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  • 26.07.2015, 09:18h           1      Teilen:   |

"City Boy"

Edmund White als Frauke Ludowig der New Yorker Bohème

Artikelbild
Edmund White, Jahrgang 1940, zählt heute zu den bedeutendsten schwulen Autoren des 20. Jahrhunderts (Bild: Michael Taubenheim/Albino Verlag)

In seinem neuen autobiografischen Werk "City Boy" blickt der schwule Schriftsteller auf das bankrotte, aber künstlerisch florierende New York der 1970er zurück.

Von Carsten Moll

Namedropping sei im Kulturbetrieb des Vitamin-B-haltigen Big Apples eine harte Währung, schreibt Edmund White in "City Boy" und tauft das Phänomen, den großen Wert Tausende Namen und Gesichter zu kennen, als "Newyorkismus". Und so lässt es auch White als ein stolzer Adoptivsohn New York Citys in seinen Memoiren gewaltig tröpfeln: Tennesse Williams, Mama Cass, Andy Warhol, Michel Foucault und Peggy Guggenheim sind nur einige der Namhaften, von denen der Schriftsteller zu berichten weiß.

Und selbst die wenigen, die hier anonym bleiben, werden doch zumindest mit Fanfaren als "der berühmteste Modeschöpfer Amerikas", "ein sehr erfolgreicher Fernsehproduzent" oder "Sohn eines berühmten Designers" auf die Bühne von Whites Prosa geschubst. Mit Thomas Pynchon, der als Gerücht zwar nur durch eine einzige Zeile huscht, kann White sogar eine echte Rarität, eine Celebrity mit Seltenheitswert, vorweisen.

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Ein Kosmos aus Tratsch und Anekdoten

"City Boy" ist im wiedergegründeten Albino Verlag erschienen – einem Imprint des Berliner Bruno Gmünder Verlags
"City Boy" ist im wiedergegründeten Albino Verlag erschienen – einem Imprint des Berliner Bruno Gmünder Verlags

In einer scheinbar endlosen, sich immer feiner verästelnden Reihe aus Anekdoten erschafft "City Boy" so einen breiten Kosmos aus Tratsch und persönlichen Begegnungen, dessen Erzählfluss bisweilen arg ins Stocken gerät. In seinen schlimmsten Momenten versumpft die Autobiografie zu Nichtigkeiten und liest sich ein wenig, als hätte White versucht, eine Enzyklopädie als Telegramm zu verschicken: "Virgil war Teil der Geschichte, weil er mit Nadia Boulanger in Paris studiert und sich in den 1920ern mit Aaron Copland angefreundet hatte; Ned Rorem war in den 1950ern Virgils Kopist gewesen, und Virgil hatte ihn in Orchestrierung unterrichtet. Virgil war mit der französischen Geigerin Yvonne de Casa Fuerte und dem Komponisten Henri Sauguet befreundet und redete oft von ihnen."

Wem all die Namen nichts sagen oder wer nichts auf sie gibt, dem müssen die Ausführungen in "City Boy" wie eitles Geschwätz vorkommen, während andere in den haltlosen Lobhudeleien und grenzwertigen Lästereien wahre Schätze entdecken werden. Als eine Art Frauke Ludowig der New Yorker Bohème gewährt White exklusive Einblicke und zeigt oft wenig schmeichelhafte literarische Schnappschüsse seiner zahllosen Protagonisten aus der Literatur- und Kunstwelt.

"Verrat" an alten Freunden und Vertrauten

Verzeihen mag man dem Autor seinen Mangel an Diskretion aus zweierlei Gründen: Zum einen richtet er seinen Blick nicht bloß auf andere, sondern stellt auch eigene Laster und Verfehlungen ausführlich zur Schau (und kann hinter all den Posen der Bescheidenheit doch nie ganz seine Selbstverliebtheit verstecken). Zum anderen lässt sich Whites "Verrat" an seinen Freunden und Vertrauten auch als moralisches Vorhaben lesen. Indem er sie mit Trivialitäten überhäuft, ungeniert von ihrer Sexualität und von ihren unwürdigen, banalen Momenten erzählt, gelingt es White, etwas von der Menschlichkeit der unter Imagekampagnen und Mythen verschütteten Figuren freizulegen. Zumindest für einen Augenblick muss sich da sogar eine blendende Lichtgestalt wie Susan Sontag zu Hinz und Kunz gesellen.

