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Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg stehen wegen Äußerungen zur Eugenik im Zwielicht

Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann waren Frauenrechtlerinnen der ersten Generation, propagierten aber auch unmenschliches Gedankengut.

Seit 2009 verleiht die Landesarbeitsgemeinschaft Lesben in NRW den Augspurg-Heymann-Preis an couragierte lesbische Frauen, doch nun fällt ein Schatten auf die Namensgeberinnen. Nach Hinweisen auf menschenfeindliche Äußerungen der Feministinnen Anita Augspurg (1857-1943) und Lida Gustava Heymann (1868-1943) hat die LAG ein Gutachten bei der Historikerin Dr. Kerstin Wolf in Auftrag gegeben und nun veröffentlicht (PDF).

Die beiden Frauen, die über viele Jahre offen eine Liebesbeziehung führten, engagierten sich insbesondere für das Frauenwahlrecht und die Friedensbewegung und flohen Anfang der Dreißigerjahre vor den Nazis in die Schweiz. Aber sie hatten auch eine dunkle Seite.

Vernichtung von "Krüppeln" gefordert

Insbesondere ein Zitat von Heymann aus dem Jahr 1907 ist problematisch. Sie erklärte damals auf einer Veranstaltung eines Frauenverbandes: "Gesetze für die Vernichtung körperlicher und geistiger Krüppel müssen geschaffen werden." Die "Krüppel" bezeichnete sie ferner als "Fleischmassen", die "aus der Welt zu schaffen" seien. Von Augspurg sind zwar keine derartigen Forderungen nach der Tötung von behinderten Menschen bekannt, sie behandelte aber ebenfalls "scheinbar eugenische Thematiken", so das Gutachten der Historikerin Wolf, die am Archiv der Deutschen Frauenbewegung in Kassel arbeitet.

"Wie kann es sein, dass eine Feministin, die sich nachweislich für die Selbstbestimmungsrechte von Frauen einsetze, in dieser Fragen die universalen Menschenrechte außer Acht ließ?", fragte am Dienstag die LAG Lesben in Bezug auf Heyman in einer Pressemitteilung.

Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass sich zu dieser Zeit radikale Frauenrechtlerinnen stark mit Bevölkerungsfragen beschäftigten, "da sich hier ein gesellschaftliches Feld zu öffnen schien, auf dem es möglich werden könnte, Diskriminierungen von Frauen und konservative Moralvorstellungen effektiv zu bekämpfen". Das hatte schreckliche Konsequenzen: So unterschieden Frauenrechtlerinnen wie Heymann und Augspurg – wie viele in ihrer Zeit – zwischen "minderwertigen" und "höherwertigen" Rassen (als letztere sahen sie natürlich ihre eigene an). Außerdem stellten sie Menschen unter volkswirtschaftliche Kriterien – ein Menschenleben hatte für sie also einen bestimmten Geldwert.

Wolf stellte fest, dass sich radikale Feministinnen zu dieser Zeit stärker auf sogenannte "positive" bevölkerungspolitische Maßnahmen verstiegen habe als auf "negative", die auf die Ausmerzung von Leben hinausliefen. Zudem habe sich das "spezifische 'feministische Rassehygieneverständnis' durch ein Festhalten am Grundrecht ALLER Menschen auf individuelle Freiheit" ausgezeichnet. Heymann und Augspurg hätten Rassenhygiene immer als "freiwillige, eigenverantwortliche Fortpflanzungsauslese" verstanden. Der zitierte Satz zu "Krüppeln" stehe "isoliert" in der Biografie von Heymann.

Die LAG Lesben erklärte, dass sie diese Positionen natürlich "nicht gutheißen" könne, sie gehörten aber zur Biografie der Frauenrechtlerinnen. Immerhin gebe es entlastende Faktoren zu den Namensgeberinnen des Preises: "Nach heutigem Wissensstand haben sie sich nicht intensiv mit diesen Fragestellungen befasst, für das Heymann-Zitat gibt es keine Vertiefung der Ausführungen in ihren Schriften". Damit gehörten die beiden Frauen "ganz sicherlich" nicht zu den Wegbereiterinnen der nationalsozialistischen Euthanasie-Programme.

Am Namen für den Preis wollen sowohl die Jury als auch der Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft derzeit festhalten, aber "zukünftig verstärkt auf Ambivalenzen von Vorbildern eingehen, ihre Widersprüche im Denken und Handeln hinterfragen und ernstnehmen."

Zuletzt wurde der Augspurg-Heymann-Preis im März an Gudrun Fertig und Manuela Kay vergeben (queer.de berichtete). Zuvor waren unter anderem auch Schauspielerin Maren Kroymann, Schriftstellerin Mirjam Müntefering und Verfassungsrichterin Susanne Baer mit dem Preis ausgezeichnet worden. (dk)



#1 DavidJacobEhemaliges Profil
#2 stromboliProfil
  • 23.09.2015, 09:22hberlin
  • oh weh, da umwabbert uns der damalige zeitgeist.
    nicht nur hier , sondern auch bei hirchsfeld sind diese spuren sichtbar.
    Überhaupt bietet die schwule bewegung jener jahre vielerlei ansätze zu radikaler kritik, siehe
    die honorationenverbindung um hirschfeld, der nebenbei ebenso in der schmuddelwissenschaft "eugenik" herumexperimentierte, bis hin zum sich anbiedern aus dem exil an die nunmehr herrschenden nazis, seine arbeiten zur rassenlehre doch nicht ganz unbeachtet zu lassen.

    Die "freundschaftsverbände hatten neben dem gesellschaftlichen aktivitäten und zerstreuungen ebenso teils fragwürdige vorstellung von der stellung des homosexuellen MANNES (!) in der restgesellschaft.
    Sogar röhm war hier passives mitglied ( brief um 1926 aus dem "exil, an einen "adjudanten über den sinn, "den attischen geist in die ns männerbünde einzubeziehen..)

    Also da ist noch beträchtlich schmutzige wäsche zu finden.
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#3 Patroklos
  • 23.09.2015, 09:51h
  • Die Stadt München vergibt seit 1994 jährlich den Anita-Augspurg-Preis

    de.wikipedia.org/wiki/Anita-Augspurg-Preis

    zur Förderung der Gleichberechtigung von Frauen und ergo müßte auch hier hinterfragt werden, ob angesichts der neuen Erkenntnisse eine Änderung des Namens in Erwägung gezogen werden sollte. Gleiches gilt für die Städtische Anita-Augspurg-Berufsoberschule, die dann ebenfalls ihren Namen ändern müßte.
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#4 TheDadProfil