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  • 16.11.2015, 13:26h           19      Teilen:   |

Kampf um Tarifvertrag

Berlin: Warnstreik bei der Schwulenberatung

Artikelbild
Premiere bei einem queeren, gemeinnützigen Unternehmen: Die Gewerkschaft GEW ruft am Dienstag zu einem Streik in der Berliner Schwulenberatung auf (Bild: flickr / SAV / cc by 2.0)

Tabubruch oder Normalisierung? Die GEW ruft erstmals in einem queeren Projekt zur Arbeitsniederlegung auf, um Tarifverhandlungen durchzusetzen.

Von Micha Schulze

Es ist kein Geheimnis: Die Arbeitsbedingungen bei vielen LGBT-Projekten sind nicht optimal. Bislang haben die Mitarbeitenden aufgrund ihrer hohen Identifikation und Motivation eine untertarifliche Bezahlung in Kauf genommen, doch mit diesem Schmusekurs gegenüber den oft gemeinnützigen Trägern scheint nun Schluss zu sein: In einer Art Deutschland-Premiere ruft die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die 115 Beschäftigten der Schwulenberatung Berlin gGmbH zu einem Warnstreik auf.

Von 12 bis 16 Uhr sollen die Mitarbeitenden am Dienstag, den 17. November die Arbeit niederlegen. Am Stuttgarter Platz findet um 12:30 Uhr eine Kundgebung mit anschließender Demonstration vor die Geschäftsstelle der Schwulenberatung in der Niebuhrstraße 59-60 statt.

"Das Ziel des Warnstreiks ist es, Tarifverhandlungen mit der Geschäftsführung der Schwulenberatung Berlin gGmbH aufzunehmen, um die Eingruppierung, Einkommens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten zu verbessern", erklärte Udo Mertens, Leiter des GEW-Vorstandsbereiches Beamten-, Angestellten- und Tarifpolitik. Dieses werde von Seiten der Geschäftsführung bislang verweigert.

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Geschäftsführer: Bei tariflicher Bezahlung drohen Entlassungen

Marcel de Groot, Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin gGmbH, macht sich für eine langsame Verbesserung der Gehälter stark, um neue Projekte nicht zu gefährden - Quelle: Schwulenberatung
Marcel de Groot, Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin gGmbH, macht sich für eine langsame Verbesserung der Gehälter stark, um neue Projekte nicht zu gefährden (Bild: Schwulenberatung)

Marcel de Groot, der Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin gGmbH, hält den Streikaufruf der GEW für eigennützig und falsch. Gegenüber queer.de warnte er vor den Konsequenzen: "Wenn wir am 1. Januar 2016 den Berliner Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst zahlen würden, müssten wir Angebote streichen und Stunden von Mitarbeitenden abbauen bzw. müssten wir Leute entlassen."

Der GEW warf de Groot vor, sich mit der komplexen Finanzierung der gemeinnützigen GmbH nicht auszukennen, insbesondere mit Zuwendungen, die vom politischen Willen des Berliner Senats abhingen. "Wenn wir mit der GEW Tarifverhandlungen führen, wollen sie auch mitreden und mitbestimmen. Wir sind aber als Träger viel zu klein, als dass sie Zeit haben, sich mit all unseren Besonderheiten auseinanderzusetzen."

Anders als der Gewerkschaft sei es der Schwulenberatung auch wichtig, neue inhaltliche Projekte voranzutreiben, auch wenn eine gesicherte Finanzierung zunächst nicht gegeben sei, sagte de Groot und verwies in diesem Zusammenhang u.a. auf das Netzwerk Anders Altern, den Integrationsbetrieb wilde Oscar oder aktuell die Beratung queerer Flüchtlinge. "In vielen Bereichen betreten wir Neuland und sind Vorreiter."

Gehälter derzeit acht Prozent unter Tarif

Der Status quo im Umgang mit den Beschäftigten sei zudem gar nicht so schlecht, meinte de Groot. Die Gehälter lägen zurzeit etwa acht Prozent unter Tarif, mit abnehmender Tendenz: "Wir erhöhen seit 2013 jährlich die Gehälter um drei bis vier Prozent. Wir haben den Mitarbeitenden versprochen, bis Mitte Dezember 2015 ein Fahrplan für weitere Erhöhungen vorzustellen."

