Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 03.06.2015, 22:06h           28      Teilen:   |

Evangelischer Kirchentag

Nach 54 Jahren erstmals der Männer mit dem rosa Winkel gedacht

Artikelbild
Pfarrerin Monika Renninger fand bei der Gedenkstunde in Stuttgart deutliche Worte: "Unsere Kirche muss sich der Mitschuld stellen" (Bild: Andreas Zinßer)

Seit 1961 beginnt jeder Evangelische Kirchentag mit einer Gedenkstunde für eine NS-Opfergruppe. In Stuttgart waren am Mittwoch erstmals die Homosexuellen an der Reihe.

Von Andreas Zinßer

Stuttgart im Ausnahmezustand. Unter dem Motto "damit wir klug werden" hat am Mittwoch in der baden-württembergischen Landeshauptstadt der 35. Evangelische Kirchentag begonnen – bis Sonntag stehen rund 2.500 Veranstaltungen auf dem Programm. Während allein am Eröffnungsgottesdienst auf dem Schlossplatz etwa 50.000 Menschen teilnahmen, kamen immerhin rund 1.000 zu einer historischen Gedenkveranstaltung auf dem Karlsplatz.

Direkt neben der ehemaligen Gestapo-Zentrale Württembergs, dem Hotel Silber, gab es eine Premiere: Erstmals wurde ausschließlich der homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Seit 1961 beginnt zwar jeder Evangelische Kirchentag in Deutschland mit einer Gedenkstunde für eine Opfergruppe der Nazis. Es dauerte allerdings 54 Jahre, bis nun erstmals die Homosexuellen an der Reihe waren.

Fortsetzung nach Anzeige


"Was nicht aufgearbeitet ist, wirkt weiter"

Aufsteller erinnern während des Kirchentags an die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich - Quelle: Andreas Zinßer
Aufsteller erinnern während des Kirchentags an die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich (Bild: Andreas Zinßer)

Kirchentagspräsident Andreas Barner eröffnete die feierliche Gedenkstunde mit wenigen, wohl bedachten Worten: "Was nicht aufgearbeitet ist, wirkt weiter. Vor genau 70 Jahren ging das NS-Regime unter, die Verfolgung gleichgeschlechtlich Liebender aber ging kontinuierlich weiter."

Auch sein Nachredner Joachim Stein, Vorstand von Stuttgarts schwul-lesbischem Zentrum Weissenburg, beklagte die Ausgrenzung und Verfolgung über die Diktatur hinaus und die nur langsame Wandlung der Gesellschaft nach 1969: "Anders zu lieben wird inzwischen toleriert, aber es ist immer noch nicht dasselbe wie die Liebe zwischen Mann und Frau. Das zeigt die neu aufgeflammte Debatte um die Aufnahme des Themas Akzeptanz in den geplanten Bildungsplan."

Stein warf konservativ-kirchlichen Kreisen vor, bis heute nicht wahrhaben zu wollen, dass für schwule Männer im Dritten Reich "ein Liebesbrief an einen Mann, eine zärtliche Geste in der Öffentlichkeit" Verhaftung, KZ-Einweisung oder Tod bedeuten konnte. Mit der verfemten Opfergruppe, die einen rosa Winkel tragen musste, habe nach 1945 keine öffentliche Stelle etwas zu tun haben wollen. Wenn Aufklärung geschehen sei, dann nur durch engagierte Schwule und Lesben. Die Stuttgarter Gedenkveranstaltung zum Kirchentag sei ein kleiner Beitrag dazu, das "Geschehen ins kollektive Gedächtnis zu rufen", lobte Stein.

Mit klaren, weithin vernehmbaren Worten stellten mehrere junge Männer und Frauen die Schicksale der NS-Opfer Karl Zeh, Else, Friedrich Enchelmayer, Karl Geißler, Marie Pünja, Pierre Seel, Hildegard Wiederhöft und Elisabeth Rinck in szenisch wechselnder Ich-Perspektive vor. Diese Biografien bewegten die Menschen auf dem Karlsplatz sichtlich.

Auch beim Interview mit Susanne Enchelmayer-Kieser, Großnichte des von den Nazis ermordeten Opfers gleichen Namens, hielten viele den Atem an. Sie berichtete, dass ihr Großonkel Friedrich in der Familienbibel "ausgestrichen" worden sei. Erst durch die Verlegung eines Stolpersteins in Bad Cannstatt hätten die jungen Angehörigen vom Schicksal des schwulen Großonkels erfahren.


