Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 29.01.2016, 15:00h               Teilen:   |

Reportage

Stuttgarts Festung der schwul-lesbischen Emanzipation

Artikelbild
Das schwul-lesbische Zentrum "Weissenburg" ist eines der ältesten seiner Art. Auf 450 Quadratmetern auf zwei Stockwerken entfaltet Stuttgarts queere Community - von der Jugendgruppe "Königskinder" über den Sportverein "Abseitz" bis zum schwulen Chor "Rosa Note"
Bild: Andreas Zinßer

Auch nach 20 Jahren strotzt das Zentrum "Weissenburg" noch vor Ideen. Ein Hausbesuch zum Geburtstag.

Von Andreas Zinßer

"Ein schwul-lesbisches Zentrum braucht kein Mensch", schmunzelt Joachim Stein, Mitinitiator und Vorstand seit der ersten Stunde. "So und ähnlich reagierte man damals in der Szene auf meine Ideen."

Es ist ein typischer Mittwochabend in der "Weissenburg". Alle Tische sind besetzt, Neuankömmlinge bauen sich gerade weitere auf. Die "Königskinder", Jugendgruppe der Initiativgruppe Homosexualität Stuttgart (ihs) und auch schon ein betagte Stuttgarter Institution, ist mit fast dreißig Jungs ("Kökis") anwesend. Daneben sitzen langgediente Ehrenamtliche. Die Stimmung ist ausgelassen. Man ist hier unter sich.

Das typische Szenegefälle gibt es nicht. Das mag daran liegen, dass das Café des Zentrums seit Beginn an nicht-kommerziell ist. Die Preise sind moderat, eine Lasagne ist für unter vier Euro zu haben. In Stuttgart sonst undenkbar.

Fortsetzung nach Anzeige


Eine Wahlkampf-Idee der Rosalila-Liste

So Nineties: Plakat zur Eröffnungsparty der "Weissenburg". Die Feier zum Jubiläum findet am Sonntag, den 31. Januar 2016 ab 14 Uhr statt - Quelle: Andreas Zinßer
So Nineties: Plakat zur Eröffnungsparty der "Weissenburg". Die Feier zum Jubiläum findet am Sonntag, den 31. Januar 2016 ab 14 Uhr statt
Bild: Andreas Zinßer

Die Geschichte des Zentrums beginnt 1994. Es ist das große Jahr der queeren Community der Stadt: Mit der Rosalila-Liste tritt sie sogar mit einem eigenen Wahlvorschlag zur Gemeinderatswahl an – und verpasst den Einzug nur knapp. Im Wahlkampf wird bei einer Klausurtagung der ihs die Idee eines eigenen Zentrums wiedergeboren. Zuvor existierte kurzzeitig eines in der Silberburgstraße 30, das nach einem Jahr wegen nachbarschaftlichen Lärmbeschwerden allerdings wieder ausziehen musste.

Vor der "Weissenburg" hatte Stuttgarts Community Unterschlupf im "Liberalen Zentrum" gefunden, dort bis zum Auslaufen der finanziellen Mittel mit Armin Bader sogar einen Psychologen in Teilzeit beschäftigt. Einer der beim "Rosa Telefon" engagierten Ehrenamtlichen, Christian Schlick, fand schließlich den richtigen Ort: Er kaufte sich eine Wohnung in der Weißenburgstraße 28. Dort befand sich zu dem Zeitpunkt gerade ein gewerbliches Projekt im Umbau.

"Im April 94 erreichte mich ein Anruf, ich solle mal kurz den Mietvertrag unterschreiben kommen", sagt Joachim Stein. Da zu dem Zeitpunkt allerdings ohnehin viele der wichtigsten Akteure der Szene wegen des Wahlkampfes und des CSDs oft zusammenkamen, war ein Besichtigungstermin mit 30, 40 Leuten schnell anberaumt. Der Mietvertrag erwies sich als günstig, die Räumlichkeiten konnten noch maßgeblich beeinflusst werden.

Die ihs war damals der einzige Verein mit genügend finanziellen Mitteln, also unterschrieb deren Vorsitzender Stein am 30. Dezember 1994. Damit die ihs bei einem Misslingen nicht Pleite ging, vereinbarte man gleichzeitig die Gründung eines eigenen Trägervereins und den Übergang des Mietvertrags.

