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  • 31.10.2015, 13:47h           6      Teilen:   |

Top-Level-Domains

Streit um Internet-Endung: Wieviel Regenbogen steckt in .gay?

Artikelbild
Für die US-Firma dotgay LLC passt das gesamte LSBTTIQ-Spektrum unter den lilafarbenen .gay-Regenschirm

Das Community-Modell für die Top-Level-Domain .gay ist zum zweiten Mal bei der Internetverwaltung ICANN abgeblitzt. War Homophobie im Spiel?

Von Stefan Mey

Seit Ende 2013 schaltet die globale Internetverwaltung ICANN (Internet Corporation for Assignes Names and Numbers) schrittweise hunderte neuer Internet-Endungen wie .berlin oder .reise frei. .lgbt gibt es bereits. Wer jedoch die Endung .gay betreiben darf, ist nach wie vor offen und heftig umkämpft.

Geht es nach dem Willen der US-Firma dotgay LLC sollen für diesen Namensraum besondere Regeln gelten. .gay soll eine so genannte Community-Endung mit klaren Regeln werden: Webadressen können nur über die Webseiten queerer Organisationen von deren Mitgliedern registriert werden. So sollen homophobe Hass-Inhalte und Hamsterkäufe von Adress-Händlern verhindert werden.

Die Firma ist kommerziell, zwei Drittel der Gewinne sollen aber über eine Stiftung an queere Community-Projekte gehen. Etwa 100 globale Szene-Organisationen hatten der Bewerbung ihre Unterstützung zugesprochen, darunter der LSVD und der globale Dachverband ILGA.

Die Internetverwaltung ICANN privilegiert solche Spezial-Konzepte eigentlich. Gibt es konkurrierende Bewerbungen um eine Internetendung, wird normalerweise an den meist Bietenden versteigert. Community-Bewerbungen hingegen erhalten automatisch den Zuspruch. Der einzige Haken: der "Community-Status" muss dem Bewerber erst offiziell zugesprochen werden.

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Ein Gremium entscheidet: Community oder nicht?

Das Team von dotgay ist zum zweiten Mal mit seiner Community-Bewerbung gescheitert - Quelle: dotgay
Das Team von dotgay ist zum zweiten Mal mit seiner Community-Bewerbung gescheitert (Bild: dotgay)

Daran scheiterten die Pläne von dotgay LLC bereits im Oktober letzten Jahres. Ein spezielles Community-Gremium, das für solche Prüfungen zuständig ist, vergab in einem Punktesystem nur 10 von 16 Punkten, 14 wären erforderlich gewesen. Und jetzt, nachdem die erste Entscheidung überraschend aufgehoben wurde, ist es zum zweiten Mal geschehen. Wieder gab es nur 10 Punkte.

Diese Prüfung namens "Community Priority Evalution" nimmt die ICANN nicht selbst vor. Sie wurde an einen externen Auftragnehmer delegiert, eine Tochter des wirtschaftliberalen, britischen Verlagshauses Economist. Die Economist Intelligence Unit verdient ihr Geld ansonsten mit Marktforschung und Beratung.

Bei den Entscheidungen, die anonyme Prüfer fällen, geht es um viel Geld. Wird eine Community-Endung offiziell anerkannt, verfallen die Bewerbungen der anderen Interessenten und damit mindestens die 185.000 US-Dollar Bewerbungsgebühr, die am Anfang fällig waren. Die Spruch-Praxis der Prüfer steht oft in der Kritik, denn in drei Viertel der Fälle haben sie den Bewerbungen den Community-Status versagt.

Ein zweiter Versuch nach der Niederlage 2014

Nach der ersten Niederlage im Herbst 2014 machte dotgay Stimmung gegen die Entscheidung und legte eine Beschwerde ein. Ein inhaltlicher Einspruch ist eigentlich nicht möglich, man kann nur formale Fehler bei der Urteilsfindung geltend machen, eine eigentlich sehr stumpfe Waffe.

Im Januar 2015 passierte dann aber das Unerwartete. Der ICANN-Vorstand hob das Ergebnis der ersten Prüfung auf. Er vermied allerdings eine inhaltliche Positionierung, sondern führte als formalen Fehler an, dass 54 Unterstützerschreiben nicht hinreichend berücksichtigt worden seien.