Teilnehmer der Gedenkstunde, darunter Laura Halding-Hoppenheit und Volker Beck (Foto: Andreas Zinßer)


Kein Fortschritt bei der Aufarbeitung

Nach diesen sehr persönlichen Geschichten ging es zur Politik der Gegenwart. Auf der Bühne wurde die Entschließung des Landtags zur Aufarbeitung der Verfolgung von Homosexuellen aus dem Herbst 2014 im Wortlaut vorgetragen und die Abstimmung mit den Besuchern nachgestellt. Obwohl damals wie heute die Abstimmung einstimmig ausfiel, sei die Verwaltung bis heute nicht tätig geworden. Dieses politische Versäumnis wurde sehr passend durch den zur musikalischen Untermalung engagierten Saxofonisten Ekkehard Rössle tonlich dargestellt.

Schließlich betrat Pfarrerin Monika Renninger die Bühne und sprach die wichtigsten, weil deutlichsten Worte des Nachmittags: "Gott sei's geklagt! Nicht wenige finden noch heute Diskriminierung und erfahren Strafverfolgung auf Grund ihrer sexuellen Orientierung. Viele müssen ein Doppelleben führen." Die Pfarrerin forderte: "Unsere Kirche muss sich der Mitschuld stellen! Wir haben uns der Verfolgung nicht entgegengestellt, sondern Sie noch mit betrieben."

Passende Worte fand Renninger auch zur Gegenwart: "Wir müssen uns daher wehren, wenn Menschen bei Diskussionen um die 'Ehe für alle' sich im Ton vergreifen, wenn Homosexuelle gebeten werden, Rücksicht auf konservative Gefühle zu nehmen. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass hauptamtliche Bewerber sich verstecken müssen, weil wir sie sonst nicht einstellen."

Aus dem Publikum gab es dafür donnernden Applaus.

Vimeo | Das "Zentrum Regenbogen", ein Netzwerk christlicher LGBT-Gruppen, hat auf dem Stuttgarter Kirchentag ein buntes Veranstaltungsprogramm organisiert
Links zum Thema:
» Homepage des Evangelischen Kirchentags in Stuttgart
Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 28 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 329             4     
Service: | pdf | mailen
Tags: kirchentag, stuttgart, ns-opfergruppe, homosexuellenverfolgung, monika renninger
Schwerpunkt:
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

loading...

Reaktionen zu "Nach 54 Jahren erstmals der Männer mit dem rosa Winkel gedacht"


 28 User-Kommentare
« zurück  123  vor »

Die ersten:   
#1
03.06.2015
22:11:56


(+7, 9 Votes)

Von ehemaligem User VeganBear


Und dennoch:

Link zu www.welt.de

Also kein Grund, jetzt euphorisch zu werden.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#2
03.06.2015
22:20:58


(-1, 7 Votes)

Von wiking77
Profil nur für angemeldete User sichtbar


dass Kirchen sich auch immer gleichsam fetten Hennen auf alles draufsetzen müssen und in ihrem ideologischen Sinne vereinnahmen. Dabei haben ja gerade die Amtsbrüder im Dritten Reich auch vorneweg ihren Wimpel in den Wind gesteckt.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#3
03.06.2015
22:26:02


(+4, 6 Votes)

Von goddamn liberal
Antwort zu Kommentar #1 von VeganBear


Anlass zur Euphorie gibt es im Land des rosa Winkels grundsätzlich nie.

Aber es ist schon wichtig, wenn eine gesellschaftlich extrem relevante Kraft wie die EKD überhaupt erkennt, dass es nunmal das Land des rosa Winkels ist. Zumindest in Teilen.

Das fällt der menschenfeindlichen Reaktion in Medien und Politik ja immer noch extrem schwer.

V.a. der, die ihr Herrenmenschentum unter einer allerchristlichen Zipfelmütze verstecken will.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#4
03.06.2015
22:31:50


(-11, 13 Votes)

Von Markus44


Sehr gute Worte der EKD und auf dem Evangelischen Kirchentag und sehr lobenswert.

Und so freut es mich auch, das heute in 15 von 20 Landeskirchen der EKD öffentliche Segnungsgottesdienste kirchenrechtlich erlaubt wurde und in zwei dieser Landeskirchen sogar diese Segnungsgottesdienste zu kirchlichen Trauungen gleichgestellt wurden.

