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  • 27.04.2015           1      Teilen:   |

Wenn das die Bildungsplangegner wüssten...

Obszön und (ver)queer: "Platée" an der Oper Stuttgart

Artikelbild
Für kurze Zeit wieder im Repertoire der Oper Stuttgart: Transvestit Platée (Thomas Walker, li.) macht sich Hoffnungen auf den gutbestückten Jupiter (Andreas Wolf) (Bild: A.T. Schaefer)

Calixto Bieitos Inszenierung von Rameaus "Platée" überrascht mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Leider gibt es nur noch drei Termine.

Von Andreas Zinßer

Die aktuelle Inszenierung der komischen Oper "Platée" von Jean-Philippe Rameau im Stuttgarter Opernhaus ist schwuler als Oper jemals war. Lesbische Paare wälzen sich eng umschlungen schon im Prolog, später steigen zwei nackte Männer unter intensiven Küssen miteinander in die Kiste. All dem setzt dann Thomas Walker in der Titelrolle die Krone auf: Platée ist ein Transvestit. Oder, böse gesagt, eine ziemlich abgehalfterte Transe.

Die Handlung selbst ist gewiss keine leicht nachvollziehbare. Der irdische Dichter Thespis und Götterbote Mercure schmieden einen Pakt, um ihren Herrn Jupiter endlich von der Eifersucht seiner Gattin Junon zu befreien. Vorgebend, die furchtbar hässliche und einfältige Nymphe Platée, Herrin von Kröten und Fröschen, heiraten zu wollen, soll Junon dazwischen fahren und erkennen, dass ihr Gatte nur Hässlichere freit, alle Eifersucht eitler Tand ist. Gesungen wird auf Französisch, Handlungsort ist Griechenland und die Namen der Götter sind Römisch.

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Besuch erst ab 16 Jahren empfohlen

Nackt fummelnd im Geschenkkarton überbringen Un Satyre/Cithéron (André Morsch, li.) und Thespis/Mercure (Cyril Auvity) den Heiratsantrag von Jupiter - Quelle: A.T. Schaefer
Nackt fummelnd im Geschenkkarton überbringen Un Satyre/Cithéron (André Morsch, li.) und Thespis/Mercure (Cyril Auvity) den Heiratsantrag von Jupiter (Bild: A.T. Schaefer)

Dieser Opernabend ist obszön und (ver)queer. Das Bühnenbild ist Kitsch, die Spezialeffekte atemberaubend. Schon im Prolog wird klar, warum die Staatsoper einen Besuch erst ab 16 Jahren empfiehlt: Eine abstoßende Orgie antiken Ausmaßes ist auf der Bühne zugange.

Neben kopulierenden Paaren aller denkbaren Spielarten zieht vor allem der reichlich vorhandene Körper Conny Eilensteins alle Aufmerksamkeit auf sich, wenn sie – nackt bis auf etwas Efeu um die Leibesfülle – als Bacchus auf und abschreitet. Sie ist bewundernswert, mutig und stark, sich so zu zeigen. Aber es wird einem flau, als sie einen riesigen Gelatine-Phallus mündlich zu liebkosen beginnt.

Und dann Platée! Welche eine Paraderolle für Thomas Walker! Wie unfassbar gleichzeitig sie körperlich abstoßend wirken und doch so reizvoll sein kann. Platée glaubt nämlich, alle männlichen Wesen würden sich nach ihr verzehren. Wir wohnen bei, wie sich das völlig nackte Wesen durch mittelmäßige weibliche Ersatzteile zur glanzvollen Dragqueen aufdonnert. Sie ist so herrlich notgeil, so wunderbar liebestoll, dass sie es sofort glaubt, als ihr Jupiters Hand geboten wird. Dieser fährt auf einem Kronleuchter vom Himmel herab, affektiert und übersteigert tuntenhaft präsentiert er der Nymphe sein Eselsgehänge.

Die Hochzeitsvorbereitungen beginnen und die Handlung endet für gefühlte Stunden – Musik und Gesang nicht. Irgendwann, Jupiter unterbricht schon zum dritten Mal seine Treueschwüre, erscheint endlich Junon und macht dem grauenhaften Treiben ein Ende. Die Götter besteigen lachend und singend den Olymp.

Auf dem Boden der Tatsachen dagegen liegt die nackte, verspottete, barhäuptige und hassverzehrte Kreatur, die sich Platée nennt. Ihr Sehnen und ihr Selbstbetrug sind ausgenutzt. Es fühlt sich an wie der Moment nach einem One Night Stand, wenn die Eroberung wortlos geht.

  Infos zum Stück
Platée. Komische Oper von Jean-Philippe Rameau. Musikalische Leitung: Christian Curnyn, Hans Christoph Bünger. Regie: Calixto Bieito. Choreografie: Lydia Steier. Bühne: Susanne Gschwender. Kostüme: Anna Eiermann. Licht: Reinhard Traub. Chor: Johannes Knecht. Dramaturgie: Patrick Hahn. Darsteller: André Morsch, Cyril Auvity, Shigeo Ishino, Mirella Bunoaica, Lenneke Ruiten, Thomas Walker, Lauryna Bendziunaite, Andreas Wolf, Maria Theresa Ullrich. Letzte Termine: 27. April, 5. und 8. Mai 2015, jeweils um 19.30 Uhr an der Oper Stuttgart, Oberer Schloßgarten 6.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Stück und Karten auf der Homepage der Oper Stuttgart
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Platée

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Tags: platee, oper stuttgart, calixto bieito, jean-philippe rameau, thomas walker
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Reaktionen zu "Obszön und (ver)queer: "Platée" an der Oper Stuttgart"


 1 User-Kommentar
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Die ersten:   
#1
27.04.2015
09:33:28


(+7, 7 Votes)

Von rubicon777
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In der Tat eine sehr gelungene Inszenierung. Herrlich ist auch Jupiter als Supertunte... ein Besuch ist wirklich sehr zu empfehlen.

Bemerkenswert erscheint mir, dass die Rolle der Platee schon von Rameau als Transvestitenrolle angelegt wurde, und das im 18. Jahrhundert am französischen Hof, wo sie uraufgeführt wurde.

Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass der Ausgang der Geschichte eher tragisch denn komisch ist: Platee wird von Jupiter links liegengelassen nachdem er/sie ihre Funktion erfüllt hat, Juno eifersüchtig zu machen.

Was mich in Stuttgart gestört hat war, dass der Darsteller des Jupiter im Nachgespräch mehrfach daraufhin gewiesen hat, dass er "im echten Leben natürlich nicht so [tuntig] ist", verheiratet sei, Kinder habe - somit also "alles in Ordnung" sei.


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