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Das Cover der aktuellen Ausgabe von "Têtu"

Das größte LGBT-Magazin des Landes hat Konkurs angemeldet, während bei der Aktivistentruppe eine Gerichtsentscheidung über die Insolvenz bevorsteht.

Von Ulrich Würdemann

Frankreichs bedeutendstes Homo-Magazin "Têtu" hat Konkurs angemeldet. Die Redaktion teilte am Montag mit, das Handelsgericht habe am gleichen Tag über die Herausgeberin und Muttergesellschaft CPPD auf Antrag des Direktors das Konkursverfahren eröffnet. Diese hatte am 28. Mai ihre Zahlungen eingestellt.

Der Konkurs sei tragisch, so die Redaktion. Zwar sei die Finanzsituation derzeit noch defizitär, aber man arbeite bereits an einer Restrukturierung und die Abonnentenzahl steige langsam. Für ein Weiterbestehen sei nun ein starker Partner bzw. die Annäherung an eine Mediengruppe erforderlich. Vier Monate Zeit stehen dafür nach der Konkurseröffnung durch das Handelsgericht zur Verfügung – bis Ende September 2015 muss Klarheit über das weitere Schicksal von "Têtu" bestehen.

Ursprünglich trug "Têtu" bis 2007 den Untertitel "le magazine des gays et lesbiennes", seitdem richtet sich das Magazin überwiegend an männliche Leser. Das monatlich erscheinende Magazin wurde im Juli 1995 von dem Journalisten und ehemaligen Act-Up-Paris Aktivisten Didier Lestrade sowie von Pacal Loubet gegründet, drei Jahre nach der Einstellung des legendären Schwulenmagazins "Gai Pied", dessen Nachlass es de facto übernahm. Finanzielle Unterstützung erhielten beiden von Yves Saint Laurent und dessen Partner Pierre Bergé.

Die Zeit des Mäzens ist vorbei

Die verkaufte Auflage von "Têtu" lag Medienberichten zufolge zuletzt bei durchschnittlich 28.275 Exemplaren (Dezember 2012: 41.691). Seit seiner Gründung war "Têtu" nie profitabel und wurde lange von Bergé als Mäzen über Wasser gehalten. 2013 hatte Bergé das Magazin nach 18 Jahren als alleiniger Aktionär für den symbolischen Betrag von einem Euro übergeben an Jean Jacques Augier, offen schwuler Geschäftsmann und Vertrauter von Präsident Hollande (bei dessen Präsidentschaftswahl-Kampagne er Schatzmeister war).

Augier versuchte seitdem, mit Personalabbau die Kosten zu reduzieren, zudem investierte er über eine Mio. Euro in das Magazin. Derzeit hat "Têtu" noch zehn feste Mitarbeiter, davon fünf Journalisten. 2014 soll das Magazin bei einem Umsatz von 2,8 Mio. Euro einen Verlust von 1,1 Mio. Euro gemacht haben.

Ende 2014 hatte "Têtu" noch eine Kooperation mit dem LGBT-Onlinemagazin Yagg beendet und seine Internetseite wieder eigenständig übernommen. Erst vor kurzen hatte das Magazin zudem eine (auf Leser in Frankreich orientierte) Dating-App SoTetu gestartet. Die für diesen Samstag geplante "Têtu"-Geburtstagsfeier soll nun in eine Solidaritäts-Party umgewandelt werden.

Auch Act Up vor Insolvenz


1993 verhüllte Act Up den Obelisken auf dem Pariser Place de la Concorde

Am Montag wurde zugleich bekannt, das ein Gericht am Mittwoch über die Insolvenz von Act Up Paris entscheidet. Die Organisation, die mit spektakulären Aktionen für die Rechte von HIV-Positiven kämpfte, wurde 1989 gegründet. Während Act-Up-Gruppen in Deutschland (ähnlich wie die meisten in den USA außer New York) ihre Arbeit ab 1993 einstellten und viele Aktive in den Therapieaktivismus wechselten, machte Act Up Paris weiter.

Unter Präsidentin Emma Cosse gelang eine Professionalisierung der Gruppe, auch in Fragen der Finanzierung. In besten Zeiten hatte Act Up Paris ein jährliches Budget im hohen sechsstelligen Bereich (Ausgaben 2007: 622.000€). Noch 2012 hatte die Organisation ein Jahres-Budget von 875.000 Euro und elf fest angestellte Mitarbeiter – was die Gruppe selbst als "sehr reduzierte Struktur" bezeichnete. Ein Jahr später wurden alle Mitarbeiter entlassen, im März 2014 wurde Insolvenz angemeldet. Crowdfunding-Aktionen und Hilferufe an das französische Gesundheitsministerium brachten offenbar keine Rettung.