In der Gegenwart hat inzwischen Ulf am hauseigenen Flügel mit einigen "Kökis" eine kleine Jamsession gestartet. Frisch gestimmt, erklingen klassische, jazzige und poppige Töne, zweihändig, vierhändig. Eine Thekenkraft, Mitglied des Chors "Rosa Note", kommt herüber und singt. Das Gespräch verstummt, einige Jungs beginnen zu tanzen.

Das Café befindet sich im Erdgeschoss und ist barrierefrei zu erreichen. An den Wänden hängt eine der jährlich mehrfach stattfindenden Kunstausstellungen. Links befindet sich vor einer Glasbausteinwand die Theke mit Küchenraum. Dahinter die Toiletten, vor denen tatsächlich noch ein Münzfernsprecher hängt. Vor der Theke eröffnet sich der Raum, an der Decke ein Regenbogenkunstwerk, in der Ecke der Flügel, von dem gerade "Santa Baby" herübertönt. Oben befinden sich ein Besprechungszimmer, der Veranstaltungssaal und das Büro.

Eine schwere Geburt dank Finanzamt und Bauaufsicht



Am 5. Februar 1995 fand die Gründungsversammlung des neuen Trägervereins "zur Gleichstellung von Schwulen und Lesben in Stuttgart e.V." statt. Es folgten Satzungsänderungswünsche des Finanzamts, für die alle Gründungsmitglieder erneut zusammenfinden mussten. Die Eintragung ins Vereinsregister erfolgte dann auch erst nach der Eröffnung. Zum 1. März 1995 sollte der Mietvertag beginnen. Bei einer Besichtigung des Neubaus einer Tiefgarage im selben Areal verkündete die Bauaufsicht jedoch im Februar eine "Veränderungssperre" – nur gewerbliche, keine sozialen Räumlichkeiten seien gestattet. Erst die Drohung des engagierten Vermieters, den früheren Zustand wiederherzustellen, brachte die Wende. Zuvor war der Ort ein Treffpunkt von Junkies, Obdachlosen und Prostituierten der benachbarten Olgastraße.

Ab 1. Oktober 1995 lief der Mietvertrag an, und kurz darauf nahm der Chor "Rosa Note" im Saal die Proben auf. Im Erdgeschoss gab es freilich noch nicht mehr als ein paar Wände und die WCs. Trotzdem veranstaltete man am 2. Dezember die erste Party. "Zur Baustellenparty im Rohbau des Cafés kamen 250 Leute! Obwohl wir 10 Mark Eintritt nahmen. Das hat uns dann gezeigt: Ja, es gibt tatsächlich Bedarf", resümiert Joachim Stein.

Nachdem eine Namensfindungskommission mehrfach scheiterte, durften die Besucher der Baustellenparty über vier verschiedene Vorschläge abstimmen. 80 Prozent sprachen sich für den heutigen Namen aus. Eine Einbaugruppe nahm sich die Einrichtung vor, die Aids-Hilfe spendete das Mobiliar, eine Orga-Gruppe plante die Abläufe. Und endlich wurde am 3. Februar 1996 das neue schwul-lesbische Zentrum "Weissenburg" mittags um 14 Uhr eröffnet.

Fünf Tage später fanden die Ehrenamtlichen den ersten und bisher einzigen homophoben Übergriff: Fenster und Türen waren mit Hakenkreuzen beschmiert.

Klingelnde Kassen zum Jubiläum

Joachim Stein ist seit 20 Jahren im Vorstand des "Weissenburg"-Trägervereins
Joachim Stein ist seit 20 Jahren im Vorstand des "Weissenburg"-Trägervereins
Bild: Andreas Zinßer

Seither hat sich einiges getan, auch wenn manche Dinge unverrückbar gleich blieben. Dem Vorstand gehört schon immer eine Frau an, eine Besonderheit bei den sonst noch schwuler dominierten Zentren. Auch dass die Vorstandsposten lange konstant besetzt blieben, ist ungewöhnlich: Dessen Mitglieder sind seit 1996 (Joachim Stein), 1999/2000 (Uli Jäger), 2006 (Ulf Leuker) und 2008 (Stefan Willbold) im Amt. 17 Organisationen und eine dreistellige Zahl Einzelpersonen tragen den Verein heute, 23 ehrenamtliche Helfer übernehmen die Thekendienste.