Ähnlich wie bei einem Revisionsverfahren vor Gericht wurde der Fall zur erneuten Prüfung zurückgegeben, wiederum an die Economist Intelligence Unit. Der Pressesprecher von dotgay LLC, Jamie Baxter, zeigte sich damals trotzdem optimistisch: "Wir wissen, dass wir eine vollständige und von der Community getragene Bewerbung eingereicht haben, die die weltweiten Interessen der Community widerspiegelt. Wir vertrauen darauf, dass das vom neuen Panel auch so anerkannt wird."

Und jetzt, fast ein Jahr nach der ersten Niederlage, gab es im Oktober eine erneute Abfuhr. Die Endung wird also doch irgendwann versteigert, und es entscheidet nicht das beste Konzept, sondern das dickste Portemonnaie. Was war da los?

Spielte Homophobie eine Rolle? Passte es einfach besser ins Weltbild der wirtschaftsliberalen Economist-Prüfer, eine Auktion zu erzwingen, als einer Community die Endung zuzusprechen? Oder wurde tatsächlich gewissenhaft und fair geprüft, und das ist nun das Ergebnis?

Für dotgay ist "gay" ein Sammelbegriff

In jedem Fall sind die Gründe für die Ablehnung es wert, gelesen zu werden. Die bürokratisch anmutende Prosa der Argumentation wirft eine heikle Frage auf: Wie inklusiv ist das Wort "gay" tatsächlich? Viele Menschen in und außerhalb der Szene dürften mit dem Begriff vor allem "schwul" assoziieren. Die Leute hinter dotgay aber hatten munter andere sexuelle und geschlechtsidentitäre Minderheiten darunter zusammengefasst, was längst nicht allen gefallen dürfte.

Für dotgay ist gay, wie es in der ursprünglichen Bewerbung um die Endung heißt, ein "Regenschirm-Begriff". Und der umfasse eine Menge Menschen: Als gay gelten demnach "Individuen, deren Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung sich außerhalb der Norm befindet, wie sie von der Mehrheit der Gesellschaft für heterosexuelles Verhalten vorgesehen ist. Die Gay Community vereint Individuen, die sich als schwule oder weibliche Homosexuelle identifizieren, als bisexuell, transgender, queer, intersexuell, als Verbündete oder sonstwie bezeichnen". Das verbindende Kriterium für die gay Community sei der "Prozess des Coming-outs".

Prüfen übten Kritik am Regenschirm-Konzept

Von dieser Definition hielten die Prüfer nicht viel und vergaben dewegen beim Teilbereich "Verbindung zwischen der Endung und der Community" null von vier Punkten – wie schon ein Jahr zuvor. In der mit vielen Fußnoten ausgestatten Erläuterung nahmen sie die Denkfigur des "Regenschirm-Begriffs" namens .gay auseinander: Damit ein Begriff eine Community angemessen repräsentiere, müsse er die Selbstbezeichnung widerspiegeln, die "das typische Community-Mitglied üblicherweise" verwendet. Ein kleiner Teil der von dotgay anvisierten Community werde von dem Begriff aber gar nicht erfasst, nämlich Transgender, Intersexuelle und die heterosexuellen, queer-freundlichen "Verbündeten".

Um die tatsächliche Verwendung des Worts gay zu untersuchen, heißt es, habe man Medienberichte ausgewertet und zudem analysiert, wie einige queere Community-Organisationen selbst mit dem Begriff hantieren. Genau die würden "gay" eher nicht als gebräuchliche Selbstbezeichnung sehen, sondern sich bewusst "transgender", "trans" oder "intersex" nennen. Und wenn in der Community oder in Medien-Artikeln alle Untergruppen gemeint sind, werde eben nicht "gay" gesagt, sondern es würden Abkürzungen wie LGBT verwendet.

Das Gremium erkenne an, dass das Wort "gay" eine Bedeutungserweiterung erfahren hat und mittlerweile nicht mehr nur Schwule, sondern auch Lesben umfasse könne. Es gehe aber stets darum, dass eine Person homosexuell ist. Sowohl Transgender als auch Intersexuelle könnten jedoch homo- oder heterosexuell sein, und die Hetero-Verbündeten seien per Definition nicht homosexuell.

