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  • 14.05.2015           2      Teilen:   |

All-Male-Cross-Dress-Show-Circus

Queere Avantgarde: "Briefs" verzückt Berlin

Artikelbild
Mark "Captain Kidd" Winmill präsentiert noch bis zum 10. Juni in Berliner Tipi-Zelt am Kanzleramt den weltweit ersten und einzigen All-Male-Cross-Dress-Show-Circus (Bild: Keren Dobian)

Während die Burlesque-Truppe "Briefs" im Tipi gefeiert wird, echauffiert sich das Feuilleton, dass die Komische Oper mit burlesken Produktionen "nur" Schwule glücklich mache. Verkehrte homophobe Welt?

Von Kevin Clarke

Jetzt sind sie also wieder da, die sieben australischen Zirkuskünstler, die mit ihrer glitzernden Akrobatik-Show "Briefs" vorführen, wie man alle Kategorisierungen von "männlich" und "weiblich", "schwul" und "hetero" über Bord schmeißen und mit Lust am Trash eine schöne neue Welt kreieren kann.

Mit viel Nacktheit, Muskeln, Tattoos, Drag, intimen Jo-Jo-Tricks und aufregenden Trapeznummern hat "Briefs" schon letztes Jahr in Berlin Furore gemacht (queer.de berichtete). Jetzt ist die Gruppe mit leicht neuer Besetzung wiederum im Tipi-Zelt am Kanzleramt und zeigt dort fünf Wochen lang eine australische Neudefinition von "queer".

Viele von den Tanznummern, Kostümen und Slapstick-Witzen erinnerten mich an das, was auch Barrie Koskys Produktionen an der Komischen Oper ausmacht: den zirkusartigen Gaga-Humor, das lustvolle Zurschaustellen von Männerkörpern, die vielen subversiven Einfälle zwischendurch. (Erinnert sei hier an die Hundescheiße-Nummer in "Briefs", von der Fez Faanana als Moderatorin des Abends sagte, sie bekomme nur in Berlin Applaus. Anderswo in Deutschland hiellten Zuschauer geschockt den Atem an und trauten sich nicht zu klatschen.)

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Désirée Nick lobt die "eigentliche Avantgarde"

Fez Fanaana führt durch das Festival der Bodies, Briefs und Skills - Quelle: Sandra Basenach
Fez Fanaana führt durch das Festival der Bodies, Briefs und Skills (Bild: Sandra Basenach)

Als ich nach der Premiere mit Désirée Nick im Foyer stand und über die Komische Oper plauderte, wo sie im Dezember Koskys Weihnachtsoperette präsentieren wird, sagte sie: "Was die Briefs-Jungs machen, geht weit über das hinaus, was bei Kosky so richtungsweisend stattfindet; das hier ist die eigentliche Avantgarde!"

Bemerkenswerterweise findet diese "eigentliche Avantgarde" in einem kommerziellen Theater im Tiergarten statt, es wird vom Hauptstadtpublikum beklatscht und verkauft sich als Show wochenlang en suite. Wobei nicht nur schwules Publikum den Saal füllt, schließlich gibt's bei "Briefs" für jeden etwas zu sehen und für jeden Musikgeschmack etwas zu hören: da wird problemlos Strauss' "Also sprach Zarathustra" mit Disco gemischt oder die "Habanera" aus "Carmen" mit Techno-Beats. Das für Kleinkunst zuständige Berliner Feuilleton reagiert aufgeklärt und begeistert.

Tingeltangel selbst in der "New York Times"

Wenn's aber um die sogenannte Hochkultur geht, dann reagiert das Musik-Feuilleton ganz anders. Die gleichen Dinge, die "Briefs" so großartig machen, wirft man im Zusammenhang mit einer subventionierten Staatsbühne Mister Kosky vor. Der Kritiker Frank Fechter, der keine Gelegenheit auslässt, sich über die "Schrillheit" und "Nacktheit" bei Koskys Operetten und Opern zu mokieren, mit dem Verweis, dass dies ja "besonders das einschlägige Publikum" glücklich mache, aber sonst niemanden, wurde jüngst sogar von der "New York Times" zitiert, als sie einen Bericht über Kosky veröffentlichte anlässlich der Verleihung des Titels "Opera Company of the Year".