Auch erfreulich, das mittlerweile in allen Landeskirchen der EKD generell verpartnerte homosexuelle Pfarrer kirchenrechtlich erlaubt sind und in den Pfarrhäusern tätig sein können.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#5
03.06.2015
22:35:42


(+6, 8 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby
Antwort zu Kommentar #2 von wiking77


Vor allem "christdeutsche" Protestanten reihten sich enthusiastisch mit ein.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#6
03.06.2015
22:36:28


(+6, 8 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby
Antwort zu Kommentar #4 von Markus44


Was wären wir bloß ohne den Kirchentag. Danke, für jedes gute Wort, danke, ach Herr, ich will dir danken, dass ich danken kann...
Youtube-Video:


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#7
03.06.2015
22:37:19


(+1, 3 Votes)

Von Patroklos
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Und wieso hat das so lange gedauert?


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#8
03.06.2015
22:39:27


(+10, 10 Votes)

Von ehemaligem User paren1957


Es mag ja auch in der evangelischen Kirche einige Wohlmeinende geben. Wenn ich mir aber in den Fernsehberichten die Masse der Gesichter in den Gebetskreisen anschaue, werde ich das Gefühl nicht los, dass sich da gerade meine Feinde zusammenrotten und ich nicht mit einem Pride-Shirt durch die Reihen gehen möchte.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#9
03.06.2015
22:46:29


(+5, 7 Votes)

Von Jadughar
Aus Hamburg
Mitglied seit 19.04.2011


Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche betrieb früher die Hexenverfolgung. Die Homosexuellenverfolgung, die im wesentlichen der Hexenverfolgung entspricht, dauert noch an, wenngleich die Scheiterhaufen nicht mehr brennen. Es wird nach Jahrtausenden des Unrechts endlich Zeit, daß diese Verfolgungen endlich aufhören und man sich diese Schuld eingesteht, so wie sie auch von uns fordern, daß wir unsere Sünden eingestehen und dafür Buße tun. Die Buße für die Kirche wäre dann deren Auflösung, da sie nach jahrtausendlangen Verbrechen so viel Schuld auf sich geladen hat, daß sie ihre Existenz damit verwirkt hat. Also eine Art Todesstrafe für die Kirche als Buße. Das entspricht doch genau ihrer Tradition!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#10
03.06.2015
22:49:03


(-11, 15 Votes)

Von Markus44
Antwort zu Kommentar #8 von paren1957


@paren1957
"Es mag ja auch in der evangelischen Kirche einige Wohlmeinende geben. Wenn ich mir aber in den Fernsehberichten die Masse der Gesichter in den Gebetskreisen anschaue, werde ich das Gefühl nicht los, dass sich da gerade meine Feinde zusammenrotten und ich nicht mit einem Pride-Shirt durch die Reihen gehen möchte."

Sorry kann ich so in keinster Weise teilen. Gerade bei en evangelischen Landeskirchen habe ich als offen schwuler Protestant jede Menge protestantischer Christen kennengelernt, die alle überhaupt kein Problem mit homosexuellen Paaren haben und die es super finden, das in den lutherischen, reformierten und unierten Kirchen, Segnungsgottesdienste in den Kirchen ermöglicht wurden.

Und wie gesagt: ich finde es sehr gut, das auf dem Evangelischen Kirchentag, den schwulen Opfern zu Zeiten des Nationalsozialimsus gedacht wurde. Beim Katholischen Kirchentag ist das wohl kaum denkbar....

Daher als schwuler Christ fühle ich mich wohl in meiner Landeskirche in der EKD.

Nur in der Landeskirche Württtemberg, der Landeskirche Baden und der Landeskirche Sachsen würde ich mir doch sehr wünschen, das diese Landeskirchen ebenso wie die 15 anderen Landeskirchen der EKD endlich auch kirchenrechtlich Segnungsgottesdienste erlauben würden.

Es ist schade, das schwule Paare zwar in Bremen, Hamburg, Berlin, Frankfurt, Köln oder auch Kiel öffentliche Segnungsgottesdienste feiern können, aber halt in Dresden, in Stuttgart oder in Karlsruhe hier auf Widerstände stoßen.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
« zurück  123  vor »


 GLAUBE

Top-Links (Werbung)

 GLAUBE



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
Österreich: Van der Bellen liegt klar vorn Von Drogen und Dreiern Drei Barkeeper in Berlin homophob beleidigt Mit "Regenbogenfahne im Herzen": Werner Graf neuer Chef der Berliner Grünen
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt