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Der CSD in Kiew. Finden LGBT-Demos in Osteuropa statt, stoßen sie oft auf Gewalt - in einigen Ländern sind sie noch nicht denkbar. Die "Argumente" der Gegner hört man dabei auch hierzulande.

In Berlin trafen sich Aktivisten aus acht osteuropäischen Ländern, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen.

Von Norbert Blech

"Strategien zur Förderung der Akzeptanz von LSB im öffentlichen Raum" – das war der etwas sperrige Titel der internationalen Tagung, zu der am letzten Wochenende rund 40 Aktivisten aus osteuropäischen Ländern angereist waren. Eingeladen hatte sie die Schwulenberatung Berlin mit Unterstützung der Deutschen Aids-Hilfe und Quarteera.

In mehreren Workshops tauschten sich die Aktivisten und Journalisten aus Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Moldawien, Russland, der Ukraine und Weißrussland untereinander und mit ihren deutschen Partnern aus, finanziell ermöglicht durch das Auswärtige Amt.

Bei allen individuellen Problemen, einer zunehmenden gesellschaftlichen Akzeptanz von Gewalt in der Ukraine etwa, die die Ignoranz gegenüber Homophobie verstärke, wirkten viele Schilderungen der Teilnehmer länderübergreifend: Die Schützt-die-Kinder-Argumentation der Gegner ebenso wie eine (teils gezielt geschürte) Feindschaft gegen Sexualkunde, die inzwischen in den Westen übergreift.

Der Einfluss der Kirchen ist überall ebenso spürbar wie der Einfluss der russischen Außenpolitik, den Medien und der Propaganda des Landes. So die Polemik, dass LGBT-Rechte den Ländern von der bösen EU aufgezwungen würden und alles zu einem "Gayropa" führen werde.

In den meisten Ländern fehlt es an Promis oder Vorbildern, die sich öffentlichkeitswirksam geoutet haben und zu einem besseren Verständnis von LGBT beitragen können. Stattdessen gibt es dort homophobe Stimmen in oft feindlichen, teils gar hetzenden Massenmedien, in Talkshows sowieso. Von der Politik gibt es selten Unterstützung, und in die Polizei gibt es fast nirgends Vertrauen.

Druck durch homophobe Stimmungsmache

So etwa in Armenien, wo es – wie in manch anderen Staaten auch – zum Straßenbild gehört, händchenhaltende oder sich küssende Männer auf der Straße zu sehen. Diese öffentlich gefeierte Freunschaft unter heterosexuellen Männern steht in Kontrast zu einer großen Homophobie in der Bevölkerung, einer ebenfalls öffentlichen Homophobie: Im letzten Jahr veröffentlichte eine Zeitung eine schwarze Liste von "Volksfeinden", darunter den in Berlin referierenden Mamikon von der NGO "Pink Armenia".


Mamikon (r.) aus Armenien

Immerhin gibt es in Armenien und Ländern wie der Ukraine oder Georgien registrierte LGBT-Organisationen, die ihrer Arbeit nachkommen können. In Aserbaidschan, wo zahlreiche Oppositionelle und Menschenrechtler im Gefängnis sitzen, ist dies nicht möglich. Die Registrierung von Organisationen wird abgelehnt, ohne diese drohen bei der Durchführung von Veranstaltungen Strafen. Ein Aktivist der jungen Organisation "Nefes" ist Anfang des Jahres nach Deutschland geflohen: Javid stellte einen Antrag auf Asyl, nachdem eine Zeitung ihn nach der Verlobung mit seinem Feund öffentlich vorgeführt und geradezu zu Gewalt aufgerufen hatte.

Bei den Europa-Ranglisten der Organisation ILGA landet Aserbaidschan seit Jahren zuverlässig auf dem letzten Platz. "Nefes" stand einst für den Aufbruch einer jungen Generation, der junge LGBT-Aktivist Isa Shahmarli sprach in TV-Interviews offen über sein Schwulsein. Dann erhängte er sich im letzten Jahr mit einer Regenbogenflagge, er wurde 20 Jahre alt (queer.de berichtete). "Wir haben Angst und niemand unterstützt uns", sagt eine "Nefes"-Aktivistin in Berlin. "Wir haben keine Hoffnung auf Besserung!"

Das Internet als Zufluchtsort

Javid, der in Berlin zum ersten Mal seit Monaten Freunde und Mitstreiter treffen konnte und derzeit in einer 17.000-Einwohner-Stadt bei Iserlohn untergebracht ist, hofft, eines Tages nach Baku zurückkehren und weiter kämpfen zu können. Die Arbeit von "Nefes" beschränkt sich derweil größtenteils auf soziale Netzwerke. Ähnliches berichten Aktivisten aus Weißrussland: Auch dort verschwinden Menschenrechtler, auch dort werden Organisationen nicht anerkannt, Veranstaltungen nicht erlaubt. Es bleibt ihnen der virtuelle Raum, größtenteils anonym.


