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  • 30.05.2015           37      Teilen:   |

Ideologiekritisch lesen

Über das Unbehagen in der homosexuellen Emanzipation

Artikelbild
Für Tjark Kunstreich ist das Unbehagen in der homosexuellen Emanzipation am deutlichsten dort, wo diese am weitesten fortgeschritten zu sein scheint (Bild: atlantapride / flickr / cc by-sa 2.0)

Tjark Kunstreich veröffentlicht mit "Dialektik der Abweichung" Texte zur Situation von Schwulen und Lesben – ganz ohne queere oder maskulinistische Stammtischparolen.

Von Patsy l'Amour laLove

Bei den aktuellen Stellungnahmen zu Rassismus, etwa beim Kiss-in von Maneo am 17. Mai, oder zur sogenannten Gender-Ideologie wird die geneigte Leserin mit dogmatischen, undifferenzierten Beiträgen geradezu überschüttet. Auf der einen Seite wird schon "Islamophobie" gerufen, wenn eine Demo gegen Homosexuellenfeindlichkeit durch Neukölln organisiert wird, eben weil sie in Neukölln stattfindet. Und auf der anderen Seite spricht man von einer "Islamisierung" und betreibt dabei nicht Religionskritik, sondern hängt einer völkischen Ideologie nach.

Auch auf die rechte Ablehnung des "Genderismus" muss die Antwort nicht lauten, alles klasse zu finden, was die Queer Theory hervorgebracht hat. Und ein kritischer Beitrag zur Queer Theory muss eben nicht mit Homosexuellenfeindlichkeit einhergehen – ganz im Gegenteil.

Tjark Kunstreich präsentiert mit seinem Buch "Dialektik der Abweichung" eine sachkundige und differenzierte Auseinandersetzung, ohne dabei die üblichen queeren wie maskulinistischen Stammtischparolen anzustrengen. Der in der Reihe "konkret texte" erschienene Band vereint Artikel und Vorträge des Wiener Autors, die einen Einblick in die Verhandlung von Homosexualität, Verfolgung und Emanzipation bieten.

Ideologien als solche zu benennen und dabei auch scheinbare Widersprüche offenzulegen, geht nicht so leicht von der Hand, wie das angesprochene affektgeladene Rausposaunen. Gerade darum ist es besonders angenehm, dass Kunstreich es vermag, mit seinen Texten eine Komplexität als solche zu begreifen und dabei spannende und gut leserliche Texte zu verfassen.

Fortsetzung nach Anzeige


Offenes Schwul- und Lesbischsein ist nur scheinbar möglich

Mit dem "Unbehagen in der homosexuellen Emanzipation", so der Untertitel des Buches, wird die Unsicherheit der Homosexuellen heute aufgegriffen. Neben der noch vorhandenen, direkt sichtbaren Ungleichbehandlung geht es hier um die Unmöglichkeit nur scheinbar ermöglichten offenen Schwul- und Lesbischseins in einer liberaler gewordenen Gesellschaft: "Wo man früher einem gesellschaftlichen Konsens begegnete, der Diskriminierung und Verachtung bedeutete, ist man heute Situationen ausgesetzt, die weniger einschätzbar und von Individuen oder Gruppen, nicht aber von der gesellschaftlichen Situation abhängig sind."

Das Händchenhalten in der Öffentlichkeit ist für Homosexuelle nicht etwa selbstverständlich, sondern potentiell gefährlich. Emanzipation, so Kunstreich, bedeutet in der hiesigen Gesellschaft "immer Assimiliation bis an die Grenze der Selbstaufgabe und darüber hinaus" und gehe "keineswegs mit der ersehnten Anerkennung" einher. Und so findet der Autor das Unbehagen in der homosexuellen Emanzipation am deutlichsten dort, wo diese am weitesten fortgeschritten zu sein scheint.

Viel zu sehr werde, etwa durch Aneinanderreihungen wie LGBTIQ, eine "Mehrheit der Minderheiten" heraufbeschworen, die der tatsächlich vorhandenen Differenz der darin angesprochenen Gruppen nicht standhält. Selbst innerhalb der Schwulen geht diese Gleichmachung angesichts der vorhandenen Differenz nicht auf.

Die "Sehnsucht der Mitte" nach gesellschaftlichem Stillstand

Schlichtes Cover mit rosa Winkel: "Dialektik der Abweichung" ist als 67. Band der Reihe "Konkret Texte" erschienen
Schlichtes Cover mit rosa Winkel: "Dialektik der Abweichung" ist als 67. Band der Reihe "Konkret Texte" erschienen

Tjark Kunstreich konstatiert eine "Sehnsucht der Mitte" nach dem gesellschaftlichen Stillstand, was er anhand der französischen Kampagne gegen die Homo-Ehe deutlich macht: Die Ermöglichung einer Ehe von Homosexuellen verweise auf die Gemachtheit solcher Institutionen und erschüttere die Vorstellung eines natürlichen Urgrunds der Gesellschaft.

