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  • 26.04.2015               Teilen:   |

"Die Preisgabe" von James Purdy

Die schwule Liebe als unerreichbarer Traum

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Der US-Schriftsteller James Purdy, geboren 1914 in Ohio, starb 2009 im Alter von 94 Jahren. Nach seinem literarischen Debüt 1956 veröffentlichte er fast 20 Romane sowie eine große Anzahl Kurzgeschichten (Bild: John Uecker)

Der Bruno Gmünder Verlag hat James Purdys schwulen Klassiker "Die Preisgabe" neu veröffentlicht. Noch heute schockieren die obszönen Begegnungen der außenseiterhaften Protagonisten.

Von Markus Kowalski

"Hier ist der Umschlaghafen für geplatzte Träume." – In der Wohnung des erfolglosen Dichters Eustace Chisholm treffen sich die Verlierer und Außenseiter der Gesellschaft.

Die gealterte Künstlerin Maureen, die ihre Schwangerschaft zum vierten Mal abtreiben lassen muss. Der reiche Gönner Reben, der einsam ist und sich nach Liebe sehnt. Der schöne Jüngling Amos, der sich in seinen Vermieter Daniel verliebt. Und der autoritäre Daniel, der jede Nacht schlafwandelnd das Bett von Amos aufsucht.

Das Buch "Die Preisgabe" von James Purdy ist jetzt in der deutschen Übersetzung neu verlegt worden. Die Geschichte, die das Buch erzählt, entwickelt sich zwischen einem Scherbenhaufen von gescheiterten Biografien in den Vereinigten Staaten der 1930er Jahre.

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Abtreibung. Arbeitslosigkeit und Prostitution

Harmloses Cover der deutschen Neuausgabe aus dem Bruno Gmünder Verlag: Im Roman wimmelt es vor "splitternackten" Männern
Harmloses Cover der deutschen Neuausgabe aus dem Bruno Gmünder Verlag: Im Roman wimmelt es vor "splitternackten" Männern

Maureen lässt ihr ungewolltes Kind unter konspirativen Umständen abtreiben und stirbt fast dabei, weil die hygienischen Zustände in der geheimen Arztpraxis katastrophal sind.

Amos versucht vergebens eine Arbeit zu finden, um seine Miete bezahlen zu können. Dabei wird er ununterbrochen von Reben angemacht und lässt sich dann auf eine Beziehung ein, weil er eben Geld braucht und das von Reben zugesteckt bekommt.

Und Daniel will sich seine Liebe zu Amos nicht eingestehen und geht deswegen wieder zurück in den Militärdienst, in seine vertraute Umgebung.

Währenddessen erniedrigt der Dichter Eustace fortlaufend seine zurückgekommene Ex-Frau, die nur bei ihm wohnen kann, wenn sie das Geld für die Miete verdient und ansonsten keinen Ärger macht.

Verzweifelt sucht jeder nach einem neuen Leben

Und so versucht jede Person, eine Liebe zu finden, und scheitert doch daran. Scheitert an der eigenen Sturheit oder am zu hohen Alter. Oder an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die eine schwule Liebe nicht dulden. So beschreibt James Purdy das Leben in den USA der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre, in dem alle verzweifelt nach einem neuen Leben greifen und es doch nicht bekommen können.

Besonders intensiv schildert Purdy dabei obszöne Szenen: Wenn Maureen ihr Kind auf einem dreckigen Tisch voll schmerzlicher Qualen abtreiben lässt, indem der Arzt mit metallenen Instrumenten aus ihrem Körper das Kind herauskratzt, ist beim Lesen tatsächlich eine Ekelgrenze erreicht.

Und auffällig oft ist einer der Männer "splitternackt": Mal ist es der schöne Junge Amos, mal ist es sein steinreicher Verehrer Reuben oder dessen Gärtner Sven, welcher sich wild die Sachen vom Leib reißt. Tatsächlich schlafen alle schwulen Männer hier nie in privater, intimer Atmosphäre miteinander, sondern begegnen sich höchstens mittels kurzzeitiger Splitternacktheit und Erregung. Ihre schwule Liebe zueinander darf hier nur ein rein körperliches Begehren sein, obwohl auch das gesellschaftlich geächtet ist.

Die deutsche Übersetzung ist anstrengend

Vielsagender Schutzumschlag einer englischsprachigen Ausgabe: "The Sensational Novel of Perverse Love"
Vielsagender Schutzumschlag einer englischsprachigen Ausgabe: "The Sensational Novel of Perverse Love"

Unter dem Titel "Eustace Chisholm and the Works" wurde das Buch 1967 in den USA veröffentlicht. Bereits 1970 erschien im Deutschen "Die Preisgabe" im Rowohlt Verlag in kleiner Auflage. In derselben Übersetzung von Kai Molvig ist nun auch das Buch bei Bruno Gmünder erschienen.

Dabei hätte dem Text eine flüssiger zu lesende Neuübersetzung gut getan. Zu oft muss man sich angestrengt durch ungelenke Satzkonstruktionen von Zeile zu Zeile kämpfen. Ein echter Lesefluss wird da unmöglich, und an sprachliche Schönheit ist hier leider überhaupt nicht zu denken.

Bleischwer lastet auch die verworrene Erzählstruktur auf dem Text: Hier entwickeln sich mehrere Erzählstränge und Liebesgeschichten nebeneinander, sodass man Mühe hat, nicht den Faden zu verlieren. Zu Beginn stehen die einzelnen Personen noch gleichbedeutend nebeneinander, doch zum Ende des Romans hin werden dann Daniel und Amos plötzlich zu den Protagonisten. Gleichzeitig sind alle Figuren sehr kontrastreich konstruiert: Der männlich-harte Daniel liebt den unerfahren-zarten Jüngling Amos. Da hätte ein bisschen weniger Schwarz-Weiß die Figuren authentischer gemacht.

Eine Welt der Demütigung und Erniedrigung

Sieht man von den erzählerischen Mängeln ab, kann man "Die Preisgabe" guten Gewissens in die Schublade der Klassiker der queeren Literatur packen. Denn hier werden so viele wichtige Homo-Themen behandelt, wie man sie selten in einem einzigen Buch findet: Das Unverständnis und der unbedingte Kinderwunsch von Reubens alter Mutter, die sich krampfhaft für ihren schwulen Sohn eine Ehefrau wünscht. Oder die Entwürdigung und Verletzung, die Daniel durch Schläge und Tritte erfahren muss, als sein Vorgesetzter beim Militär von seiner Liebe zu einem Mann erfährt. James Purdy erzählt hier von einer Welt, in der Schwule für ihre Liebe gedemütigt, geschlagen und erniedrigt wurden, sobald sie ihr Begehren preisgeben.

Am Ende ist es bloß eine einzige Liebe, welche irgendwie funktioniert: Der bisexuelle Dichter Eustace hatte sich von seiner Frau Carla eigentlich wegen der Liebe zu einem Mann scheiden lassen. Doch genau diese männliche Liebe, die er sucht, funktioniert in dieser Gesellschaft einfach nicht. Also wagt er schließlich den Versuch, sich mit seiner Carla zu versöhnen und doch eine Frau zu lieben.

  Infos zum Buch
James Purdy: Die Preisgabe. Roman. Mit einem Essay von Jonathan Franzen. Gebundene Ausgabe. Bruno Gmünder Verlag, Berlin 2015. 22,99 €. ISBN 978-3-86787-797-8
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
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Tags: james purdy, die preisgabe, btuno gmünder
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