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  • 07. März 2005, noch kein Kommentar

Zum 60. gönnt sich die Ebstein endlich wieder ein Album: "Witkiewicz". Darauf zeigt sich die Chanteuse politisch und gesellschaftskritisch wie nie zuvor.

Von Jan Gebauer

Ähnlich wie Gitte Haenning oder Marianne Rosenberg hat auch Katja Ebstein in den letzten 20 Jahren einen völlig neuen Weg genommen - weg vom Schlager, hin zu Chansons und literarischen Abenden. Weniger "Der Stern von Mykonos" und "Theater" - mehr Heinrich Heine und Bertolt Brecht. Darum versammelte sie auf dem neuen Album "Witkiewicz" auch keine leichte Schlagerkost (sieht man von ihrem ersten Hit "Wunder gibt es immer wieder" ab, der neu eingespielt wurde), sondern anspruchsvolle Lieder zwischen Chanson, deutschem Pop und Liedermacher-Lyrik. Stimmlich hat die Ebstein nur dazugewonnen. Als reife Frau hat sie genug erlebt, um Ausdruck und Nuancen in ihren Gesang einfließen zu lassen. Warm und vertraut erscheint ihre Stimme, ebenso wie die Arrangements und das Kolorit der Kompositionen. Keine kalten Schlager-Beats oder seifige Allerweltsplattitüden, dafür gesellschaftskritische Texte sowie ernsthafte, aber nie besserwisserische Gedanken zum unsterblichen Thema Liebe.

Katja Ebstein (*9. März 1945 als Karin Witkiewicz) ist dafür bekannt, mit ihrer Meinung nicht lange hinter dem Berg zu halten. Als bekennende SPD-Wählerin setzte sie sich in der Vergangenheit auch gerne in politische Diskussionsrunden. Einige Lieder auf "Witkiewicz" geben ihr diesmal den Freiraum, über die Lage der Gesellschaft, zu reflektieren. Verblüffend ist insbesondere ihre Neu-Einspielung der "Schlesischen Weber" (anhören: Real oder WMP). Der Text stammt von Heinrich Heine, einem der bedeutendsten deutschen Dichter und Journalisten des 19. Jahrhunderts. 1844 verfasst, hat das Gedicht nichts von seiner Aktualität verloren: "Deutschland wir weben dein Leichentuch. Wir weben hinein den dreifachen Fluch". Für das moderne Arrangement ist ihr Ex-Mann Christian Bruhn (schrieb auch für Caterina Valente, Peter Maffay und unzählige TV-Serien die Melodien) verantwortlich. Selbst getextet hat Katja Ebstein "In diesem Land" (anhören: Real oder WMP), ein weiteres Statement dazu, was in diesem unseren Lande derzeit falsch läuft: "Jetzt sind alle am Jammern, ausgebremst, wie gebannt – wo ist die Hoffnung, in den Schatten an der Wand?"

Ebenso wie die Rosenberg hat auch Katja Ebstein auf die kompositorischen Künste von Xavier Naidoo zurückgegriffen: "In meinen Armen" klingt recht typisch nach dem Sohn Mannheims, gibt seiner Protagonisten aber genug Freiraum, um gefühlvoll zu agieren. Noch viel eindringlicher ist "Sei nicht alt" geworden, ein zurückhaltender Beitrag über das Älter werden. Ähnlich eindringlich vermag auch "Was geht's uns an" zu berühren, in dem ein Mann auf einem Haus steht und runterspringen will. Die Reaktionen seiner Umwelt werden von Katja Ebstein sensibel aufgegriffen. Das erinnert im Kern an den Fassbinder-Film "Mutter Küsters Fahrt zum Himmel". Auch die deutsche Version des Jazz-Klassikers "Funny Valentine" überzeugt. Doch das sind nur ein paar Beispiele die das exzellente Werk zum 60. Geburtstag von Katja Ebstein enthält. Vielleicht ist ihr mit "Witkiewicz" das beste Album ihrer Karriere gelungen, auf jeden Fall das aufrichtigste.

7. März 2005