Anhand der Frage der homosexuellen Emanzipation wird auch Michel Foucault als Hoheit der Queer Theory deutlich kritisch hinterfragt: "Foucaults Begriffe sind wie aus Trockeneis, sie machen viel Rauch um nichts." Doch handelt es sich hierbei nicht um einen schlichten Abriss, vielmehr analysiert Kunstreich detailliert die Reportagen Foucaults zur islamischen Revolution im Iran der Jahre 1978 und 1979 und die Reaktionen aus der undogmatischen Linken der Zeit. So erfährt man sowohl von Joschka Fischers Begeisterung für die "Glaubenskraft eines Volkes" als auch von Foucaults Faszination für Religiösität, welche der Autor als die eines Europäers sieht, "der in weißen Bärten Weisheit und in Handarbeit Authentizität erkennt".

In der Kritik steht auch die mittlerweile verbreitete Ansicht, dass die Homosexualität ein westlicher Import in nicht-westliche Länder sei und darum auch keine Aussagen zur Verfolgung getroffen werden sollten. Anhand der Selbstdefinition von Flüchtlingen macht der Autor deutlich, dass die erste Annahme richtig ist, da sich deren Selbstverständnis nicht mit dem deckt, was etwa in Deutschland unter Schwul- und Lesbischsein verstanden wird. Doch ist das Begehren, das der Begriff "Homosexualität" beschreibt, nicht auf den Westen beschränkt – und wird ja nichtsdestotrotz verfolgt. Entsprechend geht es Kunstreich hier um Solidarität und er fragt: "Ist es rassistisch, darüber zu sprechen, oder ist es rassistisch, diese Verhältnisse zu verschweigen?"

Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien

Es sind diese und weitere Denkanstöße und Analysen, die die "Dialektik der Abweichung" zu einem spannenden Buch machen. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit den Verschwörungstheorien um das sogenannte "Pinkwashing" ebenso wie die Rückbindung des Begriffs "Queer" an dessen politische Verwendung zu Zeiten von Act-Up.

Die Artikel erfassen in ihrer relativen Kürze die Komplexität unterschiedlicher historischer sowie aktueller Ereignisse und betten sie in eine gesellschaftskritische Theorie. Dabei erwartet die Leserin hier eine eindrucksvolle Lektüre, die durch klare Worte und Argumentationen verständlich bleibt.

Vortrag von Tjark Kunstreich, gehalten am 15. Oktober 2014 in München

  Infos zum Buch
Tjark Kunstreich: Dialektik der Abweichung. Über das Unbehagen in der homosexuellen Emanzipation. Konkret Texte 67. KVV konkret. Hamburg 2015. 15 €. ISBN 978-3-930786-78-7
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Tags: tjark kunstreich, dialektik der abweichung
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Reaktionen zu "Über das Unbehagen in der homosexuellen Emanzipation"


 37 User-Kommentare
« zurück  1234  vor »

Die ersten:   
#1
31.05.2015
00:05:08


(+8, 8 Votes)

Von ehemaligem User VeganBear


"Das Händchenhalten in der Öffentlichkeit ist für Homosexuelle nicht etwa selbstverständlich, sondern potentiell gefährlich":

Link:
derzaunfink.wordpress.com/2015/01/22/draussen-nur-
heten/


Youtube-Video:


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#2
31.05.2015
01:30:11


(0, 8 Votes)

Von Harry1972
Aus Bad Oeynhausen (Nordrhein-Westfalen)
Mitglied seit 21.02.2013


Emanzipation bedeutet in der hiesigen Gesellschaft "immer Assimiliation bis an die Grenze der Selbstaufgabe und darüber hinaus" ?

Assimilation ist ja nun eher das genaue Gegenteil von Emanzipation. Also ist diese Aussage wohl als Vorwurf zu verstehen und damit ist der Autor schon bei den Stammtischparolen gelandet, die er ja angeblich nicht benutzt, selbst wenn dieser altbekannte Vorwurf hier verschwurbelt daherkommt und warum richtet sich das Buch laut Patsy l'Amour laLove an "die Leserin"?

Ich empfinde kein Unbehagen oder Unsicherheit, bin emanzipiert und keineswegs assimiliert. Leute wie mich hatte der Autor offenbar nicht auf dem Schirm, als er das Buch geschrieben hat.


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#3
31.05.2015
08:51:17


(+2, 10 Votes)

Von goddamn liberal


Danke für den guten Tipp:

"immer geht Assimiliation bis an die Grenze der Selbstaufgabe und darüber hinaus" und gehe "keineswegs mit der ersehnten Anerkennung" einher."

Das ist in Europa ein alter Hut.

