mephisto in Halle nicht gesehen. Dennoch denke ich, dass sie im Sinne von Klaus Mann inszeniert wurde.

Literaturempfehlung:
Lohnenswert ist es, sämtliche Bücher von Klaus Mann zu lesen.
Von Erika Mann sollte man "Zehn Millionen Kinder" gelesen haben.


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#2
14.04.2015
08:05:21


(+4, 4 Votes)

Von xHaraldx
Aus Wiesbaden (Baden-Württemberg)
Mitglied seit 03.09.2013


Die Termine habe ich bei mir eingetragen, werde mir die Inszenierung bestimmt ansehen.

Schade dass Klaus Mann diese Inszenierung nicht erleben kann, sie hätte ihm bestimmt gefallen.


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#3
14.04.2015
09:22:27


(+2, 4 Votes)

Von agneta
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"...zeigt sich selbst im Fummel". Genau solche Sätze sind es, die die Vorurteile gegen uns Transgender verstärken. Auch von Homosexuellen kommen solche Aussagen wie "Kerl im Kleid" oder immer eine maskuline Anrede. Denkt mal drüber nach. Das hat das Niveau von "der braucht nur mal ne richtige Frau, dann ist er nicht mehr schwul".


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#4
14.04.2015
09:26:37


(+2, 2 Votes)

Von Patroklos
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #1 von giliatt


Das Ganze ist auch hier nachzulesen:

Link zu www.querverlag.de

Offtopic:

Link zu www.tagesschau.de

R. I. P.


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