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Markus Dullins Roman spielt an der Deutschen Schule Nairobi (Bild: Blog "Kenia in 300 Tagen")

"Im letzten Licht der Dämmerung" von Markus Dullin ist ein berührender Roman über einen homosexuellen Lehrer an einem deutschen Gymnasium in Kenia.

Von Markus Kowalski

Aus dem einen Jahr in Kenia wurde nach Jahren der Verdrängung eine Erinnerung. Aus der Erinnerung formte sich vorsichtig ein Roman. In diesem Stil erzählt uns Markus Dullin die Geschichte seines neuen literarischen Werks "Im letzten Licht der Dämmerung".

Der Gymnasiallehrer Alexander Gerlach ist mit seinem Leben im West-Berlin der frühen 1980er Jahre überfordert. Die jahrelange Beziehung mit seinem Freund Sebastian ist brüchig, das ganze Leben scheint nicht mehr richtig zu sein. Also flieht er nach Afrika, nimmt eine Arbeitsstelle in Kenia als Lehrer an einem deutschsprachigen Gymnasium an, Fächer Englisch und Sport. Seinem Freund erzählt er nichts von seinen Plänen, die Reise wird zur Flucht aus einer ausweglosen Situation.

Für die deutschen Auswanderer ist Kenia das koloniale Paradies


Der Roman "Im letzten Licht der Dämmerung" ist Anfang September im Berliner Querverlag erschienen

In Kenia allerdings kommt er in der deutschen Enklave an: bei Einfamilienhäusern, bei spießbürgerlichen Elitefamilien, deren Kinder er unterrichtet. Schnell wird hinter seinem Rücken mit Gerüchten getuschelt: Wieso bloß kommt Alex ohne Begleitung an? "Es gibt keine Singles in Kenia", bekommt er immer wieder zu hören.

Seine Homosexualität mag er in Kenia nicht offen ausbreiten: Anders als in Berlin zählt hier die Familie, und die Männerliebe steht unter Todesstrafe. Und schnell ist beim Lesen des Romans absehbar, dass sein 17-jähriger Schüler Thomas auch schwul ist. Vor seinen Helikopter-Eltern will der Schüler das aber nicht zugeben und sucht um Rat beim Lehrer, bei Alexander.

Doch um das Schwulsein geht es im Roman nur an zweiter Stelle. Ein viel größerer Konflikt sorgt für eine ständige Anspannung: das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen. Denn die Deutschen leben noch wie die alten Kolonialherren, sie lassen sich von Schwarzen als billige Arbeitskräfte bedienen und wie selbstverständlich sagen sie zu ihnen "Bimbo" und "Neger". Alexander befremdet das zutiefst. An diese Welt, in der Schwarze für ein Taschengeld den Weißen beim Tennisspiel die Bälle aufheben, kann sich der Westberliner Lehrer nur schwer gewöhnen.

Es scheinen sich dort nicht nur Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe zu begegnen, das wäre ja banal. Es begegnen sich Reiche und Arme: Für die einen ist Afrika das Paradies, in der man sich billig bedienen lassen kann. Für die anderen ist jeder Tag eine Ungewissheit, weil es keine feste Arbeit gibt und trotzdem die Großfamilie ernährt werden muss.

Lehrer Alex freundet sich mit dem Neffen der Haushälterin an


Markus Dullin, geboren 1964 in Berlin, lebt seit einem dreijährigen Aufenthalt in Nairobi/Kenia wieder in seiner Heimatstadt. Er wurde für ein früheres Werk für den Literaturpreis der Schwulen Buchläden nominiert (Bild: Bernd Näfe/Querverlag)

Seine erzählerische Kraft entfaltet der Roman aber erst, als sich Alex langsam mit Philip anfreunden kann. Philip ist der Neffe von Esther, seiner Haushälterin. Erst muss Alex sich überreden lassen, Philip in einem der vielen Zimmer im Haus kostenlos schlafen zu lassen, damit er zur Schule gehen kann. Dann nimmt Alex ihn mit zum Strandurlaub und auf die einsamen Safaris.

Zögerlich freunden sich der 20-jährige Philip und Alex an. Sie sitzen nächtelang am Lagerfeuer mit einem Glas Rotwein oder fahren mit dem VW-Bus durch den Nationalpark. Hier wird "Im letzten Licht der Dämmerung" stellenweise zu einem bezaubernden Roadmovie, bei dem man als Leser aufgeregt durch die Steppe mit den Löwen und Hyänen mitfährt.

In die schwärmerische Reise bricht schließlich auch für Alex die bittere Realität hinein. Denn seinen Freund Sebastian in Berlin hat er verlassen, weil dieser Aids hat. 1983 ist diese Krankheit aber noch unerforscht, man spricht vielmehr von der "Schwulen-Seuche" und hält zu den erkrankten Personen lieber Abstand. Die Krankheit führt nicht nur zum Todeskampf, sondern sofort auch zur sozialen Isolation von der Gesellschaft.

Markus Dullin veröffentlichte im Querverlag in den letzten Jahren vor allem Kriminalromane wie "Mord am Wannsee" oder "Leichen-Puzzle". Seinem neuen Buch glaubt man ohne zu zögern, dass es das persönlichste ist: Zu sehr hadert der Erzähler mit der Erinnerung an die 1980er Jahre, als dass die Geschichte leichtfertig erfunden sein kann. Schließlich lebte der Autor selber drei Jahre in Kenias Hauptstadt Nairobi.

Man merkt, dass das Buch damit auch das Protokoll einer schmerzlich erfahrenen Vergangenheit ist. Gerade deswegen wirkt es so authentisch.

Infos zum Buch

Markus Dullin: Im letzten Licht der Dämmerung. Roman. 307 Seiten. Broschiert. Format: 12,5 cm x 20,5 cm. Querverlag. Berlin 2015. 14,90 €. ISBN 978-3-89656-234-0