Dass der Verrat, wie er in "City Boy" haufenweise begangen wird, zudem als Offenbarung von Heucheleien und Widerspruch zu diesen verstanden werden kann, zeigt sich am Beispiel von Whites Bemerkungen zu Harold Brodkey: Mit der unaufgeregten Beiläufigkeit, mit der er auch sein eigenes Sexleben beschreibt, berichtet White da vom Cruisingverhalten seines umstrittenen Kollegen, der eine Zeit lang als große Hoffnung der US-amerikanischen Literaturszene galt. Brodkey selber wollte kurz vor seinem Aids-Tod nämlich nichts mehr von den Scharen verführter Männer im Schwimmbad der YMCA wissen und leugnete sein homosexuelles Begehren durch ein schwulenfeindliches Narrativ: Allein die Missbrauchserfahrungen als Kind hätten ihn zu einem einmaligen sexuellen Kontakt mit einem anderen Mann getrieben – und ausgerechnet dieser hätte ihn mit dem HI-Virus infiziert.

Ein Buch für White-Jünger und Klatschfans

Der Wert allzu vieler anderer Anekdoten in "City Boy" dürfte hingegen nur eingefleischten "Newyorkisten" und begeisterten Klatschspalten-Lesern ersichtlich sein. Denn wo White eine erlebte oder aufgeschnappte Begebenheit ans Licht der Öffentlichkeit befördert, da droht sie auch schon wieder im ständigen Strom weiterer Vorfälle unterzugehen. Auf Seite 186 des mehr als 300 Seiten starken Buchs interessiert es da zum Beispiel schon nicht mehr sonderlich, ob Peggy Guggenheim mit Jackson Pollock geschlafen hat.

So dürfte "City Boy" neben Klatschfans in erster Linie eingesessene White-Jünger überzeugen, die sich gemeinsam mit dem Schriftsteller noch einmal an seine wilden Zeiten in New York erinnern wollen, als er noch verzweifelt Manuskripte von Verlag zu Verlag schickte, vor dem "Stonewall Inn" sein "Recht auf Spaß" verteidigte und an den Piers am Hudson River auf nächtliche Männerjagd ging.

  Infos zum Buch
Edmund White: City Boy. Mein Leben in New York. Roman. Deutsche Übersetzung von Joachim Bartholomae. 336 Seiten. Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen. Albino Verlag. Berlin 2015. 22,99 €. ISBN 978-3-8678-7849-4
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Interview mit Edmund White auf der Homepage des Albino Verlags
Mehr zum Thema:
» Schwule Literatur: Albino Verlag wieder gegründet (21.07.2015)
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Tags: edmund white, city boy, albino verlag, new york, klatsch
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Reaktionen zu "Edmund White als Frauke Ludowig der New Yorker Bohème"


 1 User-Kommentar
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Die ersten:   
#1
26.07.2015
13:11:38
Via Handy


(+2, 2 Votes)

Von suspekt


"Wem all die Namen nichts sagen oder wer nichts auf sie gibt, dem müssen die Ausführungen in "City Boy" wie eitles Geschwätz vorkommen[...]"

Mir scheint es eher so, dass es der Rezensent arg bedauert, nicht dabei gewesen zu sein.

Ob es nämlich wirklich von belang ist, alle Protagonisten zu kennen, liegt im Auge des Betrachters.

Unter den Stories liegt nämlich ein Stimmungsbild jener Jahre, welches sich auch zu entdecken lohnt.


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