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  • 19.07.2015, 12:19h           4      Teilen:   |

Interview

Unterhaltung mit Haltung und nicht aufzuhalten: Frl. Wommy Wonder

Artikelbild
Michael Panzer, Jahrgang 1967, steht seit seit 1984 als Frl. Wommy Wonder auf der Bühne, seit 1991 mit abendfüllenden Programmen (Bild: Promo)

Die Stuttgarter Travestiekünstlerin spricht über ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum, die fiese Lokalpresse, das Leben als "bunter Vogel" und die Toleranz der Schwaben.

Von Andreas Zinßer

Frl. Wommy Wonder ist Stuttgarts Travestiekünstlerin Nummer eins. Seit über 30 Jahren steht sie auf den Brettern, die ihr die Welt bedeuten. Nebenbei ist sie eines der buntesten und bekanntesten Aushängeschilder der queeren Community im Ländle.

Mit ihrem Programm "Sahneteilchen de luxe" beendet die schwäbische Künstlerin ab dem 23. Juli die mehrmonatigen Feierlichkeiten zum Bühnenjubiläum – mit einem etwas mulmigen Gefühl. Denn den Beginn im vergangenen Sommer hatte ihr eine sehr unfreundliche Kritik einer "schwarzen" Lokalzeitung ordentlich verhagelt. Unter anderem darüber hat unser Autor mit Frl. Wommy Wonder gesprochen.

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Das Plakat zum Jubiläumsprogramm verspricht "viel Neues und das Beste aus 30 Jahren Travestie"
Das Plakat zum Jubiläumsprogramm verspricht "viel Neues und das Beste aus 30 Jahren Travestie"

queer.de: Liebe Wommy, du zelebrierst zum Abschluss deiner "30 Jahre Wommy"-Jubelwochen ein längeres Gastspiel im SpardaWelt EventCenter in Stuttgart. Jede Woche eine andere Besetzung, jede Woche eine andere Show – eine Herkules-Aufgabe…

Wommy Wonder: Das ist es in der Tat, weil ich alles alleine schultere, aber nach 30 Jahren Bühne will ich mir das gönnen und mich damit bei meinem Publikum bedanken. Dafür lege ich dann gerne Nachtschichten ein…

Ausgerechnet an den "kühlen und antiseptischen Ort" – so wörtlich die "Stuttgarter Zeitung" – des letztjährigen Programmes kehrst du dafür diesen Sommer zurück?

Aber natürlich, mit dieser Meinung steht die "Stuttgarter Zeitung" wie in so vielem, was sie letztes Jahr kübelweise an Dreck über mir ausgegossen hat, ziemlich alleine da. Die SpardaWelt ist technisch auf höchstem Niveau, wir richten sie so ein, dass wir nah am Publikum sind und der Saal viel Ambiente und Wohnzimmerfeeling bekommt – das ist mir sehr wichtig. Es gibt kleine Tische, gute Verpflegung, eine Ausstellung und diverse Video-Installationen, alles in allem von der Atmosphäre also das, was wir über Jahrzehnte hinweg von den wichtigsten Kabarett-Bühnen in Deutschland kennen.

Die Abende im Sommer bei uns sollen Wohlfühlabende werden für Herz, Hirn und Zwerchfell, ich freu mich riesig drauf und hab jeden Tag neue Ideen. Die SpardaWelt hat vollstes Vertrauen und gibt mir freie Hand. Wenn andere Künstler Schlange stehen, um wegen der besonderen Atmosphäre dort spielen zu dürfen, bin ich froh, das Haus fast zwei Monate für mich zu bekommen!

Ernsthaft: Kannst du dir erklären, warum du letztes Jahr zum Jubiläum mit der Premierenkritik ein solches Giftgeschenk bekommen hast?

Wenn man eins und eins zusammenzählt, könnte man ein paar Begründungen finden, die sicherlich nahe an der Wahrheit, aber in der Formulierung justiziabel sind, insofern verkneife ich mir einen Kommentar. Warum aber eine "seriöse" Zeitung jemanden schickt, der von Travestie so gar keine Ahnung hat, Zusammenhänge herstellt, die es nicht gibt, Zitate liefert, die so nicht gefallen sind und den Abend in einer Form beschreibt, wie er nicht stattgefunden hat, muss man nicht verstehen. Da war die Boulevardpresse über die Jahre hinweg immer fairer. Dass sowas ausgerechnet in dem Jahr stattfindet, in dem man sein 30-Jähriges feiert, ist dann auch nicht nachzuvollziehen, zeigt aber, wie viel man in puncto Fairness zu erwarten hat.

Hat das damit zu tun, dass im Ländle eben doch schwarz gedacht wird?