Die Schwulenberatung biete 31 Tage Urlaub, 98 Prozent der Arbeitsverträge seien unbefristet, so der Geschäftsführer. "Es gibt ein Gesundheitsförderprogramm, interne Fortbildungen, eine Sonderzahlung zum Jahresende, für einen Großteil Zuzahlung zur BVG-Karte, Betriebsausflug und Weihnachtsfeier. Wir bieten ein offenes Arbeitsklima." Die Zufriedenheit sei groß, so de Groot, pro Jahr verließen nur zwei bis vier Mitarbeitende das Projekt.

Die Gewerkschaft will dennoch an ihrem Warnstreik am Dienstag festhalten. Für sie ist es grundsätzlich der falsche Ansatz, unterfinanzierte Projekte zu Lasten der Bezahlung der Beschäftigten durchzuführen. "Innovativ ist ein Projekt sicher nur bedingt, wenn damit das Gehalt gedrückt wird", so GEW-Leiter Udo Mertens.

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Tags: warnstreik, streik, gew, schwulenberatung, marcel de groot
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Reaktionen zu "Berlin: Warnstreik bei der Schwulenberatung"


 19 User-Kommentare
« zurück  12  vor »

Die ersten:   
#1
16.11.2015
13:46:52


(+8, 12 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar


""Anders als der Gewerkschaft sei es der Schwulenberatung auch wichtig, neue inhaltliche Projekte voranzutreiben, auch wenn eine gesicherte Finanzierung zunächst nicht gegeben sei,""..

Das man solche Sätze immer wieder lesen muß, ist eine Farce..

Es ist kein Zeichen von Nachhaltigkeit so wichtige Projekte auf Kosten von Gehältern der MitarbeiterInnen voranzutreiben, und zu finanzieren !

Denn das bedeutet nichts anderes, als dass man schlicht nicht in der Lage ist, die Kosten für solche Projekte auch Unternehmerisch richtig darzustellen..

Dies verklausulierte "Vergelts-Gott-Strategie" geht dann spätestens endgültig zu Lasten der MitarbeiterInnen, wenn die Projekte nach einiger Zeit wegen "ausufernder Kosten-Strukturen" wieder eingestellt werden..

Soziale Arbeit ist nicht "kosten-neutral" oder gar nur über Ehrenamtliches Engagement zu haben, vor allem dann nicht, wenn man gut ausgebildetes und qualifiziertes Personal mit Aufgaben betrauen will..
Die MitarbeiterInnen müssen von ihren Gehältern leben können, und jede Form von Lohn-Dumping ist einfach asozial !


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#2
16.11.2015
14:03:02


(+13, 13 Votes)

Von UrsaMajor


"Der Status quo im Umgang mit den Beschäftigten sei zudem gar nicht so schlecht, meinte de Groot. Die Gehälter lägen zurzeit etwa acht Prozent unter Tarif"

Aha. In einem ohnehin eher schlecht bezahlten Berufsfeld sind 8% unter Tarif also Peanuts?
Eine ganz schöne Dreistigkeit, das zu bagatellisieren und marginalisieren.

Ein Streikaufruf sei eigennützig? Ja nun, vielleicht sollte man tatsächlich auch mal an seine Mitarbeiter_innen denken. Und auch wenn eine gGmbH "komplex" finanziert werden muss, ist das doch noch lange keine Begründung dafür, das auf dem Rücken engagierter Mitarbeiter_innen auszutragen. Denn was man sicherlich auch nicht wollen kann, ist, dass alle irgendwann nur noch "Dienst nach Vorschrift" machen, weil sie eigentlich keine Lust mehr auf ihren Job haben.

Und zur Lust auf einen Job trägt eben auch bei, dass dieser fair bezahlt wird.

***

Ich habe selbst erlebt, was es bedeutet, wenn ein Arbeitgeber seinen Mitarbeiter_innen klar macht, dass er sie auf Dauer nicht angemessen bezahlen kann. Nach dieser Ansage bei einer Firma, für die ich 8 Jahre lang gearbeitet habe, war die Stimmung bei der Belegschaft dauerhaft vergiftet. Kaum noch jemand konnte sich mit "dem Laden" und der Arbeit identifizieren; die Stimmung sank immer mehr, und wenn Arbeit liegenblieb, dann blieb sie eben liegen.

