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  • 21.09.2015, 14:42h           1      Teilen:   |

Beginn der Schwulenbewegung

Eine rotzschwule Geschichte

Artikelbild
Jannis Plastargias, Jahrgang 1975, ist freier Autor, Blogger und Kulturveranstalter. Sein Buch "RotZSchwul" ist ein subjektiver Bericht über eine revolutionäre Gruppe der westdeutschen Schwulenemanzipationsgeschichte

In seinem Buch "RotZSchwul. Der Beginn einer Bewegung" lässt sich Jannis Plastargias auf seiner Reise in die Schwulenbewegung der 1970er begleiten.

Von Patsy l'Amour laLove

"Brüder & Schwestern – warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!" Dieser Spruch prangte auf dem Schild, das Martin Dannecker 1972 bei der ersten Schwulendemo in Münster hochhielt. Mit dem Schild in der einen Hand und dem Lautsprechermikro in der anderen agitierend sieht man ihn auf dem Cover des neuen Buches "RotZSchwul. Der Beginn einer Bewegung (1971-1975)".

In dem Anfang September im Berliner Querverlag erschienenen Band lässt sich der Autor und Blogger Jannis Plastargias auf seiner Reise in die Schwulenbewegung der 1970er Jahre begleiten. Mit dem Frankfurter Stipendienprogramm "StadtteilHistoriker" widmete er sich der Beforschung der Gruppe "Rote Zelle Schwul", kurz "RotZSchwul", die sich im Herbst 1971 gründete.

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Die frühe Schwulenbewegung wollte bewusst anecken

Das Buch zur Frankfurter Gruppe: "RotZSchwul" gründete sich nach dem Praunheim-Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" und traf sich regelmäßig von 1971 bis 1975
Das Buch zur Frankfurter Gruppe: "RotZSchwul" gründete sich nach dem Praunheim-Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" und traf sich regelmäßig von 1971 bis 1975

Danneckers Kapitalismus-Spruch wirkt bei aller Wahrheit im Vergleich zu heutigen Slogans aus dem schwulenpolitischen Bereich eher sperrig. Zu jener Zeit war eine kapitalismuskritische Haltung in der Schwulenbewegung allerdings die Regel. Und man ließ sich nicht so sehr von allgemein bekömmlichen Marketingstrategien leiten – es war erklärtes Ziel, anzuecken.

Die RotZSchwulen waren theoretisch ausgerichtet, studentischer Prägung – wie die Bewegung der Zeit insgesamt – und nahmen lange Zeit keine Neuen in ihre Gruppe auf. Sie hatten das Ziel, die Schwulenunterdrückung und ihre eigene Situation zu durchdenken. Sie grübelten über eine wirkungsvolle Politik gegen die Diskriminierung der Gesellschaft ebenso wie gegen das respektlose Verhalten unter Schwulen.

Dazu gehörte auch, nicht leichtfertig eine politische Keule zu schwingen, sondern die Widersprüche dieser Gesellschaft und dessen, was sie hervorbringt, zu erkennen. Ganz dialektisch also. So übten sie zwar Kritik am Klappensex der Schwulen und wie diese in der Subkultur miteinander umgehen. Es ging ihnen aber nicht um die Abschaffung und die Verteufelung desselben, sondern zunächst um ein Verständnis davon. Und darauf aufbauend um einen neuen Umgang damit.

Den Schwestern der 1970er Jahre wird heute häufig aus unterschiedlichen Ecken vorgeworfen, zu dogmatisch gewesen zu sein. Sicher, dass die Gruppe geschlossen war, machte einen elitären Eindruck. Doch muss man festhalten, dass beispielsweise die RotZSchwul stets die nötige Selbstkritik versuchte, um nicht in einen tatsächlichen politischen Elitarismus zu kippen. Dieses Selbstkritische und Dialektische der Gruppe hat nicht zuletzt mit ihrer Nähe zur Frankfurter Schule und der Psychoanalyse zu tun, mit welchen sie sich intensiv auseinandersetzten.

