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  • 23.07.2015, 12:45h           9      Teilen:   |

Ein Aberwitz mit Folgen

Russland: Realsatire um Genehmigung zweier CSDs

Artikelbild
Eine Parade, Jungs im Matrosenlook oder halbnackt und ein stolzer Flaggenträger: Der Tag der Luftlandetruppen am 2. August ist ein jährliches Spektaktel in Russland

In St. Petersburg und Archangelsk sollen am 2. August zwei LGBT-Demos stattfinden – an einem den Luftlandetruppen gewidmeten Feiertag.

Von Norbert Blech

"Wir brauchen keine Schwulenparade, wir haben doch schon den Tag der Luftlandetruppen" – dieser Scherz geht so und in ähnlichen Varianten seit Jahren durch russische soziale Netzwerke, angelehnt an das, nunja, vermeintlich "schwule" Aussehen der Soldaten in ihren matrosenartigen Uniformen. Und auch angelehnt an das recht zügellose Verhalten der Truppen an dem ihnen gewidmeten Feiertag, der jährlich am 2. August begangen wird.

Mit den zumeist homophob motivierten Lachern war es allerdings vorbei, als pfiffige Schwule auf die Idee kamen, den Spruch für sich zu nutzen. Auftritt Kirill Kalugin am 2. August 2013: Der junge St. Petersburger Aktivist wagt sich mit einer Regenbogenflagge mit dem Aufdruck "Propaganda für Toleranz" alleine auf den Platz vor der Eremitage, wo die Feierlichkeiten der Soldaten bevorstehen. Um zu beweisen, dass man als Schwuler anders als sie eben nicht mal einfach eine stolze Demo abhalten kann. Der Beweis gelingt recht schnell: Die Flagge wird ihm entrissen, er wird von Soldaten umzingelt und gedemütigt und schließlich von der Polizei abgeführt (queer.de berichtete). Die absurden Bilder gingen um die Welt.

Es war ein mutiger Protest von Kalugin; noch mutiger war es, ihn ein Jahr später an selber Stelle zu wiederholen. Der neue Flaggenspruch, "Meine Freiheit schützt eure", nützte nichts: Er wurde binnen Sekunden festgenommen (queer.de berichtete). In diesem Jahr wird Kalugin allerdings nicht mehr zum Jahrestag in St. Petersburg demonstrieren: Er hat im letzten Herbst, nach etlichen Schikanen durch die Behörden, einen Asylantrag in Deutschland gestellt (queer.de berichtete), lebt inzwischen in der Nähe von Köln und lief kürzlich erstmals beim Cologne Pride mit.

Youtube | Homo-Aktivist trifft auf Luftlandetruppen, St. Petersburg 2013
Fortsetzung nach Anzeige


Archangelsk: Ein lustiger Bürgermeister

Kalugin mag weg sein, aber die russische Debatte über die Paraden von Homosexuellen und Soldaten hat in den letzten Tagen neue Höhepunkte erreicht. Szenenwechsel: Archangelsk, Hafenstadt im Norden. Hier gab es schon ein Gesetz gegen Homo-"Propaganda", bevor es landesweit eingeführt wurde. Hier wurden geplante LGBT-Proteste immer wieder vorab verboten. Hier führte das selten angewandte Landesgesetz gegen "Propaganda" zu seinen ersten Verurteilungen zu Bußgeldern, die einer der Betroffenen, der Moskauer CSD-Organisator Nikolai Aleksejew, bis zum Verfassungsgericht brachte (und das in Folge – zumindest auf dem Papier – die Wirkung des Gesetzes zurechtstutzte, queer.de berichtete).

Noch im Frühjahr hatte der stellvertretende Bürgermeister der Stadt eine LGBT-Veranstaltung abgesagt, die er ursprünglich erstmals genehmigt hatte. Darauf angesprochen, sagte Bürgermeister Viktor Pawlenko Anfang Juli eher scherzhaft gegenüber Journalisten, sollten LGBT-Aktivisten einen CSD am Tag der Luftlandetruppen beantragen, werde er diesen genehmigen.



Es kam, wie es kommen musste: Der umtriebige Aleksejew zögerte nicht lange, einen entsprechenden Antrag zu stellen. Dieser sei eingegangen, bestätigte nun am Mittwoch ein schlecht gelaunter Pawlenko gegenüber örtlichen Medien: "Diese Situation ist natürlich unbequem." Nach russischem Recht muss er bis Ende der Woche auf den Antrag reagieren.

Ein Sprecher der örtlichen Veteranenvertretung sagte Journalisten, er hoffe, dass die Behörden das "Abenteuer" noch verbieten würden. Er versprach zugleich, dass man friedlich bleiben wolle, sollte man LGBT-Aktivisten begegnen: Man wolle den Tag damit verbringen, zu feiern und Gefallenen zu gedenken. "Wer will sich da die Hände schmutzig machen?"

St. Petersburg: Herzhafte Hoffnung auf einen CSD

Der Tag der Luftlandetruppen 2015, er könnte in die LGBT-Geschichtsbücher eingehen: Auch in St. Petersburg wollen Aktivisten an diesem Tag ihren CSD abhalten. Einen entsprechenden Antrag stellte der Organisator Yury Gawrikow am Mittwoch, nachdem die Behörden den ursprünglich für diesen Samstag geplanten Protest verboten hatten.