Link:
de.wikipedia.org/wiki/Assimilation_(Soziologie)


Gut, auch dass die Iran-Peinlichkeit von Foucault mal analysiert wird. Das ist eine merkwürdige Mischung aus schwulem und postkolonialem Selbsthass.

Als wenn die Verbrechen Frankreichs in Algerien und anderswo durch iranische Klerikalfaschisten wieder wett gemacht würden.

Leider kein Einzelfall.

Der verschwurbelte Antihumanismus von Foucaults Intellektuellengeneration ist wesentlich für die gegenwärtige Desorientierung in Frankreich und anderswo mitverantwortlich.


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#4
31.05.2015
10:07:00


(+5, 5 Votes)

Von raganello
Profil nur für angemeldete User sichtbar


"Das Händchenhalten in der Öffentlichkeit ist für Homosexuelle nicht etwa selbstverständlich, sondern potentiell gefährlich"

Wie krank ist das? Was geht in manchen Köpfen vor, dass so etwas gefährlich sein kann.
Statt zu denken: "Da haben sich zwei Menschen gefunden, schön"

Assimilation ist ja nicht verkehrt. Man sollte sich schon ein wenig einordnen können. Wenn jeder tun würde, was möchte, und keine Regeln, Gepflogenheiten oder sonst was gelten lässt, würden wir nicht in einer pluralistische Gesellschaft leben können.

Aber bitte, ich lass mich doch nicht soweit assimilieren lassen, dass ich mich selber aufgebe, meine Persönlichkeit radieren lasse. Für was? Für das höhere Gut? Für das System?

Kein homosexueller (das gilt für alle LGBT) dürfen sich nach den Windgegebenheiten der Gesellschaft drehen.
Homosexualität soll und muss auch in Gesellschaften gelebt werden, wo sie keine Mehrheiten finden.
(Gedanke von einem Zeitungsartikel aufgegriffen und für gut befunden).


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#5
31.05.2015
10:50:18


(-2, 8 Votes)

Von Lars


Assimilation ist keine Einbahnstrasse. Darin liegt die Chance und die Gefahr - und die Schwierigkeit des politischen Diskurses. Das kann man bei der Diskussion um die weltliche und geistliche Eheöffnung schön beobachten. Was würde sie bewirken? Assimilieren sich hier die Homosexuellen, indem sie ein Institut mitsamt seinen Ansprüchen, Riten und Gewohnheiten kopieren? Oder assimilieren sich die Heterosexuellen, indem sie eingestehen, dass die Ehe nicht automatisch die Keimzelle einer neuen Familie ist, sondern erstmal nur ein Vertrag zwischen Menschen die sich lieben? Und dass es konsequenterweise sinnvoll wäre, steuerlich zwischen Ehen und Gemeinschaften, in denen Kinder großgezogen werden und zwischen erwachsenen Fürsorgegemeinschaften zu unterscheiden, anstatt zwischen Ehe und Nicht-Ehe? Assimilation verwandelt - auf allen Seiten.


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#6
31.05.2015
15:19:39


(-2, 10 Votes)

Von weltblut


....der in weißen Bärten Weisheit und in Handarbeit Authentizität erkennt....

...Ideologien als solche zu benennen und dabei auch scheinbare Widersprüche offenzulegen, geht nicht so leicht von der Hand, wie das angesprochene affektgeladene Rausposaunen.lll

Link zu www.spiegel.de


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#7
31.05.2015
15:39:18


(+2, 8 Votes)

Von wartungsarm
Antwort zu Kommentar #6 von weltblut


das ist zu konkret!

Link zu www.konkret-magazin.de


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#8
31.05.2015
15:42:58


(0, 10 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #6 von weltblut


Auch der Spiegel ist nicht immer für alles gut :

""80 Prozent der Polizeiopfer waren bewaffnet, meistens mit Pistolen.""..

""Einer von sechs war unbewaffnet oder trug eine Spielzeugpistole.""..

Wer erkennt die beiden Fehler ?
Denn nur eine der Aussagen kann so richtig sein..

Entweder ist Einer von Fünf unbewaffnet, denn dann bleiben 80 % Bewaffnete übrig..

Oder zu den "Einer von Fünf" sind zusätzlich noch welche mit "Spielzeug-Pistolen" bewaffnet..
Doch dann läge die Quote der Bewaffneten noch unter 80 % ..


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#9
31.05.2015
15:50:07


(+3, 9 Votes)
 
#10
31.05.2015
17:54:06


(+5, 9 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby


>>>In der Kritik steht auch die mittlerweile verbreitete Ansicht, dass die Homosexualität ein westlicher Import in nicht-westliche Länder sei und darum auch keine Aussagen zur Verfolgung getroffen werden sollten.<<<
Sorry, von dieser angeblich "mittlerweile weit verbreiteten Ansicht" habe ich noch nie etwas gehört.
Was stimmt ist, dass "Homophobie" ein europäischer Exportschlager ist.


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