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Dorfpolizist Jakob (Michel Diercks, li.) gerät in die Fänge des namenlosen Transvestiten (Pit Bukowski), der mit einem Samurai-Schwert erst Gartenzwerge und dann Menschen köpft (Bild: Salzgeber & Co. Medien)

  • 27. Mai 2015, noch kein Kommentar

Till Kleinerts Spielfilmdebüt "Der Samurai" ist ein großartiges Stück Genrekino um einen queeren Killer, einsame Wölfe und unterdrücktes Begehren in der brandenburgischen Provinz

Von Carsten Moll

Deutschsprachige Produktionen aus den Genres Horror, Fantasy und Science-Fiction haben nicht nur Seltenheitswert, sie genießen zudem auch nicht gerade den besten Ruf. Zu übermächtig scheint die anglophone Konkurrenz aus den USA und dem Vereinigten Königreich, zu mut- und einfallslos die hiesige Film- und Förderkultur.

Dass es auch anders geht, haben in den letzten Jahren jedoch schon ambitionierte Projekte wie der Endzeit-Thriller "Hell" (2011) des Schweizers Tim Fehlbaum oder der deutsch.österreichische Western "Das finstere Tal" (2014) eindrucksvoll bewiesen. Mit seinem Abschlussfilm "Der Samurai" wagt sich Till Kleinert, Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademine Berlin, nun in die Eingeweide des Fantasy-Horrors vor und erzählt in blutgetränkten Bildern von queerem Begehren und unterdrückten Gelüsten.

Zwei Außenseiter in Brandenburgs finsteren Wäldern


Der queere Horrorfilm "Der Samurai" ist bei Salzgeber & Co. Medien auf DVD erschienen

Die transparente Plastiktüte, die der Polizist Jakob in den Wald trägt, kann ihren Inhalt nicht verbergen; die blutigen Fleischstücke in ihrem Innern sollen einem umherstreunenden Wolf als Futter dienen und ihn von den Einwohnern eines Kaffs irgendwo in der brandenburgischen Provinz fernhalten. Jakob hingegen ist nicht so leicht zu durchschauen, er ist ein zurückhaltender und ernst wirkender junger Mann, der nicht so recht zur kleinen Dorfgemeinschaft dazuzugehören scheint. Von seinem Chef wird er stets kritisch beäugt, die Clique von Gleichaltrigen, die mit ihren Mopeds den Ort unsicher macht, verspottet ihn, und so lebt Jakob zurückgezogen und isoliert bei seiner dementen Großmutter.

Ein falsch zugestelltes Paket reißt den Dorfpolizisten schließlich eines Tages aus seinem Alltag: Ein mysteriöser Anrufer verlangt, dass Jakob ihm den länglichen Karton liefert und so macht dieser sich nach Dienstschluss und mit Anbruch der Nacht auf zu einem verlassenen Haus am Waldrand. In dem heruntergekommenen Häuschen trifft Jakob auf eine irritierende Erscheinung, einen kräftigen Mann mit langem blondem Haar und blutrot geschminkten Lippen, der ein weißes Kleid trägt. Dass er hier in dieser Aufmachung Probleme kriegen wird, über diesen Ratschlag des Polizisten kann der namenlose Transvestit nur lachen und öffnet dann das Paket, das Jakob ihm gebracht hat. Zum Schrecken des Polizisten zieht der animalisch wirkende Unbekannte ein scharfes Samuraischwert aus dem Karton und es besteht kein Zweifel, dass er davon auch Gebrauch machen wird…

Ein Feuerwerk aus Blutfontänen nahe der polnischen Grenze

Was dann beginnt, ist ein nächtlicher Streifzug durch das kleine Dorf Nahe der polnischen Grenze, bei dem Jakob dem titelgebenden Samurai immer dicht auf den Fersen ist, aber ein Blutvergießen nicht verhindern kann. Erst werden nur die Gartenzwerge in den adrett gepflegten Vorgärten geköpft, doch bald müssen auch die ersten menschlichen Opfer dran glauben. Kleinert inszeniert dieses Gemetzel mit sichtbarer Lust an der Grenzüberschreitung, das dunkle Blut fließt literweise über den Asphalt und spritzt in Fontänen Richtung Himmel. Der Schauspieler Pit Bukowski gibt dazu den charismatischen und unberechenbaren Samurai, während sein Gegenspieler Michel Diercks zu Beginn noch mit nüchternem Understatement den jungen Polizisten verkörpert.

Doch mit voranschreitender Laufzeit gerät nicht nur die Gewalt, sondern mit ihr auch Jakob immer mehr außer Kontrolle. Der Ausbruch aus der heteronormativen Dorfgemeinschaft sowie der Aufstand gegen deren erdrückende Spießigkeit, das scheint nicht nur das Anliegen des Samurais zu sein, sondern wie der Samurai selbst auch auf den Dorfpolizisten eine verführerische Wirkung zu haben.

Queeres Frischfleisch fürs zahme Kino

Der ästhetisch übersteigerte Gewaltexzess erweist sich so immer mehr als ein Befreiungsschlag für Jakob und dessen unterdrücktes Begehren. Aus Ekeleffekten schafft Kleinert hier einen poetisch entrückten Bilderreigen, in dem Polizeisirenen zu Diskolichtern und Blutfontänen zu Feuerwerk und Wunderkerzen werden.

Mit seinem Erstlingswerk gelingt es dem Regisseur, Drehbuchautor und Cutter Till Kleinert die Tristesse eines deutschen Dorflebens mit den Mythen des Genrekinos kurzzuschließen. Das Ergebnis ist ein vor Blut und Einfällen nur so sprudelnder Film, der abseits eines gediegenen Repräsentationskinos von queerer Lust erzählt. Es bleibt zu hoffen, dass dieses frische Fleisch dem oft allzu zahmen deutschen Kino ein wenig die wilde Bestie entlocken kann.

Vimeo | Offizieller Trailer zum Film
Infos zur DVD

Der Samurai. Thriller. Deutschland 2014. Regie: Till Kleinert. Darsteller: Michel Diercks, Pit Bukowski, Uwe Preuss, Ulrike Hanke-Hänsch, Kaja Blachnik, Christoph Guy Kane. Laufzeit: 79 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. Untertitel (optional): Englisch, Französisch, Portugiesisch, Polnisch. FSK 16. Salzgeber & Co. Medien.
Galerie:
Der Samurai
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