Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?23609

Mario Testino

Schön, reich und queer


Mario Testino spielt mit Maskulinität und Femininität: "Josh Hartnett, New York, V Man, 2005" (Bild: © Mario Testino)

Trotz plumpen Busen-Marketings zeigt die große Berliner Mario-Testino-Werkschau "In Your Face" auch zahreiche Inszenierungen von Geschlecht und Sexualität.

Von Stephanie Kuhnen

Die Stimmung in der Ausstellung ist sakral. In vier ganz in schwarz gehaltenen Räumen des Berliner Kulturforums erwarten das Publikum 125 überlebensgroße Fotografien des peruanischen Fotografen Mario Testino. Ausgestrahlt wie Heiligenbilder, aber lässig auf Brusthöhe an die Wände gelehnt, offenbart sich die hochglänzende Welt der Schönen, Reichen und Berühmten in sattem Farbenrausch wie man ihn aus italienischen Kirchen mit üppigen Fresken kennt.

Konsequent fällt den Besucherinnen und Besuchern der ersten großen Werkschau Testinos in Europa auch das Bild Madonnas ins Auge, das weltbekannt durch seine Verwendung als Covermotiv ihres Albums "Ray of Light" wurde. Ohne die Schriftzüge meint man nicht nur die Handschrift des Fotografen, sondern auch des Renaissance-Malers Sandro Botticelli zu erkennen. Oder das Make-up eines Kopfporträts von Kate Moss verrät eindeutig die Inspiration: Andy Warhols Diptych von Marilyn Monroe.

Verneigungen vor Helmut Newton und Cecil Beaton


Das Berliner Kulturforum wirbt mit Bildern wie diesem für die Ausstellung: "Claudia Schiffer, Paris, Vogue Deutschland, 2008" (Bild: © Mario Testino)

Gleich mehrmals verneigt sich Mario Testino vor dem Großmeister Helmut Newton, etwa wenn er Selma Hayek im Abendkleid mit einem Rudel angeleinter Dobermänner an einem Pool spazieren gehen lässt. Aber auch vor Pin-ups in Playboy-Ästhetik, die gleichberechtigt neben Schwarzweiß-Porträts in der zeitlos klassischen Eleganz eines Cecil Beaton stehen, macht er nicht Halt.

Testino ist kein großer Innovator der Modefotografie. Daraus macht er auch kein Geheimnis. Er ist eben auch ein zuverlässiger Handwerker, der seine Auftraggeber wie die Modemagazine "Vogue", "V", "Vanity Fair" nach deren Zielgruppengusto bedient. Wenn er die großen Fotografen und Maler zitiert, dann geschieht das nicht aus eigener Ideenlosigkeit, sondern auch aus dem Bewusstsein heraus, dass diese ebenfalls Handwerker waren.

Modefotografie, die lange im Ruch des rein kommerziellen Gebrauchsbildes stand und im elitären Kunstbetrieb eher belächelt wurde, bietet jedoch viele Freiräume. Und Testino weiß diese zu nutzen, indem er sich selbstbewusst zwischen Kommerz und Kunst, Konvention und Grenzüberschreitung positioniert.

Die Freiräume der Modefotografie



Auch wenn der Fokus des Marketings von "In Your Face" auf den erwartbaren Superstar-Bildern von Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Lady Gaga, Heidi Klum und anderen vor allem weiblichen Ikonen liegt (schließlich locken das Bekannte und Erotik eher in ein Museum als das Unbekannte und Intellektuelle), beeindruckt die Auswahl der Bilder durch ihre diversen Inszenierungen von Geschlecht und Sexualität.

Dem 60-jährigen Testino, der auf die Frage, ob er schwul sei, beharrlich antwortet, dass ihm Label nicht wichtig seien, kann man in seinen Arbeiten durchaus glauben, dass ihm Grenzen zwischen Maskulinität und Femininität wenig an Herausforderung zu bieten haben.