Eine Auktion entscheidet nun doch

Die Endung wird nun also doch irgendwann unter allen Interessenten versteigert, die am Anfang des Verfahrens eine Bewerbung für .gay abgegeben hatten. Die ICANN wird das Urteil der Community-Prüfung kaum ein zweites Mal wegen Formfehlern kassieren. Zum Bewerber-Kreis zählen neben dotgay LLC drei weitere Unternehmen. Die haben sich allesamt auf den Betrieb neuer Endungen spezialisiert und verfügen teilweise über dicke finanzielle Polster.

Im Normalfall einigen sich alle Bewerber auf eine privat durchgeführte Versteigerung, bei der der Betrag des Meistbietenden an die unterlegenen Bieter ausgeschüttet wird. Die bekannt gewordenen Beträge bewegen sich meist im niedrigen, einstelligen Millionenbereich. Gibt es keine Privat-Auktion, führt die ICANN eine offizielle Versteigerung durch. Die anderen Bewerber würden .gay tendenziell wie jede andere Standard-Endung behandeln und die Adressen an jeden verkaufen.

Die Top-Level-Domain .lgbt ist schon online



Von der Verzögerung bei .gay profitiert übrigens eine sehr ähnliche Endung. Um .lgbt gab es keinen Streit, denn es gab nur einen einzigen Interessenten. Sie ist schon im Februar 2015 offiziell gestartet. Wie es auf der bunten Werbe-Webseite heißt, bietet .lgbt Unternehmen und Organisationen die Möglichkeit, "ihren Einsatz und ihre Verbundenheit" mit Lesben, Schwulen ("Gays"), Bisexuellen und Transgender Ausdruck zu verleihen.

Hinter .lgbt steht das große, irische Domain-Unternehmen Afilias, das auch Endungen wie .info oder .poker betreibt. Eine Adresse unter .lgbt kann jeder erwerben. "Richtlinien für zulässige Nutzung" verbieten aber queer-feindliche Inhalte. Zudem sind klar feindselige Adressen wie anti.lgbt oder ihate.lgbt verboten. Inwiefern diese Regeln auch durchgesetzt werden, wird allerdings nicht klar. Die Webadresse anti.lgbt zumindest ist vergeben und wird von einem Domainhändler für mehrere hundert US-Dollar im Netz offeriert.

Die Webadressen kauft man nicht direkt beim Betreiber. Sie werden im Auftrag von Afilias von so genannten Registraren verkauft (in Deutschland etwa von United Domains, Strato oder Domaindiscout24). Je nach Registrar kosten sie zwischen 30 und 50 Euro jährlich. Für einige "Premium-Adressen" mit Begriffen wie "shop" oder "sex", aber auch "berlin", "gay" oder "trans" gilt das jedoch nicht. Für sie werden Einmalpreise von mehreren tausend Euro verlangt, sie gelten anscheinend als kommerziell besonders gut verwertbar.

Zur Zeit sind etwa 1.600 konkrete Adressen vergeben, .lgbt gehört damit eher zu den kleineren Endungen. Zudem weisen längst nicht alle Adressen tatsächlich schon Inhalte auf. Die bereits verwendeten Adressen werden von diversen Antidiskriminierungs-Organisationen genutzt, von spezialisierten Anwälten, Versicherungsbüros, Bloggern und auch vereinzelt von Pornoanbietern. Die meisten Inhaber der Adressen stammen aus den USA, es gibt aber auch einige, wenige deutsche Nutzer.

Um .queer übrigens hatte sich niemand beworben. Deswegen wird es die Endung zumindest in der aktuellen Runde neuer Endungen nicht geben. Der Beginn der nächsten Runde wird für frühestens 2018 erwartet. Bis dahin zumindest dürfte klar sein, wer .gay bekommt und was er damit macht.

Links zum Thema:
» Homepage von .gay
» Die zweite Community-Ablehnung von .gay (PDF)
» Die ursprüngliche Bewerbung von .gay
» Alle Bewerber um .gay
» Die Endung .lgbt
» .lgbt-Inhalte in der Google-Suche
Mehr zum Thema:
» Internetendung .gay wird meistbietend versteigert (10.10.2014)
» Wer bekommt .gay? (20.09.2014)
» Neue Internetadresse .gay am Start (27.06.2011)
» Aktivisten fordern schwule Internetadressen (25.08.2009)
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Tags: dotgay, top level domain, internetendung, icann
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Reaktionen zu "Streit um Internet-Endung: Wieviel Regenbogen steckt in .gay?"


