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David Leavitt gehört zu den wichtigsten schwulen Autoren der Gegenwartsliteratur. Sein erster Roman "Die verlorene Sprache der Kräne" (1986) wurde von der BBC verfilmt (Bild: Bloomsbury)

In David Leavitts Roman "Späte Einsichten" treffen sich zwei Ehepaare 1940 auf der Flucht in Lissabon. Die Männer beginnen eine Affäre, ihre Frauen verzweifeln daran.

Von Markus Kowalski

Ein paar Momente verstreichen, völlig unscheinbar, und doch hat sich alles verändert. Nichts scheint zu passieren, als Pete und Julia in Lissabon ankommen. Im Sommer 1940 ist das Paar vor den Nazis aus dem besetzten Frankreich geflohen.

Die Tage gehen in Cafés und Restaurants dahin. Sie warten auf das Schiff, dass sie aus dem faschistischen Europa hinüber nach Amerika rettet. In ebendiesen Tagen treffen sie auf Iris und Edward. Die beiden Ehepaare warten gemeinsam auf die Abreise. Trinken Kaffee, die Zeit verstreicht.

Europa drängt sich nach Lissabon


Gute Übersetzung. nichtssagendes Cover: Die deutsche Ausgabe des Romans ist im Verlag Hoffmann und Campe erschienen

Plötzlich entwickelt sich zwischen Pete und Edward das, was man für gewöhnlich eine Affäre nennt. Oder wie bezeichnet man das, wenn zwei Männer nach dem Abendessen mit dem Wagen eine Spritztour machen, an den Strand fahren, baden gehen, die Nacht im Sand verbringen? Ist es noch ein Affäre, wenn eine der Ehefrauen mitspielt und im Hotelzimmer wartet, bis der Mann von seinem "Männerabend" zurückgekehrt ist? Vielmehr scheint es pure Verzweiflung zu sein. Und im Hintergrund dröhnt der Krieg.

Lissabon ist im Sommer 1940 der letzte Zipfel Europas, an dem sich das wohlhabende Bürgertum drängt, geflohen vor Hitler, Mussolini, Franco und sich selbst. "Alle kommen nach Lissabon. Und warum? Um Lissabon zu verlassen." Zwischen all den Hotellobbys, dem betäubenden Absinth und den wohlschmeckenden Keksen brechen größte Existenzängste auf. "Was gibt es zu befürchten? Die Zukunft existiert nicht", sagt Edward noch, als er mit Pete zum Strand aufbrechen will.

Wohl arrangiert ist das Liebesabenteuer für Pete und Edward: Die Ehefrauen gehen nachmittags Kaffee trinken, die Ehemänner geben vor, etwas in der Stadt zu unternehmen. Riskieren eine Liebelei, als gäbe es kein Morgen. Denn womöglich gibt es für sie kein Morgen.

Das bürgerliche Leben zerfällt

Doch schon nach wenigen Tagen werden die gemeinsamen Treffen zur langweiligen Routine. Noch glaubt Pete, dass seine Frau nichts ahnt. Noch sind es wenige Tage in Lissabon, bis ihr Schiff nach New York ablegt. Noch verstreicht die Zeit, als würde nichts passieren. Doch Europa zerfällt im Krieg, und mit ihm jede geordnete, bürgerliche Existenz. Längst sind die Ehen zerbrochen, die Leben verlebt. Keinem wird klar, was hier passiert, dem Erzähler und dem Leser nicht.

Völlig zu Recht wurde der Roman in der amerikanischen Presse hoch gelobt, als das englische Original "The Two Hotel Francforts" vor zwei Jahren erschien. Auch die deutsche Übersetzung von Georg Deggerich ist gelungen, man merkt sie dem Text schlicht nicht an. Einzig der deutsche Titel ("Späte Einsichten") und das Foto auf dem Buchcover der deutschen Ausgabe (eine schlafende Frau) sind unpassend und nichtssagend.

Erstaunlich raffiniert verwebt Autor David Leavitt aber die Biografien zweier Ehepaare, ihrer Familien und ihre Schicksale miteinander. Und ehe man sich versieht, ist die zarte Romanze zu einem Verhältnis geworden, hinter das es kein Zurück mehr gibt.

Infos zum Buch

David Leavitt: Späte Einsichten. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Georg Deggerich. Hardcover. 304 Seiten. Verlag Hoffmann und Campe. Hamburg 2015. 20 €. ISBN 978-3-455-40497-5


#1 TheDad
  • 08.11.2015, 12:37h
  • ""David Leavitt gehört zu den wichtigsten schwulen Autoren der Gegenwartsliteratur. Sein erster Roman "Die verlorene Sprache der Kräne" (1986) wurde von der BBC verfilmt""..

    Wenn ich mich so zurückerinnere an das Buch, dann ging es sicher nicht um "Kräne" !

    Sondern um die verlorene Sprache der KRANICHE..

    Die in großen Gruppen über die die portugiesische Ebene am Tejo östlich von Lissabon ziehen, und dort Brut-Kolonien bilden..

    en.wikipedia.org/wiki/Crane_%28bird%29
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  • Anm. d. Red.: www.queer.de/detail.php?article_id=15046
#2 TheDad
#3 memoriesAnonym
#4 eh klarAnonym
  • 09.11.2015, 14:25h
  • "Lissabon ist im Sommer 1940 der letzte Zipfel Europas, an dem sich das wohlhabende Bürgertum drängt, geflohen vor Hitler, Mussolini, Franco und sich selbst."

    "Salazar gelang es durch ein rigides Sparprogramm, den Staatshaushalt auszugleichen und sämtliche Auslandsschulden zu begleichen. Am 5. Juli 1932 ernannte ihn Carmona zum Premierminister. Seine Hauptunterstützung erhielt Salazar von den Gruppen der Gesellschaft, die des Chaos der republikanischen Ära überdrüssig waren. Für Armee, Kirche, Monarchisten, obere Mittelschicht und Aristokratie war Salazar die bessere Wahl im Vergleich zu den vorhergegangenen Juntas."
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#5 vögelnAnonym