Keine klassische historische Aufarbeitung

Der Autor beginnt mit seinem Antrag eines Forschungsstipendiums bei den "StadtteilHistorikern" und erzählt seine Erfahrungen auf dem Weg zu Interviewpartnern, Forschern und Archiven. Dabei wechselt er zwischen einer historischen Aufarbeitung von Archivmaterial, Ausschnitten aus den Interviews und Schilderungen zu seiner persönlichen Entwicklung während des Forschungs- und Schreibprozesses.

Dieses Vorgehen mag zunächst irritieren, da Plastargias nicht chronologisch, sondern anhand seiner eigenen Geschichte mit dem Material erzählt. Bei Martin Dannecker, der als Kopf der Gruppe bezeichnet wird, endet er etwa mit seiner Geschichtsschreibung zur RotZSchwul.

Plastargias geht damit bereits zu Beginn seines Buches offen um: Er möchte keine klassische historische Aufarbeitung, in der bloß Zahlen und Daten aneinandergereiht sind. Und so ist es möglich, sich den einzelnen Interviewten von Michael Holy über Denny Lewis bis Georg Linde und Olaf Lüders intensiver zu widmen, anstatt sie nur auf historische Fakten abzuklopfen.

Neben den Interviews spielt Archivmaterial aus dem Berliner Schwulen Museum* eine Rolle: Protokolle, Mitschriften und Flugblätter, die von den politischen-theoretischen Auseinandersetzungen ebenso zeugen wie von den Aktionen in der Öffentlichkeit. Etwa einem Klappenfest bei Tag, um dort als Schwule miteinander anders als dort üblich in Kontakt zu kommen.

Homo-Geschichte muss nicht trocken sein

Vereinzelt verweilt der Text beim Archivmaterial leider in Inhaltsangaben, die eine Deutung und politische wie historische Einordnung vermissen lassen. Teilweise werden auch die Interviews bloß in den Raum gestellt und der Zusammenhang zwischen den einzelnen Kapiteln wird nicht ganz ersichtlich. Dies mag ein Problem der betont subjektiven Schreibweise sein, sicherlich aber auch in der Fülle an Material begründet liegen, die selbst in einem eigens dafür angelegten Buch schwierig zu fassen ist.

Selbst wenn man nicht an historischen Arbeiten interessiert ist, sollte man einen Blick in die schwulenbewegte Zeit der 1970er Jahre wagen. Plastargias vermag es, einen solchen zu bieten und dabei den Leser auf seine Forschungsreise mitzunehmen. So ist dieses Buch gerade für jene geeignet, die Arbeiten zur Schwulenbewegung meist zu trocken fanden.

Doch auch aus einer wissenschaftlichen Perspektive kann das RotZSchwul-Buch empfohlen werden. Sowohl wegen der neuartigen Beschäftigung mit der Frankfurter Gruppe und ihrem Aktivismus als auch wegen der zahlreichen Informationen zu diesem spannenden Zeitabschnitt schwulenbewegter Geschichte. Und selbst wer auf "harte Fakten" steht, bekommt als Anhang noch Michael Holys detailreiche Chronik zur Gruppe und ein ausführlich erläuterndes Register mitgeliefert.

  Infos zum Buch
Jannis Plastargias: RotZSchwul – Der Beginn einer Bewegung (1971-1975). Sachbuch. Broschiert. 192 Seiten. Querverlag. Berlin 2015. 14,90 €. ISBN: 978-3-89656-238-8
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» Mehr über die RotZSchwul auf "Queer History Frankfurt"
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Tags: rotzschwule, rote zelle schwul, jannis plastargias, querverlag, schwulenbewegung, martin dannecker
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Reaktionen zu "Eine rotzschwule Geschichte"


 1 User-Kommentar
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Die ersten:   
#1
21.09.2015
18:39:51


(+5, 5 Votes)

Von Robby69
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Ich hab das Buch schon gelesen und find's echt klasse! Vor allem auch, weil der Autor es sehr persönlich geschrieben hat.


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