 6 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
31.10.2015
14:49:25


(+1, 5 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


wirtschaftsliberalen

Das sagt doch alles!!!, SCHEIß neoliberal conservativen faschisten, DIE SCHEIß VERFLUCHTEN!!!!


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#2
31.10.2015
15:44:49


(+3, 5 Votes)

Von Harry1972
Aus Bad Oeynhausen (Nordrhein-Westfalen)
Mitglied seit 21.02.2013


Wah! Während ich den Artikel gelesen habe, dachte ich immer wieder daran, warum dieses "Regenschirm-Konzept" nicht die Endung .queer bevorzugt, immerhin passt das besser als .gay und klingt freundlicher als ein sperriges Buchstabenkürzel.


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#3
31.10.2015
15:46:27


(+3, 3 Votes)

Von GeorgFalkenhagen
Aus Bremen
Mitglied seit 21.05.2010


Interessant. Wenn ich (66) da noch an die Zeiten zurückdenk, als es noch gar kein Internet gab. Nur sogenannte Mailing-Listen, in die man sich mit dem C64 über Akustikkoppler einloggen konnte. Meistens war besetzt, Abhilfe: Tastentelefon der Deutschen Bundespost mit Wahlwiederholung (Neupreis 299,-- DM).

In dieser Frühform der digitalen Kontaktaufnahme outete ich mich einst. Ich schrieb, dass ich schwul sei und forderte die Leserschaft damit zu Reaktionen heraus. Keiner störte sich an meiner Veranlagung bzw. Identität. Hassmails, wie man sie heute im WWW hat, gabs nicht; aber auch keine Date-Anfragen.

Wenn ich das Geld hätte, würde ich die Kennung "IM.gay" kaufen oder wenigstens beanspruchen.


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#4
31.10.2015
19:10:48


(-3, 5 Votes)

Von GeorgFalkenhagen
Aus Bremen
Mitglied seit 21.05.2010


"gay.org" ginge aber auch ...


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#5
01.11.2015
09:46:27


(+1, 3 Votes)

Von Fennek


Das ganze Domain-System ist eh von Grund auf kaputt. Da geht es nur um Kohle.

ABER:
in diesem Fall war das Scheitern selbst verursacht. Es ist bekannt, wie die Bedingungen für Community-Bewerbungen sind. Und sind wir ehrlich: "Gay" ist nicht inklusiv. Sonst würden wir selbst ja auch nicht GLBTI (oder sogar noch um ein zweites T und Q ergänzt) sagen, sondern nur noch gay.

Hätte man gay nur auf Homosexualität begrenzt, wären das genau die 4 fehlenden Punkte gewesen. Dann hätten wir die Domain ja dennoch, wenn wir sie einmal gehabt hätten, auch für Transsexuelle, Trangender, Intersexuelle, etc. öffnen können.

Genau das hat schon die erste Bewerbung scheitern lassen. Dann hat die ICANN uns schon ungewöhnlicherweise eine zweite Chance gegeben, was absolut unüblich ist. Und dann machen wir exakt denselben Fehler nochmal. Das war extrem dumm und dann dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn es zum zweiten mal (und diesmal endgültig) scheitert.

Das war keine Homophobie, sondern unsere eigene Dummheit (bzw. der Verantwortlichen).


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#6
02.11.2015
14:18:19


(+2, 2 Votes)

Von ollinaie
Aus Seligenstadt (Hessen)
Mitglied seit 23.08.2012
Antwort zu Kommentar #5 von Fennek


"sondern unsere eigene Dummheit"

Meine nicht.

Dieses "Team von dotgay" ist mir ein wenig suspekt, auch wenn das Konzept erst mal "nett" klingt.

Was dabei heraus kommt, wenn selbsternannte Community-Sprecher anfangen zu vereinsmeiern hat mensch ja beim berliner CSD gesehen.

Das *.gay eine reine Porno-Kommerz TLD wird hab ich mir schon gedacht, als ich das erste mal davon gehört habe. Schau'n wir mal.


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