Nein, das hat sicherlich andere Gründe, die man so nicht genau wissen will. Hier wird genauso schwarz gedacht oder auch nicht wie überall sonst, das Stuttgarter Publikum ist sensationell und hundertmal besser als sein Ruf (genau wie Stuttgarter und Schwaben insgesamt). Es nimmt sich halt das Recht heraus, für sein Geld etwas zu erwarten. Wenn der Stuttgarter dann das Gefühl hat, Gegenwert zu erhalten, geht er locker aus sich heraus, fühlt sich wohl und ist ein sehr treuer Gast.

Das Problem liegt auf der anderen Seite: Obwohl Stuttgart auf so vielen kulturellen Gebieten exzessiv viel zu bieten hat (Oper, Theater, Ballett, künstlerische Vielfalt, Kreativität), dass andere Regionen sich die Hände danach ablecken, ist die Berichterstattung darüber immer noch "suboptimal". Die Medien anderer Städte sind in der Berichterstattung über viel weniger viel stolzer. Hier wird alles von oben herab kaputtgeredet, sodass es keinen wundern muss, wenn so viele kreative Köpfe darauf keine Lust haben und abwandern. Schade.

Wie ist das im Alltag? Erkennen dich die Leute als Michael Panzer? Wirst du angefeindet?

Manche erkennen mich, reagieren aber überaus freundlich. Anfeindungen hab ich im persönlichen Umfeld in dreißig Jahren noch nicht erlebt. Gott sei Dank (oder Göttin sei Dank, bevor ich genderpolitisch inkorrekt formuliere). Ich weiß, dass es eine Parallelwelt "irgendwo da draußen" gibt, wo Menschen wie ich das Böse an sich repräsentieren, aber mit denen wird man dann ja meist nur während CSDs, Kirchentag oder irgendwelchen unsäglichen Demos konfrontiert. Im normalen Alltag sind wir uns nie über den Weg gelaufen, das lässt ja dann die Hoffnung zu, dass diese negativ eingestellte Gruppierung so klein ist, dass sie nur bei den geballten Veranstaltungen kollektiv auftritt.



Du warst kürzlich beim Evangelischen Kirchentag sogar auf einem Podium im "Zentrum Gender". Warst du dort der optische Aufheller oder war man an deiner Meinung tatsächlich interessiert?

Wenn ich irgendwo zu Premieren, roten Teppichen oder Veranstaltungen eingeladen werde, weiß ich nie, ob man wirklich an mir, meiner Meinung oder meiner Arbeit interessiert ist oder einfach nur einen bunten Vogel braucht, mit dem man Aufmerksamkeit erregen kann. Das liegt in der Natur der Sache. Vielleicht war man beim Kirchentag wirklich an meiner Meinung interessiert, vielleicht war ich nur der Quotenfreak, der womöglich auch für Aufregung sorgen sollte, aber ich kann nur sagen, dass hinter den Kulissen alle nett waren und alles sehr harmonisch ablief, auch während der Diskussion, die eher weichgespült als wirklich kontrovers war.

Was mich allerdings schockiert hat, war das Echo der "christlichen" Medien hinterher, die in mir teilweise eine Pervertierung der Veranstaltung sahen. Nicht wegen dem, was ich gesagt habe, sondern schlicht wegen der Tatsache, dass "so etwas" bei einer christlichen Veranstaltung mitwirken darf. Sehr skurril und beinahe schon amüsant, wenn es nicht so traurig wäre. Interessanterweise haben dann zum ersten Mal auch "FAZ", "Süddeutsche" und Co. über mich berichtet, die mich sonst seit 30 Jahren ignorieren. Da standen so seltsame Sachen wie "Stuttgarts bekanntester Transvestit", "kurzer Glitzerfummel", "opulenter Kunst-Busen" und dergleichen Nonsens, was wieder mal zeigt, wie informiert die Leute auch 2015 noch sind. Ich bin kein Transvestit, "mein Glitzerfummel" war eine bodenlange traumhafte Gala-Robe ohne jeglichen erotischen Aspekt und mit einem "opulenten Kunstbusen" konnte ich noch nie dienen. Aber immer wieder schön, was in den Köpfen der Leute für Filme ablaufen. Das zeigt dann auch die journalistische Qualität.

Siehst du dich denn auch als Aufklärerin? Nach dem Motto: Lachen und dabei was lernen?

Jein. Ich bringe die Leute gerne zum Lachen und streng mich an, da dann auch Botschaften "zwischen den Zeilen" reinzupacken.Ich freue mich jedes Mal, wenn ich von Menschen als Rückmeldung erfahre, dass sie über die eine oder andere Geschichte herzhaft lachen und gleichzeitig darüber nachdenken konnten. Oder wenn ihnen ein bestimmtes Lied unter die Haut gegangen ist. Insofern bin ich auch gerne ein bisschen politisch, zeige klare Kante und stehe zu meiner Meinung, aber ich dränge sie niemandem auf. Mein Job ist es "nur", die Leute zum Lachen zu bringen und ein bisschen Unterhaltung mit Haltung zu zelebrieren.