Entsprechende Highlights der Ausstellung sind neben den reinen Celebrity-Porträts eben auch die Vielzahl an queeren Inszenierungen: Josh Hartnett trägt knallroten Lippenstift zum Bart, das lesbische Supermodel Freja Beha Erichsen posiert androgyn in der Berliner U-Bahn, Robbie Williams trägt Bikini, die barbusige Yasmin Warsame umarmt unverhohlen sexuell ein anderes Model, junge Männer vergnügen sich in nassen weißen Unterhosen in einer Gemeinschaftsdusche, weibliche Models tragen Männerkleider und umgekehrt.

Sinnliches Seherlebnis voll queerem Glamour



Als queer oder mit dem altbackenen Begriff "homoerotisch" kann man "In Your Face" nicht bezeichnen. Der Besuch gleicht eher einem umfassend sinnlichen Seherlebnis voll unberührbarem Glamour und erhabener Künstlichkeit.

Wenn man nach dieser Märchenwelt aus dem Dunklen wieder ins Tageslicht der Realität tritt, dann scheint das Leben in der Zweigeschlechtlichkeit mit vereinfachten Begehrensformen und glanzloser Alltäglichkeit eher profan und unterkomplex.

Youtube | Video von der Ausstellungseröffnung im Januar
Infos zur Ausstellung

Mario Testino: In Your Face. Noch bis zum 26. Juli 2015 im Kulturforum Berlin, Matthäikirchplatz, Berlin-Mitte. Öffnungszeiten: Di-Mi 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Fr 10-18 Uhr, Sa+So 11-18 Uhr, Mo geschlossen


#1 inszenierungenAnonym
  • 18.04.2015, 17:38h
  • dann wird also mit öffentlichen geldern auch noch sexistisches "busenmarketing" (ein paar wenige macht's reich) betrieben, anstatt sexistische rollenbilder zu bekämpfen? und das sollen schwule und lesbische normalverdiener_innen jetzt bejubeln?
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Patroklos
  • 18.04.2015, 20:55h
  • Antwort auf #1 von inszenierungen
  • Ganz ruhig und locker durch die Hose atmen: auf'm mittleren Foto sind fünf Männer zu erkennen (aber sehr deutlich mit Hang zum Tattoo-Overkill)!

    Da wir uns im 21. Jahrhundert befinden, wär's nun endlich an der Zeit, daß die Homonormativität die Heteronormativität immer mehr verdrängt! Nicht nur in den Print- auch in den audiovisuellen Medien sollten Spots mit homonormativen Inhalten (siehe die Werbung des bekannten Zwiebackherstellers Brandt) mehr und mehr Einzug halten. Deutschland hinkt da gegenüber anderen Staaten immer noch deutlich hinterher!
  • Antworten » | Direktlink »
#3 MillionärsguideAnonym
#4 schwarzerkater
  • 19.04.2015, 08:52h
  • ist halt leicht zu konsumierende modefotografie ... und vielleicht macht das einigen ja auch lust auf mehr, dann hätte sich so ne ausstellung schon gelohnt.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 antos
  • 19.04.2015, 10:48h
  • Antwort auf #1 von inszenierungen
  • "und das sollen schwule und lesbische normalverdiener_innen jetzt bejubeln?"

    Sie sollten die Könnerschaft erkennen und lebenserfahrene Kennerschaft beweisen, indem sie den - wie es im Artikel heißt - 'unberührbaren Glamour und die erhabene Künstlichkeit' sowie ihr Verhältnis dazu beziehungsweise ihr Fasziniertwerden davon reflektieren. Das wäre mindestens dreiundzwanzig Mal produktiver als dein hier immer wieder stolz vorgeführtes eingefahrenes und wirklich - wirklich! - ermüdendes nutzloses Kritik-Wortspiel.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 KönnerAnonym
#7 NajaAnonym
  • 19.04.2015, 22:53h

  • Es geht in erster Linie um gezeigte Heteroerotik...sprich Frauen in lasziven Posen.
    Bei relevantem queer Thema sollte der Schwerpunkt mindestens(!) ausgeglichen sein.
  • Antworten » | Direktlink »