Kinder 404, Vorzeigeprojekt aus Russland

Ohnehin das Internet: Es bietet jungen Leuten auch in Problemländern die Möglichkeit, sich zu vernetzen, privat wie politisch. Freunde zu finden, Unterstützung zu erhalten. Hana vom international ausgezeichneten russischen Projekt "Kinder 404" berichtet, man habe über das Online-Forum rund 2.300 Jugendliche und fast 1.000 Erwachsene, darunter viele Eltern, betreut. Der Einsatz scheint nötig: Für 2014 seien 15 Selbstmorde von LGBT-Jugendlichen belegt; man habe, was in internationalen Medien kaum eine Rolle spiele, auch von 21 Fällen von "Corrective Rape" erfahren.

"Kinder 404", das bei den Aktivisten aus den anderen Ländern auf großes Interesse stieß, ist politisch bedroht, aber spontante Proteste oder ein schlichter Umzug des Forums zu einer neuen Adresse zeigen einen erstarkten Widerstandsgeist der nachwachsenden LGBT-Generation.

Bremse Deutschland

Es sind gerade auch die Jungen, die über das Internet in praktisch allen genannten Ländern mit höchstem Interesse die weltweiten Erfolge der Bewegung verfolgen. Sie wundern sich auch über ausbleibende Erfolge in Deutschland und ärgern sich über den Widerstand Berlins gegen EU-weite Antidiskriminierungsregelungen. Anastasia von der moldawischen Organisation "Genderdoc-M" berichtete, wie die EU den Aktivisten in den Rücken fiel: Kurz vor Verabschiedung eines Antidiskriminierungsgesetzes erklärte man sich zu einem Gespräch mit Politikern bereit, anstatt eine Demo abzuhalten. Statt eines versprochenen umfassenden ADGs bekam man dann aber nur einen Schutz im Arbeitsrecht – den man inzwischen aber immerhin vor Gericht in einigen Fällen durchsetzen konnte. Das ADG besagt nun, dass es zum einen nicht für Kirchen gilt und zum anderen keine Auswirkung auf das Ehe- und Adoptionsrecht hat – wenn man will, kann man hier deutlich die bremsende Handschrift Deutschlands erkennen.

Letztlich bringt die EU-Annäherung aber Besserungen, neben den Auswirkungen auf die Gesetzgebung bieten Visa-Erleichterungen Möglichkeiten zum Austausch der Aktivisten, für viele Schwule und Lesben auch die Chance, private Erfahrungen zu sammeln; das russische LGBT-Filmfestival "Side by Side" schickt zu internationalen Konferenzen gezielt immer neue Ehrenamtler. Dass LGBT im Westen nach dümmlichen Politikeräußerungen oder Gesetzesvorschlägen in osteuropäischen Staaten manchmal fragen, ob diese Länder wirklich in die EU sollten, wird daher verärgert zur Kenntnis genommen.


Konstantin Sherstyuk von Quarteera bei der Eröffnungsveranstaltung

Bereits vor zwei Jahren hatten Schwulenberatung, DAH und Quarteera eine Tagung von russischen LGBT-Aktivisten in Berlin organisiert (queer.de berichtete), die sich damals über das plötzliche Interesse der westlichen Welt wunderten und sich manchmal ärgerten über Aussagen, was man vor Ort zu tun habe. Zwei Jahre später waren es dann auch deutsche Aktivisten, deren Schilderungen über Rückschläge auf großes Interesse stießen.

Dass die Aktivisten auf Augenhöhe untereinander diskutieren konnten, wie viel gelobt wurde, war auch Quarteera zu verdanken. Innerhalb weniger Jahre ist der Verein zu einer großen Anlaufstelle für russischsprachige LGBT geworden, kümmert sich um Flüchtlinge ebenso wie um die Aufklärung von Schülern und Jugendlichen. Man erhofft sich eine Förderung, um diese wichtige Arbeit ausweiten zu können.



#1 hugo1970Profil
  • 06.12.2015, 20:43hPyrbaum
  • Die religionen mit den machthabern Hand in Hand.
    Den religionen so wie auch den machthabern macht es nichts aus, das sie unschuldiges vor allem junges unschuldiges Blut an ihren Händen kleben haben.
    Wir müßen und dürfen deshalb auch bei uns keine neoliberal konservativen parteien wählen, das was ich schon zum zigsten male wiederhole, diese neoliberalen konservativen parteien sind das Grab der Demokratie und Menschenrechten!!!!!
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#2 ImperialismoAnonym
  • 07.12.2015, 10:52h
  • ...Oportunismo...

    "Kurz vor Verabschiedung eines Antidiskriminierungsgesetzes erklärte man sich zu einem Gespräch mit Politikern bereit, anstatt eine Demo abzuhalten."

    "Das ADG besagt nun, dass es zum einen nicht für Kirchen gilt und zum anderen keine Auswirkung auf das Ehe- und Adoptionsrecht hat wenn man will, kann man hier deutlich die bremsende Handschrift Deutschlands erkennen."
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#3 -hw-Anonym
#4 -hw-Anonym