Wenn die Ehe für alle kommt, heiratest du dann endlich deinen süßen Pianisten? Oder doch eher deinen Side-Kick Schwester Bärbel?

Mein Pianist ist mit seiner Jasmin sehr glücklich, Bärbel seit Jahren schon verpartnert und ich seit Ewigkeiten Singelin. An einem dieser drei Zustände sollte man dringend was ändern…

Hättest du dir zu Beginn deiner Bühnenjahre erträumt, dass 30 Jahre später die Homo- und Transphobie wieder erstarkt? Oder findest du es typisch schwäbisch, dass gegen Bildung demonstriert wird?

Ob die Homo- oder Transphobie erstarkt oder einfach momentan medial zuviel Aufmerksamkeit erfährt, bliebe noch zu diskutieren. Die war schon immer da und wird auch so schnell nicht aus den Köpfen verschwinden. Das funktioniert nur über Gewöhnung: Wenn der Normalo mitbekommt, dass sein "etwas anders gearteter" Nachbar gar nicht so anders ist als er selbst, ist mehr erreicht als über mediale Schlammschlachten. Wenn gegen Bildung demonstriert wird, zeigt das auch nur, wie wenig die Leute informiert sind, wie wenig sie sich informieren wollen, wie schlecht ihre Informationsquellen sind, wieviel latente unbegründete Angst immer noch vorhanden ist und wie wieder mal verschiedene Themen in einen Topf geworfen und miteinander verrührt werden, bis nur noch eine braune Sauce übrigbleibt. Und das ist auch wieder zum Großteil der medialen Aufbereitung geschuldet. Skandale verkaufen sich halt besser als neutrale Informationen.

Wie sieht dein persönlicher Aktionsplan aus? Erleben wir dich auch in weiteren 30 Jahren noch im Fummel, bis du direkt von den Bühnenbrettern in die Bretterkiste fällst?

Natürlich, es gibt keinen Plan B. Ich hab ja von Anfang an ein Konzept für mich gefunden, mit dem ich und meine Bühnenfigur altern können. Quasseln kann man auch noch mit 70, auf Star-Doublen hab ich mich noch nie kapriziert, Falten stören mich nicht und ich bin sehr glücklich damit, Fans quer durch alle Generationen zu haben. Die freuen sich dann vielleicht auch, wenn man irgendwann mal die Weisheit des Alters von der Bühne herab mit ihnen teilt.

Youtube | Ausschnitte aus Frl. Wommy Wonders Programm "Wonder-Bar (2012)
  Infos zur Show
Sahneteilchen de luxe – 30 Jahre Wommy (Das Finale) vom 23. Juli bis 30. August 2015, mittwochs bis sonntags in der SpardaWelt am Stuttgarter Hauptbahnhof, Karten ab 17 Euro. Weitere Infos zur Künstlerin, ihren Terminen und Kartenvorverkauf unter wommy.de.
Links zum Thema:
» Homepage von Frl. Wommy Wonder
» Fanpage auf Facebook
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Tags: frl. wommy wonder
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Reaktionen zu "Unterhaltung mit Haltung und nicht aufzuhalten: Frl. Wommy Wonder"


 4 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
19.07.2015
12:32:54


(+3, 3 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


"Ernsthaft: Kannst du dir erklären, warum du letztes Jahr zum Jubiläum mit der Premierenkritik ein solches Giftgeschenk bekommen hast?"

Icfh kann mir das schon erklähren: Wenn rechsgerichtete konservativ religiöse neoliberale das Ruder in unseren Medienhäusern übernommen haben.


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#2
19.07.2015
12:39:37


(+4, 4 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


"Hättest du dir zu Beginn deiner Bühnenjahre erträumt, dass 30 Jahre später die Homo- und Transphobie wieder erstarkt? Oder findest du es typisch schwäbisch, dass gegen Bildung demonstriert wird?"

Meine Meinung dazu: Wenn Sportliche Prominente (vor allem Fußballer, Hand-, Basketballer, Wintersportler, Radrennen, Athleten) sich outen würde, dann garantiere ich das es wenniger LGBTIphobie gäbe.


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#3
19.07.2015
15:52:15


(+4, 4 Votes)

Von Harry1972
Aus Bad Oeynhausen (Nordrhein-Westfalen)
Mitglied seit 21.02.2013


Donnerlüttchen. 30 Jahre auf der Bühne, daß ist schon eine sehr lange Zeit. Respekt!
Vielleicht habe ich ja mal Gelegenheit, mir eine Wonder-Show anzugucken.


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#4
19.07.2015
20:00:39


(0, 2 Votes)

Von Patroklos
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Alles Gute zum Bühnenjubiläum!


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