Über die Präsenz mit Verkaufswagen und Bühne beim Heusteigviertelfest seit 2003 ist das Zentrum "Weissenburg" selbstverständlicher Teil des Stadtquartiers geworden. Die Samstage können von Privatpersonen und Vereinen gemietet werden – seit einigen Jahren erreichen den Vorstand wöchentlich vier bis fünf Anfragen dafür. Das letzte Jahr wurde dann auch zum erfolgreichsten in der Vereinsgeschichte: Es gab den höchsten Gewinn aller Zeiten, dank kräftiger Überschüsse aus dem Cafébetrieb und dem Totalausverkauf beim Heusteigviertelfest.

Hier aufzuzählen, an welchen Entwicklungen in der Community die "Weissenburg" aktiv mitgewirkt, welche sie selbst angeschoben hat, würde den Rahmen sprengen. Deshalb müssen wenige Stichworte reichen: IG CSD Stuttgart e.V., Aktionsplan, Landesnetzwerk LSBTTIQ, Erhalt des Hotel Silber als Gedenkort (auch) der homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus, Aufarbeitung der Verfolgung…

Müde ist weder der Verein noch sein Vorstand darüber geworden. Seit Herbst gibt es sogar neue finanzielle Mittel von verschiedenen Behörden und Projekten. So erhält die Türkische Gemeinde Stuttgart von der Stiftung "Demokratie leben" für vier Jahre jährlich sechsstellige Beträge, um gemeinsam mit der "Weissenburg" Methoden zu entwickeln, wie eine kultursensible sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gelingen kann. Die erarbeiteten Ergebnisse sollen Modellcharakter für den Umgang mit anderen migrantischen Communitys bekommen.

Neue Halbtagsstelle für queere Beratungsarbeit



Ab Anfang April kann das Zentrum zudem endlich in die hauptamtliche Beratung einsteigen. Es gelang, für 2016/2017 von der Stadt Mittel für eine Halbtagesstelle zu akquirieren. Dafür fehlte in der Weißenburgstraße der Platz. Gemeinsam mit dem Sportverein "Abseitz", der IG CSD und dem Landesnetzwerk konnte ein Bürogebäude in der Lazarettstraße angemietet werden. Dort werden die drei anderen Vereine ihre neuen Geschäftsstellen einrichten und ein (noch zu findender) Angestellter der Burg beratend für die Community zur Verfügung stehen.

"Das ist ein großer Schritt zur Professionalisierung, weg von der rein ehrenamtlichen Arbeit", freut sich der Vorsitzende und fügt hinzu: "Auf lange Sicht planen wir mit der Community die Einrichtung eines Regenbogenhauses mitten in der Stadt. Dort soll es wieder ein Café geben, dazu die Geschäftsstellen der Vereine, Begegnungsräume, eine WG für rausgeschmissene Jugendliche und eine für vereinsamte LSBTTIQ-Senioren."

Inzwischen ist es ruhig geworden an diesem Mittwochabend. Einige Jungs räumen noch die Tische und Stühle zur Seite, vom Flügel erklingen ein paar leisere Töne. Das Geschirr wird klappernd gespült, ein Mitarbeiter fegt das Café. Es wundert nicht, dass für viele aus dem schwul-lesbischen Zentrum "Weissenburg" sehr schnell "die Burg" wird. Hier kann man sich zu Hause fühlen. Hier kann man sicher sein. Diese Festung der schwul-lesbischen Emanzipation steht auf festem Stein.

Links zum Thema:
» Homepage des Zentrums "Weissenburg"
Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher keine Reaktionen | FB-Debatte
Teilen: 125             3     
Service: | pdf | mailen
Tags: weissenburg, stuttgart, schwul-lesbisches zentrum, joachim stein
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

Reaktionen zu "Stuttgarts Festung der schwul-lesbischen Emanzipation"


 Bisher keine User-Kommentare


 Ort: Zentrum Weissenburg Stuttgart


 SZENE - DEUTSCHLAND

Top-Links (Werbung)

 SZENE



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
Bremen: Bürgerschaft beschließt Regenbogen-Beflaggung AfD-Jugendorganisation: Strafanzeige gegen HIV-Aufklärung Mexiko: 65 Prozent für Öffnung der Ehe Berlin will LGBT-Flüchtlinge besser schützen
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt