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  • 16.06.2015, 06:44h           33      Teilen:   |

Über 100 schwule KZ-Opfer aus Dortmund befürchtet

Die "175er" wurden bei der NS-Aufarbeitung vergessen

Artikelbild
Das ehemalige Gestapo-Gefängnis in der Dortmunder Steinstraße, kurz Steinwache genannt, erlangte als "Hölle Westdeutschlands“ traurige Berühmtheit. Seit 1992 dient es als Mahn- und Gedenkstätte (Bild: Wiki Commons / A. Schmitz / CC-BY-SA-3.0)

Anhand von Haftbüchern hat der Historiker Frank Ahland die nationalsozialistische Schwulenverfolgung in Dortmund untersucht – er machte erschreckende Entdeckungen.

Von Manuel Izdebski

Die Haftbücher des früheren Polizeigefängnisses in Dortmund galten lange als erforscht. Um so überraschter war der Historiker Dr. Frank Ahland, als er die Unterlagen aus der ehemaligen Steinwache systematisch nach homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus durchsuchte: Zwischen 1933 und 1945 wurden in Dortmund rund 660 Männer und Jugendliche wegen des Paragrafens 175 inhaftiert. Eine hohe Zahl, die bislang nirgendwo auftauchte.

Für Ahland beweist sich einmal mehr, dass die Opfer des Paragrafen 175 bei der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen in der jungen Bundesrepublik keine Rolle spielten. "Wir dürfen nicht vergessen, dass der von den Nationalsozialisten verschärfte Paragraf 175 bis zum Jahr 1969 bestehen blieb", erklärt der Historiker die Nichtbeachtung der homosexuellen Opfer bei früheren Auswertungen.

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Verdeckte Ermittlungen in der Schwulen-Szene

Frank Ahland will mehr über das weitere Schicksal der homosexuellen Häftlinge herausfinden - Quelle: privat
Frank Ahland will mehr über das weitere Schicksal der homosexuellen Häftlinge herausfinden (Bild: privat)

Für Dortmund konnte Dr. Ahland die Verfolgungspraxis durch die Haftbücher nun nachzeichnen. Während in den 1920er Jahren in der Westfalenmetropole eine kleine Schwulen-Szene aufblühte, wurden ihre Treffpunkte im Dritten Reich zum Ziel verdeckter Ermittlungen. Zwei Beamte der Dortmunder Sitte zeichneten sich dabei durch besonderen Ehrgeiz aus.

Nachts veranstalteten sie eine regelrechte Schwulenjagd – die Bücher weisen zahlreiche Festnahmen in den Nachtstunden auf. Der reguläre Dienst wurde tagsüber abgeleistet. Dabei kam es zu Verhaftungen, die hauptsächlich durch Denunziation ausgelöst wurden. So traf es beispielsweise zwei schwule Männer aus Fröndenberg, die durch ein unauffälliges, bürgerliches Leben der Verfolgung zu entkommen versuchten.

Ab 1937 nahm der Verfolgungsdruck auch in Dortmund erheblich zu. Anlass war eine Rede Himmlers am Tag der deutschen Polizei, in der schwule Männer quasi zu Staatsfeinden erklärt wurden, die den Volkskörper schädigten, weil sie die nationalsozialistischen Männerbünde unterliefen. Folglich müsse der NS-Staat vor ihnen geschützt werden.

Für den Historiker Ahland ist dies ein entscheidender Grund, warum der Paragraf 175 auch in der Bundesrepublik als Nazi-Unrecht anerkannt werden sollte: "Die Schwulenverfolgung war originärer Teil des nationalsozialistischen Unrechtssystems."

Zwei verhaftete Männer wohnten dort, wo heute das Homozentrum KCR ist

Stolperstein für den Rosa-Winkel-Häftling Otto Meinecke: Auch sein Name befindet sich in den Haftbüchern
Stolperstein für den Rosa-Winkel-Häftling Otto Meinecke: Auch sein Name befindet sich in den Haftbüchern (Bild: Jürgen Wenke, Rosa Strippe e.V.)

Die Auswüchse der Verfolgung werden durch die von Ahland erstellte Häftlingsliste erschreckend sichtbar. Selbst Minderjährige blieben von den Nazi-Schergen nicht verschont. So finden sich viele Jugendliche unter den Häftlingen, die jüngsten sind 14 bis 16 Jahre alt. Zwei verhaftete Männer hatten ihren Wohnsitz in der Braunschweiger Straße 22, wo sich heute ausgerechnet das Schwulen- und Lesbenzentrum KCR befindet.

In den Haftbüchern findet sich auch der Name von Otto Meinecke, der 1942 im KZ ermordet wurde. Seit drei Jahren ist ihm in der Dortmunder City ein Stolperstein gewidmet. Die Verfolgung betraf alle Schichten, vor allem aber waren ihr Arbeiter besonders ausgesetzt. Und bereits damals war die Nordstadt ein beliebtes Wohnquartier schwuler Männer.

Das Schicksal vieler homosexueller Häftlinge aus dem Dortmunder Polizeigefängnis ist noch immer unbekannt und bietet Grund für weitere Nachforschungen. "Wir müssen damit rechnen, dass wir in Dortmund über 100 homosexuelle KZ-Tote haben", befürchtet Dr. Ahland.

Der Historiker würde seine Forschungsarbeit gerne auf das gesamte Ruhrgebiet ausdehnen. Die Verfolgung der Homosexuellen sei bisher nur in den Metropolen wie Berlin oder Köln systematisch dokumentiert, sagt Ahland. "Einen Ballungsraum wie das Ruhrgebiet zu untersuchen, würde auch die unterschiedliche Verfolgungspraxis in den verschiedenen Regierungsbezirken und Polizeipräsidien sichtbar machen."

  Arbeitskreis schwule Geschichte Dortmund
Der Arbeitskreis schwule Geschichte Dortmund forscht seit über zehn Jahren zur schwulen Geschichte der Westfalenmetropole. Er hat an der ständigen Ausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache mitgearbeitet und die Lebensläufe zahlreicher während des Nationalsozialismus verfolgter schwuler Männer aus Dortmund recherchiert. Gegenwärtig widmet sich der Arbeitskreis der Situation von Schwulen in der Nachkriegszeit und nimmt etwa die Verfolgung nach Paragraf 175, den Aids-Schock und die schwule Bürgerrechtsbewegung ins Visier. Ziel der Arbeit ist es, die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Mahn- und Gedenkstätte Steinwache
Mehr zum Thema:
» Auf den Spuren Dortmunds schwuler Geschichte (21.05.2014)
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Tags: dortmund, paragraf 175, frank ahland, steinwache, nationalozialismus, schwulenverfolgung
Schwerpunkte:
 Schwule im Dritten Reich
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Reaktionen zu "Die "175er" wurden bei der NS-Aufarbeitung vergessen"


 33 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
16.06.2015
08:23:08


(+15, 15 Votes)

Von ehemaligem User VeganBear


Tja, im Verdrängen, Totschweigen, Aufschieben, Aussitzen und jahrzehntelang "prüfen" ist unser Land richtig "gut". Siehe auch:

Link zu www.queer.de



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#2
16.06.2015
08:31:29


(+12, 12 Votes)

Von Homonklin44
Aus Tauroa Point (Schleswig-Holstein)
Mitglied seit 08.07.2014


Wieder mal bemerkenswert für Rückstandsdeutschland,dass man unsereins sogar bei den NS-Aufarbeitungs-Zahlen hinter die Ablage drückte.

Dank geht an Dr. Frank Ahland hinaus,der diese Verdrängungssystematik aufbricht,und für Sichtbarkeit sorgt.

Stolpersteine sind ein toller Weg,um an Menschen zu erinnern! Warum sind Stolpersteine in München verboten? Gibt es da einen höheren Verdränger-Quotienten,vielleicht ja "erbfaschistoider" Natur?

Link zu www.facebook.com


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#3
16.06.2015
09:26:13


(+9, 9 Votes)
 
#4
16.06.2015
09:44:58


(+8, 10 Votes)

Von ehemaligem User yelimS
Antwort zu Kommentar #2 von Homonklin44


wg. Stolpersteine:

Die Ablehnung einer spezifischen Form ist zunächst einmal ein legitimer Beitrag zu einer offenen Debatte über die Ausgestaltung von Erinnerungskultur. Das Wesen von Demokratie ist es, ein Gegenargument anzuhören.

"Wiederholt bezeichnete Knobloch es als "unerträglich", die Namen ermordeter Juden auf Tafeln zu lesen, die in den Boden eingelassen sind und auf denen mit Füßen "herumgetreten" werde."

Link zu www.sueddeutsche.de


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#5
16.06.2015
10:08:35


(+6, 10 Votes)

Von Danny387
Aus Mannheim (Baden-Württemberg)
Mitglied seit 06.07.2014
Antwort zu Kommentar #4 von yelimS


... und da kann man ergänzen, dass "Knobloch" kein katholischer, angebräunter CSU-Politiker ist, sondern Charlotte Knobloch ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die diese Form des Gedenkens an Juden ablehnt.
Ich finde, man kann ihr Argument verstehen.


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#6
16.06.2015
10:21:00


(+12, 12 Votes)

Von Peer


Umso dramatischer, dass die schwarz-rote Bundesregierung sich nach wie vor weigert, diese Opfer zu rehabilitieren oder das überhaupt erst mal aufzuarbeiten.


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#7
16.06.2015
11:56:30


(+8, 8 Votes)

Von jetzt


race class gender

"Die Verfolgung betraf alle Schichten, vor allem aber waren ihr Arbeiter besonders ausgesetzt. Und bereits damals war die Nordstadt ein beliebtes Wohnquartier schwuler Männer."

Ja, das sind so Gegenden. Sah man auch an Dublin. Dort gab es die höchsten Zustimmungsraten zur Homo-Ehe, wie die irische Presse meldete.


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#8
16.06.2015
11:58:16


(+4, 6 Votes)

Von Patroklos
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #6 von Peer


Das kann man der Katholischen Kirche auch täglich unter die Nase reiben! In Sachen Kindesmißbrauch sind noch keine Fortschritte erkennbar!


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#9
16.06.2015
12:55:51
Via Handy


(-5, 15 Votes)

Von Putinversteher
Antwort zu Kommentar #8 von Patroklos


Bei den Grünen allerdings auch nicht.

Konsequenzen bisher: Keine


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#10
16.06.2015
13:49:00


(+10, 10 Votes)

Von Annegret


Bei homosex. Frauen sind die Zahlen nicht bekannt. Einige waren Kommunisten, andere wurden als "Asozial" eingesperrt. Einige Biografien sind bekannt, wo z.B. jene Frauen manchmal ein jüdischen Hintergrund hatten. Vermutl. gibt es bei schwulen Männern, je nach dem auch div. "Gründe", warum sie inhafiert wurden (politischer Widerstand u.a.m.). Man/frau sollte beim Zentralrat der Juden darauf hinweisen (evtl. auch beim Zentralrat der Sinti und Roma, also Mehrfachüberschneidungen möglich)


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