Diese Artikel erschienen in ähnlicher Version zuerst im Blog 2mecs.de. Ulrich Würdemann, der für sein inzwischen nicht mehr aktualisiertes Blog ondamaris.de zu Aktivismus rund um HIV mit dem Medienpreis der Deutschen Aids-Stiftung ausgezeichnet wurde, informiert dort häufig über die Situation in Frankreich.



#1 RobinAnonym
  • 02.06.2015, 20:45h
  • Seit die Ehe für alle in Frankreich durch ist, gibt es keine Themen mehr in der Homo-Politik. Das war der Schlußpunkt des jahrzehntelangen Kampfes. Die franzörischen Schwulen sind in der glücklichen Biedermeierzeit gelandet und beschäftigen sich jetzt mit Kinderwagen schieben statt mit CSD.
    Wird Deutschland nach der Eheöffnung auch so ergehen.
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#2 wobeiAnonym
  • 02.06.2015, 21:51h
  • Antwort auf #1 von Robin
  • " Die franzörischen Schwulen sind in der glücklichen Biedermeierzeit gelandet und beschäftigen sich jetzt mit Kinderwagen schieben statt mit CSD. "

    "Wirtschaftskrise: Arbeitslosigkeit in Frankreich auf Rekordhoch [...] Die Regierung in Paris stützt den Arbeitsmarkt mit Milliardenprojekten insbesondere für Jugendliche."

    Noch. Die fischerige Schröderisierung steht den Arbeitnehmern noch bevor.

    Es geht weiter. So oder so. Schlußpunkt, Ende der Geschichte gibt es nicht.
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#3 Ulli_2mecsProfil
  • 03.06.2015, 08:17hHamburg
  • Robin:
    die Franzosen "beschäftigen sich jetzt mit Kinderwagen schieben statt mit CSD" - nein, leider nicht ganz. Diskutierte Themen sind dort u.a. derzeit Adoption, künstliche Befruchtung.

    Und was den CSD angeht - dort gibt es (ähnlich wie hier) Diskussionen, ob dieser zu unpolitisch geworden sei ...
    (mehr dazu hier:

    www.2mecs.de/wp/2015/05/csd-paris-querelen/


    Gruß
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#4 seb1983
  • 03.06.2015, 13:49h
  • Antwort auf #2 von wobei
  • Der Wirtschafts- und Politikteil der schwulen Zeitschriften dürfte in Frankreich aber ähnlich umfangreich ausfallen wie hier.

    Die werbefinanzierten Gratisheftchen hierzulande sind ja oft noch akzeptabel, aber was da an Kaufzeitschriften angeboten wird ist unterirdisch und geht nicht ohne Grund regelmäßig pleite.

    Schwänze, Muskeltitten, Bären und Leder, "Lifestyle" und nicht zuletzt kaufen kaufen kaufen was grade so in ist.
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#5 goddamn liberalAnonym
  • 03.06.2015, 14:24h
  • Antwort auf #1 von Robin
  • "Wird Deutschland nach der Eheöffnung auch so ergehen."

    So?

    Wann denn?

    Ich sehe diesen Schritt im Land des rosa Winkels noch lange nicht kommen.

    Und auch in Frankreich werden so schnell auch nicht skandinavische Verhältnisse kommen.

    Dazu ist der Rechtsruck viel zu groß, der weit über LGTB-Themen hinaus eine große Gefahr für die Werte von 1789 ist.
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#6 Ulli_2mecsProfil
  • 03.06.2015, 14:43hHamburg
  • Antwort auf #4 von seb1983
  • Ja, du hast recht - zumindest in Tetu war der politik-Teil eher kleiner. Im Mittelpunkt waren aber nicht Schwänze und Leder, sondern - wir sind in Frankreich - Mode, Beauty und Wellness.
    Bemerkenswert schien mir immer wieder, dass in Tetu von großen Markenartiklern ganzseitige Vierfarb-Anzeigen waren. Dort scheinen die Berühungsängste der Hersteller und PR-Agenturen mit LGBT-NMedien geringer als hier zu sein.
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#7 Ulli_2mecsProfil
  • 03.06.2015, 14:46hHamburg
  • Antwort auf #5 von goddamn liberal
  • Bemerkenswerterweise ist dieser Rechtsruck gerade in Frankreich auch bei Schwulen zu beobachten (von Lesben, Trans und Bi weiß ich diesbezüglioch nichts), bis hin zu (zahlreichen) oft inzwischen offen schwulen Politikern beim rechtsextremen Front national...
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#8 -hw-Anonym
#9 goddamn liberalAnonym
  • 03.06.2015, 16:03h
  • Antwort auf #7 von Ulli_2mecs
  • Tja.

    Auch das hat leider Tradition von der peinlichen 'Hommage à Arno Breker' von Cocteau bis hin zu Genets Hymne auf das Massaker von Oradour.

    Um des billigen Skandals wegen wird da einfach alles in Kauf genommen.
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#10 Ulli_2mecsProfil