Die Stadt, die auch ein Homo-"Propaganda"-Gesetz vor dem landesweiten eingeführt hatte und mit seinem Erfinder Witali Milonow einen unvergleichbaren homophoben Hetzer im Rat sitzen hat, hatte die letzten Jahre die meisten LGBT-Proteste gewähren lassen: Sie fanden auf dem Marsfeld statt, das als eine Art gezielt eingerichtete "Speaker's Corner" gilt. Proteste dort brauchen keine Genehmigung.



Zum fünften CSD im letzten Jahr kamen fast 1.000 Teilnehmer und wenig Gegendemonstranten, auch die Polizei blieb friedlich (queer.de berichtete). Das wird als Verdienst Gawrikows angesehen, der – anders als Aleksejew – die Szene einigen und bei allem Kampf für die Sache auch mit Behörden verhandeln kann. In diesem Jahr hieß es allerdings, das Marsfeld stehe nicht zur Verfügung, andere Orte wurden mit Verweis auf das Gesetz gegen Homo-"Propaganda" abgelehnt. Mit dem neuen Antrag und einer öffentlichen Begründung, die die "Argumente" der Stadt auseinander nimmt, hofft Gawrikow, noch mit den Behörden eine Einigung zu finden.

Auch den Medienzirkus über Homo-Proteste am Tag der Luftlandetruppen will er dabei für sich nutzen: Wenn sich die Bilder, zumindest in den Köpfen vieler Russen, schon ähneln, warum soll die eine Parade verboten, die andere von der Gesellschaft gefeiert werden? Zumal ein CSD friedlich sei, während der Tag der Luftlandetruppen oft in Schlägereien angetrunkener Soldaten ende.

Youtube | Das Herz von St. Petersburg: Ein neuer Werbespot für den CSD, der auch das neue Logo erklärt

Moskau: CSD-Verbot vor Gericht

Der Witz über den Tag soll zurückgehen auf den früheren Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow, der die ersten CSDs in der Stadt verboten hatte. Am gestrigen Mittwoch hat ein Bezirksgericht entschieden, dass das Verbot des diesjährigen Moscow Pride, das zehnte Verbot in Folge, aufgrund des Gesetzes gegen Homo-"Propaganda" rechtens gewesen sei. Wie in den Vorjahren will Aleksejew das Verbot vor das russische Verfassungsgericht sowie vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bringen; Straßburg hatte Moskau wegen vergangener Verbote noch aus der Zeit von Luschkow bereits mehrfach zu Geldstrafen verurteilt.

Die Aktivisten hatten trotz des Verbots am 30. Mai einen Protest abgehalten und waren festgenommen worden (queer.de berichtete) – ein Gericht steckte Aleksejew und zwei Mitstreiter danach sogar erstmals für zehn Tage in Haft (queer.de berichtete). Der Witz über die Luftlandetruppen und die Schwulenparade – er hat bei dieser aberwitzigen Politik immer wieder das Potential, im Halse stecken zu bleiben.



 Update  24.7., 12h: CSD in Archangelsk verboten
Der Bürgermeister von Archangelsk hat am Freitag gegenüber russischen Medien angegeben, dass er den CSD nicht genehmigen wird. Organisator Nikolai Aleksejew hat angekündigt, den Rechtsweg zu beschreiten, sobald die Ablehnung schriftlich vorliegt. Das Büro des Bürgermeisters begründete das Verbot mit dem Gesetz gegen Homo-"Propaganda". Das gilt offiziell nur gegenüber Minderjährigen. Aber in der Stadt lebten 68.000 Kinder, eine öffentliche Veranstaltung würde zwangsläufig einige davon betreffen, so das Büro.

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Tags: russland, st. petersburg, archangelsk, homo-propaganda, luftlandetruppen
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Reaktionen zu "Russland: Realsatire um Genehmigung zweier CSDs"


 9 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
23.07.2015
13:15:11


(+2, 8 Votes)
 
#2
23.07.2015
13:30:17


(+4, 8 Votes)

Von genre derb


No Gayropa konnte das nicht verhindern...

Bild-Link:
LdV3w88_4k8.jpg


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#3
23.07.2015
13:54:22


(+3, 9 Votes)
 
#4
23.07.2015
13:58:11


(+3, 3 Votes)

Von Butterbeifisch


Das ganze Land ist eine Realsatire.


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#5
23.07.2015
14:13:58


(-1, 9 Votes)

Von Patroklos
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Wenn ich mir die Matrosen so anschaue, erinnert mich das an "Querelle":

Youtube-Video:


sowie an:

Link zu www.flaconi.de

Mon Dieu!


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#6
23.07.2015
16:15:32


(+1, 7 Votes)
 
#7
23.07.2015
20:34:19


(+4, 4 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


"Es kam, wie es kommen musste: Der umtriebige Aleksejew zögerte nicht lange, einen entsprechenden Antrag zu stellen."

So soll es sein, so zeigen wir, wer die eigentlichen dummblöden sind


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#8
23.07.2015
20:35:12


(+4, 4 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


"Er versprach zugleich, dass man friedlich bleiben wolle, sollte man LGBT-Aktivisten begegnen: Man wolle den Tag damit verbringen, zu feiern und Gefallenen zu gedenken."

Wers glaubt


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#9
23.07.2015
20:38:27


(+3, 3 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


"Mit dem neuen Antrag und einer öffentlichen Begründung, die die "Argumente" der Stadt auseinander nimmt, hofft Gawrikow, noch mit den Behörden verhandeln zu können."

Mit staatlichen russischen sozialen verbrechern kann man nicht über Menschenrechte verhandeln.


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