Ich fragte mich bei der Lektüre der homophoben Zeilen von Frank Fechter mehrfach, wo eigentlich das Problem liegt? Würde er auch nur mit der Wimper zucken, wenn die Chorus Line bei Kosky aus attraktiven halbnackten Frauen bestünde? Wäre ihm der "Tingeltangel" dann auch so widerwärtig?

Und wie kann einer sich darüber beklagen, dass solch queeres Entertainment im Klassiksektor "nur" Schwule anspreche, wenn die Auslastung der Komischen Oper unter Kosky von knapp 50 Prozent auf derzeit 90 hochgeschnellt ist? Wird das Haus nur von Homosexuellen überrannt? Zählen die vielen Frauen nicht mit, die an solch knackigen Männerkörpern auf der Bühne ebenfalls Spaß haben? Wie kann es überhaupt sein, dass solche Dinge in der deutschen Hauptstadt 2015 – bei aufgeklärten Intellektuellen – noch ein Streitthema sind, in einem Metier, das doch mit Subversivität und Avantgarde glänzen will?

Kunststücke und sexuelle Zwischenstufen



Wie Désirée Nick so schön sagte: "Die eigentliche Avantgarde ist hier im Tipi!" Und gerade jetzt, rund um den Geburts- und Todestag von Magnus Hirschfeld, wo vielfach an seine Theorie der sexuellen Zwischenstufen erinnert wird, lohnt ein Besuch von "Briefs" doppelt und dreifach. Denn da kommen so ziemlich alle Zwischenstufen vor, auf die eine oder andere Weise. Und sie sind alle hinreißend.

Der neue Künstler Thomas Worrell ist mit seinen Kunststücken hoch in der Luft schwebend atemberaubend, Louis Biggs als schüchterner Clark-Kent-mit-Nerdbrille nach wie vor ein Blickfang und Captain Kidd in seiner finalen Badewannen-Spritznummer ein Highlight!

Dieser australische Ansatz einer verrückten und unterhaltsamen, sexy und normendurchbrechenden Welt tut gut. Er macht Spaß, sowohl in der Behrenstraße als auch im Tiergarten. Und dass Angela Merkel von ihrem Kanzleramt direkt aufs Tipi-Zelt gucken muss, macht es noch besser. Vielleicht sollte man sie und die besonders heteronormativen Vertreter der deutschen Musikkritik öfter mal ins Tipi schicken, damit ihr Horizont erweitert wird und sie auf der Höhe der Zeit ankommen?

  Infos zur Show
Briefs – Excentric Body-Circus. Mit Fez Faanana, Mark "Captain Kidd" Winmill, Dallas Dellaforce, Louis Biggs, Lachlan Shelley, Thomas Worrell und Evil Hate Monkey. Noch bis 10. Juni im Tipi-Zelt, Große Querallee, Berlin-Tiergarten (zwischen Kanzleramt und Haus der Kulturen der Welt). Beginn Di-Sa 20 Uhr (Einlass und Restauration ab 18:30 Uhr), So um 19 Uhr (Einlass und Restauration ab 17:30 Uhr). Tickets: 20,80 -34,50 €.
Links zum Thema:
» Mehr Infos und Karten auf der Tipi-Homepage
» Homepage von "Briefs"
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Briefs – Excentric Body-Circus

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Tags: briefs, tip-zelt, komische oper, frank fechter, desiree nick, barrie kosky
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Reaktionen zu "Queere Avantgarde: "Briefs" verzückt Berlin"


 2 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
15.05.2015
08:56:36


(+2, 2 Votes)

Von Sebi


"echauffiert sich das Feuilleton, dass die Komische Oper mit burlesken Produktionen "nur" Schwule glücklich mache. Verkehrte homophobe Welt?"

Tja, auch im Kulturbereich gibt es wohl einen Rollback. Und das ehemalige Homoparadies Berlin wird immer spießiger. Und nebenher auch gefährlicher, wie man an immer mehr Übergriffen sieht.

Deutschland steckt da mitten in einer Entwicklung, die noch ein schlimmes Ende nehmen wird, wenn wir nicht endlich aktiv werden.


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#2
15.05.2015
12:07:30


(+2, 2 Votes)

Von Heiner


Statt sich über Schwule aufzuregen, die rechtliche Gleichstellung wollen, sollte David Hockney sich lieber darüber aufregen, dass in seinem Metier, der Kunst, eine neue Spießigkeit auf dem Vormarsch ist.


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