Ein Arbeitgeber, egal ob privatwirtschaftlich, gemeinnützig oder sonstwie finanziert, kann nicht erwarten, dass sein Personal es dauerhaft hinnimmt, ausgebeutet zu werden, nur weil er schlecht wirtschaftet. Da hilft auch kein Gesundheitsförderprogramm (in der Firma, von der ich sprach, wurden plötzlich auch Meditationskurse und Ähnliches angeboten - die Stimmung in der Belegschaft stieg dadurch keineswegs; im Gegenteil: allen war klar, dass man sie damit nur billig abspeisen wollte).

Also:
Ein Streik auch in diesem Bereich ist richtig und wichtig. Selbst wenn es sich um einen Tabubruch handelt, der auf eine Normalisierung hinaus läuft. Es darf einfach nicht sein, dass Mitarbeiter_innen gerade in sensiblen gemeinnützigen Bereichen dauerhaft wesentlich schlechter gestellt sind.


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#3
16.11.2015
14:44:21


(+8, 10 Votes)

Von ehemaligem User reiserobby


"Wir bieten ein offenes Arbeitsklima", klingt wie eine Erpressung des Geschäftsführers. Wer als LGBT am Arbeitsplatz in einem diskriminierungsfreien Schutzraum seinen Lebensunterhalt verdienen möchte, muss also eine geringere Entlohnung in Kauf nehmen? Pfui.


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#4
16.11.2015
14:46:34


(+3, 5 Votes)
 
#5
16.11.2015
17:31:11


(-1, 5 Votes)

Von -hw-


"Marcel de Groot, der Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin gGmbH, hält den Streikaufruf der GEW für eigennützig und falsch."

Bild-Link:
csm_Marcel_deGroot_5aec77b8b9.jpg


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#6
16.11.2015
19:59:27


(+6, 8 Votes)

Von Harry1972
Aus Bad Oeynhausen (Nordrhein-Westfalen)
Mitglied seit 21.02.2013


Was verdient denn so ein Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin? Ich hoffe doch sehr, daß er selbst mit gutem Beispiel voran geht und nicht etwa "eigennützig" handelt.

Finden konnte ich zumindest nichts dazu. Vielleicht ist hier ja jemand versierter im Aufstöbern solcher Informationen.


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#7
16.11.2015
20:14:33


(0, 8 Votes)

Von ollinaie
Aus Seligenstadt (Hessen)
Mitglied seit 23.08.2012


Was, nur 8% unter Tarif, das kann man doch optimieren:

"Sie haben angeruft Schwulenberatung Berlin. Danke für warten.
Mein Name lakshmi Sing. Ich Mumbai.
Ich Case Manager für dich.
Bitte notiren Ticket Number A339872 für später Reference.

Du schwul?
Bitte erklären Sie mich womit habe Schwerichkeite!"


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#8
16.11.2015
21:23:11


(+4, 6 Votes)

Von beamter
Antwort zu Kommentar #6 von Harry1972


Die Eingruppierung im öffentlichen Dienst ist kein Geheimnis. Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin werden nach Tarifgruppe E15 TVöD vergütet.


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#9
16.11.2015
22:45:05


(+1, 7 Votes)

Von Silencio
Aus Berlin
Mitglied seit 21.06.2013


Wenn man sich die allgemeine Lohnsituation in Berlin ansieht, können sich ehrlich gesagt die Leute von der Schwulenberatung noch glücklich schätzen, dass sie nur 8% darunter verdienen. Das ist nämlich noch weit über das Durchschnittseinkommen der Berliner.

Und es ist tatsächlich auch eine Frage der öffentlichen Zuschüsse. Denn die Schwulenberatung lebt nun mal von den Steuergeldern anderer und da kann man bei zukünftigen politischen Entwicklungen nicht wirklich sicher sein, ob da nicht mal irgendwann gekürzt wird. Wundern würde es mich nicht.


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#10
16.11.2015
23:11:10


(-2, 4 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar
Antwort zu Kommentar #9 von Silencio


""Das ist nämlich noch weit über das Durchschnittseinkommen der Berliner.""..

Das Durchschnittseinkommen einer Stadt ist keine Referenz !

Die Einkommen von Sozialarbeitern liegen in dem Bereich wo es um Arbeiten für Menschen geht, in Teilen noch tiefer, als die schlechte Gehaltsstruktur von Altenpflege..

Was unter anderem daran liegt, dass 90% aller Studienplätze für Sozialarbeit, in den Händen der Kirchen-eigenen Hochschulen, sowie später um die 70 % aller Arbeitsplätze in den Händen Kirchlicher Einrichtungen liegen..


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